Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 50 (15.12.1922)
- Date
- 1922-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Grgan der Vereinigung für das liberale (Judentum e. V. Bezugspreis durch die «eschaflsstrlle '/< iiihrllch am. <3.— Linzelnunimer. ,, 4.30 Alle die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Milglledsbeitrage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die cm breite MlMmeterzeile 3TM.8.— Famillenanzeigen 0Nk.6.39. Bel Wiederholung Krinützlg. Die „Jüdisch-liberale Leitungerscheint jeden Freitag und w.it zwei monat- Üchen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugenbverelne". Nr. so * 15. Dezember 1922 Redaktion: Berlin WS. ORauerftr. 22 (Bereinigung fflc das liberale Judentum e. B.) Fernruf: Amt Zentrum 162 Geschäftsstelle u. Anzeigenannahme: Breslaus. Reue «Sraupenstr. 7, Buehdruckerel LH. Schatzkg <L.m.b.H. Fernruf: Amt Ring 4SI und 4000. Sämtliche Zahlungen. Postscheckkonto Breslau s? der Fa. LH. Schatzkg S.m.bUH. Er«» ah steht Tür! Ihr wollt, daß Euer Organ auch nach dem 1. Januar noch erscheint? Ihr wollt, daß Luch die „Jüdisch-liberale Zeitung" auch weiterhin ein treuer Führer durch die jüdische Gegenwart bleibt? Warum tut Ihr dann nicht Bure Pflicht? wenn Ihr bisher noch keine Spende für die Erhaltung der „Jüdisch-liberalen Zeitung" gegeben habt, dann füllt sofort die anliegende Zahlkarte (Postscheckkonto Berlin NW 7 Nr. 137069) aus. wenn jeder unserer Leser nur dm geringen Betrag von 500 Mk. an uns abführen würbe, bann ist bas Weitererscheinen Eures Blastes gesichert! Chanukah ist das Pest der Geberfreude! wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß Ihr diesen Notruf hören, bah Ihr Euer Gewissen nlmmeemehk Mit brr Schuld beloben werbet, di« weiterblldung Eure Weltanschauung und die religiöse Zukunft Eure Linder gefährdet zu haben. Wir rechnen auf ble Kraft Eure« ftlblschen Herren«, und wissen: Ihr werbet un« nicht lm Stich lassen. D/e TXedattion der „Jüdifdi-liBeealen Zeitung". ml i Chanukahlichte. Siegesfest ober Weihefest? I Von Rabbiner Dr. Georg Wilde, Magdeburg. fl Zwei Bilder erblickten wir früher im Schein der Chanukah- Iic£)ter. Das eine sahen die Jungen, das andere die Alten. Die Jungen sahen dieses Bild: der Marktplatz in Modini, einer kleinen Stadt bei Jerusalem. Ein Götzenbild ist errichtet. Shrische Soldaten umgeben es schirmend. Die Jllden der Stadt füllen den Markr. Die einen zitternd vor Schrecken, die anderen bebend vor unterdrücktem Grimm. Ter feindliche Hauptmann befiehlt: Betet das Götterbild an; kniet niemand von Euch vor ihm, so svll die Stadt mit allen Bewohnern zu Grunde gehen! Grabesstille ringsum. Ein Jude schreitet auf das Götzenbild zu, er will opfern, er kniet nieder. Da, ein gellender Schrei durch die tiefe Stille. Malhatias, der Vater der Makkabäer, stürzt mit gezücktem Schwert durch die Reihen, am Altar den abtrünnigen Juden erschlagend, das Götzenbild umstoßend. Zum Schlachtfeld wird der Markt, die Syrer werden geschlagen. Die Makkabäer ziehen mit allen, die Waffen an der Seite, Mut in der Seele haben, ins Gebirge, den Freiheitskrieg beginnend. Wer dieses Bild sah, sür den funkelten die Chanukahlichter wie Lanzenspitzen. Die Jungen reckten sich empor, schneller rann ihr junges Blut, kampflustig blitzten wie Schwerter die Augen, grimmig ballten sich die Hände, als wollten sie eine Waffe'umschließen: recht so: erschlagt den Verräter, kämpft um Freiheit und Land! und sie träumten von Krieg und Sieg, von Ehren und Heldentod. Wir kennen jetzt den Krieg, wir kennen den Sieg; wir kennen auch Kriegsehren und Heldentod. Wir kennen den Krieg und wissen, er ist schlimmer als die Pest; denn die vernichtet nur die Körper und nicht auch die Seelen. Wir sehen den Sieg bei den Anderen und wissen, sie sind elender als vor dem Krieg. Wir kennen Kriegsehren und wissen: Blinder verteilt das Schicksal sonst nicht seine Gaben, als der Krieg die Ehren. Wir kennen Heldentod und wissen: Einige starben so, wie die Jugend träumt, im Angriff, im Sturm der Gefühle, im schnellen Tod, noch ein stolzes Leuchten auf dem Gesicht; aber Millionen starben jammervoll, von allen Qualen, allem Schmutz, allem Grauen einer Hölle umgeben. Unsere Gegner nennen unsere Religion eine Religion der Rache, aber sie selbst predigen den Rachekrieg. Unsere Jugend soll dieses Bild nicht im Strahl der Lichter schauen, nicht glauben, daß Mord und Krieg die Erlöser sein können. Unsere Jugend soll nicht auf die Zeit hoffen, in der die Schwerter morden, sondern nach den Worten unserer Propheten auf die Zeit, in der die Schwerter zu Sicheln, die Lanzen zu Rebenmessern werden. Aus dem Inhalt: Rabbiner Dr. Wilde: Siegesfest oder Weihefestl - George Götz: Weihnachten oder Ehanukah? » Bernhard Breslauer: Allerlei Beamte, allerlei Volk. — Julius Bab: Gerhartftauptmann als Christ und Antichrist. — Aus hebräischer Poesie. * Die jüdische Gegenwart. — Dr. Walter Breslauer; Zu den Berliner Repräsentantenwahlen. — Büchertisch. — Antworten. württembergische Staatshilfe für jüüifche Gemeinden. In der Sitzung des Finanzausschusses des Württembergischen Landtages vom 80. November erbat das Kultusministerium die Ermächtigung, der israelitischen Zentralkirchenkasse für das laufende Rechnungsjahr, vorbehaltlich der späteren Verabschiedung durch den Landtag, eine einmalige Beihilfe zur Aufbringung des Besoldungsbedarfs im Betrage von 1,8 Millionen Mark auszahlen zu dürfen. Der Kultusminister gab eine eingehende Darlegung über die sinan- \ zielte Belastung der israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg. Er teilte weiterhin mit, daß das Finanzministerium seine Zustimmung zur Gewährung weiterer Staatszuschüsse nunmehr an die Bedingung geknüpft habe, daß die israelitisch? Nelig'onsgcmcinschast zunächst durch allmähliche Einschränkung des Personalbestandes den \ Weg der Selbsthilfe beschreite. Ein Vertreter des Zentrums bc grüßte das freiwillige Eintreten der Staatskasse und äußerte Bejj denken dagegen, den Staatszuschuß an Voraussetzungen zu kniipfcu Hierauf wurde gemäß dem Anträge des Berichterstatters der Regierung die Ermächtigung zur Auszahlung des Staatszuschusses mit | zwölf gegen eine Stimme, bei zwei Stimmenthaltungen (Sozüldemokraten), erteilt. Eine feine „Gesellschaft". In Wien besteht seil einiger Zeit unter der Maske emes Wohltätigkeitsunternehmens die „Schwedische M i s s i o n s g e s e l l - schüft". Dieser gelang es, einige jüdische Kinder in ihre Obhut zu bringen, an denen sie die Taufe vollziehen ließ. Die Pol zei, die durch eine Demonstration der Eltern von dem Vorfall Kenntnis erlangt hatte, schritt jetzt ein und hat eine Untersuchung über die Doppeltätigkeit der „Schwedischen M i s s i o n s g e s e l l s ch a f t" eingeleitet. Es scheint, als ob die alten Praktiken der Judenmission, die ja stets nur durch Gewährung persönlicher Vorteile ihre spärlichen Erfolge erzielt hat, wieder von neuem aufzuleben beginnen. Und es wäre wohl an der Zeit, wenn man sich auch in Deutschland einmal mit dem sittenwidrigen Verhalten der Judenmissionare beschäftigen würde. Ein Bild vom Anfang des Krieges sahen die Jungen, ein Bild vom Ende des Krieges sahen die Alten. Die Alten sahen dieses Bild: Jerusalem und der Tempel. Drei Jahre hatte das Götzenbild im Tempel gestanden, entweiht war das Heiligtum des Herrn. Jetzt zieht Juda, der Makkabäer, mit seinem siegreichen Heere in Jerusalem ein. Jubel erfüllt die Herzen und schallt aus jedem Munde. Zum Tempel ziehen Volk und Heer. Juda vertauscht das blutige Waffenkleid mit dem weißen Priestergewand. Das ewige Licht entzündet er wieder mit dem Rest des heiligen Oel's. Die Chöre der Priester singen jubelnd: „danket dem Ewigen, denn er ist gütig", brausend erwidert tausendstimmig das Volk: „denn ewig währet seine Gnade". Friedlich und froh lag Stadt und Tempel, von Kriegs- und Seelennot befreit. " Die Alten freuten sich über dieses friedliche Bild und sahen nrit stillem Behagen an die Chanukahlichter. Jetzt verschwimmt aber dieses Bild; denn unruhig zucken die Chanukahlichter, weil wir selbst noch immer in Kriegs- und Seelennot leben. Ein drittes Bild sollen wir alle schauen, die Jungen und Men, ein Bild, das der geschichtlichen Wahrheit entspricht. Im Tempel zu Jerusalem stehen die Juden; freuen sich, das; ihre Männer aus dem Kriege heimgekehrt sind, freuen sich, daß sie wieder im Tempel stehen dürfen, blicken mit Vertrauen zu den Lichtern empor. Durch die Straßen ströint das Volk, rüstet sich, alles Zerfallene in Haus und Stadt wieder aufzubauen. Aber droben in der Burg sitzt noch der Feind — saß dort noch viele Jahre — blickt grimmig und höhnisch nieder auf die Stadt; schaut, hinein in den Tempelhof, bereit, jeden Augenblick den Frieden zu stören. Dennoch feiern die Juden das frohe Weihefest, entzünden die Lichter in Tempel und Haus. Das ist das Bild unserer Zeit. Das soll das Bild sein, das wir inr Leuchten der Chanukahlicher schauen. Noch steht der Feind im Land, immer noch drohend, friedliches Leben zu stören. Wir wollen unser Fest feiern, ohne die Hoffnung zu verlieren, ohne auf Mord und Krieg die Hoffnung zu setzen. Wächst Deutschlands einiger Wille, wächst sein Zukunftsglanbe, wie die Lichter am Chanukahleuchter, dann wird der Feind die Hoffnung verlieren und eines Tages die Burg wieder räumen. Es sitzt die Not unserer Zeit in der festen Burg und schaut grimmig in manch' niedriges Haus. Die Chanukahlichter sollen bcitnocf) leuchten mit wachsendem Schein, unsere seelische Kraft auszurichten, daß wir den Glauben «n kannuende bessere Tage nicht verlieren. Es sitzt der Judenhaß, unser alter Feind, wieder mitten im Land, schaut höhnisch mit giftigem Haß in unser Gottes- Auaendvereins-Aineiaen W* letzte Seite.