Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 50 (15.12.1922)
- Date
- 1922-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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haus, in unsere Wohnungen, möchte unsere Sichler verlöschen. Unsere Lichter aber kann niemand verlöschen, lassen wir sie nicht selbst erlöschen. Sie sind das Wunder in unserer glaubenslosen Zeit. Der Sturm der Weltgeschichte hat gegen sie geblasen; die FlZmmchen waren stärker alder Sturm. Ein Strom von Blut und Tränen hat sich über sie ergossen; Licht erlosch nicht im Wasser. Mit eisernen Ketten hat man sie niederziehen wollen; Wachs war stärker als Eisen. Denn in den Lichtern flammt der Lebenswille, die Zukunftshoffnung unseres Glaubens. Der Feind in der Burg wird müde werden, wenn er sieht, daß wir nicht müde werden. Wir feiern Chanukah nicht als Kriegssest vor einem Krieg: nicht als Siegessest nach einem Krieg. Wir feiern es iüs Weihefest, als Lichterfest, trotz der feindlichen Burg aus die Zukunft vertrauend. Weihnachten oder «thamikah? Von George Göh, Danzig. Mit besonderer Liebe ist die Haftara für den Chanukah- Sabbath ausgewählt worden: von dem Propheten Secharja, der die erste Wiedereinweihung des Tempels unter Esra nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft miterlebt hat, vernehmen wir die auch für die Makkabäerkämpfe bezeichnenden Worte: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern nur durch meinen Geist — spricht der Ewige Zebaoth". In der Tat, nicht durch Macht und Kraft, sondern nur durch Gottes Geist wurden die Makkabäersiege errungen, und nicht als politische Ereignisse vergangener Jahrhunderte sind sie zu werten. Sie sind nicht mehr politisch oder national als beispielsweise der Auszug aus Egypten und überhaupt alle Ereignisse, über die uns das Alte Testament berichtet. Das Nationale bildet wohl den Hintergrund, aber die Geschehnisse selbst sind weit mehr als national. Der Entscheidungskampf zweier Kulturen wurde bei EmauS und Bethoren ausgefochten: ohne die Makkabäersiege gäbe eS heute kein Judentum, kein Christentum, keinen Islam, nie hätten in Rom Päpste, nie in Bagdad Khalifen gesessen, Deutschland würde keinen Luther, keine Reformation gehabt haben, und wenn uns auch vielleicht der dreißigjährige Krieg erspart geblieben wäre, so würde uns andererseits auch die Bibel, die Grundlage all' unserer Literatur und bildenden Kunst unbekannt sein, unbekannt mit ihr die Grundlage unseres staatliches Lebens, das Zehnwort vom Sinai, unbekannt vor allem das Gebot der SaLbath-Ruhe, Welches ja das Grundgesetz allen sozialen Lebens ist, gleichgültig, ob es nun am Sadbalh der Juden, am Freitag der Muhamedaner oder am Sonntag der Christen in Anwendung kommt, kurzum — die Welt wäre eine andere, — ärmere, hätte nicht Makkabi die Kulturschähe Israels vor zerstörungswütigen Feinden für die Nachwelt gerettet. Wenn wir daher durch unser Chanukah-Fest die Siege Makkabis noch heute bejubeln, so komme man uns nicht mit dem klassischen Zuruf: „Ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied!" Unser Chanukah-Lied ist weit mehr als ein politisch Lied und Juda Maklabi weit mehr als ein Nationalheld der Juden oder der Zionisten! Um eine Idee hat er gestritten, den Sieg des Geistes Weniger wider die Dumpfheit der großen Masse, den Sieg des LichtS wider die Finsternis hat er errungen; Licht fest nennen wir daher seine Tempelweihe, Fest der Minorität könnten wir es mit gleichem Rechte nennen, denn, wie die Juden unter den Bölkem, so ist auch daS Licht gegenüber den Dämonen der Finsternis, der Geist gegenüber dem Ungeist, Menschenliebe und Gerechtigkeit gegenüber der Macht und der Rohheit stets in der Minderzahl tmb dennoch stets siegreich! Sind das nicht Gedanken, Ausblicke, die uns das Chanukah- Feft gerade heutzutage besonders lieb machen sollten, statt daß es bei modemen Juden so oft als vollwertiges Fest kaum gewürdigt oder höchstens als Anlaß zu oberflächlichen Allerlei Beamte, allerlei Volk. Ein Blatt aus meinen Erinnerungen. Von Bernhard Breslauer. (Schluß.) In Berlin hatten sich nach und nach zwölf jüdische Flüchtttngsfamilien zusammengesunden, die die Grenzkomitees umaangen hatten und völlig vermögenslos waren. Man hatte sie in das Asyl für obdachlose Familien gebracht. Da sie sich aber nicht an das Komitee gewandt hatten und sich auch sonst nicht die Mittel zur Weiterreise beschaffen konnten, wurden sie allmählich lästig. In einer der täglichen Konferenzen im Ministerium des Innern machte der Herr Kommissar auf die Familien aufmerksam und fragte, ob sich das Komitee nicht mit der Beförderung der Familien befassen wolle. DieS wurde zugesagt für den Fall, daß der Herr Polizeipräsident sich deshalb an das Komitee wenden würde.' Ob sich das Komitee nicht an den Herrn Polizeivräsidenten wenden wolle? Das wurde abgelehnt mit Rücksicht darauf, daß der Herr Präsident daS Komitee völlig ignoriere. Lächelnd meinte der Herr Kommissar: „Run ja, der Herr Polizeipräsident gilt in gewisser Beziehung als besonderscharf." „Das macht nichts aus," lautete die Antwort, „wir haben auch sonst mit manchem Beamten von antisemitischer Gesinnung zu tun; aber der Herr Polizeipräsident beachtet grundsätzlich nicht das Reskript des Herrn Ministers, in dem die Zusammenarbeit mit dem Russenkomitee angeordnet ist." „Run," meinte der Herr Kommissar lächelnd, „wie wär's, wenn wir uns eine Droschke nähmen und zusammen zum Herrn Präsidenten führen, um die Hache zu besprechen." „Auch das muß ich dankend ablehnen. Der Herr Präsident hat sich, nach jenem Reskript, an unS zu wenden und nicht wir an ihn." „Na, die zwölf Familien leiden ja vorläufig keine Not, ich werde sehen, was sich in der Sache tun läßt." Einige Tage darauf kam ein Brief deS Polizeipräsidenten an das Russenkomitee, der von dem Herrn Präsidenten selbst gezeichnet war und in dem der Herr Präsident auf die zwölf Familien aufmerksam machte und anfragte, ob das Komitee sich nicht ihrer annehmen wolle. Roch an demselben Tage waren die zwölf Familien der Leitung des AuSwanderer-Vahnhofs in Ruhleben zur weiteren ressortmäßigen Behandlung zugeführt. — Und wie die Beamten, so die Untergebenen, wie diejenigen, die den Menschenstrom leiteten, so die, die mit ihm schwammen. Gute und schlechte, gerechte und ungerechte. VergnWmgen genommen wird? Sind das nicht ®e?' dankengänge, die wir heute besonders nötig haben, die das Chamlkah-Fest beinahe modemer erscheinen lasten, als alle anderen Feste des jüdischen Kalenders? Denn wie die Juden jener vergangenen Tage durchleben gerade wir heutigen Juden hier und in Deutschland Zeiten wüstesten Judenhasses, Zeiten der Verfolgung und Bedrohung, der Verleumdung unseres Glauben? und unserer Glaubensgemeinschaft, und heute gerade wie einst kämpft Israel gegen eine unüberwindlich scheinende Uebermacht. — Darum möge dieses Chanukah-Fest jedem Juden klarmachen, daß heute wie einst nur Eines uns retten kann: Treue! Treue am Bunde mit Gott! „Wer für daS Gesetz eifert und den Bund halten will, der folge mir nach!" — diese Worte des Mathathia richtet das heutige Chanukah-Fest an ieden einzelnelt Juden und mahnt ihn, an Charakterfestigkeit und Treue jenem priesterlichen Greis und seinen Heldensöhnen nachzueifem. Mit tiefer Beschämung erfüllt es uns daher, daß in den Tagen, da wir der Makkabäer und Märtyrer gedenken, jener Mutter, die mit ihren sieben Söhnen für das Judentum in den Tod ging, wenn in diesen selben Tagen Glaubensgenossen von uns — gleich den jüdischen Griechlingen der vergangenen Zeit — die Sitten Andersgläubiger nachahmen und nachäffen. Man wende nicht ein, Weihnachten sei ein bürgerliches Fest! Bürgerliche Feste dürfen wir mit ollen Bürgern des Staates feiern, wie wir das Neujahrsfest am ersten Januar begehen. Weihnachten aber, r: OOCOOOOC<X>OOOOCOOl Rn Um MMpen unü einzelnen SIMM'. Wir bitten dringendunS schleunigst die fälligen 0 Jahresbeiträge für 1922 übermitteln zu wollen. Sogar A von einigen größeren Ortsgruppen sind bisher die Bei-;/ träge nicht ein^egangen. Don vielen kleineren, aber nicht {} minder vermögenden Ortsgruppen gilt das Gleiche, ft Wiederholte Mahnungen waren ohne den gewünschten Erfolg. Darum wenden wir unS in letzter Stunde nochmals an die Ortsgruppenleiter und die einzelnen Mitglieder. Laßt in der heutigen lZeit unsere Organisation nicht eingehen! Zahlt Beiträge! Gebt ein» malige größere Spenden! Werbt neue Mitglieder! Doppelt gibt, wer sofort gibt l Eine Zahlkarte liegt bei. Veeelntgung für öas liberale Judentum. €. v. Postscheckkonto: Berlin NW. 7 Nr. 137069. das Geburtsfest des Heilandes der Christenheit, geht uns Juden so wenig an, wie sein Todestag, Karfreitag. In allen Angelegenheiten des Staates, des bürgerlichen, politischen und gesellschaftlichen Lebens dürfen wir unS der Sitte der Umwelt anpassen, sollen es tun, — das aber, was unsere innerste Eigenart ausmacht, das Religiöse, das müssen wir aller Welt zum Trotz uns erhalten, unwandelbar und für alle Zeit. Weihnachten ist das Fest einer anderen Religionsgemeinschaft, und jeder, der es ein bürgerliches Fest nennt, betrügt sich selbst, sucht etwas zu beschönigen, was nicht zu beschönigen ist. Denn es läßt sich nicht beschönigen, wenn ein jüdischer Vater Poesie und Gedanken deS Christfestes in die empfänglichen Gemüter seiner Kinder einpstanzt und dadurch die jungen Seelen dem Väterglauben abwendig macht. — Die Schönheit des Weihnachtsfestes nnd der WeihnachtSgeschichten sollen hier nicht abgeleugnet werden; glücklich der Christ, der sich die Empfänglichkeit für dieses herrliche Fell bis in die Tage des Alters bewahrt, — aber dreimal unglücklich das jüdische Kind, dem elterlicher Unverstand die Kerzen jenes Spottgebildes entzündet: des jüdischen Christbaums! Keine Erleuchtung bringen diese Lichter nnd keine Erwärmung, sondern Finsternis der Seele und Kälte des Gemütes. Denn wenn solche Kinder älter werden und zu denken beginnen, werden sie Judentum und Christentum gleich gering achten, als Erwachsene werden sie lediglich den materiellen Vorteil der Weihnachtszeit erkennen; das gute Geschäft in der Zeit vor dem Fest und die angenehme Erholung und Freiheit an den Weihnachkstagen selW religiöse Erhebung aber werden sie nicht erfahren. Besten^ falls werden sie im Zwiespalt mit sich selber sein, werden in der Poesie des Weihnachtsfestes Befriedigung nicht finden^ während die Poesie des Chanukah-Festes ihnen unbekanrch sein wird. Sie werden vielleicht Liebe zum Judentum fühlen^ aber infolge der gewaltsamen Entfremdung werden sie nichts davon wissen, — daß auch Chanukah ungeahnter Poesie voll ist.; Man klage nun nicht etwa diese Kinder selber an imb! sage, sie verlangten nach dem Christbaum, den sie bei Nachbarn und Mitschülern gesehen haben. Der Wille dev Eltern, nicht der der Kinder, soll regieren, aber abgesehen davon — wer seinem Kinde ein rechtes Chanukah-Fest zik feiern weiß, dess' Kind wird das Weihnachtsfest nicht entbehren. Glücklich daher das jüdische Kind, dem eines frommen Vaters Hand das Licht der Menorah entzündet und ihm in sein kindliches Hirn fest einprägt, die erhabenen Gestalten unserer Vergangenheit, die allen Juden, Jung oder Alt/ Vorbild sein mögen bei allem ihren Tun? — Glücklich, ein solches Kind! es hat acht heilige Abende statt des einen der christlichen Nachbarskinder, acht heilige Abende^ einen immer schöner als den anderen,—- und der letzte, wenn alle Kerzen der Menorah ihr freundliches Licht ver 7 breiten, mag durch Ueberra sich ungen und allgemeines Beschenken der Familien Mitglieder und Freunde — aber auch der! Trauernden und Armen, dies möge', keiner vergessen! — in besonders fröhliche Stimmung hinaufgehoben werden/ damit wir dem im Makkabäer-Buch verzeichneten Gebot' Juda Makkabis folgen: „Juda und alles Volk Israel bestimmten, daß man alljährlich vom 25. Kislev. an acht Tage lang des neuen Altares fest halten solle mit' Freude und Danksagung!" Die jüdische Gegenwart •4444444 44444444 444444*444444444»>444444 4444 *■*** 4444444» >44444444 4444444 444*4444 Au öen Berliner Repräsentantenwahlen. Bon Rech:sanwalt Dr. Waller Breslauer. Die Nachricht in der letzten Nummer unserer Zeitung, daß bet Liberale Verein beschlossen hat, einem Dahlkompwmitz mit den anderen Parteien seine Zustimmung zu geben, richtiger gefaßt: zur Vermeidung eines Wahlkampfean der Aufstellung einer Einheitsliste aller Parteien mitzuwirken, wird bei manchem Leser Erstaunen erregt haben. Die Liberale Fraktion hatte bisher eine Mehrheit von 12 unter 21 Sitzen. Nach den getroffenen Abmachungen wird sie auf 10 Sitze beschränkt und der Vertreter der neu aufiretenden Handwcrkergruppe wird das Zünglein an der Waoe zwischen Liberalen einerseits, Orthodoxen und Ziowsten andererseits bilden. Zwar ist dem Liberalen Verein auf das bestimmteste versichert worden, daß der betreffende Herr, Glasermeifter Wilhelm MarluS. weder orchodox noch Nationaljude ist — immerhin ist die Mehrheit der Liberalen dahin. Die Gründe, die den Verein trotzdem zu den getroffenen Abmachungen bestimmt haben, waren die folgenden: 1. Die Situation der deutschen, auch der Berliner Judenheil gegenüber ihrer andersgläubigen Umwelt ist zur Zeit unstreitig eine äußerst prekäre und gefährdete. Der Ant semikismus tritt 'mmer selbstbewußter und kriegerischer auf. Der geringste Anlaß kann die glimmende Glut zu heller Flamme entfachen. Ein in der Oesfentlichkeit geführter Wahlkampf könnte leicht solchen Anlaß geben. T e Liberalen wären bereit gewesen, den Wahlkampf ohne öffentliche Versammlungen und die von ihnen von jeher abgelehnte Litfassäulen- Propaganda zu führen, die Wahlbewegung somit auf den Kreis der Gemeindemitglieder zu beschränken. Don der anderen Se-te. insbesondere der zionistischen Jüdischen BolkSpartei, war solche Selbstbeschrankung nicht zu erwarten. De Verantwortung aber, durch den Wahlkampf die Berliner Judenheit an Leib und Besitz zu gefährden, konnten und wollten die Liberalen unter allen Umständen vermeiden. 8. Der Wahlkampf hätte gewaltige Summen Geldes verschlungen. Die Gemeindeverwaltung bezifferte die Ausgaben für die Ber chtigung Zu den ersten Tagen, in denen die Auswanderer durch Berlin kamen, wurden sie auf dem Charlottenburger Dahnhof gesammelt. Als ich durch die Haufen ging, um nach Ordnung zu sehen, erblickte ich plötzlich ein bekanntes Gesicht. Ein Auswanderer wie alle anderen, in derselben Kleidung, mit demselben Packen, aber ein alter Bekannter. Ich kannte ihn schon lange von der Armenverwaltung der jüdischen Gemeinde zu Berlin her. Ich ging auf ihn zu und fragte ihn, was er hier mache. Er sei anSgewicsen, meinte er. Aus die Frage, wie er heiße, murmelte er etwas Unverständliches. Cr solle nicht die Unwahrheit sagen, meinte ich darauf. Cr heiße Aron Heimann. ..Ja, Herr," antwortete er. Und er wohne in der Ackersttaße. „Ja, Herr." Was er denn hier unter den Auswanderern suche? „Ich habe gedacht" — „heraus mit der Sprache," — „ich habe gedacht, ich werde hier leichter nach Amerika kommen." Tie nächste Straßenbahn brachte ihn mit seinem Packen nach der Ackerstraße zurück. — An jedem Donnerstag-Vormittag um 11 Uhr durften die Flüchtlinge, die die Grenzkomitees umgangen und sich in Berlin eingefundcn hatten, auf dem Büro des Russenkomitees von 1891 erscheinen. Eines Donnerstaghatte sich eine Anzahl richtiger Falstaff-Rekruten eingefunden. Eine Reihe von Gestalten, wie man sie selten zusammen sieht. Grade, krumme, schiefe, bucklige, alles durcheinander. Mitten darin ein Mann im langen, fleckigen Kaftan, zwei schwarze, fettige Locken rechts und links, mit einem wehmütigen Lächeln auf dem Gesichte. Ich ging die Reihe entlang und fragte die Leute nach ihrem Begehren. Als ich zu dem Mann im schwarzen Kaftan kam und ihn ansprach, antwortete er im vollen Jargon, gab an, daß er ein „Gelehrter" sei und daß er habe fliehen müssen. Während er sprach, schoß mir der Gedanke durch den Kopf, der Mann ist gar kein Jude, und ich sagte eS ihm direkt ins Gesicht. Hoch und heilig versicherte er mit Mund und Hand, daß er Jude sei und wollte eS bei seinem Leben beschwören. Da rief ich ihm zu: ..Sagt mal Schmäh," ldas Hauptgebet der Juden, das mit den Worten „Schmäh jiSroel" — „Höre Israel" — anfängt). Cr begann zu zittern und konnte eS nicht. Cr war kein Jude und kein Flüchtling, sondern ein Schwindler und wahrscheinlich ein Spion, der sich unter die Flüchtlinge versteckt hatte. Sein Käppchen flog mit den daran befestigten beiden falschen Locken auf die Erde, und er war schneller aus dem Büro heraus, als er hereingekommen war. — Ein anderer DonncrSiag-Vormittag um elf Uhr. Fünf Leute waren auf dem Büro erschienen. Drei Männer und zwei Frauen. Groß, stark, blond, mit blauen Augen, jüdische Ackerbauer aus Süd-Rußland. Ein junges Ehepaar, die Schwester des Mannes und ein Bruder der Frau, der Fünfte ein Freund der Familie. Die junge Frau in gesegnetem Zustande. Sie kamen aus dem Gouvernement, dessen Gouverneur nach Petersburg eschrieben hatte, man solle doch um GotteswNlen dafür sorgenaß die Juden seine- Amtsbezirks nicht verfolgt und nicht ausgewiesen würden; in seinem Bezirk seien die Juden fast ausnahmslos Ackerbauern; Geldgeber und Wucherer sei keiner von ihnen, dieseien ausschließlich orthodoxe Christen. Trotzdem kam eS auch in jenem Gouvernement zu Pogromen. Jene fünf Flüchtlinge waren auf dem Acker beschäftigt, als sie plötzlich hörten^ daß in ihrem Heimatsorte ein Pogrom ausgebrochen sei, und sie Feuer aus den Häusern aufsteigen sahen. Kurz entschlossen begaben sie sich vom Acker weg auf die Flucht; wanderten durch Rußland, schlichen sich über die Grenze und wanderten weiter auf Berlin zu. Hier waren sie an jenem Donnerstag-Morgen eingetroffen, ein Schutzmann hatte sie zur Armenverwaltung der jüdischen <3cuv:inbe und diese sie in das Russenbüro verwiesen. Ich ließ ihnen Milch und Butterstullen bringen, die junge Frau aber würgte und würgte und konnte keinen Schluck und konnte keinen Bissen heruntcrbringen. Plötzlich brach sie in ein jämmerliches Schluchzen aus, sie habe die letzten Tage gar nichts mehr gemessen, außer einigen trockenen Brotrinden; um die Städte seien sie herum gegangen, Lei den Dörfern hätten sie gefürchtet, man werde sie als Juden mißhandeln: jetzt endlich sühie sie zum ersten Mal, seit die sie Heimat verlassen, daß sie in Sicherheit sei. — DaS junge Paar durfte einige Wochen in Berlin bleiben, biS es dann, den neugeborenen Sprößling auf dem Arm, den Verwandten und Freunden in die neue Heimat nachfolgte. — Karl Emil Franzos, Ehrenschriftführer deS RufsenkomiteeS von 1891, wohnte eine- Tageder Beförderung der Auswanderer bei. ES war bekannt, daß Handwerker in erster Reihe befördert würden, und nun meldeten sich solche jeder Art. Franzos erzählte: Bei einer früheren Beförderung habe er an dem VorstandStisch gesessen und mit expediert. Die Auswanderer seien immer zu vieren herein- und nach Erledigung ihrer Wünsche herausgelassen worden. Plötzlich sei ihm ausgefallen, daß auf die Frage nach dem Beruf einer nach dem anderen geantwortet habe: „e' Schneider." Da habe er, Franzos, sich zu seinem Nachbar am Borstandstisch umgedreht und gesagt: „War' einer wenigstenein Hühneraugenschneider." Als die nächsten Vier vor den BorstandStisch traten, wird der Erste gefragt, was er fei, und die Antwort tautet prompt: ,,e' Hühneraugenfchneidcr." Die weiteren Fragen ergaben dann, daß die vier Herausgetretenen erzählt hatten, drmuen werde ein Hühneraugenschneiver gewünscht. Deshalb hatte der Befragte sich als solchen bezeichnet« Was das für ein Handwerk wäre, wußte er nicht, nicht einmal, was Hühneraugen seien . . . L>