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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-12-29 · 52 (29.12.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
52 (29.12.1922)
Date
1922-12-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Zwei Gedankengänge sind eS qlfp, andenen der LibvrsWmuS das Recht zu einer Wertscheidung zwischen Ewigem und Vergänglichem im Judentum herleitet. Erkennen wir das Prinzip der Entwicklung als gültig auch für die Religion an, dann müssen wir mit dem Glauben an die supranaturale Offenbarung am Sinai brachen. Dann aber haben wir das Recht, ja sogar die Pflicht, eine Wertscheidung zwischen dem Gesetz der Ethik und hem Zeremonialgesetz vorzunehmen. Was ist nun ewig und was vergänglich? Wenn ich zunächst eine kurze knappe Antwort geben darf, würde ich sagen: Jüdisches Gotlesbewußtsem und die aus ihm folgenden ethischen Forderungen, die das Judentum an den Menschen stellt, sie sind von ewigem Wert. Religiöse Formen und Gebräuche aber, als Symbole dereligiös ethischen Bewußtseins, sind das Vergängliche, weil sie an die Zeit gebunden sind. Die religiöse Wahrheit Gott — existiert unabhängig von der Anerkennung der Menschen, unabhängig davon, ob Menschen an ihn glauben oder nicht. Religiöse Formen und Gebräuche aber existieren nur, wenn die Menschen dazu da sind, sie zu betätigen. Daher stellt auch das liberale Judentum jüdisches Gottesbewußtsein in den Mittelpunkt jüdischen Menschenlebens. Das Judentum ist die Lehre von dem einen Gott. DaS ist ein Unterschied gegenüber den vielen Göttern anderer Religionen in der Wesensart. Wie offenbart sich uns nun die Einzigartigkeit des jüdischen Gottesbewußtseins? Im Judentum erfährt der Mensch seinen Gott auf der einen Seite als den geheimnisvollen, in dessen ttefsteS Wesen keine Menschenseele emzudringen vermag, und aus der anderen Seite als den unerbittlich Fordernden, dessen Wille dem Menschen «chsolut bekannt ist. Es ist dies ein Eigenes des jüdischen Gottesbewußtseins, daß es vollkommen auf diesen Gegensatz aufgebaut ist. ES wird oft gesagt, Orthodoxie und Liberalismus unterscheiden sich in Bezug aus ihre GotteSaussassung. Während der Gott der Orthodoxie ein wesenhafter Gott sei, sei der Gott des Liberalismus der Gott der Idee. Ich möchte mich mit aller Entschiedenheit gegen eine solche Behauptung aussprechen. Gott zu einer reinen Idee erheben, heißt auS der Religion eine Philosophie machen. In der Philosophie ist eS m. E. Erkenntnis theoretisch so, daß der Mensch sich seinen Gott schafft, das heißt, er setzt Gott an die Stelle, an der sein Denken an einer Grenze angelangt ist, die eS nicht zu überschreiten vermag. Es ist hier meines Erachtens ein öefüf)I§rnci^tctc§ Verhältnis ausgeschlossen, während dieses gefühlsmäßige Erfassen GotteS als deS Schöpfers des Menschen in der Religion die erste und wichtigste Rotte spielt. Gott wird im Judentum nicht nur als der Einzige, sondern vor allem als der Heilige erfahren, der das Streben nach sittlicher Vervollkommnung vom Menschen fordert. Eng mit dem jüdischen Gottesbewußtsein hängt die Auffassung vom Menschen und von der Menschheit zusammen. Wenn mein Nebenmensch im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, so muß ich in ihm Gott ehren, ich muß stets die Menschenwürde im andern achten und wahren. Gott erhebt also an einen jeden Menschen die Forderung: Du sollst Liebe erweisen dem andern, er ist wie Du. Im Christentum kommt der Mensch mit der Erbfltnde belastet zur Welt und wird erst durch die Gnade, das lupranaturale Wunder der Taufe von ihr erlöst. Hier ist nichts von Entwicklung, nichts von eignem Zutun de- Menschen. Im Judentum dagegen der Mensch, der mit der Freiheit der Entscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen geboren wird. Kein Satz spricht Uesen Gedanken vielleicht schärfer aus als jener im Propheten Ezechiel: Habe ich denn Wohlgefatten am Tode deS Frevlers, ist der Spruch deS Ewigen, witt ich nicht vielmehr, daß er umkehre von seinem Wandel rmd lebe. Daher trägt der jüdische Mensch vor sich selbst vnd seinem Gott allein die Verantwortung für seine tmmmtmmamamMmLkmmmmmmmmmmmmmmmKmmmmmm Kulturzioaismus? Bon Ludwig Rubiner f. Mit gütiger Genehmigung des Berlages Gustav Kiepenheuer in Potsdam veröffentlichen wir die folgenden Ausführungen deS leider viel zu früh dahiugegangenen MenfckheitSapostels Ludwig Rubiner, die sich in seinem Bekcnntnisbuch „Der Mensch in der Mitte" finden. Wenngleich wir RubinerS Stellung zu den religiösen Fragen nicht teilen können — man möchte ihn einen romantischen Monisten nennen — so hat er doch mit fast prophetischen Blick in den zionistischen ErweckungSexperimenten am Judentum daß erkannt, als was sie sich allmählich auch der jüdischen Allgemeinheit enthüllen: die hilflosen Versuche von Seelenärzten, die zwar den Krankheitökeim gefunden, aber die allgemeine Konstitution deS Patienten nicht beachtet haben. So werden die leuchtend-klaren Apercuunseres toten Freundeheule auf nachdenkliche Leser rechnen dürfen. Hi geht mit dem Zionismus wie mit der Alchimie. Jahrhundertelang suchen Laboranten nach symbolischen Rezepten, au» Blei Gold zu machen. Und der Sinn der Rezepte war gar nicht die Erlangung des wirklichen GoldmetalleS, sondern eine Anleitung zur sittlichen Wiedergeburt de- Ginzelmenschen. Sollte so nicht der Fall des Zioni-muliegen? Vr sagt „Zion" und meint Reinheit des Einzelnen: er verbeißt Palästina «nd meint da- Paradies auf Erden: Die Besitzlosigkeit, die Unbedingtheit de« Menschen vor Gott. (Im Gegensatz -um Takinudisten, der, in seine Umwelt verstrickt, sie künstlich regieren will.) Aber die plumpen Tatzen der zionistischen Sudelköche aller Konfessionen wollen durchaus den Juden hin ins geographische Palästina zerren! „Juden". Um wen handelt esich da eigentlich? Nicht um Juden als Rasse — die jüdische Rassenreinheit wird heute selbst von den Rassentheoretikern nicht mehr behauptet. Nicht um Juden als Nation — denn das strebt ja der LulgärzioniSmuS erst an und behauptet die Tatsache nur rückläufig. Sondern, unabhängig selbst von einer Untersuchung de» historischen «Warum?" (was nur wieder schwankende und je nach wissenschaftlichen Zeitstimmungen wechselnde Begründungsversuch« ergibt), unabhängig selbst von der historischen Linie muß man für die Wahrheit feststellen: ES gibt heute deutlich Handlungsweise. Ebenfalls zeigt sich der Enlwicklungsgedanke als der Auffassung von der Menschheit immanent. Im Christentum ist der Messias bereits gekommen, der Messias, der die Leiden der sündigen Menschen auf sich genommen hat. Im Judentum dagegen ist das messianische Zeitalter in die fernste Zukunft verlegt. ES ist also ein Ziel, nach dem die Menschheit streben soll, ein Ziel, das Hohes und Gewaltiges vom Einzelnen fordert. Gerade in dieser Zielsetzung liegt der Gedanke der Entwicklung. —-Nun noch wäre die Stellung des Judentums zur Welt. Das Judentum ist die große Diesseitsreligion, es ist die Religion der Aktivität. Darum ist der jüdische Mensch der Weltbejaher. Für den Juden gilt es nicht, herauszustreben aus dieser Welt deS Leidend und des Elends, sondern sie umzugestalten, in dieser Welt die Forderungen, die sein Gott an ihn stellt, zu verwirklichen. So rückt das liberale Judentum das Eibische vollkommen in den Vordergrund, aber auch der Liberalismus ist sich bewußt, daß die jüdische Ethik, in ihrer ganzen Tiefe nur ersaßt und begriffen werden kann aus dem jüdischen Gottesbewußtsein heraus. Wie es in jenem Satze der Thora ausgedrücki ist: Heilig sollt Ihr werden, denn'heilig bin ich der Ewige Euer Gott. Betrachten wir nunmehr die religiösen Formen und Gebräuche, so müssen wir eine Trennung vornehmen zwischen den Formen, die in der Gemeinschaft, d. h. also im Gottesdienst, geübt werden und denen, die der einzelne für sich oder innerhalb seiner Familie betätigt. Es ist selbstverständlich, daß innerhalb des Gottesdienstes nicht die Wünsche jedes einzelnen Gemeindemitgliedes berücksichtigt werden können, aber es muß versucht werden, dem Einzelnen innerbalb des Gemeindegottesdienstes nach Möglichkeit gerecht zu werden. Wenn ans dem liberalen Gebetbuch alle Stellen, in denen um Widerherstellung des OpfergotteSdienst gebeten wird, gestrichen wurden, so ist dies geschehen einzig und allein aus dem Verlangen nach Wahrhaftigkeit. Dieses Streben nach Wahrhaftigkeit, meine Damen und Herren, fordert auch von uns Liberalen, daß wir für den Sonntaggottesdienst eintreten, eine Forderung, die bisher noch keine liberale Gemeindererpäsententanz erfüllt hat. (Unruhe.) Ich bitte, mich hierbei nicht mißzuverstehen. Wenn ich hier für den Sonntagsgottesdienst eintrete, so liegt es mir völlig fern, den Sonnabend aus der Welt zu schaffen. (Beifall.) Wer der Sonnabend ist für viele Liberale, ja auch für einen großen Teil gut konservativer Kreise nicht mehr der Ruhetag. Wenn es der Sinn des Sonnabendgottesdienstes ist, den physischen Ruhetag zu einem religiösen Festtag zu erheben, dann muß der Teil der Gemeindemitglieder, der aus wirtschaftlichen Gründen am Sabbath nicht fefthalten kann, verlangen können, daß man ihm die Möglichkeit gibt, seinen physischen Ruhetag durch den Sonntaasgottesdienft zn heiligen. (Lebhafte Zustimmung.) Roch eins möchte ich erwähnen, was auch zur Frage des Gottesdienstes gehört: die Stellung der Frau im Gottesdienst. Es gibt für die moderne Frau nichts Entwürdigenderes, als die Trennung der Geschlechter im Gottesdienst. (Sehr richtig!) Wenn Mann und Frau, Eltern und Kinder den Weg zur Synagoge gemeinsam gemacht haben, dann sind gezwungen, sich in einem Augenblick zu trennen, wo sie eigentlich am engsten zusammengehören. (Sehr richtig!) Und noch etwas. Es kam eine ganze Synagoge voll vernünftiger, tiesreligiös veranlagter Frauen sein, wenn nicht zehn Männer da sind, kann der Gottesdienst nicht beginnen. (Lebhaftes Sehr richtig.) Und kommt dann schließlich ein kleiner Junge, der am Sabbath vorher Barmizwoh geworden ist, dann darf begonnen werden. (Sehr gut!) Ich weiß sehr wohl, daß ans allen diesen Bestimmungen nicht etwa eine Nichtachtung der weiblichen Persönlichkeit spricht, rein historisch sind sie vollkommen zu verstehen und vollauf berechtigt. Die Zeiten haben sich geändert. Auch die jüdische Frau ist ins öffentliche Leben getreten. und greisbar zwei jüdische Nnftcnkontinente in der Welt. Die europäischen Juden auf der einen Seite, die Ostiuden aus der andern. (Dieser Unterschied reicht bis nach Amerika.) Die klare Betrachtung der menschlichen Situation beider Teile ergibt die nackte Tatsache: Die europäischen Juden sind eine Gruppe von gehaßten Menschen. Die Ostjuden sind eine Gruppe von hilflosen Menschen. Haß ist etwa?, worüber man einmal zur Verständigung kommen kann. Dagegen Hilflosigkeit ist eine schlimme Krankheit. Der Zionismus macht den Kranken stolz auf seine Krankheit. Und so schön eS ist, jemanden zuzureden, gerade auS seinen Manko» und negativen Seiten und allen Dingen, die man vermißt, sich ein produktives Lebenselement zu schaffen — so sehr ist doch nötig, daß der Ratgeber deutlich angebcn kann, welchem Sinne diese Produktivität diene. Dagegen raten zionistische Bewegungen den Ostjuden die heilige Bewahrung ihrer Hilflosigkeit an, zum Zwecke der Produktion derselben Hilflosigkeit! Die erste Pflicht des Menschen, die einzige, ist, den Rebenmenschen auf das Niveau der eigenen Verantwortung zu bringen. Es war einmal eine sehr beliebte Tätigkeit von Damen der Gesellschaft, Strümpfe für die nackten Negerkinder in Afrika y.i stricken. DaS ist, aus geographischen Gründen, komisches war aber, im Letzten, richtig, neu, und verantwortungsvoll gedacht. So sollte e» heute guter Ton sein, vernehmt ja — wenn es sein mutz — unausweislich elegant, dw Hilflosigkeit der Ostjuden zu heilen. Nicht durch Judenschulcn hilft man ihnen, sondern durch Schulen; nicht durch Betonung ihrer besonderen Hilflosigkeit, sondern indem man sie zur Selbsthilfe anstachelt. Wie? die Japaner tragen Gehröcke oder feldgraue Uniformen; in China sind die Zöpfe verschwunden und eS sollte irgendeinen Grund geben für Kaftan«, Schläfenlöckchen und unterscheidende Sitten au» Troglodytenzeit — selbst wenn sie nur symbolisch gemeint sind. Und gerade dann! Man darf sich nicht durch die, meist im verächtbchen Sinne gebrauchte Behauptung einer angeblichen „Assimilation" vieler Juden täuschen lassen. Im Kamps gegen die Assimilation lassen sich die Zinouisten gern vom Typus des antisemitisch-nationalistischen Korpsstudenten helfen. DaS macht diesen Kampf verdächtig. Dieser Kampf wird geführt gegen die letzten geistigen Lebensmöglichkeiten des Abhübe? der Ostiuden, das heißt gegen die ärmsten, verlassensten, unwissendsten, jämmerlichsten Menschen. Satte kämpfen da gegen wahrhaft Unglückliche, einfach Unglückliche, ohne jeden seelischen Beigeschmack Unglückliche. Solche, für die auch die leiseste Acnderung ihrer äußeren Lage schon das Glück, das Wunder, das Zion bedeutet. Und für die Zion vor allem Aenderung ihrer Lage bedeutet! Und damit muß auch sie die Gleichberechtigung ini Gottesdienste verlangen. Sehen wir also, daß die Formen und Gebräuche innerhalb der Gemeinschaft schon stark dem ZeitbedürfniS unterliegen, so werden wir dies noch in viel stärkerem Maße finden bei den Formen, die der einzelne für sich oder in seiner Familie ansübt. Auf Grund dieser Erwägungen müssen wir sagen: DaS Gesetz der Ethik muß, weil es nur das eine Gute in der Welt zu verwirklichen gibt, normativen Charakter haben, nicht aber das Zeremonialgesetz. Das Gesetz der Ethik ist ein ewiges, unabhängig von Zeit und Anerkennung durch den Menschen, das Zeremonialgesetz ist dagegen an die Zeit gebunden. Der Liberalismus muß es deshalb jedem seiner Anhänger frei überlassen, sich sein religiöses Leben nach außen selbst zu gestalten. Aus diesen Erwägungen heraus halte ich es für ein Durchbrechen des liberalen Prinzips,! wenn der Liberalismus Richtlinien aufstellt, in denen er das eine oder andere Zeremonialgesetz als bindend auch für den liberalen Juden hinstellt. Meine Damen und Herren, entweder man steht auf dem Standpunkt des gesetzestreuen Judentums, nun, dann sind selbstverständlich alle biblischen und talmudischen Vorschriften, tute sie im Schulchanaruch zusammengestellt sind, für den Juden geltend; stellt man sich aber auf einen den Schulchanaruch ablehnenden Standpunkt, dann muß man sich wobl hüten, nun seinerseits einen neuen Schulchanaruch aufzustellen. Das kann selbstverständlich zur Anarchie führen, wie aus der anderen Seite das starre Festhalten an jeder Form zur Heuchelei führen kann, ich sage, es kann dazu führen, es muß aber nicht unbedingt. Es wird für den Liberalismus alles darauf ankommen, diese Anarchie zu verhindern. Und der Liberalismus kann sie nur verhindern, wenn er seine Anhänger zur strengsten Selbstverantwortung erzieht. Es gibt keine höhere Aufgabe für unsere Jlis, als in dev Jugend, die zu uns kommt, diese Selbstverantwortung wachzurufen. Langsam geht die Arbeit vorwärts, aber wenn die Führer unserer Bewegung sich dieser, ihrer Aufgabe stets bewußt sind, dann hoffe ich, daß wir einst sagen können, unsere Arbeit ist nicht umsonst gewesen, dann habe ich die feste Zuversicht, daß unsere Jlis ein starkes Geschlecht heranziehen, ein Geschlecht, das weiß, warum es liberal ist, und das seine Pflichten als liberale Juden kennt. (Stürmischer Be'faÜ, Händeklatschen.)* .Hierauf erteilte der Vorsitzende das Wort zum Korreferat Herrn Erich Bayer-Breslau. Dieser führte aus: Bei einer Bewegung ist die Praxis der Körper und die Theorie der Geist. Wo eine solche Bewegung lebt und atmet, wo sie nicht bereits der Vergangenheit angehört und nur noch Gegenstand historischer Betrachtung ist, bilden Theorie und Praxis ein untrennbares Ganzes. Und darum werde ich bei der Behandlung der theoretischen Grundlagen des Liberalismus die Praxis nicht ganz anßcr Betracht lassen können. Demnach habe ich eine dreifache Ausgabe zu lösen, einmal die theoretischen Grundlagen des Liberalismus darzulegeu, ferner die Fragen zu beantworten, sind die Grundlagen des Liberalismus die Träger wahrer Religiosität und sind die theoretischen Grundlagen des Liberalismus die Pfeiler, die das Judentum fest tmb unverrückbar tragen. Weint man Kunst, Wissenschaft, Religion mit anderen Worten das kulturelle Leben historisch betrachtet, spricht man mit einer bestimmten Unterscheidung zweier Epochen von Mittelalter und von Neuzeit, die matt voneinander trennt, tveil sie in ihrem Denken, Fühlen und Handeln, in ihrem geistigen nnd gesellschaftlichen Leben einen starken Gegensatz bildet!. Das Wahrzeichen des Mittelalters ist Bestimmtheit t?nd Unveränderliebkeit des Lebens, das der Neuzeit Selbständigkeit und Freiheit des Denkens und Forschens, die Möglichkeit der Entfaltung der Individualität. Ist die höchste Pflicht des mittelalterlichen Menschen der Gehorsam, so die de? Menschen der Neuzeit Selbständigkeit des Denkens ttnd Aber der Kampf gegen Assimstierung ist zudem ein Kampf gegen nicht Vorhandenes. Assimi!'?rung? Aber woher käme dann da? erbitterte Ringen um haltbare Staatstheorien, wenn e» bis heute gelungen wäre, auch nur die Asfimilierung des Deutschen an Deutschland, des Franzosen an Frankreich festzustellen? Oder baben sich bis heute etwa die Europäer an Europa, die Menschen der Menschheit assimiliert? Lieber gehaßt sein, als hilflos. Hilflosigkeit, selbst im „eigenen Haus", läßt da? Haus zusammenfallen. Aber Haß hat in dem Augenblick seine Rolle ausgespielt, wo e8 gilt, gemeinsam mit seinen Nebenmenschen für die allerdrangendsten, allernächsten, primitivsten Aufgaben der Erde zu arbeiten. Die nächste, vrimitivste Aufgabe deS Menschen auf der Erdkugel heißt geistige Friedensgemeinschaft; geistige, das ist: unzufällige, absolute, unumstößliche, wirkliche! WaS tut hierzu der Zionismus? Nichts! Der polemische Rettungsversuch von Neozionisten (am deutlichsten Max Brod) behauptet gerade dies sei das Ziel deS Zionismus, eine Zusammenfassung aller geistigen Kräfte, um der Welt Heiligung in Realität zu bringen. Warum, fragt man, nicht der direkte Weg zur Menschheit, warum nicht unmittelbares Bekenntnis, hindernisloses Handhinreichen den Brüdern? Warum der versickernde Umweg über daS Ghetto eines neuen Nationalismus? Antwort des Zionisten: Der Zionismus sei ein „technischer Kunstgriff", mit dessen Hilfe man zur Menschheit gelange. Ein Kunstgriff? Wir halten den Atem an. Toller Beschönigungsversuch, der gerade die letzte morsche Gezwungenheit dieser „Bewegung" auS Reservat-Politik, dieser Menschenfreundschaft auS unsäglicher Menschenferne enthüllt. Ein Kun griff gegen Menschen! Wir hatten ihrer zu wenig? Wir haben noch nicht genug an dieser Jubiläumszett für Kunstgriffe der Industrien, beeinflußten ZettungShäuser, vergangenen Regierungen! Wie? Wir wissen immer noch nicht, daß jeder Kunstgriff die Menschheit vorschützt und im ersten Entscheidungsmoment sofort Gewaltgriff wird! Ein Kunstgriff beute noch, da eben in der wüstesten Zeit der Weltgeschichte liebende Zartheit über Grenzen nnd Heere hinweg die Menschen der Zukunft sich finden ließ — heute noch Verfolgte und Geschmähte, diese Gcistkameraden deS Erdballs, diese Mutigen auS HerzenSreinheit. Ich rufe auf, ich rufe auf zur Bruderschaft und Hilfe, waS noch übrig ist und lebt, ich rufe die letzten Genossen deS Herzens auf zum Schutze gegen Kunstgriffe! Ah, wir geben die Blutkörperchen unserer Nervenzellen verschwendend hin, wir Brüder im Geiste, um die blutig amorphe Erde endlich zu formen nach der Unbedingtheit im göttlichen Plan vom Gemeinschaftsleben. Und da, mit freundlicher Naivi-

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