Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 51 (22.12.1922)
- Date
- 1922-12-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale (Judentum e. V. Bezugspreis vurH die Grsrvafi-stklle '/«jithrlicy airr. <s.— <Sln&«fnummer. „4.50 SJfüt di» Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im MllgNedSbeltrage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die breite MiMmelerzelle Mk.d.— Aamiltenanzeigen Mk.S^o. Sei Wiederholung Ermützig. Die „JUdifch-liberole Zeitung" erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Nr. M ❖ 22. Dezember 1S22 Bedolilonr Berlin W8, Mauerstr. 22 (Vereinigung filc Oo» liberale Judentum e. D.) Fernruf» Amt Zentrum 16a Sefchüftsstelle u. Anzeigenannahme» Breekaas, Neue Sraupenstr. 7, Burhvrutteret LH. Schatzkg Fernruf: Amt Bing «21 und «Soo. SllmtNche Lohluage«. Postscheckkonto Breslau »7 der Fa. LH. Dchatzkg <v.m.dUY>, en der Ärbeltsgeureinschaft jüdisch-liberaler 2ugendvereine Deutschlands. Nr. ii Dezember 4. Jahrgang Inhalt» Zum 4. Delegiertentag, — Nationale» oder irrationales Judentum« — Neligivs« Politik. — Die Gattesanschauung des Deuterosesaia. — L» unterhält sich ein „reifer* Mann mit einem jungen Menschen. - Judentum und Sozialismus - Au» Bibel und Schrifttum. - Spenderliste. - Vereinsadressen. Ium vierten delegierteatage der Misch-liberalen ^ugenüvereine. Am 24. und 25. Dezember treten die Delegierten der Jüdisch-liberalen Jugendvereine zum vierten Male zusammen. Als Ort der Tagung ist Breslau gewählt, dessen Ili im unmittelbaren Anschluß an den Delegiertentag das Lest seines zehnjährigen Bestehens feiert. In geschlossener Sitzung sollen wichtige organisatorische und interne Verbands- und Vereinsangelegenheiten behandelt werden, die offene Sitzung soll die Erörterung der Grundfragen bringen. Die theoretischen Grundlagen und die praktische Verwirklichung des religiösen Liberalismus im Judentum bildet den Gegenstand der Verhandlungen. Die lvahl Breslaus als verhandlungsort war durch die Leier des Breslauer Ili gegeben. Der dortige überaus rührige Verein hatte den Wunsch, auch bei seiner Leier den innigen, unlöslichen Zusammenhang mit den Schwestervereinen im Reich zu bekunden und damit zu betonen, daß bei aller lokalen Verschiedenheit der Vereinsarbeit die gleichen Ideen in allen Ilis verfochten werden, und die Schwestervereine hatten den Wunsch, dem Breslauer Ili an seinem Gedenktage ihren Gruß zu bringen. Aber darüber hinaus hat die Tagung gerade in dieser Großgemeinde des deutschen Ostens eine besondere Bedeutung. Der Breslauer Ili hat anläßlich seines zehnjährigen Bestehens den Namen „Abraham Geiger" angenommen und feine schöne Lestschrift mit dem Bildnis dieses großen Vorkämpfers des religiösen Liberalismus geschmückt. Ls ist das Bekenntnis zu den Ideen Geigers und zu der großen liberalen Vergangenheit der Breslauer Gemeinde, von Breslau aus hat vor mehr als 80 Jahren der Liberalismus die stärksten Antriebe erhalten und den größten Aufschwung genommen. Wenn jetzt die liberale Jugend in Breslau tagt, soll die Erinnerung an die große Leistung der Vergangenheit den willen und die Tatkraft zu gleicher Arbeit für die Gegenwart und Zukunft stärken. Denn mehr noch als das ältere Geschlecht ist der Sinn der Jugend nicht auf bloße Erinnerung, sondern auf fruchtbares Schaffen gerichtet. Die Zeit ist für den jüdischen Liberalismus wenig günstig. Neben den unglückseligen wirtschaftlichen und politischen Zuständen unsrers Vaterlandes, neben der Hochslut des Antisemitismus, deren Eindämmung und Bekämpfung fast alle Kräfte in Anspruch nimmt, sind es die allgemeinen geistigen Strömungen, die dem religiösen Liberalismus nicht gerade förderlich find. Es herrscht eine weitgehende Unklarheit und vielfache Zersplitterung, die Grundlagen der liberalen Anschauung sind vielfach in Lrage aestellt. wenn die Jugend Zusammentritt, so mag der Geist des Ehanukahfestes, das soeben beendet ist, die Tagung erfüllen. Die gleiche Begeisterung für das kostbare Erbe der Väter, wie sie einst die Hasmonäer erfüllte, soll hier walten, und die gleiche tatkräftige Entschlossenheit, wenn die ältere Generation die Dinge gehen läßt, so eignet der Jugend die Tat. In der heutigen Jugend sind starke religiöse Strömungen und Triebkräfte wirksam. Sie sollen sich in entschlossener Tat bekunden. Von der Jugend und ihrer Tagung erhoffen wir neue Anregungen und Antriebe zur Verwirklichung der liberalen Ideen, zur Belebung des religiösen Lebens durch die liberalen Anschauungen. Dazu aber ist zuförderst Klarheit über die Ideen selbst, die die Grundlagen des Liberalismus bilden, und Durchdringung mit diesen Ideen erforderlich. Das soll durch die Erörterungen aus dem Delegiertentage von neuem angebahnt und dann in intensiver Arbeit in den Vereinen geschaffen werden. Denn nur in stetiger, ernster Lernarbeit wird die Jugend das Ziel erreichen können, das sie stch gesteckt hat. Der Breslauer Ili hat sich selbst und dem Delegiertentag mit seiner Lestschrift eine wertvolle Gabe geschenkt. Die geschichtliche Entwicklung und die theoretischen Grundlagen des Libercüismus find darin gewürdigt, und die Vergangenheit soll den Weg in die Zukunft weisen. So bringen wir dem Breslauer Delegiertentag und dem feiernden Breslauer Ili unsere herzlichen Wunsche und Grüße zu der kommenden Tagung. Rabb. Dr. Dogelstein, Breslau. Jüdische WettanschauungSfragen Rationales oder irrationales Mentum. Bon Rabbiner Dr. B. Kellermann, Berlin. Ls war jedenfalls ein merkwürdiger Wendepunkt in der Geschichte des Judentums, als man sich zu der Erkenntnis durchrang, daß die religiösen Urkunden von Menschen für Menschen geschrieben wurden, wie sollte man sich da noch sklavisch an die Vorschriften der Torah, an die des Talmuds halten, wenn man die Gedanken: Gott habe die Gebote und Verbote schriftlich oder mündlich aufgestellt, als gänzlich haltlos und unverständlich abwies! wo blieb da all* die schöne poefte, die in der Befolgung dieser Verordnungen traditionell verankert worden war! wo blieb da überhaupt noch die Pflicht, diese religiösen Gebote zu erfüllen, wenn ihr Ursprung ein rein menschlicher war! Eine Reihe von Gelehrten fühlte sich denn auch veranlaßt, eine Anzahl dieser Vorschriften über den Hansen zu werfen und an ihre Stelle das leere Nichts treten zu lassen. Andere wiederum sahen ihr religiöses Bedürfnis mit diesen Vorschriften derartig eng verbunden, daß sie trotz aller Erkenntnis der Unvernunft, trotz aller Grundlosigkeit aller Bräuche und Riten mit Innigkeit an ihrer Befolgung hingen, weil sie glaubten, die sogenannte geschichtliche weihe hätte all diesen Lormen das Daseinsrecht verliehen. So bildete sich im Einblick auf diese Tatsache die historische Schule heraus, die den wert oder Unwert eines religiösen Phänomens von dessen geschichtlichem Bestände abhängig machte. Auf diese weise hatte man die Gebote und Verbote ihres vernunftgemäßen Ursprungs entkleidet und sie auf sich selbst gestellt. Eine Zeitlang hielt dieser Ersatz der Vernunft durch die Geschichte vor, begründet durch die Philosophie eines Hegel, aber sehr bald sah man ein, daß man mit einer derartigen „vernunftlosen Vernunft" auch das Vernunftwidrigste auf den Schild heben konnte. wiederum stand man vor der Lrage: auf welche Art können wir Lormen und Bräuche retten, ohne den Glauben an eine übernatürliche Herkunft mit in Kauf zu nehmen. Es erschien der Versuch einer soziologischen Begründung. Man dachte daran, daß all' diese Lormen Bindungen aufweisen, von deren Bestand das Dasein der jüdischen Gemeinschaft in ihrer horizontalen und vertikalen Eigenart abhängig sei. Es ist sicher, daß mit dieser Art von Begründung eine Reihe von religiösen Bestimmungen neue werte erhielt, aber in letzter Linie scheiterte auch diese Grundlage, weil sie durchaus subjektiven Charakters war und nicht die allgemein gültige Lorm aufwies, die man von Gesetzen verlangt, denen der Stempel der göttlichen Vernunft aufgedrückt sein soll. Endlich versuchte man auch, diesen Gesetzen eine nationale Lorm zu geben. Man meinte, daß es aus Gründen nationaler Selbständigkeit von Wichtigkeit wäre, diese Gesetze und Bräuche einzuftihren, um dadurch immer mehr Beziehungspunkte zur großen nationalen Vergangenheit zu gewinnen. Indessen schlugen auch solche Versuche fehl, denn man sab sehr bald ein, daß es mit den Grundpfeilern einer Gemeinschaft sehr schlecht bestellt sein müsse, wenn man sie auf solche Motive stützen wolle, für die andere Gemeinschaften nur ein mitleidiges Lächeln haben müssen. So war man unter vielerlei Ueberlegungen schließlich bei einer wichtigen Alternative angelangt. Entweder — sagte man sich — muß in dem Inhalte des Judentums, in der Gesamtheit seiner Interessen ein Motiv liegen, das die Notwendigkeit des Judentums als unbedingt erforderlich hinstellt, weil durch die Einzigartigkeit seiner Gedanken die Vernunft ein unbestreitbares Recht erhält, oder man argumentierte, daß gerade durch die Abwesenheit von Vemunftelementen (irrational) die Religion des Judentums ihre tiefste Sicherung und Begründung ftnde. wer sich dem Glauben hingibt, daß das Vernunftjudentum in der Tat etwas Neues, wichtiges und Unersetzliches enthält — nämlich die Ethik mit ihrem reinen Gottesbegriff, — der kann leichten Herzens auf Lormen und Riten verzichten und trotzdem die Originalität wahren. Es ist eine absolute Verkehrtheit zu behaupten, die altisraelitischen Propheten hätten nur in dem w i e ihrer Darbietungen das Neue und Bessere der jüdischen Religion entdeckt. Es ist auch ganz gleichgültig, ob sie ihrer Entdeckung eine volksmäßige Unterlage gaben. Der Gedanke, daß sie immer an den Menschen appellierten, für die Menschen kündeten, zeigt uns genau, daß sie wohl aus dem Volke kamen, aber über das Völkische hinaus zum Reinmenschlichen vordrangen und in seiner Verkündigung den Zweck ihres Auftretens fanden. Sie verwandelten eben dar Nationale ins Rationale. Die psychischen Momente, die sie bei solchen Verkündigungen empfanden, besagen auch nicht das Geringste ftir den Inhalt ihrer Prophetien. Es ist uns deshalb auch gleichgültig, ob sie bei der Entdeckung ihrer neuen kehre bis ins pathologische versanken, für uns handelt es sich um die Wertung ihrer Gedanken, und die sind und waren neu, und es hat vor ihnen und nach ihnen keine Religion gegeben, die die Idee von der Einheit des Menschen, von der Einheit Gottes so scharf, so wuchtig geprägt hat, wie die Propheten es getan haben. Das allein ist der Gedanke, weshalb wir dieser Religion treu bleiben, weshalb wir ftir sie kämpfen und ihr zum Siege verhelfen müssen. Dieser Gedanke ist die rulio des Judentums. Die gleiche Richtung beherrscht auch das hellenistische und das philosophische Judentum des Mittelalters. Ueberall ist es die ethische Ueberlezenheit, die dort drängt, für dieses Judentum einzutreien und ihm Treue zu bewahren, auch wenn es nur von Menschen für Menschen geschrieben ist. Anders aber muß die Sache beleuchtet werden, wenn es sich darum handelt, ob man auch alles übernehmen soll, was uns von Lormen und Vorschriften aus der Vergangenheit überliefert wurde, wenn man die Vernunft zum wert- und Gradmesser der Tradition bestimmt, so hat man nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, nur dasjenige von der Tradition zu übernehmen, was sich vor dem Richterstuhl der Ethik rechtfertigen kann, alles andere aber, das nur dazu dient, aus dem Judentum der Menschheit das Judentum einer Sondergemeinschaft zu machen, muß unbedingt fallen. Deshalb ist es zu begrüßen, wenn die Liktion von der göttlichen Niederschrift der Religionsurkunden schwindet, weil sich jetzt erst das ethisch Bedeutungsvolle vom ethisch wertlosen abhebt. Ein wesentlich neuartiges Gesicht bietet aber die An^ schauung, die in jüngster Zeit von Mystikern vertreten wird, daß gerade in dem Irrationalen, d. h. Unrationalen, der tieffte Grund für die Wertschätzung einer Religion zu suchen sei. worin soll sich überhaupt noch der wert der einen Religion gegenüber einer anderen kundtnn? Man kann es verstehen, wenn religiöse Erscheinungen, die kein« vernünftigen Motive in sich bergen, auf die Irrationalität Anspruch erheben, denn hier soll die Irrationalität über di« fehlenden rationalen Laktoren hinwegtäuschen. Dadurch werden aber die ethischen Vorzüge völlig ausgeschallet. Sollte vielleicht nach Anschauung des Irrationalismus aus diesen Gründen auch das Judentum diese Behandlung erfordern? Nun ist es freilich richtig, daß es gewisse Motive gibt, die rationell und logisch nicht völlig ausgeschopft werden können. Aber zu sagen — wie es bei den Irrationalisten geschieht — daß diese logisch nicht ausschöpfbaren und sachlich nicht erkennbaren Momente die höchsten Motive und Ziele einer Religion bilden, ist etwa genau so, als wollte man dis Unfähigkeit zu geistiger Arbeit als den höchsten Triumph der menschlichen Kultur erklären. Das Irrationale muß im Gegenteil als Kulturaufgabe die Lorderung enthalten, sich immer weiter ins Rationale zu entfalten, aber nicht als selbständig bestehende Größe vergottet zu werden. Auf alle Lalle darf es nicht da zur Anwendung kommen, wo es den logisch-ethischen Gesetzen der Vernunft widerspricht. Wer auf diese weise der Religion ihr Knlturrecht erwerben will, der hat damit aufs deutlichste bekundet, daß der Satz der Scholastik auch bei ihm heimisch ist: , .Credo quia absurdum est". Eine solche Methodik würde nicht nur dem Judentum, sondern auch dem eigenen kulturellen Ich fcts Todesurteil sprechen. Auf wie starken subjektiven Intentionen der Irrationalismus beruht, zeigt sich schon darin, daß der eine Verfechter dieser Anschauung bereits bei den Speisegesetzen andächtig verweilt und betreffs deren strenger Befolgung irrationale Motive geltend macht, während ein anderer erst die transzendenten Probleme, wie die Persönlichkeit Gottes und die Unsterblichkeit des Menschen dem Machtbereich des Irrationalen znweisen will. Dabei hat cs gewiß nicht an philosophischen Stimmen in der jüdischen Geschichte gefehlt, die selbst bei der Lösung solch hoher Lragen die Vernunft nicht ausgeschlossen haben. Man braucht nur daran zu erinnern, daß Maimonides die Persönlichkeit Gottes bestritt und die Unsterblichkeit des Menschen als etwas völlig Fugendvereins-Anzeige W letzte Seite. %