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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-12-08 · 49 (8.12.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
49 (8.12.1922)
Date
1922-12-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ereignisse im Kriege und nach dem Kriege haben das deutsche Judentum gezwungen, wieder einmal sich um Heimlose, geflüchtete Juden zu bemühen, ihnen mit Rat und Tat beizustehen, ihnen zu helfen, ein neues gesundes Leben zu beginnen. Die eigentliche Einwanderung von Ostjuden begann im Laufe des Krieges. Zwangsweise sind damals über 40 000 Ostjuden nach Deutschland gebracht worden. Der antisemitischen Hetze gegenüber kann auf diese Tatsache nicht kräftig genug hingewiesen werden. Die deutsche Judenheit hat ihre politische Schulung, ihr starkes Verantwortungsgefühl dadurch bewiesen, daß sie über die unerhörten und schmachvollen Vorkommnisse bei der Deportation jüdischer Arbeiter aus dem Osten nach Deutschland nicht berichtet hat, obwohl wahrlich genügend authentisches Material zur Verfügung stand. Den immerwährenden antisemitischen Angriffen gegenüber muß jedoch gesagt werden, daß die Deportation der ostjüdischen Arbeiter während des Krieges unter den rohesten und grauenvollsten Formen vor sich ging; daß in sinnloser Weise Menschen verschleppt wurden, die zur Arbeit garnicht geeignet waren; daß durch das Vorgehen der deutschen Besatzungsbehörde tausende und abertausende jüdische Familien zerrissen und vernichtet wurden. Unvergeßlich ist z. B. das Vorkommnis, wie die Bewohner eines Keinen litauischen Städtchens zum Besuch des dortigen Kinos aufgefordert und dann in ihren Sabbatkleidern aus dem Kino heraus ohne jede Auswahl verladen und zur Zwangsarbeit abtransportiert wurden. Greise und junge Mädchen, schwangere Frauen und Rabbiner, alle wurden verschickt. Sie waren der schweren Arbeit ungewohnt, sie hatten nicht genügend Kleidung, um sich gegen die Kälte zu schützen, was Wunder, daß ein außerordentlich hoher Prozentsatz auf der Arbeitsstelle starb, oder zu dauerndem Siechtum gebracht wurde. Der unheilvolle Stern, der liber diesen Menschen waltete, wollte es, daß ihnen nach Beendigung des Krieges die Rückkehr in ihre Heimat nicht möglich war. Seitens der Polen wurden diese Menschen, die gezwungenermaßen der deutschen Regiemng gefolgt waren, als Vaterlandsfeinde betrachtet und bei ihrer Rückkehr in die Heimat verfolgt und zu den schwersten Strafen verurteilt. In der chauvinistischen Hetze jener Tage waren Todesurteile gegen die Rückkehrenden keine Seltenheit. Diese Menschen waren also gezwungen, in Deutschland zu bleiben. Sie konnten verlangen, daß das Land, dem sie während des Krieges aufopferungsvoll gedient hatten, sie jetzt nicht in die Hölle, die sie erwartete, zurückstieß. Ein weiterer Zustrom ostjüdischer Flüchtlinge setzte nach sem Kriege ein. Die wahnwitzigen Pogrome in Rußland und der Ukraine, die grauenvollsten Judenverfolgungen die die Geschichte kennt, in denen hunderttausende jüdischer Menschen ihres Glaubens, ihrer Abstammung wegen hingeschlachtet wurden, erzeugten eine ungeheuerliche Panik. Wer flüchten konnte, floh, um das nackte Dasein zu retten. Ein Teil — zirka 50 000 — kam nach Deutschland. Zu ihnen gesellten sich noch Flüchtlinge aus den polnischen Pogromgebieten, sodaß die Gesamteinwanderung von Ostjuden wahrend und nach dem Kriege insgesamt 110 bis höchstens 120 000 betragen hat. Bei dieser Gelegenheit darf nicht unerwähnt bleiben, oaß diese Einwanderung nur einen Bruchteil der Einwanderung von Ausländern nach dem Kriege ausmacht. Aus der amtlichen Statistik des Reichsministeriums des Innern geht hervor, daß die zurzeit in Deutschland befindlichen Ostjuden nur 5% der Gesamtzahl der eingewanderten Ausländer bilden. Dabei ist zu berücksichtigen, daß in dieser Statisük die Zahlen der eingewanderten nicht jüdischen Russen, Ukrainer usw., die nach den amtlichen Feststellungen der Polizeipräsidenten der verschiedenen großen Städte die jüdische Einwanderung um ein vielfaches übersteigen, nicht mitgerechnet sind. Die Zahl der eingewanderten Ostjudcn hat sich nämlich im Laufe der Jahre 1919 bis 1922 um 50%, ulso um 60 000, vermindert. Daß dies geschehen konnte, ist der Arbeit der gesamten deutschen Judenheil zu verdanken. Schon im Jahre 1918 nämlich haben sich die sämtlichen großen deulschjüdischen Organisationen, wie Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Zionistische Vereinigung für Deutschland, Hilfsverein der deutschen Juden, Großloge U. U. O. B., Zentralstelle für Wanderarmenfürsorge, Jüdische Gemeinde Berlin usw. zu dem „Arbekterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands" zusammengefchlossen. Dieses Amt war und ist die Vertretung der gesamten deutschen Judenheit in allen Fragen der Flüchtlingssürsorge. Die Tatsache, daß sich das gesamte deutsche Judentum zu einer einheitlichen Organisation ohne Rücksicht auf Parteien und Parteiungen zusammenschlofi, war für dieses Hilfswerk von ausschlaggebender Bedeutung. Entrückt dem Tagesstreit der Meinungen und Ansichten wurde hier in rein praktischer Arbeit versucht, den Flüchtlingen zu helfen und damit dem deutschen Staat und dem deutschen Judentum. Nur so ist der außerordentliche Erfolg dieser Arbeit zu erllären. Es gelang, wie bereits betont, einem sehr großen Teil der Eingewanderten die Möglichkeit zur Abwanderung — sei es in die Länder nach Ilebersee, sei es nach dem europäischen Westen — oder zu einem Keinen Teil zur Rückwanderung in die Heimat zu geben. Nicht mit Ausweisungsbefehlen konnte diese Arbeit durchgeführt werden. Mt liebevollem Verständnis mußte jedem einzelnen Fall nachgegangen werden; festgestellt werden, wo die Verwandten sich befanden, ob irgend eine Möglichkeit bestand, die außerordentlich hohen Ueberfahrtkosten von den Verwandten zu bekommen; mußten Pässe, Einreiseerlaubnisse, Visa besorgt werden; kurz diese Arbeit war außerordentlich schwierig. Sie war nur möglich, weil inzwischen das amerikanische „Joint Distribution Comittee" das Arbeiterfürsorgeamt als seine deutsche Stelle anerkannt hatte und diesem Amt erhebliche Geldmittel zur Verfügung stellte. Denn dieses Hilsswerk erforderte sehr hohe Mittel. Es galt, nicht nur für die zu sorgen, die ausreisen konnten, sondem erst recht für diejenigen, die hierbleiben mußten. Deren Geschick hatte sich in den meisten Fällen geradezu tragisch gestaltet. Durch die Friedensverträge von St. Germain, die mit gleicher Sachkenntnis für die europäischen Bedürfnisse wie der Vertrag von Versailles zusammengestellt waren, und, in ihrem Interesse, den Siegerstaaten zu dienen, in gleicher Weise wirkten, waren die Mehrzahl der aus dem Osten Geflüchteten — nicht nur die Juden — staatenlos geworden. Es gibt keinen Staat, der diese Vertriebenen als seine Staatsbürger anerkennt. Sie können auf dem Papier ansgewiesen, sie können aber nicht zwangsweise abtransportiert werden. Da in Deutschland zur Zeit mit den russischen nichtjüdischen Flüchtlingen weit über 100 000 solcher Staatenloser leben, ergibt sich zugleich schon die rein praktische Unmöglichkeit, Internierungslager von dieser Größe zu errichten, ganz abgesehen von der Unmenschlichkeit einer derartigen Forderung. Dem Arbeiterfürsorgeamt war also die Aufgabe gestellt, nach Möglichkeit zu versuchen, diese Menschen als produktiv arbeitende in das deutsche Wirtschaftsleben einzugliedern. Es kann heute festgestellt werden, daß auch diese Arbeit in außerordentlichem Umfange gelungen ist. Zahllos waren die Schwierigkeiten, die sich dem entgegenstellten. Die gesetzlichen Bestimmungen erlaubten zwar dem Ausländer, Händler oder gar Schieber zu werden, sie verboten ihm aber — und verbieten ihm sogar zum Teil noch heute die Arbeitsaufnahme. Es galt das Vorurteil weiter Kreise gegen den jüdischen Arbeiter zu überwinden, es galt, die gesetzlichen Bestimmungen entsprechend zu beeinflussen, es galt vor allen Dingen, den verfolgten, gedrückten Flüchtling zu einem produktiven Arbeiter zu erziehen. An dieser Stelle können nur die Endresultate der bisherigen Tätigkeit verzeichnet werden. Ueber 40000 der in Deutschland verbliebenen Ost - juden sind heute als Arbeiter in der deutschen Wirtschaft tätig. Sie schädigen niemanden, sondem helfen mit, die deutsche Produktion zu vergrößem. Sie sind ein durchaus erwünschtes und gut arbeitendes Element unserer Volkswirtschaft geworden. Zahlreich sind die Zeugnisse von Arbeitgebern, die über die mit diesen Arbeitem gemachten guten Erfahrungen berichten. Dabei ist es gelungen, die osijüdischen Flüchtlinge sogar an solche Arbeiten zu gewöhnen, die ihnen bis dahin fremd waren, nämlich im Bergbau, in der Schwerindustrie und in der Landwirtschaft. Im Jahre 1921 waren im rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk zirka 15 000 ostjüdische Berg-, Hütten- und Industriearbeiter als Schwerstarbeiter tätig. Auch im mitteldeutschen Jndustriebezirk arbeiten zahlreiche Ostjuden. In der Landwirtschaft haben im letzten Jahre mehrere tm Kol märe. Von Alfred Hirschberg. Es war dem Manne, der in der letzten Bank untreit der Lür stand, anzusehen, daß er nicht in der Absicht von Hause tortgegangen war, um den Gottesdienst zu besuchen. Er machte, in seiner guten, aber nicht feiertäglichen Kleidung, mehr den Eindruck eines Menschen, den von einem sonntäglichen Spaziergange der Strom festtäglicher Gänger von der Straße fort in den Betsaal mitgcsührt hatte. Nun war er inmitten der GlaubenSbrüder — seit wieviel Jahren zum ersten Male? - und wenn er sich selbst bätte Rechenichaft adle gen sollen, weshalb er hier stehe - er hätte es nicht sagen können. Vielleicht waren es die Wortbrocken gewesen, die er bei Vorübergehenden gehört hatte — Jom Kippur, Kol nidre — vielleicht auch nur der gleichmäßig vertiefte Zug in den Gesichtern der Begegnenden. Vielleicht anckj, doch daran mochte :r nicht zu rühren, die Leere, die ihm plötzlich zum Bewußtsein gekommen war, die Inhaltslosigkeit seines inneren -^>en8 — trotz geistvoller Unterhaltung eben noch mit eleganten Menschen bei reichem Mahle. Der Vorbeter begann rezitierend die einleitenden Gelange. Im Betsaale, der das Jahr über anderen Zwecken diente, herrschte noch Unruhe, da Menschen kamen und ßch ihre Plätze suchten, den Tallis umnahmen und manche-: auch den Cterbekittel überzog. Durch die bemalten Scheiben merkte man den Abend dichter niedersinken. Ter weiße Schern der elertrrschen Kronen verlieh dem Saale imd allen in ihm Feiertasivschimmer. Ter fremde Mann blickte nur sich und sah den Raum und seine Umgebung mit einer gewissen prüfenden Nengrerde: Wie lange sah ich dies nicht — — — und Mienen und Gebete noch immer dieselben — — —? Die Gemeinde wiederholte einen ^censspruch, und die Lippen deL Mannes formten die Worte mit. Er horte den Klang nur, fremdartig die Worte, unbekannt ihr Sinn over der Klang — — Um ihn begann, aus Worten und Tonen, sich ein Retz zu spinnen, dessen Fäden ihn mählich nnt der ^"nen»de verbanden. Er sah alles um sich wie durch emen Schierer, serngerückt wie die Erinnerung an ein Traumbild. Seine Hände, die kein Machsor hieben, falteten sich. Eine kurze Stille trat ein. Und dann drang die Melodie des Kol nidre an sein Ohr. Ter Mann hörte kie nicht. Er hatte das Haupt gesenkt und lauschte in sich. Sprach nicht sein Vater zu ihm, ans dem Wege von Hause zur Schule, damals, als er zum ersten Male nach seiner Barmizwah zu Kol nidre ging? „Ich kann Dich jetzt nicht mehr lösen, mein Jung, wenn Du was versprichst und gelobst, und Tu hältst es nicht und es drückt darum auf Dir. Ueberlegs Dir, mein Junge, ehe Du künftig waS sagst. Denk nicht, Kol nidre löscht alles aus. Gebrochene Schwüre brennen ewig, mein Jung." Und der Vater hatte ihn wieder bei der Hand genommen, das erste Mal seit seiner Barmizwah, und bevor sie die Schule betraten, sah er ihm in die Augen: „So, mein Jung, jetzt bete Dein erstes Kol nidre." — Der Mann hörte nicht, wie die Orgel einsetzte, um zur Wiederholung des Gebetes überzuleiten. Seine gefalteten Hände lagen auf der Rücklehne der Vorderbank, und seine Augen sahen weit. Wieder, kräftiger begann der Mann das Kol nidre. Wer sprach dann noch einmal mit ihm über die- Gebet und seinen Sinn? Er saß in der Stube dem Rabbiner gegenüber, der sein Religionslebrer gewesen, um ihm Lebewohl zu sagen. Denn gleich nach Jom Kippur sollte er fort — zur Universität. Ter alte Mann kannte ihn gut, der ihm zum Abschied die Hand reichte : „Tu wirst übermorgen noch einmal in unserer Schul' das Kol nidre sagen. ... Ich weiß, Du hältst nicht viel von den alten Gebrauchen. Ich bitt Dich: Sage es noch dies eine Mal. Tu brauchst nicht an die Uebcrsetzung dabei zu denken. ... Ich will Dir was sagen. Tu brauchst es nicht gleich der ganzen Khillo weitorznerzählon. Tie denken sonst, ihr alter Raw ist noch ein Epikanncs geworden. Hör: Wenn Du Versprechungen gibst, und Tu hältst sie nicht, oder Tu gibst Gelübde ab, die Du dann brichst, da brauchst Tu nicht immer allein schuld daran zu sein. Wenn Du was versprichst, oder wer sonst deshalb was von Dir bekommen sollte, — sie alle haben Teil an Deinem Tausende Beschäftigung gesucht imd auch auf diesem schwierigen, ihnen ganz fremden Gebiete zufriedenstellende Leistungen erzielt. Besonders erfreulich ist das Verhältnis dieser Arbeiter zu ihren deutschen Kollegen. Wohl stand ihren die deutsche Arbeiterschaft zunächst fremd und abwartend gegenüber. Das hat sich sehr bald geändert. Es ist einfach nicht wahr, daß die jüdischen Arbeiter die Unruhstifter und Aufwiegler seien. Wie für alle änderet: antisemitischen Hetzmärcken und Lügen ist auch für diese Lüge in keinen: einzigen Fall ver Wahrheitsbeweis erbracht worden. Umgekehrt ist richtig, daß sich z. B. beim mitteldeutschen Putsch oder bei den Unruhen im Ruhrgebiet kein jüdischer Arbeiter irgendwie beteiligt hat. So liegen denn auch von den verschiedensten deutschen Gewerkschaften zahllose Schreiben vor, in denen die deutschen Gewerkschaften namens der deutschen Arbeiter erkläreu, daß der jüdische Arbeiter ihnen in keiner Weise unerwünscht ist, daß sie gern mit ihm zusammen arbeiten, daß er ein durchaus gutes Element in der deutschen Wirtschaft bildet. Damit kommen wir zu einer sehr wichtigen Nebenwirkrmg der Tätigkeit des ArbeiterftirsorgeamteS. Dadurch, daß es gelungen ist, die ostjüdischen Flüchtlinge zun: größten Teil, soweit sie in Deutschland verblieben sind, als Arbeiter der deutschen Wirtschaft einzugliedern, ist der antisemitischen Hetze eine der vergiftetsten Waffen aus der Hand geschlagen. Hier ist praktische Abwehrarbeit im besten Sinne des Wortes geleistet worden. Die deutschen Arbeiter arbeiten Schulter an Schulter mit ihren jüdischen Kollegen in der Grube, im Hüttenwerk, in der Arbeitsstube, sie wissen was von der antisemitischen Hetzfrage: „Habt ihr schon einmal einen jüdischen Arbeiter gesehen?" zu halten ist; sie arbeiten ununterbrochen mit diesem jüdischen Arbeiter. Nur ganz kurz kann an dieser Stelle auf eine der Hauptarbeiten des Arbeiterfürsorgeamtes eingegangen werden, auf feine Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden. Das deutsche Rote Kreuz hat dem Arbeiterfürsorgeamt offiziell die Fürsorgearbeit für alle jüdischen Flüchtling« zugewiesen. Die deutschen Behörden, insbesondere die preußischen, haben sehr bald die Bedeutung dieser Institution erkannt und ihr die Rechte gegeben, die anerkannten privaten Fürsorgeorganisationen zustehen. Diese Zusammenarbeit mit den Behörden ist von höchster Bedeutung. Denn die Behörden haben erkannt, daß sie dieser Institution ihr Vertrauen schenken dürfen. Und auch die deutschen Juden dürfen das Vertrauen haben, daß hier ein Werk geschaffen worden ist, das menschlich und politisch eine würdige Lösung der brennenden Problems darstellt und ihre Unterstützung verdient. I!| die Mische Gegenwart M Neber die Berliner Reprasentantenwahle« wurde ln einer Mitgliederversammlung des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" am 4. Dezember verhandelt. Ueber das Ergebnis werden wir in der nächsten Nummer der Zeitung ausführlich berichten. Grundsätzlich wurde einem Wahlkompromiß zugestimmt, durch welches von den 21 Sitzen der Repräsentante»Versammlung 10 den Liberalen, je ö den Orthodoxen und den Zionisten und einer dem Verein selbständiger jüdischer Handwerker gesichert werden. In der Repräsentantenversammlung verbleiben von den Liberalen die Herren Caspary, Rechtsanwalt Stern, Direktor Dr. Gutmaun. Die Versammlung wählte als Kandidaten für die weiteren 7 liberalen Sitze die Herren Tietz, Prof. Türk, Dr. LipschÜst PincuS, Justizrat Sonnenfeld, Rosenthal und Hirschfeld. Lpjudevdebatte im Landtag. Auf Grund einer deutschnationalen Anfrage über den Stand der Ostjudenfrage kam eS am Mittwoch, den 29. November, im preußischen Landtag zu einer lebhaften Debatte. Nachdem Abg. Prof. Kühler (deutschnational) die Interpellation mit den bekannten, in unseren Leit, artikeln widerlegten Argumenten begründet hatte, antwortete t»er Minister des Innern Eevering in einer Rede, die Licht und Schatten gerecht verteilte. Er behandelte die Frage als ein« solche der internationalen Politik und des allgemeinen Fremden* rechts und wurde auch der menschlichen Seite des Problems Tun. Und verletzt Du solche Gelübde, sie können Dir verziehen werben. Aber ein Versprechen gibt es, vergehst Du Dich gegen das, dann gibt es keine Vergebung. Du selbst bist ein Versprechen, wie Du heute bist, für Dich selbst und die Menschen. Hör auf mich: Halt Dich selb fit Ich mein, sonst kannst Du d a f ü r später nicht Kol nidre sagen." — — — Wieder klang daS Zwischenspiel. Und wie der Vorsänger zum letzten Male daS Kol nidre anstimmte, war der Fremd« ganz allein mit sich. „Wer bin ich heute," sragte er sich, und suchte den, der er war. Die Töne brausten, und durch Hülle um Hülle drang er in sich ein: Das war der Undank, daS die Eitelkeit, daS Stolz .., alles zerriß er und suchte. Und als in weichen Akkorden die die Orgel anSklang, faß der Fremde, die Stirn in die Hände gepreßt. Er hatte den Knaben wiedergefunden. Das jüdische Kunstgewerbe. Eine Ausstellung von Erzeugnissen des jüdischen" Kunstgewerbes soll Ende Dezember im LogenhauS, Kleiststraße jv, zu Berlin eröffnet werden. Die Ausstellung wird mit Subvention der Berliner Jüdischen Gemeinde veranstaltet, welche sich seit Jahren die Heranbildung tüchtiger jüdischer Kunstäewerbler angelegen-sein läßt. Zur Ausstellung gelangen Arbeiten aus den verschiedenen Gebieten der Kunst und d»t Kunsthandwerks: Holz, Stein, Graphik, Malerei usw. Ls werden sowohl Originalwerke als auch Entwürfe, Zeichnungen und Modelle gezeigt werden. Wir werden über die Ausstellung, die nicht nur einen Ueberblick über den Stand der Leistungen jüdischer Künstler geben, sondern diese auch durch die geböte«« Verlaufsgelegenheit fördern soll, eingehend berichten.

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