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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-12-22 · 51 (22.12.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
51 (22.12.1922)
Date
1922-12-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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imitivffmvffli Habt Ähr es gelesen? Lee Liberalismus in Not! Lie Wisch-liberale Zeitung geht ein! Das heißt: auch unsere „Mitteilungen" kvnnen nicht weiter bestehen. Ohne unser Organ gcht die jüdisch-liberale Jugendbewegung zugrunde! Jugend heraus? Die Gelegenheit ist da, da Ihr Euren Opfermut einmal beweisen könnt. Der Delegiertentag steht vor der Tür. Er soll ein machtvolles Bekenntnis der Jugend zu einem liberalen Judentum darstellen! Bekräftigt dieses Bekenntnis durch die Tal! Reiner stehe zurück! Zeder gebe, soviel er nur kann, und so schnell wie möglich! Geldsendungen erbeten an das Büro der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland E. V., Berlin W. S, Mauerstraße 22. Postscheckkonto: Berlin 137069. Die Sdjctftfeitung Att »TtlitMlungm*. durch, daß er Gottes willen als auf das Gute gerichtet darstellt und sein vertrauen zu einer gerechten Weltregierung Gottes bekundet. Eine solche Frille von Gedanken über Gott spricht aus den wenigen Zeilen, die uns Deuterojesaia geschenkt hat. Das Wunderbare an diesem Propheten ist, daß er die Höhen und Tiefen des Gottesglaubens kennt, daß er den Rausch der Ginbildung, der die Götzendiener gefangen hält, zu kennzeichnen und zu geißeln versteht und daß er doch die sieghafte Ueberzeugung des Gottesgläubigen ansznsprechen weiß: „Es ist kein Gott außer mir. Ich bin der gerechte Gott und ein Welfer, keiner sonst!" (Kap. $5, 2\.) And es ist großartig, wie dem Propheten auch das notwendig widerspruchsvolle des göttlichen waltens aufgegcmgen ist. Das konnte seinen Glauben an Gott nicht mehr erschüttern, denn er hatte ja den Glauben an Gott errungen! So durste er aus innerster Ueberzeugung allen Gottsuchern jenes herrliche, freudige Wort Zurufen: „Nicht im Verborgenen habe ich ge.- redet,^nicht an der Stätte und im Lande der Finsternis; ich habe nicht zu Jakobs Samen gesprochen: „Suchet mich vergebens!" Ich, der Herr, rede Wahrheit, verkünde Gerechtigkeit." (Kap. $5, (g.) Es unterhalt sich ein „reifee" Mann mit einem jungen Menschen. Bon Paul Falkenberg, Jli und Kameraden, Berlin. „Ich verstehe nicht, mein Lieber, wie man nach all dem, was ich Ihnen an Tatsachen mitgeteilt habe — statistische Ergebnisse, stets zunehmende Spaltungen und Zänkereien in den Gemeinden; dabei ein starrer Dogmaüsmus hier, krasser Jndifferenttsmus dort — wie man anders als pessimistisch über die Zukunft der Inden in Deutschland denken kann. Ich sehe keine Besserung, keinen, der neue Wege weist. Mit seichtem Optimismus ist hier nichts getan ..." — „Sondern womit . . .?" — „Einzige Möglichkeit ist, das Zeitbewußtsem zu weiten und, was man besitzt, zu erhalten, so gut es geht. Nein, da gibt es nichts zu lächeln, oder wissen Sie etwas, was Sie berechtigt, zu lachen?" — Es wird schwer halten, Ihnen nahe zu bringen, was ich dagegen vorzubringen habe. Sie werden diese letzten Endes untheoretisierbare Tatsache für eine unwichtige, kleine Begebenheit halten, ja für Kinderei erklären der jungen Leute, die dahinterstecken. Junge Menschen nämlich — und das ist das wichttge — haben es unternommen, sich so unabhängig wie möglich von „Tradition", eine Feier zu schaffen in möglichst eigengewonnener Form und auf Grund ihres Wesensstils. — Jetzt mögen Sie lächeln und Unreife diese Geistigkeit, der dies alles entspringt, nennen, — aber hören Sie. Die hohen Feiertage, mit innerem wideffxruch und nicht freiwillig, — doch einen Ersatz für sie gab es nicht, —- von ihnen mitgefeiert, hatten eine kleine Schar junger Menschen dem Gedanken eines eignen „Gottesdienstes" immer näher gebracht. Am Srmchastaurofest sollte dieser Gedanke ausgeführt werden. Sie wollen ja meinen Gegenbeweis hören und er besteht darin, daß ich erzähle, wie der Gedanke zur Tat wurde. Ich glaube aber, daß der Jugend Taten, in ihren ersten Versuchen schon den Fortschritt bringen. Lin Landerziehungsheim in der Mark gab den kleinen Hellen Raum her, wo ihre Feier stattstnden sollte, wie der Stil der Feier sein würde, konnte nicht zweifelhaff sein für den, der die Jungen und Mädel draußen bei Spiel, Singen und Tanz zusammen sah. In der Wesensart des Wandervogels leben sie, und das bestimmt auch ihre Festesform. Das Zimmer, in dem sich alle zusammenfanden, war geschmückt mit den Zeichen des Herbstes, wie es sich für dies Fest ziemt. Kastanien waren, auf Schnüre gereiht, quer über das Zimmer g^ogen, der Tisch hübsch mit Laub geschmückt, Aexfel zwischen die bunten Blätterbüschel gesteckt, die überall hingen. Durch die offenen Fenster leuchteten die kahlen Felder und fahlen wiesen im Schein der noch wärmenden Herbstsonne . . . Diese „Aeußerlichkeiten" find, da sie als ein Ausdruck geistiger Kultur gefaßt fein wollen, sehr wichtig und gehören zum Bilde dieser suchenden Menschen. Denn für die ist Harmonie von Mensch und Raum noch ein ungelöstes Problem; klar ist ihnen nur, daß sie den maurisch-europäisierten Prachtbauten der Prunksynagogen ffemd gegenüberstehen. Hier, in diesem so völlig andern Raum hätte auch der programmäßige Ablauf eines üblichen Gottesdienstes nicht gepaßt. Die Lieder fteilich, die zu dieser neuen Art gepaßt hatten, sind noch nicht da. Darum konnten sie nicht völlig los vom Hebräischen, wie sie wohl gewünscht hätten. Jedoch wählten sie sich Gesänge, deren melodische Kraft laut genug sprach, daß der ftemdsprachliche Text davor zurückttat. Sie Huben an mit dem Jnbelmarsch: ,,S n sch orim roschechem". Junge Stimmen, von Klampfen begleitet. Schweigen . . . und einer spricht deutsch das adaun aulona. versuch ein Gebet, wirkliches Gebet zu haben, versuch wie die ganze Feier. Gewiß, ich gebe zu, daß diese Zusammenstoppelung aus verschiedensten Teilen der verschiedensten Feste einigermaßen merkwürdig erscheint, und der geistliche Kanon, der folgte, pflegt auch nicht in den Gemeindesynagogen gesungen zu werden. Aber die „traditionelle" Torahvorlesung war beibehalten. Ob Sie allerdings mit der Gestaltung dieses Teils einverstanden gewesen wären, bezweifle ich. Einer versuchte Sinn zu geben der Tatsache, daß gerade an diesem Tage sie ihre erste Feier lkättm. Den ueuen Mensche« wollten sie; doch das heißt: eine Welt sich schaffen. Schöpfer sein; in dem Sinne: Das ist der Jugend edelster Beruf: Die Welt sie war nicht, LH ich sie erschuf. Das ist der Gedanke des Festes beute: zu Horen von der Weltschöpfung, auf's Große, Gigantische zu sehen, bevor es an die kleinere Arbeit geht. Ohne Priester, vues empfinde«, deutet er das Schöpfungskapitel, seme Entstehung, aus dem Drangen jugendlicher Empfindung: wie sich vor den Augen eines suchenden Jünglings die Welt ausbaut, sich aus dem Lhaos des Morgennebels die Sonne ihm löst, und Wasser und Land geschieden, fest werdend, sich beleben mit Pflanzen und Tieren und — Menschen . . . Ueberwältigt schreibt er sein Erlebnis nieder und läßt uns die tägliche Neuschöpfung der Welt immer wieder empfinden, wenn wir seine Worte lesen. Und mit ihm lasen dann einige Jungen und Mädel laut das erste Kapitel der Bibel, dieses „modernsten" Buches für sie, zu dem sie ihre eigne Stellung gefunden. Die Stimmung war ernst genug, daß sie ein Lied singen konnten: „Du bist der König aller Sphären. Das Schlußgebet waren Gustav Falles Verse: Herr laß uns Hunger dann und wann, Sattsein macht stumpf und träge. Und schick' uns Feinde, Mann um Mann; Kampf hält die Kräfte rege. Gib leichten Fuß pn Spiel und Tanz, Flugkraft in goldne Ferne — Und häng den Kranz, den vollen Kranz Uns höher in die Steme! Stolzer Adel der Auserrvähltheit und fast demütigend, verpflichtende Aufgabe: die Grundstimmung, die zu diesem Gebet sich zusammenballt . . . „Sie sind fertig?! — Gewiß, natürlich sehr hübsch dieser Idealismus unsrer jungen Leute. Aber, aber ich fürchte, eine gewalttge Selbstüberschätzung. Lieber junger Freund, wenn Sie unsre Tagespresse verfolgen würden, gäben Sie mir recht. . Der andere sieht mtt weiten Augen über ihn weg. * Nachwort der Redaktion: wir haben den vorstehenden Aufsatz zum Abdruck gebracht, weil aus ihm und aus gleichgerichteten Bestrebungen das „Suchen" spricht. Der großen Gefahren gottesdienstlicher Konventikel mit ganz fuvjekttver Gestaltung sind sich die Teilnehmer wohl kaum bewußt.Auch besindct der Verfasser sich imJrrtum über manches Tatsächliche, ,,8'n sch’orim und adaun aulom" sind durchaus feine merkwürdige Zusammenkuppelnng. Auch in unseren Gemeindegottesdiensten kündet und deutet das Gotteswort kein Priester, sondern der Volkslehrer, und die Verwendung von Versen deutscher Dichter im jüdischen Gottesdienst ist nichts Außergewöhnliches. Es wäre dringend zu wünschen, daß aus allen Seiten mehr Verständnis für das individuelle Andachtsbedürfnis, aber auch für die Notwendigkeiten der Gemeinschaft und für die geschichtlichen Gegebenheiten vorhanden wäre. Dann würde die Gestaltung unseres Gottesdienstes bereits jetzt befriedigender sein. Judentum und Sozialismus. Bon Hilde Haase. wir befinden uns in einer Zeit des Gärens. In allen Ländern Europas wankt das Alte, Ueberlieferte. Die Menschheit ringt um neue Lebensformen. Auf der einen Seite stehen die alten Mächte des Militarismus und Kapitalismus, auf der andern die jungen Kräfte des Pazifismus und Sozialismus. viele von den wirtschaftlichen und ethischen Forderungen des Sozialismus sind schon im alten Israel aufgestellt worden. Die Ungerechtigkeiten der Privatwirtschaft suchte man dadurch auszugleichen, daß man immer mehr bestrebt war, privatrecht durch Staatsrecht einzuschränken. So wird im fünften Buch Mose eine Abgabe des zehnten Teils des Privatvermögens nach drei Jahren an die Allgemeinheit gefordert — also eine sehr hohe Besteuerung. Ferner war es Pflicht jedes Besitzenden, die Nachlese der Getreide-, Oel- und Weinernte den Armen zu überlassen, wie es so reizvoll im Buche „Ruth" geschildert wird. Alle sieben Jahre mußte ein völliger Schuldenerlaß stattfinden, ein sehr weises Gesetz, welches von Zeit zu Zeit einen zu krassen sozialen Gegensatz ausgleichen sollte. Eine der wichtigsten ethisch-sozialen Einrichtungen der Bibel ist die Sabbatruhe. „Sechs Tage 'allst du arbeiten und alle deine Werke verrichten. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Ochse, noch dein Esel, noch all dein Vieh, noch der Fremdling, der in deinen Toren weilt, auf daß dein Knecht und deine Magd ruhe gleich wie du" heißt es im vierten Gebot. Dem Gebot der Sabbatruhe liegt ein tiefer Sinn zugrunde, daß nämlich jeder Mensch Anspruch auf eine regelmäßig wiederkehrende Ruhepause nach der Arbeit bat. wenn wir bedenken, daß wir erst seit wenigen Jahren die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, aber auch heute noch nicht ein völliges Ruhen aller Lohnarbeit kennen, so wird uns klar, wie weit die damalige Gesetzgebung schon fortgeschritten war. Ls ist für uns von größtem Interesse zu sehen, wie an unzähligen Stellen der Bibel immer wieder aus das Recht der Schwachen hingewiesen wird. Die Ausbeulung des Menschen durch den Menschen, die der Sozialist als die schlimmste Frucht des Kapitalismus bekämpft, wird in der Bibel, besonders bei den Propheten, als schwere Sünde angesehen und verflucht. Zwar war es in den ältesten Zeiten noch üblich, Sklaven zu halten, aber — im Gegensatz zum alten Rom oder Griechenland etwa — bestand ein Gesetz, daß der Herr einem Sklaven, der bei ihm sieben Jahre im Dienst gewesen war, die Freilassung anbieten mußte. Schlug er dieselbe aus, so wurde sein Ohr als Zeichen der Hörigkeit mit einem Pfriemen durchbohrt. Ein Beweis dafür, daß man bemüht war, nach Möglichkeit Sklavengesinnung zu bekämpfen. „Soziale Gerechtigkeit" ist die Haupfforderung, welche die großen Propheten Israels auf ihre Fahne geschrieben haben. Sie scheuten sich nicht, den Reichen, die praßten und schlemmten, unangenehme Wahrheiten zu sagen; sie waren die unermüdlichen Sachwalter der Witwen und Waisen. „Lernet Gutes tun, ttachtet nach Recht, helft dem Unterdrückten, schaffet der Waise Recht, führt der Witwe Sache!" ruft Jesaja aus. Und Jeremias wettert gegen das verderbte Volk: „Sie gehen mit bösen Stücken um, sie halten kein Recht, den Waisen fördern sie ihre Sache nicht, daß auch sie Glück hätten, und helfen dem Armen nicht zum Recht." Je krasser die Gegenwart an Ungerechtigkeiten, Bedrückungen aller Art war, mit desto größerem Feuer verkündeten die Propheten die messianische Zeit, die einst kommen würde, eine Zeit, in der jegliche Unterdrückung aushören, in der Frieden und Gerechtigkett herrschen wird. „Zion wird durch Recht erlöst werden und die sich in ihr bekehren durch Gerechtigkeit." Eine religiöse Erneuerung des Judentums kann und wird nur dann geschehen, wenn es an die große Traditton der Propheten anknüpft, wenn es ftei und mutig auch im Staatsleben zur Sache der Freiheit und Wahrheit hält, wenn es nie aufhört, seine Jugend mit dem Geiste sozialer Gerechtigkeit zu erfüllen, der, wenn auch nicht der Sozialismus selbst, so doch eine Vorbedingung zur Erziehung zum Sozialismus ist*). *) Wir geben diesem Artikel gerne in unseren Blättern Raum, wollen damit aber nicht zu der Frage „Sozialismus oder Privatwirtschaft" Stellung genommen haben. (Anm. der Red.) Zu dem Aufsatz „wir Laien" von ko Noda ging uns folgende kurze Bemerkung des Herrn Rabbiner Dr. Norden-Llberf e l d zu: Lin schwerer Vorwurf ist es, den der Verfasser gegen die der religiös-liberalen Richtung angehörenden Rabbiner schleudert: er wirft ihnen vor, sie besäßen nicht den Mut, ihre Ansichten in die Tat umzusetzen. Gb der Vorwurf berechtigt ist oder nicht, bleibt heute noch unerörtert. Zunächst sei dem Verfasser gesagt: wer anderen in aller Oeffentlichkeit Mangel an Mut vorwirft, der muß vor allem einmal zeigen, daß er selbst Mut besitzt, den Mut, seine Anschuldigung mit seinem Namen zu decken, warum verschanzt sich der Verfasser hinter einem pseudonym? warum zieht er es vor, ein Lo Noda, ein Unbekannter zu bleiben? wenn er ein Engel ist, dann mag er nach biblischem Muster antworten: „Warum fragst du nach meinem Namen?" Ist er aber ein gewöhnlicher Sterblicher, dann vertrete er seine Anschuldigungen gefälligst mit seinem Namen, wir haben den Anspruch daraus, den Gegner zu kennen, der mit so scharfen Waffen gegen uns känrpft.

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