Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 52 (29.12.1922)
- Date
- 1922-12-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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J' L..PlUJIHUfcJ ipi.JlUJI » I ^MMPWI^WWWWWWWWWWDMMWWWWWWWWWWIMWWWWWMWMWß WWWWWMWWM WWW ' '■$ Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Se-Ug«pr»ls durch die »eschüfrsstekke V, jährlich OTtr. '5.— Einzelnummer. „ «.20 Mir die omigliever der Bereinigung ist der Bezugspreis im NNigNebSbeitrage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die Al/zcm breiteMiMmeterzelle 9IW.8.— FomlNenanzeigen 0M.6.«. Bei Wieverholung Ermäßig. Die „Jüdlfch-llberale Zeitung" erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wifsenschastNchen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Iugendvereine". Nr. 52 ❖ 29. Dezember 1922 Nevaition: Berlin VS, anuuerstr.22 (Bereinigung fit, vaS Nberole Judentum e. B.) Fernruf: Amt Zentrum 162 Eefchvftsftelle u. Anzeigenannahme: Deeskau^ Neue «Lroupenstr. 7, BuchSruckerei LH. Schatzkg <L.m.bUH. Fernruf: Amt Ning und «üoo. sämtliche Zahlungen, Postscheckkonto Breslau 51 der Fa. LH. Dchatzkg E.m.b^h. Der Delegiertentag der Flis. der 4. delegiertentag jli-isch-liberalee Jugen-vereine Deutschlands. wurde am 24. und 25. Dezember 1922 in Breslau abgehalten. Unter Vorsitz von Erich Bayer- Breslau fand am Nachmittag des 24. Dezember die geschäftliche Sitzung statt, deren Tagesordnung unseren Lesern bereits bekannt ist. Nachdem der Vorsitzende die Versammelten begrüßt und sie darail erinnert hatte, daß Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit das Zeichen wahrer Liebe und Begeisterung sei, erstattete er den Tätigkeitsbericht. Wem: wir auch seit der letzten Tagung keine glänzenden mieten Erfolge errungen hätten — nur in Schweidnitz und Namslau wurden neue Jlis gegründet, — so haben wir richtige Erziehungsarbeit an unseren Mitgliedern geleistet. Das aber sei die Hauptsache, weil wir, ohne Schlagworte arbeitend, niemals eine Massenbewegung werden können. Wenn wir in dieseln Sinne Weiterarbeiten, danlr werden wir einen nachhaltigen Einfluß auf die liberale Bewegung gewilmen. — Alls Vorschlag längerer Debatte wurde ein Antrag ^li-Berlin, der den Eintritt der Arbeitsgemeinschaft ln den deutschen Aus dem Inhalt: Bon den Verhandlungen des Delegiertentag es der Ms. Referate: Egon D ick mann -Breslau: Propaganda, Reugründungen, Vereinsarbeit. — Ellen Littmann-Berlin und Erich Bayer- Breslau: Die theoretischen Grundlagen des liberalen Judentums. Ludwig Rubiner f: KulturzioniSmus? — Richard Wilde: Unlauterer Wettbewerb. Die jüdische Gegenwart. — Iertungsfchan. — Bücherttsch. — Antworten. Unü -er gesamt-eutsche Verband? des bisherigen Vorstandes wurden in den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft gewählt: Bayer-Breslau, Berger- Breslau, L i l i e n t h a l - Berlin, Frl. T i ch a u e r - Ratibor, Dr. S t e i n t h a l - Münster, N a u m ann - Liegnitz, Rochocz - Potsdam,H irschf e l d - Berlin, Brienitzer - Breslau, W o y d a - Berlin und als dessen Vertreter (bei Zustimmung des liberalen Rabbinerverbandes) Dr. Vogel st ein- Breslau. — Hierauf erstattete Egon Dickmann- Breslau das Referat über „Propaganda, Neugründungen, Beremsarbeit". Er bedauert das Fehlen einer scharf durchgeführten Organisation, das seine Gründe habe in der Ueberlastung der Vorstandsmitglieder, in der meist nicht vorhandenen Ergänzung von organisatorischem Talent und geistiger Führerschaft, im Gegensatz von Alter und Jugend, von Rabbinern und Laien. Ebenso wie daher die Vereinigung für das liberale Judentum für die Begründung von Jugendvereinen sorgen sollte, müßten die Jugendvereine sich um die von Hauptvereineu bemühen. In kleinen Gemeinden müßte Alter und Jugend sogar in einem Verein zusammengeschlossen werden. Er fordert die Gründung eines Zentralbüros aller liberalen Organisationen Deutschlands mit einem hauptamtlichen Syndikus und will von dem System der Vertrauensmänner Abstand nehmen, weil diese fast nirgends tatkräftig gearbeitet haben. Zur Stützung der in kleinen Orten gegründeten Vereine müßten Landesverbände errichtet werden. Zur Vereinsarbeit fordert der Referent scharfe Siebung bei der Aufnahme von Mitgliedern. Denn kleine Vereine mit guter Arbeit eien besser als große mit vielen Mitgliedern, die nur nach Geselligkeit streben. (Beifall.) In der Diskussion traten Ellen Littmann- Berlin, Max V o g e l ft e i n - Breslau, Prediger Brock- Schweidnitz, Dr. S t e i n t h a l - Münster und M a 1 h i s - Liegnitz für, Frl. Fröhlich- Ratibor und S e l i g s o h n - Berlin gegen die Vorschläge des Referenten auf. Es entspann sich eine interessante Debatte über die Frage, ob die liberale Jugendbewegung eine Jugendbewegung sei oder nicht. H i r s ch f e l d - Berlin meint, nur die Bewegung sei Jugendbewegung, die den Willen zur Lebensreform habe. Dr. Bogelstein nahm das für die jüdisch-liberale Jugend in Anspruch. Diese erstrebe die „Reform der 'Anschauungen" im Sinne Geigers. — Hierauf gelangte ein Antrag Brienitzer- Breslau zur einstimmigen Annahme, der folgendes besagt: a) Den einzelnen Jugendvereinen wird auf gegeben, innerhalb der einzelnen Provinzen Neugründungen vorzunehmen. b) Die neu entstandenen Vereine müssen regelmäßig von Rednern aus den Hauptvereinen versorgt werden, o) Es sollen in kleinen Gemeinden Vereine gegründet werden, die, wenn nötig, Alter und Jugend umfassen, d) Landesverbände („'Provinzialverbände") sollen gegründet werden (und zwar für Schlesien in Breslau, für Westfalen in Münster, für Brandenburg in Berlin). Diese haben die Progran'.mfcstsetzung am Ende eines jeden Semesters vorzunchmen. — Zwei Anträge Jli-Potsdam, die ge- Ain 3. Dezember wurde in Mainz unter starker Beteiliguug der Verband der rheinhessischen israelitischen Gemeinden gegründet, dessen Aufgabe es seiu soll, leistungsschwache Gemeinden in den Stand zu setzen, ihre religiösen Institutionen zu erbalten und für ausreichenden Reliqionsunterricht Sorge zu tragen. Der Initiative und großen Tatkraft des ersttzp. BAystehers der Mainzer Gemeinde, Herrn Komm.-Rat B. A. Mayer, den eine lange Freundschaft mit dem verstorbenen Geheimrat Ludwig Geiger verband, ist es zu danken, daß die schon seit Jahrzehnten angestrebte Organisation endlich ins Leben getreten ist. Es steht zu hoffen, daß sie erfolg- und segensreich wirken wird und daß die in Starkeburg und Oberhessen bestehenden Landjudenkassen zu gleichen Zielen ausgebaut werden. Der 18. Dezember ist ein Markstein in der Geschichte der badischen Judenheit. Die an diesem Tage zusammengetretene, verfassunggebende Synode beschloß nach einer beratungsreichen Tagung in später Nachtstunde, dem vorgelegten Entwurf ihre Zustimmung zu geben. Die neue Verfassung, die in Kraft tritt, sobald sie nach Genehmigung durch das Staatsministerium, vom Oberrat der Israeliten verkündet wird, ist im Wesentlichen das Werk des Oberratmitgliedes Dr. Moritz Pfälzer-Weinheim. Die Vorbesprechungen währten von Sonntag Nachmittag bis spät in die Nacht hinein und wurden nur durch den zu Ehren der verfassunggebenden Synode abgehaltenen Festgottesdienst unterbrochen. Am Montag Vormittag 9 Uhr trat im Ständehaus die verfassunggebende elfte außerordentliche Synode zusammen. Nach Vornahme der Wahlprüfungen wurde zum Präsidenten Dr. Nathan Stein- Karlsruhe, zum Vizepräsidenten Eduard Bauer-Mannheim, zu Schriftführern der Abgeordnete Bloch-Konstanz und Darmstädter-Ladenburg gewählt. Hierauf gab Oberrat Dr. Pfälzer eine kurze Begründung zur Verfassung. Nach Vornahme der Wahl des Berfassnngsausschusses, schloß der Präsident die I. öffentliche Sitzung gegen %H Uhr. Nach Beratungen des Verfassungsausschnsses, die sich bis zum Abend hinzogen, konnte die 2. öffentliche Sitzung um 8 Uhr eröffnet werden. Namens des Verfassungsausschusses berichtet Rechtsanwalt .Kassewitz- Freiburg und Dr. Jeselsohn-Mannheim über dessen Verhandlungen. Beide betonten in ihren Berichten, daß nur dank der reibungslosen Zusammenarbeit der Parteien und vor allem dank des hervorragenden Entwurfs von Oberrat Dr. Pfälzer es möglich gewesen sei, die Verfassung so rasch durchzuberaten. Bis auf einige wenige Aenderungen, die aber in keinem Falle prinzipieller Natur gewesen seien, habe der Berfassungsausschuß keine Aenderungen vorgenommen. Die Berichterstatter schlugen daher die Annahme der Oberratsvorlage der Verfassung vor, die die alten Einrichtungen der Landessynagoge, abgesehen von durch die Umgestaltung der staatlichen Gesetze bedingten Aenderung erhalten will. Bei der sich anschließenden Abstimmung wurde die Verfassung einstimmig angenommen. Mit einem Dank an den Präsidenten für die gute Geschäftsführung und an die Regierung für die Ueberlassung der Räume des Landtags, erklärte der bisherige Vorsitzende des Oberrats um II Uhr die Synode für geschlossen. Möge die Verfassunggebende Synode, deren Werk in den Tagen des Lichterfestes gediehen und vollendet, einen Lichtstrahl bedeuten auf dem Wege der Weiterentwicklung der badischen Israelitischen Religionsgemeinschaft. Es ist ein weiter Weg von Karl-Friedrichs Verfassungscdikt vom 13. Januar 1909 bis zum 18. Dezember 1922. Möge was damals geschah auch heute noch gelten: Gutes m schaffen für die israelitische Religionsgemeinschaft zu ihrem und ihres Vaterlandes Segen. Jügendring fordert, mit 22 : 2 Stimmen angenommen. Auch wurde der Beitritt zur Akademie der Wissenschaft des Judentums beschlossen. Um 9 Uhr abends wurde die Geschäftssitzung auf den Abend des 26. Dezember vertagt, wo über die Zeitung und interne Fragen beraten wurde. Am Montag, den 25. Dezember, wurden die Beratungen des Delegiertentages unter Vorsitz von Rechtsanwalt Stern-Berlin fortgesetzt. Er eröffnete die Sitzung/ indem er betonte, daß nur Erkenntnis und Wille zur Tat uns die Existenzberechtigung geben. Wenn wir unS auch stets bemühen wollen, das Einigende im Judentum hervorzuheben, so sei das nur möglich bei Rarer Erkenntnis des eigenen Standpunktes. Hierauf überbrachte Herr Rabbiner Dr. V o g e l st e i n - Breslau die Grüße des liberalen Rabbinerverbandes und gab seiner Befriedigung darüber Ausdruck, dies als Rabbiner derjenigen Gemeinde tun zu dürfen, in der eine solche Tagung stattfinde. Er schloß mit den Worten Josephs an Benjamin: Gott segne dich mein Kind. Hierauf erteilte der Vorsitzende das Wort Fräulein Ellen Littmann - Berlin 51t ihrem Referat über das Thema: Die theoretischen Grundlagen des liberalen Judentums. Diese führte etwa folgendes aus: Das Leben des jüdisch-religiösen Liberalismus baut sich auf der Voraussetzung auf, daß cs das Recht, ja sogar die Pflicht des liberalen Juden ist, Wesentliches und Unwesentliches, Ewiges und Vergängliches von einander zu scheiden. Mit welchem Recht unterscheidet der Liberalismus Zwischen Ewigem und Vergänglichem, zwischen dem Kern des Judentums, dem religiös-ethischen Bewußtst»., 'Mld der Schale, den religiösen Formen und Gebräuchen? Ileberall, wo sich uns Leben offenbart, zeigt es sich uns unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung. Es gibt kein organisch biologisches wie kein geistiges Leben, das sich stets selbst gleich bliebe, das nicht dem Gesetz der Entwicklung unterliegt. Warum sollte nicht auch das religiöse Bewußtsein des Menschen der ständigen Ent-' Wicklung unterliegen, auf daß der Mensch der religiösen Wahrheit immer naher komme? Daß der Liberalismus dieses Prinzip der Entwicklung nicht nur von einem fremden Gebiet auf das Judentum überträgt, sondern, daß die Idee der Entwicklung dem Judentum immanent ist, will ich später noch zeigen. Hier sei nur soviel gesagt: Rein historisch betrachtet, hat das Judentum das Prinzip der Entwicklung oft in die Wirklichkeit umgesetzt. Nur nebenbei — denn die Frage nach der Entwicklungsgeschichte des Judentums dürste wohl ein Thema für sich sein — will ich erwähnen, daß z. B. der Gedanke der Unsterblichkeit im biblischen Judentum fast gar keine> zum mindesten aber eine ganz untergeordnete. Rolle spielt und erst zu einem Zentralproblem wird nach der Berührung des Judentums mit den Mysterienreligionen deS Orients. Oder ein anderes Beispiel: als mit der Zerstörung des Tempels der Opfergottesdienft sein Ende findet, da tritt an die Stelle des Opfergottesdienstes der Gebetsgottesdienst, bei dem sich nun nicht mehr das Opfer gleichermaßen als ein Mittler zwischen den Menschen und seinen Gott stellt. Dieses Prinzip der Entwicklung anerkennen, heißt brechen mit der traditionellen Auffassung von der Offenbarung, heißt brechen mit dem orthodoxen Judentum, das auf Grund des göttlichen Ursprungs der Tchora unter Aberkennung der Gültigkeit des Entwicklungsprinzips alle Ge- und Verbote der Thora als rechtsgültig für alle Ewigkeit annehmen muß. Wenn es auch der Liberalismus genau weiß, daß die Religion ihre tiefsten Wurzeln im Irrationalen hat, so muß er doch mit diesem Offenbarungsglauben brechen, weil er nicht irrational, sondern vernunftwidrig ist. Auch für uns Liberale ist die Thora das Heilige Buch, aber es ist ein Buch, das von Menschen geschrieben ist. Menschen, von göttlichem Geist beseelt, aber immerhin Menschen haben dieses Werk geschaffen, Menschen mit der naturhaften Unzulänglichkeit ihres Geistes, in den tiefsten Urgrund aller Dinge wahrhaft einzudringen. Das Judentum ist Offenbarungsreligion, so hören wir es immer wieder. Soll das wirllich nur bedeuten, daß der Ewige sich dem Mose einst von Angesicht zu Angesicht geoffenbart hat? Oder liegt nicht viel mehr in jener Behauptung ein weit tieferer Sinn? Für uns Liberale ist das Judentum Offenbarungsreligion, das bedeutet uns aber nicht, daß die Thora einst am Sinai geoffenbart wurde, sondern das bedeutet uns: wo überall jüdische Menschen an ihrem Gott gezweifelt und mit ihm gekämpft haben, um seelisch gestärkt und geläutert aus diesem Kampfe hervorzugehen, überall dort offenbart sich Gott dem Menschen. gugeadvereinS.Anzetze« W letzte Sette. m