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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-12-29 · 52 (29.12.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
52 (29.12.1922)
Date
1922-12-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Handelns. Wird also im Mittelalter das Leben deS Einzelnen von außen bestimmt, so baut sich der moderne Mensch auf Grund persönlicher Freiheit und der Verwertung der ihm innewohnenden Kräfte sein Dasein auf. So sind Mittelalter und Neuzeit verschieden in Bezug auf Lebensform und Lebensanschauung genau so wie innerhalb der Religion Orthodoxie und Liberalismus. Für die Orthodoxen ist das Verhältnis des Menschen zur Religion ein klares, unveränderliches, durch das Gesetz bestimmtes, für den Liberalen dagegen ist es ein Problem, dessen Lösung er zu finden versucht. Jede Religion wendet sich besonders an den Verstand und das Gefühl, den Glauben im Menschen. Denn der Verstand und die Fähigkeit zu glauben sind die Eigenschaften, die den Menschen vom Triebhaften befreien, die ihn in Verbindung bringen zur Religion, da sie als Göttliches in ihm, ihn Gott erleben lassen. Der Verstand aber sinnt und forscht und kommt zu immer neuen Erkenntnissen und auch Anschauungen ändern sich. Wenn dann die Religion in ihren Lehren und Zeremonien unveränderlich ist, so muß sich ein Gegensatz zwischen Religion und dem stetig sich ändernden Menschen herausbilden. Darum will der Liberalismus die Selbständigkeit des Geistes, der forscht und sinnt und zur Erkenntnis gekommen ist, daß die enge Verknüpfung von Leben und Religion nur möglich ist, wenn sich religiöses und praktisches Leben, religiöse Lehren und wissenschaftliches Erkennen nicht widersprechen. Sie können nicht in Gegensatz zueinander kommen, wenn sie sich in gleichem Maße entwickeln. Es taucht nun die Frage auf, ob nicht auch dar Leben der Neuzeit nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Diese Frage hat ihre Berechtigung in einer Zeit, wo Sprengler die Freiheit des Individuums, die die Grundlage der neuzeitlichen Lebensform ist, in gewissem Sinne beschränkt, zwar nicht wie das Mittelalter durch die Obrigkeit, sondern durch die Lehre, das Leben der verschiedenen Kulturen bewege sich in einem Kreise, wo auf Werden, Blühen, Reifen der Untergang folgt; also eine Entwicklung, die nach einem gewissen Höhepunkt zur Mckbildung wird, sodaß der Mensch in seinem Denken und Handeln unfrei ist, weil er diesen Gang der Ereignisse nicht hindern kann. Und wenn die neuzeitliche Lebensanschauung sterblich ist und durch eine andere abgelöst werden kann, muß in diesem Fall nicht auch die Grundlage des Liberalismus, die ja auch die Basis neuzeitlichen Lebens, ist, Zusammenstürzen? Wir wollen nicht prophezeien, aber doch darauf Hinweisen, daß es im Judentum immer Männer gab, die sich die Freiheit des Denkens und Handelns nahmen und so die Entwicklung weiterfi'chrten. Die Grundlage des Liberalismus sind also nicht vom Bestand neuzeitlichen Lebens abhängig, da sie schon lange vor Beginn der Neuzeit in der Religion eine Rolle spielen. Es entsteht nun die Frage, „Wie muß die theoretische Grundlage des Liberalismus in die praktische Erscheinung treten, damit sie die Gewähr ist für die Zukunft des Judentums?". Mit dem Anbruch der Neuzeit mußte die Freiheit eine Entfaltung nach ganz verschiedenen Richtungen ermöglichen und mußte auch zu gewissen Mißständen führen. Nur der Umstand, daß Gemeinschaften von Menschen vorhanden waren, hat diese Gefahr beseitigt, an Stelle des Gehorsams trat die Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber, die aus diesem Grunde durch gesetzliche Maßnahmen jede Willkür zu verhindern suchte. Die Institution der Gemeinschaft bannt die Gefahr der Auflösung, weil hier das Wirken des Einzelnen den Nahmen hat, der jede Willkür verhindert und die Möglichkeit gegeben ist, auf die entschlußlose Menge einzuwirken. Dort also muß Freiheit den größten kulturellen Erfolg zeitigen. wo die Gemeinschaft gelenkt und geleitet wird von den Großen im Geist. (Sehr gut.) Das Judentum will nicht den Uebermenschen, sondern die ethische, religiöse Gemeinschaft und so entspricht eine gewisse Einschränkung der Freiheit zur Verhütung der Auslösung dem Wesen des Judentums. Wenn wir Liberalen die Erneuerung des Judentums anstreben, so ist unserer W»«»»»0U»aN»»NW«»»Nv»0»»U>»W>I>MW'WU imPBBBHWWi tat, roten gar bessere Menschen der Welt noch Nebenwege, Umwege, Kunstgriffe an! Wer ein Ziel erreichen will, erreicht es, nach dem tiefsten ethischen Gesetz der Welt, nur durch ein Mittel, das mit diesem Ziel sich deckt. Vielleicht durch ein höherstehendes, reineres Mittel noch; aber nie durch ein geringeres. Gilt es, ein reines Ziel zu erreichen, so gilt auch nur ein reines Mittel. Und nie gilt der Kunstgriff. Kein Kunstgriff nimmt uns je unsere höchste Aufgabe ab: daS Leben zu bewältigen für die andern.? Brüder im Geiste, selbst müssen wir zupacken, denn die Lehrer und Berater ließen unS im Stich. Nicht einmal äußerlichste Haltung wird mehr gewahrt. In dieser Zeit, da die einstigen Brennpunkte geistiger Völkergemeinschaft, die Hochschulen (Höhe und Universitas schon seit langem nur noch im Titel!) gierig danach sind, die geisiesfernsten Diener der Gewalt zu ihren Ehrenweisen zu ernennen: In dieser Zeit müssen wenigstens wir Geistmenschen von un? die freie, göttliche absolute — die kunügrifflose! — Kameradschaft mit dem Menschenball der Erde fordern. Meine Brüder, die Zeit hat unS an die Mauer gestellt, um uns wälzen sich Angst und Krampf, zehntausend Gewehrläufe der Bedrohung starren vor unS. WaH soll da noch falsche Scham, was noch MaSkenzug mit Orient, Zion, Judenschaft! Den Mund auf! Keine Sekunde mehr. Wir können nur noch schreien: Es lebe die Menschheit! Unlauterer Wettbewerb. Bon Richard Wilde. Herr Salo Lobtschincr, Reisender in wollenen Unterjacken, saß an der Tafel neben der schönen Regina Fränkel. Die Kerzen in den silbernen Leuchtern schockten rhr Licht über die zarte weiße Haut Reginas, über die frischen Farben ihres feingeschnittenen Gesichts und warfen zitternde Reflexe auf ihr tizianrotes üvpiges Haar. . . Herr Salo Lobtschiner sah es mit stillem Wohlgefallen, während er möglichst zierlich, mit w «gespreizten klemen Fingern das Fischbesteck handhabte. Er war in Strmmung: das Mädchen war nach keinem Geschmack. Alles überhaupt war hier nach seinem Geschmack: der alte Frankel im Schmuck des wallenden weißen Patriarchembartes und die rundliche Frau Röschen Fränkel; das feine Meißener Porzellan; die Blumenm der gefchliffencn Vase; das schwere Damastgedeck: der Wem, der m edlen Kelchen funkelte. Und nicht zuletzt der Fisch. Diese polnische Tunke — ein Gedicht! Tätigkeit der Äahrnen gegeben. Wir wollen KrestjK der Anschauung, Freiheit religiöser Hebung innerhalb der religiösen Gemeinschaft, denn sie stärkt den Einzelnen, gibt ihm Kraft und Halt, sie weckt und belebt das Verantwortungsgefühl und daS Pflichtbewußtsein der Gesamtheit gegenüber. Wenn wir, die Jugend, uns in Vereinen zusammenschließen, um gemeinsam zu lernen und zu schaffen, so wäre daS ein Unding, wenn nicht in uns das Bewußtsein oder die Ahnung von der Wichtigkeit gemeinsamer Arbeit lebte. Die Freiheit ist die Grundlage des Judentums, wenn die Pflege der Gemeinschaft Willkür verhindert und Gleichgültigkeit bannt. (Vereinzelter Beifall.) Wie muß diese Theorie in die Praxis umgesetzt werden? Alles, was das Gemeinschaftsgefühl stärkt, wie gemeinsamer Gottesdienst, Feier der Feste, Zeremonien, die unsere Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft außdrücken, müssen beibehalten werden. Wohl ist Religion inneres Erleben und sittliche Tat. Doch alle?, was diesem Erlebnis Raum schafft, was diese Tat fördert, darf nicht abgeschafft werden, auch wenn es äußerer Natur ist. Ist diese Forderung aber zu verwirklichen, ohne daß diese Beschränkung der Freiheit ihrer Negierung gleichkommt? Nicht Gesetze, sondern Richtlinien müssen zu diesem Zwecke geschaffen werden. Die ständige Entwicllung von Richtlinien bedeutet für mich die praktische Lösung des Problems. Um diese Entwicklung zu gewährleisten, müssen in bestimmten Zeitabständen diejenigen Männer aus Theologen- und Laienkreisen berufen werden, die die geisttge Führung übemehmen können. Sie sollen über die Fragen des Gottesdienstes, des Gebetes, der Zeremonien beraten, sie müssen der wissenschaftlichen Tätigkeit den Weg bereiten und das Ziel weisen. Wenn auch keine völlige Einheit innerhalb des Liberalismus dadurch geschaffen wird, so ist doch nicht jeder fernerhin sich selbst überlassen. Man erblickt und spürt einen Mttelpunkt, das Gemeinschaftsgefühl wird geweckt und gestärkt, das der Zersplitterung und Auslösung entgegenwirkt. (Anhaltender Beifall.) * Ueber den Schluß der Beratungen und den Eindruck der Tagung werden wir in der nächsten Nummer berichten. [Hi Die jüdische Gegenwart!||! 4444444C 44444+44 4444444 4 44444+44 44444444• *+4*4444444«> (>♦««+4+4»♦444 44 t 44444444 Ein jüdischer Lehrstuhl an der Universität Frankfurt a. M. Der Leiter des Freien Jüdischen Lehrhauser Dr. Phil. Franz Rosenzweig hat einen Lehrauftrag zur Vertretung der jüdischen Religionswissenschaft und der jüdischen Ethik an der Universität Frankfurt erhalten. Friedrich Delihsch's Mleben. Nach nur zweitägiger Krankheit verstarb der bekannte Assyriologe Professor Friedrich Delitzsch im 73. Lebensjahre. * Delitzsch wurde am 3. September 1850 als Sohn des ausgezeichneten Theologen Franz Delitzsch in Erlangen geboren. Er wirkte an den Universitäten in Leipzig, Breslau und Berlin und war einige Zeit Direktor der neubegründeten vorderasiatischen Abteilung der Berliner Museen. Weiteren Kreisen ist er durch die vom Jahre 1902 an in der Deutschen Orientgesellschast gehaltenen Vorträge über „Babel und Bibel" bekannt geworden, bei denen die Anwesenheit der früheren Kaisers berechtigtes Aufsehen erregte. Da er in diesen die schon längst bekannte Tatsache der Uebereinstimmung biblischer und babylonischer Berichte dazu benutzte, die Bibel herabzusetzen, so galt er bei den meisten Wissenschaftlern als Charlatan. Der Alternde wurde aus Anlaß seines Werkes „Die große Täuschung", das ähnliche Tendenzen verfolgte, wiederum in den Mittelpunkt der politischen und tbeolog.schen Debatte gezogen. Herr Salo Lobtschiner nickte verstohlen dem gegenüber sitzenden Herrn Siegfried Brink zu, der ihn hierbergebracht hatte. In diese Umgebung, zu diesen Menschen, die mit einem einzigen Wort zu kennzeichnen waren: „Bekowat". Und während das Mädchen zum drittenmal den Fisch herumreichte, flüsterte Herr Brink Salo zu: „Nu, Hab ich Ihnen zuviel gesagt?!" Statt aller Antwort hob Salo (mit weggespreizten kleinen Fingern) sein GlaS gegen dre schöne Regina. Andächtig nahm er einen Schluck, ließ die feurige Flüssigkeit genießerisch auf der Zunge zergehen. Und dann legte er los — jetzt kam eS darauf an. Nicht umsonst galt Herr Salo Lobtschiner als der erfolgreichste Reisende in seiner Branche. Aber nicht jeder von der Konkurrenz kannte die Wurzeln dieser Erfolge. Nicht jeder wußte, daß Salo im Verkehr mit den Kunden das Geschäft eigentlich wie etwas Nebensächliches zu behandeln Pflegte, wie etwas, was erst in zweiter Reihe stand. Denn zunächst und vor allem war er ein meisterlicher Anekdotenerzähler, und die sogenannten jüdischen Witze waren seine Spezialität. Er trug sie mit einer wahren Kunstfertigkeit vor, nuanzierte, schattierte, weckte Spannung und heitere Teilnahme und setzte dann plötzlich, überraschend die Pointe. Eine Anekdote schloß er mühelos, mit geschicktem Uebergang an die andere, und wenn er so den Boden genügend vorbereitet, seine Hörer fröhlich gemacht hatte, dann war es ihm ein Leichtes, sein Orderbüchlein mit Aufträgen zu füllen. „Ein Dutzend? Nehmen Sie schon ein Groß — die nächste Ware, die reinkommt, wird doppelt so teuer. . I Und man bestellte ein Groß, bedankte sich noch bei Herrn? Salo. Wie sehr man ihn schätzte, bewies ein WarenhauSinhaber r in einer Mittelstadt, der ihm einmal erwiderte: „Wenn ich ein Groß nehme, dauert'- doch ein Vierteljahr, bi- Sie wieder bei mir sind — dann muß ich doch so lange auf die neusten Witze warten . . Herr Salo Lobtschiner kannte seinen Wert. Er wußte zwar, er war kein Adonis, aber er wußte ebensogut, daß seine Fähigkeiten als Erzähler dies vergessen machten. Und er beschloß, sie auf die schöne Regina anzuwenden, die ihm in ihrer schlanken Fülle immer besser gefiel, ihm immer erstreben-- und begehrenswerter dünkte. Außerdem wurde auch in Herrn Fränkels Haus gerade eine Wohnung frei . . . Und Herr Salo Lobtschiner begann. „Kennen Sie die Geschichte von dem Wunderrabbi von Sadagora, wie er mal-" Die schöne Regina hörte aufmerksam zu, den fein profilierten Kopf leicht geneigt. Ein leise- Lächeln lag auf ihrem Gesicht, und Herr Salo dachte vergnügt: „Aha, sie beißt schon an!" “niimtiimnrnrnKminnini 11 Zeitung-schau {im IMM M n „ MM t ♦ *te Verräter a« der jüdische« Ehre. Der „Israelit", das in Frankfurt a. M. erscheinende Zentralorgan für da» orthodoxe Judentum, veröffentlicht in seiner Ausgabe vom 14. Dezember 1922 einen Bericht au» Jerusalem, der so charakteristisch für die Verstiegenheit ist, mit der die Zionisten da» Judentum plan- und ziellos einer ungewissen Zukunft überlassen haben, daß wir ihn unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen glauben: „Seit einiger Zeit ist die hiesige Tagespresse durch eine neue hebräische Zeitung bereichert, die den Titel „Jeruscholajim Hachadoscho" führt. ES handelt sich um ein MissionSblatt, da» mit allen bekannten Triüen und Kunstgriffen auf die „Bekehrung" hinarbeitet und die jüdische Jugend zu verführen und zu vergiften sucht. Das Allertraurigste an der Sache ist, daß sich Juden fanden, die ihre helfende Hand zu diesem Treiben boten. Aus eine Verwarnung de- „Doar Hajaum" hin, haben sich die meisten jüdischen Mitarbeiter vom Blatte sofort zurückgezogen, mit der Entschuldigung, daß sie bis dahin daS wahre Gesicht des Blattes nicht gekannt hätten. Verblieben sind in der Redaktion bei der Mitarbeit an dem MissionSblatk ein Zögling de» Hebräischen Gymnasiums in Jerusalem Weißblum und Raphaeli, Sohn des Herrn S. Raphaeli, des Führer» der Stadtverwaltung in Jerusalem. Diese zwei nationaljüdischen Jünglinge — wir gebrauchen die Worte des nationalen „D»ar Hajaum" — übersetzen tagtäglich Artikel Über den Stifter, und der Satz wie der Druck werden durch jüdische Arbeiter hergestellt, die von der nationaljüdischen Arbeiterorganisation unterstützt werden. Und auch andere jüdische Hände tragen zur Verbreitung dieser Zeitung bei. Und dies alles im nationalen Zentrum de» jüdischen Volkes in Jerusalem. Sie haben gewiß recht, die orthodoxen Blätter „Kol Jakow" und „Kol Israel", wenn sie konstatieren, daß sich in orthodoxen Kreisen keiner finden würde, der die Hand zu diesem Spiele geboten hätte. Auch nicht unter dem Drucke schwerster Not, denn hier gilt noch der Satz ..jedorex weal jaawaur“. Einzig im Lager der Nationalen sind die Verräter an der jüdischen nationalen Ehre zu suchen und zu finden, auch unter Zöglingen der nationalen Schulen. Einige Proben, die der „Doar Hajaum" aus diesem Missionsblatte wiedergibt, stellen in der Tat das Schlimmste dar, was bis jetzt in diesen Kreisen an Fälschungen und Verdrehungen von Bibelstellen geleistet wurde. Mit Recht werden auch die Väter dieser pflichtvergessenen Jünglinge öffentlich aufgefordert, ihre Stellung zu den Treibereien ihrer Söhne mitzuteilen und auf weitere Stellungen und Ehrenämter im Dienste des Judentums zu verzichten. Grotesk mutet aber eine Erklärung des genannten Herrn S. Raphaeli in einer späteren Nummer des „Doar Hajaum" an. Er stellt fest, das; er persönlich keine Beziehungen zum Blatte hätte und daß er sich alle Mühe geben wolle, auf seinen Sohn einzuwirken, daß auch er seinen Vertrag mit den Missionären löse ... Vüchertisch Mibchar haschlrah haivrrlth (Hebräische Anthologie), eine Auswahl hebräischer Gedichte vom Abschluß der Bibel bitz zur Vertreibung ans Spanien, hernuSgegeben von H. Vrodh nnter Mitwirkung von M. Wiener, Jnfel-Berlag, Leipzig 1922. Der Jnfelverkag in Leipzig gibt eine Bibliotheca mundi heraus, eine Sammlung unvergänglicher Werke der Weltliteratur. Mit dem vorliegenden Buche erhält auch die hebräische Poesie ihren Ehrenplatz in der „Weltbibliothek". Daß die he. bräische Poesie der Weltliteratur angehört, haben Einsichtige längst gewußt. Die Herausgeber des vorliegenden Buches verdienen unfern Dank, denn sie bieten uns ein zutreffendes Bild von dem, was hebräische Dichter in einem Zeitraum von sechzehn Jahrhunderten gedichtet und gesungen haben. „Eine wunderbare, große Feuersäule des Gesanges, die der Schmerzen», karawane Israels vorangezogen in der Wüste des Exils" (Heine). Mannigfaltig sind die Formen der hebräischen Poesie^ reich Und er erzählte mit doppeltem Schwung, fand hier noch eine Arabeske und da noch einen Schnörkel, eine neue heitere und charakteristische Wendung. Bis er hart vor der Pointe war und die Lippen spitzte, um sie elegant hinzulegen. In diesem Augenblick jedoch unterbrach ihn die schöne Regina und sagte gelassen: „Ach ja, die Geschickte kenn ich — sie ist entzückend. Aber ich weiß da noch was anderes von dem Wunderrabbi." Und dann, erzählte die schöne Regina. Mit einem eigenen Charme, mit erstaunlicher Gliederung de- Stoffs, mit einer Plastik, die jedem Wort Leben verlieh. Herr Salo saß und hörte zu. Erst gefesselt, allmählich verärgert und immer gekränkter. Denn nicht nur, daß die schöne Regina sich wirklich mit ihm messen konnte: die Anekdote, die sie wiedergab, war ihm völlig neu. Ihm! der sich zu rühmen pflegte, daß es nicht einen jüdischen Witz gebe, den er nicht sogar im Schlaf hersagen könne. Mit süß-saurer Miene belachte Herr Salo die Pointe^ Daß es die Pointe war, ersah er aus dem HeiterkeitSauSbruch der andern. Denn er selbst hatte eigentlich gar nicht mehr recht hingehvrt, hatte sich vielmehr überlegt, wa» er nun erzählen könne. Allein, als er eben den Mund öffnete, bemerkte der alte Fränkel: „Lassen Sie sich mal von meiner Tochter die Geschichte von der Kalla und den beiden Bochrim erzählen — Sie schreien sich tot! Ueberhaupt, meine Regina! Ich kann Ihnen sagen, unerschöpflich iS sie in die Witze — unerschöpflich!" Und die schöne Regina erzählte die Geschichte von der Kallo und den beiden Bochrim und erzählte gleich noch eine Geschichte und wieder eine, reihte Perle an Perle zu einer langen Schnur. Und Herr Siegfried Brink nickte Herrn Salo strahlend zu und fragte verstohlen: „Nu?" Aber Herr Salo wurde stiller und stiller und aß, in Gedanken versunken, ein Stück Käsegebäck nach dem andern, sodaß Herr Brink ihm unter dem Tisch einen mahnenden Fußtritt versetzte. (Er traf allerdings Frau Röschen Fränkel, die ihn verwundert und dann verlegen ansah.) Schon bald nach dem Abendbrot schützte Herr Salo die dringende Erledigung eines wichtigen Geschäft» vor und brach auf. Herr Brink begleitete ihn, und unten auf der Straße fragte er: „Was? FS das 'n Mädel? Die Klugheit, das Gedächtnis — wie gesagt!" „Ja," erwiderte Herr Salo verstimmt, „aber nichts für mich. Wenn meine Frau auch noch Witze erzählen möchte — Spaß, möcht das 'ne traurige Ehe geben . . .! , v

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