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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-12-22 · 51 (22.12.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
51 (22.12.1922)
Date
1922-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Untergeordnetes gegenüber der Unsterblichkeit der Menschheit bezeichnete. Fast könnte man sagen, daß der Irrationalismus immer da einfetzt, wo es an Mut gebricht, eine kulturnnmögliche, aber persönlich liebgewordene Anschauung zu überwinden, weil sehr oft ein gewisser Opportunismus sie nicht überwinden will. Und darauf zielt letzten Endes der Irrationalismus überhaupt ab. — Er ist Subjektivismus im höchsten Grade, der in seinen Auswirkungen die Größe, würde und Hoheit des Judentums gefährdet. Er beraubt es seiner höchsten kulturellen Bedeutung. Religiöse Politik. Bon Dr. Julius Woyda, Jli Berlin. An vielem krankt die Gegenwart. Jeder glaubt, ein anderes Allheilmittel zu kennen, das über die Nöte der Zeit hincmsführen soll und mit einem Schlage alle sozialen und sonstigen Fragen lösen kann. Allheilmittel gibt es nicht! Doch jeder sieht Mängel, und jeder soll sagen, wie gebessert werden kann. Das aber ist der wert religiöser Erkenntnis: Mängel sehen in dem Bewußtsein, daß Menschenwerk unvollständig ist, und bessern wollen in dem unerschütterlichen Glauben daran, daß Welt und Menschheit zumindest gut sein kann, wenn sie es schon nicht ist. Wird dieses wollen zum Tun, wird theorettsche Erkenntnis und religiöser Glaube zur ethischen Tat, dann treiben wir religiöse Politik. Religiöse Politik? Kann jemals ernstes religiöses Erbeben zusammengebracht werden mit nüchterner prakttscher Politik? Ist doch Politik von dieser, religiöses Erleben aber von jener Welt! Es gibt nichts Irdisches, was nicht ins Jenseits reichte, und wir können an kein sinnvolles Jenseits glauben, wenn es nicht auch in seinen Voraussetzungen oder Wirkungen sich im Diesseits geltend macht. Sollen wir mit Freude werte schaffen können, auch wenn erst spätere Geschlechter den Segen davon haben, sollen wir aus innerstem Drange unseinsetzen können für Bestrebungen, die nicht uns, wohl aber leidenden Schwestern und Brüdern zugute kommen, so muß religiöses Empfinden und Erleben der Anttieb dazu sein. Man verstehe mich nicht falsch! Religiöses Erleben hat beileibe nichts zu tun mit Formen oder" Ueberlieferung. Ls ist zumindest unabhängig von Vorschriften und Gebräuchen, religiöser ohex sonstiger Gemeinschaft, vielleicht sogar ihr Feind. Religiöse Politik in diesem Sinne aber, irdische Tat aus Geftihl und Erkenntnis, ist nicht nur möglich, sie allein kann vielmehr erst Begeisterung geben zu helfender Anteilnahme am Leid der Anderen, zu ernstem, aufopferungsvollem wirken, zum Segen der Gesamtheit. Es ist doch wahrlich ein Trost in dieser Zeit, daß soziales Elend den praktischen Blick für das pelfenwollen und das pelfenkönnen ansgelöst hat, daß unzählige Menschen nicht mehr Genüge daran haben, sich an die Brust zu schlagen und für sich den Pimmel anzuflehen. D i e Erkenntnis ist doch ganz allgemein geworden, daß ein frommer Mensch der handelnde ist und nicht der, der glaubt, mit Beten alles abgetan zu haben, welcher ehrliche Jude wollte noch bestreiten, daß der kinderspeisende Ouäker oder das Heilsarmee- Mitglied, das Armen Kleidung gibt, mehr ein Anrecht auf den Ruhmestttel dieses „Frommen" hat, als derjenige orthodoxe Glaubensgenosse, dessen „religiöses Gefühl" zwar häufigen Cempelbesnch und strenge Befolgung aller Formvorschriften zur Folge hat, der sich damit aber auch so sehr den Pimmel gesichert glaubt, daß Opfer der Tat nicht mehr notwendig sind. was wir jungen liberalen Juden wollen, ist eben die Verkündung dieser alten jüdischen Erkenntnis. Religiöse polittk — d. h. nicht Politik aus Religion mit allen ihren Vorschriften und Trennungsmauern, d. h. vielmehr Politik aus Religiosität, aus ernstem individuellen Erleben, aus demutsvollerLinordnung, aber auch ausGlauben an menschliche Schöpferkraft.^ Und das spezifisch Jüdische an dieser Forderung ist, daß wir nicht nur helfen wollen, sondern in dem Bewußtsein handeln, helfen zu können. Uns winkt nicht nur ein besseres Jenseits, wir wissen, daß es auch im Diesseits einen Fortschritt gibt, wir glauben an die Möglichkeit, daß auch auf Erden die Ethik das Wollen wie das handeln beim Menschen bestimmen kann, und daß dereinst die Sitte nicht das Zerrbild sondern das Spiegelbild wahrer Sittlichkeit sein wird. Max B r o d stellt als das „typisch Jüdische" heidnischer Diesseitsbejahung und christlicher Diesseitsverneinung das „Diesseitswnnder" im Judentum gegenüber, das Schäften in der Gegenwart für die Zukunft, im Endlichen für das Unendliche. Gibt es tteftendere religiös politische Sätze als den auch bei Brod angeführten Ausspruch Bar Jochais: „Uns ist ein Wunder widerfahren, darum will ich eine gute Einrichtung treften" oder die immer wieder zum handeln auftordernden Worte der Propheten? Religiöser Politik entstammen die großen sozialen Einrichtungen unserer Vorfahren, entsprang die Gestaltung des Sabbath, der allgemeinen Arbeitsruhe feine Forderung, die in unserer Jett sozialen Fortschrittes zwar allgemein anerkannt, aber noch immer nicht völlig verwirklicht worden ist), entsprang die Einttchtung des Jobeljahres, die der treffendste Beweis dafür ist, daß unsere Vorfahren über Glauben und Beten hinaus znxackten, um ethische Forderungen zu verwirklichen. Darum ist es kein Zufall, daß Juden in hervorragendem Maße Pazifisten und Sozialisten find, wir haben keinen Grund sie zurückzuhalten; wir weisen vielmehr darauf hin, daß handeln aus ernster ehrlicher Ueberzeugung stets jüdisch im besten Sinne gewesen ist. Darum ist es nur natürlich, wenn überall da, wo es sich dämm handelt, für das allgemeine Wohl einzutreten, Juden sich mtt besonderer Kraft und unter Pintansetzung ihres eigenen Vorteils einsetzen, wofür sie dcr « allerdings von gegnerischer Seite nur allzu häufig den Dank emtcn, daß ihre opferwillige Tätigkeit als gutes Geschäft und als Betrug Andersgläubiger hingestellt wird. Die hohen Festtage find vorüber! viele haben dein: Gottesdienst zustimmend mit dem Kopf genickt, wenn das wirken für die Allgemeinheit von: Rabbiner oder im Gebet gefordert wurde. Nicken wir nicht nur mit dem. Kopfe, sondern arbeiten wir überall da mit, wo Arbeit für das Gemeinwohl not tut, wo wir unsere hohe ethische Forderung im praktischen Leben verwirklichen können! wir wollen uns nicht Welt und Menschen untertan machen und ihnen unsere Ansicht aufzwingen, wie die Gegner behaupten, aber das Recht lassen wir uns nicht nehmen, mitzuarbeiten am Fortschritt der Menschen. Deshalb soll man uns in allen sozialen und politischen Organisationen finden, deshalb haben wir uns mit unserer ganzen Persönlichkeit für jeden Fortschritt einznsetzen, der Menschen Segen bringt. Deshalb werden wir unsere Pflicht tun und stets an erster Stelle stehen, wo es gilt, Elend zu lindem, weil wir das Elend kennen, und weil wir mehr wollen, als beten, weil wir zum Guten wirken wollen. Die Gottesanschauung öes deuterojesaia. (Jesaia Kap. 40 bis 55) Don Ernst Heinrich Seligsohn, Berlin. Ls ist ein Merkmal unserer Zeit, den allgemeinen Pro blemen des Lebens nachzugehen und für sie eine alles umfassende Lösung zu suchen. So bedeutungsvoll dieser Zug zur Synthese ist, so birgt er manche Gefahr in sich: das System, nach dem ein solcher Synthetiker das All sich aufgebaut denkt, muß notwendigerweise dieses All, weil es etwas Lebendiges ist, vergewalttgen. Die ganze erkennbare Welt wird möglichst konstruiett und ihr nicht in allen Einzelheiten, Ungereimtheiten und Widersprüchen nachgegangen. Man erhält also nur zu leicht ein schematisches, nicht ein lebendiges Bild der well und der Weltgeschichte. Die Liebe zum Schema, das aus dem eigenen Ich jedes Synthetikers geflossen ist, führt bei manchen zn einem Streit nur um — Worte. Dieses Eindrucks konnte ich mich nicht ganz erwebren, als in unseren Blättern von jungen Inden die zentrale Fraac aller und darum auch unserer Religion, die Frage nach Gott, behandelt wurde. Ohne den Emst und die Wahrhaftigkeit, mit denen die Verfasser ans Werk gegangen waren, verkennen zn wollen, muß ich ftir meine Person jedenfalls betonen, daß ich mir als einem noch unfertigen Menschen nicht Zutrauen würde, die Frage nach dem Wesen Gottes nur ans der Tiefe des eigenen Gemütes heraus zn beantworten, wetterhin aber schienen nrir die gegebenen Resultate (z. B. „Gottesidee" oder „Die Kraft der menschlichen Seele zum Guten") wegen ihrer Allgemeingültigkett, mit der ein jeder Verfasser sie ausstattcn wollte, sehr zweifelhaft und legten mir die Frage nahe, ob die versuchten Synthesen nicht viel zn „einfach" viel zu menschlich-voreilig wären. Diese Zweifel zeigten mtt den weg, auf dem wir, wie ich glaube, zu einer religiösen Emeuernng gelangen könnten: statt von dem eigenen Ich auszngehen und so zn einer Anschauung über unsere Religion oder gar zn einer Formung des Judentums zu kommen, müssen wir unser eigenes Ich zunächst ansschalten und uns in die Schriften der Schöpfer Unserer Religion versenken, wir müssen viel tiefer hinab in die Erkenntnis des uns vorliegenden, konkreten, lebendigen Stoffes unserer Religion; denn das religiöse Gefühl in uns ist nicht fähig, produktiv tätig zn werden, wenn es nicht mit einer tiefen Kenntnis und Erkenntnis unserer Bibel dnrchtränkt ist. Damm will ich hier nicht von meiner Gottesauftassnng sprechen, sondern versuchen, die Gottesanschauung eines unserer Propheten darzulegen. Ich weiß, daß auch diese Auslegung subjektiv ist; das Vorliegen eines bestimmten Stoffes ermöglicht aber eher eine sachliche Diskussion und vor allem eine Verständigung. Erst wenn wir eine sichere Erkenntnis von dem ganzen Komplex von Anschauungen, die in der Bibel enthalten sind, gewonnen haben, können wir wirklich daran gehen, unser Judentum uns zu formen und zu gestalten. Wie bei keinem Propheten vorher und nachher ist die Erkenntnis von Gott in das Zentrum aller Betrachtungen Deuterojesaias gestellt worden. Noch nie hatte s o ein Prophet von Gott geredet. Keberall in seinen Schriften finden wir das Bemühen, Gottes Wahrheit und Wirklichkeit den Meirschen zu zeigen. Deuterojesaia weiß etwas vom Kampf um Gott: ob er ihn selbst einmaligeführt hat, wir können es nicht entscheiden; aber es will uns so scheinen, denn seine liebenden Zurufe an die Menschen, Gott zu suchen, seine Schilderung des Unglücklichsems aller derer, die ohne Gott leben, sie zeigen an, daß Deuterojesaia um die Seelennot derer, weiß, die da suchen und noch nicht fanden. Aber gerade diese Kenntnis und vielleicht diese Zweifel haben in ihm einen so tiefen, felsenfesten Glauben an Gott begründet, daß er mit Recht von der inneren Kraft, di« der Gottesglaube gibt, sprechen darf: „Knaben ermatten und ermüden, Jünglinge straucheln; aber die auf den perrn harren, gewinnen stets neue Kraft, erheben die Schwingen wie Adler; sie laufen und ermüden nicht, sie gehen und ermatten nicht." (Kap. 40 Schluß). Und wie stellt er Gott dar? „Seht da euren Gott! Seht, der perr der Ewige kommt mit Macht, fein Arm waltet für ihn. Seht, sein Lohn ist bei ihm, und seine Vergeltung geht vor ihm her. wie ein pirte wird er seine perde weiden, mit seinem Arme sammelt er die Lämmer, in seinem Busen tragt er sie, sauft leitet er die Säugenden." (Kap. 40, jo und u). Gott ist Person, nicht irgendwie Menschengestalt, denn sein „Arm" ist kein Menschenarm; aber dennoch will Deuterojesaia nicht in Bildern oder Gleichnissen von Gott sprechen. Pier liegt das Geheimnis seiner Natur: Deuterojesaia wußte nichts von einer „Gottesidee" oder von einem Prinzip alles Guten und Schönen, er hat an Gott einfach geglaubt, geglaubt an einen lebendigen ewigen Gott, dessen Wesenhaftigkeit eine außerweltliche, überirdische ist, aber doch eben Wesenhaftigkeit und deswegen, um zu existieren, nicht erst gedacht zu werden brauchte, sondern war und ist und sein wird, das unendliche „Du" für alle Kreatur, er als der Eine und fein Name der Einzige! Daß aber die Wesenhaftigkeit des Ewigen nichts mit der menschlichen zu tun hat, das zeigt uns Deuterojesaias wissen von Gottes Unendlichkeit und Unerforschlichkeit. „Alles Fleisch ist Gras und alle feine Anmut wie die Blume des Feldes. Gras verdorrt, die Blume welkt,' so der pauch des Perm, sie angeweht; ja fürwahr, Gras ist das Volk. Gras verdorrt, die Blume welkt, aber das Wort unserer Gottes besteht in Ewigkeit". (Kap. 40, 7 und s.) Diese Erkenntnis von der Vergänglichkeit alles Irdischen, hier tritt sie zum ersten Male in härtester, erhabenster Konsequenz auf. Aber Gottes Ewigkeit wächst gewissermaßen gegenüber der Eitelkeit alles Menschlichen, weltlichen« Ja, für ihn sind „Völker nur wie ein Tropfen am Eimer und dem Stäubchen in der wage gleich geachtet." Es ist nur das scharfe Durchdenken dieses Gedankens, wenn Deuterojesaia aus Gottes Unendlichkeit auf seine Nnerforschlichkeit schließt: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege ffind nicht meine Wege — spncht de, perr; — sondem so viel die Pimmel höher sind als die Erde, find meine Wege erhaben Über eure Wege, und mein« Gedanken über eure Gedanken". (Kap. 55, 8 und 9.) Ganz werden wir aber erst die Tiefe der Gottesauffassung und die Tiefe des Gottesglaubens bei Deuterojesaia ermessen können, wenn wir erfahren, daß nicht nur Gottes Sein unendlich und nnerforschlich ist, sondern auch sein Walten. Ls heißt: „Gott schuf die Welt" und Dem terojesaia erfaßt diesen Satz in seiner Totalität, indem er alle Ereignisse auf Gottes willen zn rückführt. Das ist vielleicht die großartigste theologische Geschichtsbettachtung. Die innere Logik der Weltgeschichte, ihre Gesetzmäßigkeit lehnt Denterojesaia ab. Es ist nicht wie bei Pegel die Vernunft oder das Pttnzip des Guten, das den Sinn der Geschichte darstellt, auch nicht ein« Gesetzmäßigkeit, die von der Entwicklung in der Naturgeschichte entlehnt und auf die Geschichte der Menschen, der Kulturen überttagen ist — wie bei Spengler —, nein, Denterojesaia steht dem wachsen und werden in der Gesrbichte nicht mit dem Auge des Forschers und Denkers, sondern dem des Künstlers und dem des — Erleuchteten öeaennber. Sein Glaube an Gottes Einzigkeit muß den Gedanken konzipieren, daß auf ihn, den Erhabenen, auch alles Weltgeschehen zurückgeht. Sein« Sinne empfinden die Wunderbarkeit der Geschichte noch ganz; sie fühlen, wie verschlungen, wie unberechenbar die Wege der Zukunft sind, und darum nimmt der Prophet seine Zuflucht zu Gott. Alles Weltgeschehen beruht auf dem einheitlichen willen Gottes. Gott kannte den wettenplan, ehe er die Welt er- 'cdaffen. Er beruft jeden Menschen schon vom Mutterleibe an zu seiner Aufgabe. So wurde auch Kyros von Gott berufen, Israel arrs der Gefangenschaft zu befteien. Man siebt, das Tun der Menschen ist von Gott bestimmt, sie sind Werkzeuge des Ewigen, ob sie ihn kennen oder nichts von ihm wissen wie jener gesalbte König der Perser. Gottes walten ist unbeschränkt, darum bekennt der Prophet offen, daß auch Taten, die wtt, von einer rein menschlichen, moralischen warte aus betrachtet, als böse oder gar schlecht bezeichnen müssen, Gottes Werke sind. „Ich (spricht der Perr) verwüste Berg und Pügel, und lasse verdorren all ihr Gras; ich mache Sttöme zu Land und trockne Teiche aus." (Kap. 42, (S.) Und noch stärker in Kap. 43, Z. „Denn ich bin der Ewige dein Gott, der Peilige Israels ist dein Erretter. Ich habe Aegypten, Aelhioxien und Seba als Lösegeld statt bcmer hingegeben. Dieweil du vor meinen Augen teuer bist und geehrt, weil ich dich liebe, gebe ich Menschen statt deiner hin und Völker für dein Leben". Pier ist der Gedanke der Allmacht Gottes ganz statt unterstrichen, ihr opfett der Prophet unbedenklich sittliche Anschauungen über den guten, die ganze Menschheit liebenden Gott. Darüber mag uns keine theologische Interpretation hinwegtäuschen; aber ist dieser strafende, dieser zerstörende Gott weniger als der allzeit gute? Ist denn dieser überhaupt ein lebendiger Gott? Nur jener Gott, der, weil er in das Weltgeschehen eingreift, auch verwüstet und zugrunderichtet, kann nach unseres Propheten Auffassung wirklich der Perr der Welt sein. Damit hat Deutcrojesaia einem Fatalismus nicht das wott geredet oder die Idee des nur rächenden Gottes aufgestellt. Denn gleichzeitig hat er den Ewigen als den „sanften pirten seiner Perde" geschildert und die Frevler ansgefordert, sich zn dem perrn zn bekehren, „daß er sich seiner erbarme, und zu unserem Gotte, denn er ist reich an Vergebung". (Kap. 55,7). wir befinden uns mit dieser Gegenüberstellung zweier Gottesauffassungen mitten in einem unlösbaren Widerspruch, wie ist es möglich, daß Gott unendlich gut und weise ist und doch zerstört? Pier ahnen wir den großen Meister der Religion: er stellte beide Anschauungen nebeneinander und tat dadurch kund, daß das walten Gottes etwas anderes ist als sein Sein; Gott kann zerstören, denn er muß es wegen der Gebundenheit der Welt, wegen ihrer Begrenztheit, wegen des widerspruchsvollen in ihr. Auf sein Wesen wirken diese Taten nicht, denn er bleibt — und das betont Denterojesaia immer wieder — der gerechte Gott. Man glaube nicht, daß damit für uns Menschen der Widerspruch gelöst sei; denn in den Augenblicken, in denen Gott uns durch fein walten gegenüberttttt, werden wir ihn einmal als gerecht, ein andermal als ungerecht empfinden. Pier dokurnenttett sich aber noch ein anderer Widerspruch bei Deuterojesaia. Gottes Gedanken erachtet der Prophet als den Menschen unzugänglich und doch nimmt er Deutungen der Geschichte vor, wenn er von Kyros' ITTiffion spncht, die den Zweck der Befreiung Israels haben soll, oder wenn er den Sturz Babels damit erklärt, daß dieses sich zu sehr auf die Absolutheit seiner Wissenschaften verlassen hat. Es ist gewiß ein Widerspruch, aber er ist der menschlichste, wollte man Deuterojesaias Anschauungen von Gottes unerforschlichem willen, der die Welt regiert, konsequent durchführen, man käme zu keiner Ordnung und Beherrschung des Lebens. Deuterojesaia fühlte sich aber als Prophet durch Gottes Gnade erleuchtet und daher hatte er ein Recht zu deuten, pierin liegt zunächst noch nichts Optimistifches. Seinen Optimismus zeigt der Prophet erst dal .

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