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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-12-15 · 50 (15.12.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
50 (15.12.1922)
Date
1922-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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bet Wählerliste «tf Grund bet eingelegtm (übet 80000!) Ansprüche allein auf eine stebenz'fstige Zahl. Die Wahllosten jeder Partei tour* best von kündiget Seite auf zehn Millionen geschätzt. Diese- Geld wird erspart, wem nur eine Einheitsliste aller Parteien aufgestellt wird; denn in diesem Falle wird nach den Statuten die Liste ohne Wahl als gewählt prollamiert. Das Geld wäre sicherlich im Bedarfsfall aufgebracht worden. Aber eS erschien würdiger, wenn irgend möglich die hierfür benötigten Mittel für die in Bedrängnis befind« lich-n jüdischen Wohltätigkeitsanstalten und die geistigen Bestrebungen im Judentum frei zu halten. ES mag an dieser Stelle der Wunsch ausgesprochen werden, daß jeder, der seinen Beitrag für die Wahl nicht verweigert hätte, aus der Tatsache, daß eS nicht zu einer Wahlbewegung kommen wird, nicht die Folgerung zieht, en schönes Stück Geld erspart zu haben, sondern dieses Geld für jüdische wohltöt-ge oder religiöse Bestrebungen, vor allem auch für die Erhaltung dieser unserer Zeitung, verwenden möge. 3. Da unter den in der Repräsentantcnversammlung verbleibenden Mitgliedern nur drei Liberale waren, war die taktische Situation für die Liberalen eine äußerst schwierige und die Einheitsliste auch vom Standpunkt reiner Mandatspolitik nicht unakzeptabel. 4. Schließlich wird mit der diesjährigen Ergänzung der Re- Präsentantenversammlung nach dem Wunsch und der bestimmten Erwartung des liberalen Vereins lediglich ein kurzfristiges Provisorium geschossen. Eine Wahlrechtsänderung wird, w e den Lesern dieser Zeitung bekannt ist, von allen fortschrittlichen Elementen in der Gemeinde, nicht zuletzt vom Liberalen Verein, seit langem erstrebt und betrieben. Eine Erhöhung der Zahl der Vorstandsmitglieder und Repräsentanten ist durch den Umfang der Tätigkeit der Gemeindekörperschaften ebenfalls seit langem geboten; ein dahingehender Gesetzentwurf liegt dem preußischen Landtage vor. In der Folge dieser bevorstehenden Neuordnung ist eine Gesamierneuerung der Repräsentanienversammlnng in Bälde zu erwarten. Diese Gesamierneuerung wird — so hoffen wir zuversichtlich — eine Klärung der Paneiverhältnisse in der Gemeinde bringen, und zwar dahingehend, daß der LiberalismuS. entsprechend seiner Bedeutung in der Gemeinde, wieder eine einwandfreie Mehrheit in der Repräsentanz erhält. — Wurde doch bei den mit den anderm Parteien gepflogenen Verhandlungen selbst von zionistischer Seite anerkannt, daß die Liberalen die Mehrheit der Wählerschaft hinter sich haben. Um diesen Zustand des Provisoriums, auf das allein sich der Liberale Verein einlasien konnte, klar zu stellen. Hai er eine verpflichtende Uebere'nkunst aller Parteien und Repräsentanten herbeigeflhrt, für die Gesetzes- und Statutenänderung emzutreten und, wenn dies Ziel erreicht sein wird, die Armier niederzulegen, um eine Gesamierneuerung herbeizuführen. Um die Gemeinde gegen reaktionäre Gewaltstreiche in der Zwischenzeit einigermaßen zu sichern, ist ferner vereinbart, daß a) der Bestand der einzelnen Parteien durch Tod oder Urlaub einzelner Repräsentanten nicht verändert werden darf, vielmehr immer en Stellvertreter der entsprechenden Richtung nachrückt; b) an dem Kultus in den liberalen Gemeindesynagogen nicht gerüttelt werden darf; o) bei einer eventuellen Neuwahl des Gemeindevorstandes mindestens vier (von sieben) liberale Vorstandsmitglieder gewählt werden müssen. C& man hiernach den Schr'tt des Liberalen Vereins billigen will, ist Sache der persönlichen Anschauung. Nicht znm wenigsten Temperamemsache. Jedenfalls muß auch der Gegner der getroffenen Abmachungen zugestehen, daß alles versucht ist. um den Gefahren der Einheitsliste mit nur zehn Liberalen zu begegnen. Herrn Justizrat Plonsker aebührr für seine Bemühungen h-erbei der besondere Dank der Partei. Der Delegiertentag der Jlis. Am 21, 25. und 26. Dezember findet in Breslau der Telegierteniag der „Arbeitsgemeinschaft jüdischliberaler Jugendvereine" statt. Das Programm -st wie folgt festgesetzt: Sonntag, den 24. Dezember, nachmittags 4 Uhr, im Repräsentanten-Sitzungssaol der Synogogen-Gemeinde, Wallsttaße 6/7/9; 1. Tätigkeitsbericht. 2. Statutenänderung. 3. Wahlen zum Berbandsvorstand. 4. Pwpaganda, Neugründungen, Pereinsarbeit. Ref: Egon Dickmann, Breslau. 6. Verschiedenes. Montag, den 25. Dezember, vormittags 9% Uhr, in der Spinoza-Loge, Schweidnitzer Stadtgraben 9: „Die theoretischen Grundlagen des liberalen Judentums". Wart Bon Julius B a b. Lange Zeit scheint bei diesem kirchenlosen Christen die Seele nur im irdischen Leiden offenbart, als der Bestandteil unseres Wesens, der erst durch den Tod, in der Vernichtung unserer Leiblichkeit, offenbar und frei wird. So gingen die armen Weber ihrer Sehnsucht nach in den Tod, so fuhr Hannele zum Himmel, so ward dem armen Heinrich Erlösung vermittelt, so geht noch Gabriel Schilling sich von allem Erdenschmuh im Meere rcinzubaden. Aber daneben regt fick in wachsendem Maßo in Hauptmann die entgegengesetzte, die heidnische Lust, die den handelnden, tätigen, trotzigen Menschen göttlich findet. Schon wie er Frau Wolf, die rüstige Diebin des Biberpelze«, dargestellt hat und die Menschen des „Roten Hahn",von denender Schmiedemeister Langheinrich so trefflich sagt „ich bin so'n Christ, »vie se alle sind" (nämlich gar keiner, ein bloß standesamtlicher, mit aut heidnischer, selbstsüchtiger Lebenslust im Herzen!) — schon damals wirkt neben der bitteren sozialen Kritik, die für eine Gesellschaft, die oben die leeren Phrasen einer abgestorbenen Religion und unten den zügellosen Egoismus »eigt, ein böses Ende absieht, doch eine unverhohlene Lust an der starken und iuletzt doch zukunftSvollen Lebenskraft mit, die diese selbsticheren Spitzbuben zeigen, die Liebe für diese Kreaturen gibt »lesen Komödien gerade ihr Bestes. Und der Dichter, der den Hauptweg feines Schaffens in dem großen Roman „Emanuel Quint" münden laßt, macht von dem Menschenrecht des Widerspruchs den ausgiebigen Gebrauch» bald darauf im „Ketzer von Soana", den antichristlichen, den in die glühend nackte Ratur entlaufenen Menschen in seiner ganzen Heuchlest zu zeigen. Auch im Drama erhebt sich die große Gestalt de^> Kaiser Karl, des gewaltigen Greises, der der Welt und dem eigenen Herzen mit grimmiger Kraft gebietet; Odysseus kommt, der aureinigenden Tiefen des Leides ölvar, doch zu emer befreienden. rächenden, tötenden Tat aufwächst; und Grrselda und ihr Markgraf Ulrich, zwei göttlich kraftstrotzende Naturen, deren Liebeskampf sich schließlich in einem herrlichen Gleichgewicht der Kräfte löst. DU dies mag wohl anzeigen, daß du große Gegenkraft der Weltfreude in Hauptmann allmählich erstarkt und vielleicht durch die Reise in die griechische Hermat diese- Weltgefühls erst zu ganz bewußtem Leben wachgerufen worden ist. Alier von „Epochen", von erner ^^O^gen oder Vsriodenweisen Ablösung etwa des einen A""^fühls burch oas andere ist deshalb durchaus nicht dre Rede. 3>ie dramatischen Merle Hauptmanns, wie der «ettze Heiland Äefeteitte«: Men Ltttmaim, Berlin, und' Stich Bayer, Breslau. Anschließend Aussprache. 8 Uhr nachmittags: Gemeinsames Mittagsessen. 5H Uhr nachmittags in der Spinoza-Loge: „Die Verwirklichung des rel'giöfen Liberalismus". Referent: Arthur Lilienthal, Berlin. Anschließend Aussprache. DünSiag, den 26. Dezember, vormittags 11# Uhr, im Saale der Gesellschaft der Freunde. Neue Graupenstraße 3/4: Festversammlung anläßlich des lOMrigen Bestehens des Jli zu Breslau. Festrede: Eurt Briennitzer, Breslau. Abends 7 Uhr, im Saale der Gesellschaft der Freunde: Gesellschaftsabend. Oberkirchemat De. Krouer, Strrttgart, der bereits im April des Jahres sem Amt als Stadtrabbiner niedergelegt hat, hat sich nunmchr aus Gesundheitsrücksichten gezwungen gesehen, auch um Enthebung von seinem Amte als theologisches Mitglied der israelitischen Oberkirchcnbcbörde nachzukommen. Damit scheide: Tr. Kroner aus dem Dienst der würtremberoischen israel'tischen Religionsgemeinschaft aus, der er durch mehr als 25 Jahre seine beste Kraft gewidmet hat. Sein immer noch lebendig sprühender Geist, sein alle Gegensätze überbrückender Sinn hat es bewirkt, daß die einheitliche Organisation derisraelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg von allen Absplitterungen verschont geblieben ist. Dre jüdische Gemeinde zu Frankfurt a. M. hat im Jahre 1921 fi'rnfprozentige Schuldverschreibungen ausgegebm. Diese sind nunmehr zur Frankfurter Börse zugelassen worden. Die Anleihe in Höhe von 12 Millionen Mark wurde zur Anlage eines neuen Friedhofes ausgenommen und soll bis zum 1. August 1827 tilgbar sein. Zur Sicherung der Anleihe haftet die israelitische Gemeinde in Frankfurt am Main mit ihrem Reinvermögen, das Ende 1921 mit 76 Millionen angegeben wurde. Antisemitische und jüdische Ethik. Ueber dieses Thema sprach :m vollbesetzten Saal des „Saalbau's" zu U l m der bekannte Bremer Stadtpfarrer Emil Felder auf Einladung der Deutschen Volkspartei, der Demokraten, des Zentrums und der Sozialdemokraten. Di« von Professor Zeller vom Mmer Realgymnasium geleitete Versammlung verlief harmonisch und stand auf einem überaus hohen Niveau. Die Tageszeitungen aller Richtungen veröffentlichten eingehende Berichte, in denen sie sich befriedigt über den Abend aussprachen So schreibt der „Schwäbische Volksbote" vom 2. Dezember: „Wer glaubte, seine Sensationsgier befriedigen zu können, kam nicht auf seine Rechnung. Der Redner sprach llar und sachlich, seine Schlüsse stützte er aus eine Fülle von Material, und der beste Beweis für die Wahrheit seiner Worte war, daß trotz Freigabe der Aussprache kein Hakenkreuzler es wagte, auf die Fragen des Redners zu antworten nnd zu erwidern." AuS der Breslauer Repräsentanz. In der Versammlung vom 6. d. Mts. wurde nochmals eingehend über die Notlage der Breslauer Gemeinde verhandelt. Es wurde beschlosien, bei Gemeindemitgliedern Darlehn bis zum Betrage von insgesamt 60 Millionen Mark gegen Schuldscheine aufzunchmen. Die Darlehen werden mit 6 % ö c r) i n ft. Si« sollen zur Hälfte am 81. Dezember 1823, zur anderen Hälfte spätestens am 31. Dezember 1924 zurückgezahlt werden. Es wurde eine Anleihekommisston eingesetzt und der Vorstand aufgefordert, alle Ausgaben auf das Nol^endigst^ zu beschränken. Eine jüdische Erziehungskonferenz veranstaltet, wie wir schon kürzlich berichteten, die Zentralwohlfahnsstelle der deutschen Juden gemeinsam mit dem jüdischen Frauenbund am 26. und 27. Dezember in Berlin. Auf das Programm sind nunmehr folgende Punkte gesetzt worden: Die soziologischen Berhältn'sse der Juden in Deutschland; Notwendigkeit und Wege der Berufsberatung und ihr Einfluß auf die Erziehung der männlichen und der weiblichen Jugend; der Einfluß der sozialen Fürsorge aus die Erziehung; der Einfluß der ärztlichen Fürsorge auf die Erziehung; Religion und Erziehung; Elternhaus und Erziehung; Schule und Erziehung; Anstalt und Erziehung; Jugendbewegung und Erziehung; Einfluß neuzeirlicher Strömungen auf die Entwickelung der Jugendbewegung; die Erziehung der Erzieher. Hilfe für jüd'sche WohlfahrtSeinrichtunge» in Deutschland. Im Haushaltunasctat des Reichsarbeitsminisleriums ist auf Antrag des Re'chsverbandes der privaten gemeinnützigen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands eine Milliarde für die Unterstützung ge- und auch die „Winterballade" sind ja gerade wieder von christlichem Grundgestthl beherrscht, zeigen einen Menschen, durch Leiden zu Heiligkeit aufwachsend, durch den Tod sich entsühnend, reinigend vom Furchtbaren seines Lebens. * * ES scheint, datz Hauptmann die beiden am stärksten verschiedenen Ausprägungen der europäischen Kultur — Heidentum und Christentum — gar nicht als Gegensätze empfindet. Und es wäre doch möglich, daß dieses nicht für eine Oberflächlichkeit seines Geistes, sondern für eine Tiefe seines Gefühls zeugt, in dem sich auch die schärfsten begrifflichen Gegensätze lösen. Am Ende ist er auf einem ganz anderen Wege zu einem Ziele gekommen, daS der alte Goethe schon einmal erreicht hat, — dieser große Heide, der doch kurz vor seinem Lebensende geäußert hat, daß er vielleicht unter allen Lebenden heut allein ein wahrer Christ sei. HauptmannS wiedergekehrter Christ, der zum fünften Mal verkündete Gottesbote Emmanuel, und Hauptmanns im Geiste des großen Pan wiedergeborencr beidnischer Ketzer, sie haben doch manch merkwürdige Berührungspunkte, nicht nur im Negativen — nicht nur dadurch, daß sie fick zu allererst beide Dem den Formen der tief-vcrweltlichten Kirche freimachen müssen, auch der Rausch grenzenlosen Mitgefühls mit allem Lebendigen gewinnt bei beiden zuweilen einen merkwürdig verwandten Ausdruck, wenn auch der Heide die höchste Ekstase durch die unbedingte Besatzung, der Christ durch die völlige Neberwindung des sinnlichen Triebes erreicht. — In jenen Aphorismen, die Hauptmann in dem neuen Schlußband seiner Gesamtausgabe vorlegt und die von der Stärke seines Bewußtseins eine Vorstellung geben, die manchen überraschen wird, heißt eS einmal: „Natur, sich vollgenießend — ist Gott." Aber gleich darauf: „Schildere, wie alle Götter zum Altäre Jesu kommen. Warum? Weil er ein Mensch war. — Ihr bliebt nur Götter — er wurde Mensch." Hier dämmert die Erkenntnis, daß die christliche Idee nicht als seindlicher Gegensatz, sondern als höchste Ergänzung, letzte Steigerung des Heidentums gefühlt werden kann: nach allen anderen Offenbarungen der Natur wird schließlich ihr wunderbarste- Geschöpf, der menschliche Geist, vergottet. — Wenn Hauptmann an der gleichen Stelle „Duldsamkeit als die Religion der Zukunft" preist, so meint er nicht damit die Gefühlsarmut des Philister?, dem alles recht ist, weil ihm alles gleich ist, sondern er meint die Gefühlskraft eines Künstlers, der alles Große gleich stark zu fühlen vermag. meirinüßigtt Anstalten, die aus Mitteln der Länder, Gemeinden und' Gemeindeverbändcn nicht ausreichend unterhalten werden fönten, Be* willigt toorben. Der Zentralwohl fahrt-stelle der deutschen Juden wurde von diesem Betrag 16 Millionen für jüdische Anstalten zur Fürsorge für Leidende, Hilflose, Bedürftige und Gefährdete zur Verfügung gestellt, die in aller Kürze gemeinsam mit dem Bund jüdischer Kranken- und Pflegeanstalten Deutschland-, welcher der ZentralwohlsahriSstelle als Mitglied angehört, zur Verteilung gelangen. 2 Millionen davon sind an den Wirtschaftsbund gemeinnütziger Wohlfahrtseinrichtnngen Deutschlands abgeführt worden. Die Restsumme gelangt in aller Kürze zur Ausschüttung. Durch die Jüdische Welthilfskonferenz ist der Zentralwvhlfahrtsstelle der deutschen Juden die Summe von 10 Millionen für die vom Kriege und besten Folgen betroffenen notleidenden Wohlfohrtseinrichtunpen Deutschlands zur Verfügung gestellt worden, die ebenfalls in allernächster Zeit verteilt werden. Eine Festschrift zum zehnjährigen Bestehen des „Jüdisch-liberalen Jugendvere ns BrcSlau" ist erschienen. Sie enthält folgende Beiträge: 1. Geleilwort von Inserat Bernhard Breslauer; 8. Rabbiner Dr. Bogclstein-Breslau: Was bedeutet Abraham Geiger für unsere jüdisch-liberale Jugend?; 3. Fritz Stoll, Breslau: Geschichte des jüd'.sch-liberalen Jugendvereins zu Breslau; 4. Rabbiner Dr. Riegev- Stuttgart: Die Geschichte der liberalen Strömungen und Gegenströmungen in der Breslauer jüdischen Gemeinde; 5. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin: Die Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine in Deutschland; 6. Rabbiner Dr. Sel'gmann, Frankfurt a. M.: Geschichte der liberalen Bewegung seit Mendelssohn. Die Schrift, die dem Andenken Abraham Geiger-, besten Bild sie ziert, gewidmet ist, verdient besondere Beachtung als erste größere Veröffentlichung, mit der die Jugendbewegung des Liberalismus hervortritt. Durch sie ist die leider so geringe Zahl liberaler Flugschriften um eine vermehrt, die in geeigneter Weise über die historisch- Grundlage des heutigen jüdisch-religiösen Liberalismus orientiert. Sie sollte darum weiteste Verbreitung finden. Der Preis ist mit 150 Mark außerordentlich niedrig gehalten. Bestellungen sind entweder direkt oder durch Vermittelung der Ortsgruppen an den Jüdisch-liberalen Jugendverein, Breslau, zu richten. Vüchertisch Dr. M. Ascher Sexuelle Fragen vom Standpunkte Be- Jndeutmns. Verlag A. I. Hofmann, Frankfurt a. M., 1922. Der jüdische Liberalismus läuft Gefahr, sich auf die abstrakte Verbreitung ethischer Postulate zu beschränken und damit auf konkrete Lebensgestaltung zu Verzichter«. Ihr zu begegnen, Witt) er, auch z« scheinbar so höchst persönlichen Dingen, wie es die Erscheinungen des Sexuallebens sind, in zarter und behutsamer Meise Stellung mhmen mästen. Und zwar «ine wesentlich andere, als sie der orthodoxe Verfasser in seinem oben genannten Büchlein genommen hat, der die wenigen Fragen, die er überhaupt behandelt, einfach mit dem Hinweis auf die bindende Autorität des religiösen Gesetzes etleb'gfc Der Grundfordcrung des Verfasters, Eheschließungen zwischen 18 und 20 Jahren, stehen doch nicht nur unüberwindliche ökonomische Schwierigkeiten, sondern auch psychologische Bedenken schwerster Art gegenüber. Aber — und das ist schlimmer — der Verfasser ahnt überhaupt nicht, daß unserer Jugend das Verhältnis der Geschlechter selber wieder zum Problem geworden ist. Der Not, die uns auf der Seele brennt, ist mit noch so wohlgemeinten allgemeinen pädagogischen Ratschlägen nicht zu helfen. Zwischen ihm und uns gähnt eme Kluft. So stehen wir nicht an, den vom Verfaster zustimmend' zitierten Satz: „Wenn deine Tochter mannbar ist. so schäme dich nicht, deinen Diener zum Freier zu machen, wenn du kemen anderen Mann für sie findest", für unsittlich Md somit für unjüdisch zu halten. Wir sehen in der in diesem Satz prägnant zum Ausdruck kommenden Familienmoral die Wurzel des Eheschachers, der, statt zur Veredelung, zur Verelendung unseres Stammes beiträgt. Wenn der Verfaster sich schließlich als praeceptor judaicus zu der DehauptMg versteigt, daß z. B. Anhänger des Zweikinder^ystemS das Recht verwirkt hätten, sich als Inden zu betrach-en. verbitten wir uns mit aller Entsch-edenheit eine derartige Intoleranz, die dem Verkünder einer prophetischen Menschheitsreligion wahrlich schlecht ansteht. W a 11■ pr Loewen stein. M Ms hebräischer Poesie ♦.. .... Der Geliebten. Don Moses (bn Esra. Die Welt wird unsre Liebe seltsam finden, — So grausam Du, — ich weiß es zu verwinden! Don Spott bedroht, verschließe ich mein Herz; Du kennst mein Leid — und mehrst durch Flucht den Schmerz) Ohn' Dich ist mir die Welt ein Kerker nur, Und Wildnis Alles, wo nicht Deine Spur. Dein Wort — «in Honig, der mich nicht erquickt! Dein hauch — ein Dust, der Andere beglückt! — Bist jung, voll Geist, ein Reh, das Löwen zwingt, — Das Liebende, ach! zur Verzweiflung bringt. Mit Deiner Schuld wächst meine Liebes last — Du lebst in meinem Aug', in meiner Brust. Und glutvoll ist die Brust, bas Aug' voll Zähreu — Bin krank — und trag' nach Heilung kein Begehren! Dir bleib' ich treu» bis um sich kehrt das All! Leb' wohl! so lang nur schlagt dt« Nachtigall. — (Deutsch von S. I. Kaempf.) Glaubensmut. Don Salomo Jbn. Gabirol. r£n> Weltalls Herr! Mit Dir im Bund schwing' kühn Den Arm ich gegen Feinde — und sie wanken! Du, Gott, vor Dem der Abgrund offen liegt, Kennst ihre mir gehässigen Gedanken. Doch ich vertrau' auf Dich und fürchte nichts, Und träten selbst die Sterne tn die Schranken! (Deutsch von 8. I. Kaempf.)

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