Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 49 (8.12.1922)
- Date
- 1922-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Ostjudenfrage. die GstjuSen auf -er Brücke. Von HanS W. Fischer. Mit gütiger Genehmigung der Redaktion der „Welt am Montag" bringen wir die nachfolgenden Ausführungen ihres Mitarbeiters Hans W. Fischer, deren Tendenz wir durchaus billigen. Fischer, der christlicher Konfession ist, hat sich alS Politiker und Kulturfchriftsteller unter dem Pseudonym Dr. Frosch einen Namen oernacht. DaS Ostjudenproblem, das vor einigen Tagen im Preußischen Landtage erörtert wurde, gehört zu den allerbrenzlichsten Fragen. Eben darum darf man sich an seiner Behandlung nicht voibeidrücken, man muß versuchen, eine Stellung dazu zu gewinnen. Es ist nicht zu leugnen, daß die Masseneinwandenung aus dem Osten eine schwere Kalamität bedeutet. Selbst wenn die Elemente, die ste heransührt, allesamt eiirwandfrei wären: wir stehen in einer krisenhaften Entwicklung, die eS uns von Tag zu Tag schwerer macht, die eigenen Volksgenossen zu beherbergen und zu ernähren, waS sich zweifellos schon in wenigen Jahren so zuspitzen wird, daß wir Menschen exportieren müssen. Diese Entwicklung wird durch jeden Zuzug von außen beschleunigt. Wir müssen, wenn die Lage nicht unerträglich verschärft werden soll, auf Mittel und Wege sinnen, diesen Zuzug einzudämmen und die bereits bestehende Ueberflutung nach Möglichkeit a b z u l e i t e n. Aber wie? Die Herren von rechts schreien nach Ge- »altmaßregeln. Dewitz, die hätten den gewünschten Effekt. Man brauchte nur die Einwandenmg zu verbieten, brauchte nur rücksichtslos zuzugreisen und alle Landsremden einfach per Schub zurückzutransportieren über die Grenze, die sie überschritten yttben. ES gibt auch andere Staaten, die sich vor unerwünschter Einwanderung höchst energisch wehren, und dies sind sogar die „freiesten" Länder der Welt: die Vereinigten Staaten und die Schweiz. Warum machen wir'- nicht einfach wie sie? Oder vielmehr: Warum können wir eS nicht machen wie sie? DaS ostjüdssche Problem, daS unS heut so auf die Nägel brennt, stammt nicht von heute. ES war von Anfang an mit dem Kriege gegeben. In dem Augenblick, in dem das ungeheure Völkerreservoire deS früheren Rußland angestochen wurde, begann eS, aktuell zu werden; man hat ihm gegenüber aber die gleiche frevelhafte Leichtfertigkeit gezeigt, »te gegenüber allen großen, folgenreichen Fragen; man hat opportunistisch gehandelt, statt auS Grundsätzen. Die Ostjuden, die unS heut so unbequem werden, waren es damals keineswegs. Denn in den Grenzgebieten bis tief hinein nach Rußland war der Jude der gegebene Freund Deutschlands. Russen und Polen haßten, drückten, verfolgten ihn; der Deutsche war seine Zuflucht. Als die dicken Annexionspläne schwebten, rechnete man nicht mit den vergleichsweise kleinen deutschen Minoritäten, sondern mit den breiten ostjüdischen Schichten, alb auf eine natürliche Stütze der deutschen Macht. Die Heeresleitung, der an Gesinnung zweifellos gerade die am nächsten stehen, die heut am liebsten die auf deutschem Boden kitzenden Ostjuden vertilgen möchten wie Ungeziefer, hat sie selbst nach Deutschland importiert, um sie für ihre Zwecke «betten zu laffen. Wäre der Krieg siegreich ausgelaufen «no unsere Grenze weitergerückt worden, so wäre dem Reich «in ostjüdischer Zuwuchs beschert gewesen, gegen den die heutige Einwanderung winzig ist; und eS hätte kein Mittel gegeben die — nunmehr zu deutschen Bürgern gewordenen — Ostjuden am Vorrücken nach Westen, in Deutschlands Herz zu hindern. Ihr heutiges Eindringen ist eine kleine Delle im Vergleich zu der großen Uebcrschwemmung, die unS bann bevorgestanden hätte. Auf diese Gefahr ist damals, unter dem Drucke der Zensur, sehr wenig hingewiesen worden; denn damals war eS ja verboten, auf die Konsequenzen aufmerksam zu machen, die irgendwelche Maßnahmen der HeereSlettung nach sich ziehen mußten; alles mußte sich dem augenblicklichen Zwecke unterordnen. Ein wirklich lebhafte- Gefühl für diese Bedrohung bestand damals nicht bei den Alldeutschen; am ehesten fand man eS noch bei den alteingesessenen jüdischen Mitbürgern, denen dieser Zuzug im Grunde ebenso unerwünscht ist wie den reinblütigsten Deutschen. Die Ostjuden lind ja tatsächlich ein anderer Menschenschlag. Sie haben ganz eigene hohe Kuiturwerte; man braucht nicht nur an ihren alten wundervollen Legendenschatz zu denken, sie haben mit einer Schöpfung wie dem Jiddischen Künstlertheater gezeigt, daß sie heute noch in hohem Sinne kulturell produktiv sind. Aber ihre Zivilisationsstufe ist eine andere als die unsere; was sich leicht daraus erklärt, daß sie in ihrem eigenem Gebiet in einem Zustand gehalten wurden, der hundert und mehr Jahre hinter unserer eigenen Entwicklung zu rück liegt. Es ist für die westlichen, völlig europäisierten Israeliten nicht angenehm, wenn durch die Massenzuwanderung dieser Glaubensgenossen ihr eigenes Niveau vor den Augen der Vorurteilsvollen gedrückt wird; und sie würden selbst aufatmen, wenn eS die Ostjudenlrage gar nicht gäbe. Aber sie ist eben da, und nun heißt es, sie zu lösen, daß nicht abermals, wie bei den oftjudenfreundlichen Maßnahmen der alten Heeresleitung, durch eine scheinbar zweckmäßige Augenblickspolitik Unheil für alle Zukunft angericbtet wird. Die Ostjuden kommen bestimmt, der Mehrzahl nach, nicht als „Kapitalshyänen", um Deutschland biS aufs Hemd auszuplündern. ES wird solche Elemente auch unter ihnen geben, und vielleicht sind es nicht einmal vereinzelte Erscheinungen. Aber die meisten kommen, um unerträglichen Zuständen in ihrer Heimat zu entgehen, ein gut Teil von ihnen gezwungen. Die Auswanderung auS Galizien hat zugenommen, feit der Kurs dort antisemitisch wurde; die bevorstehenden Ausweisungen in Ungarn werden große Ströme zwangsweise aus dem bisherigen Aufenthalt entsenden. Es ist ganz natürlich, daß sich diese geplagten Menschen zunächst dem Lande zuwenden, daS ihnen am bequemsten liegt. Sie kommen als Notleidende und S ch u tz f l e h e n d e. Wenn wir ihnen die Zuflucht versagen müssen, so dürfen wir das zunächst niemals unter auch nur den leisesten Aeußerungen einer rassischen Abneigung oder gar eines Abscheuetun. Nach der o st j u d e n - freundlichen KriegSpolttik wäre eine solche antisemitische Abwehr einfach eine moralische Schweinerei. Selbst wem keine Gewtssensskrupel kommen, sollte sich zehnmal überlegen, ob wir unser Konto vor der Welt mit ihr belasten dürfen. Die Lage, in der sich heute die Ostjuden befinden, kann über Jahr und Tag schon unsere eigene sein; und wir dürfen nicht, wie wir eS tausendfältig im Kriege zu unserm größten Schaden getan haben. Grundsäße predigen, die sich nochmals gegen unS selbst wenden. Der Starke kann die Gerechtigkeit und Menschlichkeit verleugnen, freilich schlimm genug, wenn er seine Macht bar» mißbraucht; der Schwache darf eS keinesfalls, denn er spricht sich selbst damit daS Urteil. Wenn die Hirnlosen der rechten Seite ausgerechnet die Berufung auf diese moralischen Mächte mit Lachen aufnehmen, so beschwören sie damit das Urteil über daS eigene Haupt. Die Ostjudenfrage muß völlig freigehalten werden von rassischen Antipathien. ES läßt sich an ihre Lösurg nur Herangehen im Rahmen eines großen, umfassenden Fremdengesetzes, daß alle EinwanderungS-, Zuzugs- und Aufenthaltsfragen gleichmäßig behandelt. ES ist nicht wahr, daß diese ö st l i ch e n Zuwanderer insgesamt schädlicher sind alS die andern Fremden, die Deutschland überschwemmen und auskaufen. Ein gut Teil von ihnen ist sozial durchaus nützlich; was ja schon durch die Tatsache bewiesen wird, daß die ostelbiscken Agrarier — darunter WulleS eigener Bmder — jüdische Landarbeiter geradezu suchen. Es ist nicht wahr, daß diese Menschen von Hause auS reine Ausbeuter sind. Vor mir liegt ein Marktbericht aus dem „Memeler Dampsboot"; in ihm lese ich, daß die Landleute auf dem Memeler Markt die Bevölkerung mit Kartoffeln geradezu sckamloS auswucherten, mit einziger Ausnahme der jüdischen Landwirte, die ihr Ware zum dritten Teil des Preises gaben, den die christlich-arischen Bauern forderten. Es mag sein, daß es unter den notdürftig Meelei Beamte, allerlei Volk. Gin Blatt auS meinen Erinnerungen. Von Bernhard Breslauer. Die Pogrome. die im Jahre 1891 gegen die russischen Juden «S Werk gesetzt wurden, haben mancherlei merkwürdige Erscheinungen gezeitigt. Es kann hier ncht ein vollständiger Bild gegeben und gezeigt werden, wie die akliven und passiven Beteiligten gestaltet waren. Immerhin kann aus einigen charakteristischen Beispielen in gewissem Umfange ein Bild gewonnen werden. Diesseits und jenseits unserer Grenze gab eS manche« Beamten, der ohne Ansehen der Person seine Tätigkeit ausübte, während es manch' anderen gab, der senem Antisemitismus freien Lauf ließ: diesseits und jenseits der Grenze gab es Personen, die wirkliche, in den Pogromen verfolgte Flüchllinge waren, und solche, die die Gelegenheit benutzten, für ihr Fortkommen zu sorgen. Damals war die englische Regierung nicht gerade sehr befreundet mfl Rußland, und Gladstone benutzte die gute Gelegenheit der Pogrome, auch Rußland seinerseits etwas am Zeuge zu flicken. Er ließ eine Zeitjchrifl unter dem Titel „The darkest Russia" herausgeben, in der aus amtlichen Quellen die Pogrome geschildert waren, Md mit genauen Daten und Ziffern dargestellt wurde, wie die russische Regierung die Juden, aber auch sonstige Persönlichkeiten verfolgte, die. wie Protestanten und Römisch-Katholische, dem orthodoxen Glauben nicht angehörren. Am Morgen eines jeden TageS. an dem eine Nummer in London erschien, lag ein Exemplar dieser Zeitschrift in Petersburg (oder wo der Zar sich sonst aufhielt) auf seinem Frühstückstisch. Wie Gladstone dies bewerkstelligte, welche Beamten dabei tätig gewesen sind, ist natürlich nicht bekannt geworden. Der Zar geriet in die hellste Wut. wenn er das Exemplar der Zeitschrift vorfand. Er entließ Beamte, versetzte andere, nichts half. Immer geriet ihm wieder die Zeitung in die Finger. Petersburger Vertrauensleute der Juden ersuchten das Russenkomitee von 1891 in Berlin und Londoner Freunde, dahin zu wirken, daß die Versendung umerlassen werden solle, weil dadurch die Lage der Juden in Rußland nur verschlimmert werde. ,The darkest Russta" aber erschien weiter und geriet immer wieder in die Hände deS en. Erst einige Zeit, nachdem die Pogrome beendigt waren, te die Zeitung ihr Erscheinen ein. und die Beamten auS der nSbnm Umgebuno des Zaren konnte» wieder aufatmen. — Eines Tages erhielten wir aus Petersburg die Nachricht, es würden m zwei Monaten an einem bestimmten Tgge aus einem bestimmten -Orte sämtliche jüdischen Apotheker ausgewiesen werden. Hiervon wurde gelegentlich in der Ein-Uhr-Konferenz Mitteilung gemacht. Der Herr Kommissar des Ministers wollte die Sache mcht recht glauben und erklärte, ihr nachgehen zu wollen. Er wandte sich an die zuständige dcmsckie Instanz und bat. die Angaben in Petersburg nachprüfen zu lassen. Es verging ein Monat — kein Bescheid- E ne weitere Anfrage nach sieben Wochen blieb resultatlos. Pünktlich am bestimmten Tage wurden aus dem bestimmten Orte sämtliche jüdischen Apotheker ausgewiesen, die unverheirateten mit 24 Stunden, die verheira:eten mit drei Tagen Frist. Etwa drei Monate später kam die Antwort aus Petersburg. Die Behauptung sei unwahr, es würde aus dem Orte kein Apotheker ausgewiesen. Jetzt war die Antwort richtig, es war eben fest drei Monaten kein jüdischer Apotheker mehr am Orte. In einer großen russischen Gouvernements-Hauptstadt lebte ein Gouverneur, der einen durchaus liederlichen Lebenswandel führte. Daher kam es. daß er trotz seiner hohen Abstammung und seines großen Vermögens oft in Geldverlegenheit war. So drohte ihm eines Tages im Jahre 1891 die Verpflichtung, einen Wechsel über 20 000 Rubel einzulösen. Er machte kurzen Prozeß, ließ eines Freitags Abends eine Synagoge in seiner Gouvernementsstadt von Kosaken umstellen, und alle Juden, die dem Gottesdienst beigewohnt halten, auf die Polizei bringen. Hier wurde ihnen eröffnet, daß sie innerhalb einer Woche ihren Aufenthaltsort zu verlassen hätten. Die Ausgewiesenen hatten natürlich auf der Polizei gegen ein Trinkgeld den Grund der Ausweisung erfahren. Se wandten sich an den nichtjüdischen Geldgeber des Gouverneurs und boten ihm eine Abschlagszahlung von 10 WO Rubel, wenn der Ausweisungsbefehl zurückgenommen werde. Das wurde abge schlauen, aber man verhandelte weiter mit ihnen so lange, bis sie sich entschlossen, die aanzen 20 000 Rubel für den Wechsel zu bezahlen. Inzwischen war die gestellte Fr st abgelansen. und man konnte den Ausweisungsbefehl nicht mehr zurücknehmen. Man half sich aber, indem man den Ausgewiesenen mitteilte, an welcher Stelle man Polizei!icherseits ihre Ausfahrt kontrollieren würde und welche in die Stadl hine nführenden Straßen an dem Tage ihrer Ausfahrt ohne polizeiliche Kontrolle bleiben würden. Und so fuhren denn die Ausgewiesenen am bewußten Tage an der Kontrollstelle zur Stadt hinaus, im großen Bogen um die Stadt herum und auf den iinkontrolliertc., Wegen wieder in die in den Städten zusammengepferchten Ostjuden einen hohen Prozentsatz „Aasgeier* gibt. Aber ihnen wird man genau so an den Leib können, wie den alteingesessenen Aasgeiern, die mit ihnen die Beute teilen, wenn man nur mit dieser lohnenden Jagd überhaupt Ernst macht. Wenn die Wohnungsnot in Berlin durch die Ostjuden gemehrt wird: sja, wer gibt ihnen denn die Wohnungen? Hier Ordnung zu halten, ist eine Aufgabe, die sich eanz und gar im Rahmen der wohnungspolitischen Befugnisse lösen läßt; eS gibt keinen Rassenkampf, sondern ganz einfach einen Kampf gegen daS Schiebertum überhaupt. Die dahinterliegende große Frage aber lässt sich — und damit hat Minister Severing völlig recht, und die Vernünftigkeit seiner Ausführungen wird durch das Lachen der Rechten bestätigt — überhaupt nicht innerpoiitisch lösen. Die ostjüdische Emigration muß eine Sach« des Völkerbundes werden, muß doch eine internationale Gesetzgebung geregelt werden. Wir sind beim heutigen Stand der Dinge nicht mehr in der Lage, ein Odium auf unS zu laden; selbst wenn wir mit noch so praktischen und objektiven Maßregeln vergehen, so haben unS unsere Antisemiten doch schon so tief in die Tinte hineingerilten, daß man uns nirgends mehr glauben wird, daß unsere Abwehr frei von Rassenhaß ist. ES ist eben ein wahres Verhängnis, daß unsere rechtsgerichteten Politiker auS den früheren „Erfolgen" nichts gelernt haben; daß sie immer noch die Politik alS eine „Kunst deS Möglichen" betrachten, statt der Kunst, die Folgen jeder Handlung vorauszusehen. Möglich ist in der Welt vieles, selbst die größte Dummheit; aber leider, leider, hinterher muß man sie auSbaden. Ich bin nicht dafür, die Ostjudenfrage auf die lang« Bank zu schieben; dazu ist sie zu dringend. Ich bin nicht dafür, um sie herumzugehen, wie die Katze um den heißen Brei, bloß weil man Angst hat, sich zu verbrennen. Ich bin nicht dafür, die Wahrheit irgendwie zu verschleiern, sondern wünsche, daß man sie sucht. Und darum sei bemerkt, daß ich an die Zahlen, die Minister Severing gab, wie sie ihm gegeben wurden, nicht glaube; sie scheinen mir weit hinter der Wirklichkeit zurückzubleiben, und ich würde empfehlen, sie aufs schärfste zu überprüfen und mit einem ganz einwandfreien statistischen Material vor die Welt zu treten. Der Notstand, in den Deutschland durch die Fremdenüberflutung immer tiefer hineintreibt, muß klargeiegt werden, ohne Rücksicht, aber auch ohne einseitig zugeipitzte gehässige Tendenz. Und die Verantwortung, die sich aus notwendigen Maßnahmen ergibt, darf nicht allein die Schultern Deutsch, lands belasten. Solche Scherze können wir uns nicht leisten. ES wurde gezeigt, daß Deutschland für die Auswanderung der Ostjuden die natürliche Brücke bildet. Es wurd« hinzugefügt, daß sie auf einer Brücke, die dem Durchgang dient, nicht dauernd stehenbleiben dürfe. Aber eine geordnete Verkehrsregelung läßt sich eben nicht von der Brücke allein vornehmen; sie ist unmöglich, wenn nicht von den Ufern auS geholfen wird. DaS Ostjudenproblem ist internattonal. Dieser Gesichtspunkt ist voranzustellen. Dann wird auch eine menschliche und gerechte Politik möglich sein und nicht eine enge und rücksichtslose, deren letzte Weisheit darin besteht, daß man die auf der Brücke aufgestauterr Massen einfach in- Wasser wirst. Mchtllngöfiirsorge. Bon Alfred Berger, Generalsekretär deS Arbeiter-Fürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands. Durch die Geschichte des Judentums und insbesondere durch die Geschichte des deutschen Judentums spinnt sich wie ein roter Faden die fortlaufende Erzählung von der Fürsorge für diejenigen Juden, die ihres Glaubens, ihres Judentums wegen auS ihren Staaten vertrieben, vor den Pogromen flüchtend, Heimat- und Heimlos wurden. Di« i—BB——— Sradt hinein, wo man sie unkontrolliert ließ, wie vorher. Der Gouverneur ist später einem Bombenattentat zum Opfer gefallen. — In Deutschland waren und sind solche Dinge natürlich unmöglich. Es gab aber auch hier Beamte, die, entgegen den Wünschen der obersten Leitung, den Flüchtlingen nicht gerade freundlich entgegenkamen. Der damalige Herr Minister des Innern hatte ein Reskript erlassen, in dem die Herren Regierungspräsidenten und die ihnen untergeordneten Behörden ersucht wurden, in allen denjenigen Fällen die Hilfe des jüdischen Russenkomitees von 1891 und seiner Unterkomitees anzurufen, in denen es sich um den Aufenthalt oder die Beförderung russisch-jüdischer Flüchtlinge handelte. Dieses Reflript hat entsprechend seiner guten Absicht eine ausgezeichnete Wirkung gehabt. Ueberall befolgten die Beamten die Anordnung, und nirgends waren irgendwelche Stockungen oder Schwierigkeiten zu beklagen. Einige Ausnahmen bestätigen die Regel. In einer großen schlesischen Stadt erschienen eines Tapes auf dem Bahnhof zweihundert und mehr russisch-jüdische Auswanderer, die für ihr eigenes Geld reisten und d'e Hilfe des Komitees nicht in Anspruch genommen hatten. Der höchste Staatsbeamte des Or:e8, von dem man sich erzählte, daß er es nicht gern sah. wenn er an den Glauben seiner Borfahren erinnert wurde, schickte, als ihm von der Polizei die Anwesenheit der Auswanderer gemeldet wurde, letztere kurzer Hand mit dem nächsten Zuge an die Grenze zurück. Dies wurde noch am Vormittag desselben Tages dem Russenkomitee in Berlin telegraphisch mitgeteilt. In der Konferenz, die zu jener Zeit wegen des großen Andragnes der Auswanderer und der drohenden Choleragefahr täglich um ein Uhr zwischen dem Herrn Kommissar des Ministers des Jnnem und dem Vertreter des Russenkomitees stattfand, wurde der Vorfall aus Schlesien zur Sprache gebracht und sofortige Remedur zugesagt. Als jener hohe schlesische Beamte nach drei Uhr in sein Bureau kam, fand er dort eine dringende Dienstdepesche vor. in der angeordnct wurde, daß jene 200 Auswanderer sofort von der Grenze aus wieder zugelassen würden und daß ihre Reise, die über den Auswanderer-Bahnhof nach Rnhleben zu dirigieren sei. nicht weiter gehindert werden sollte. Wütend warf der hohe Herr die Depesche, nachdem er sie gelesen hatte, auf den Tisch, indem er ausrief: „Haben denn die verfl Juden da in Berlin immer noch mehr Macht als wir/ Natürlich verfuhr er nach der Anweisung, die Auswanderer mußten aber die Reisekosten biß zu jenem Orte aus ihren kargen Mitteln noch einmal bezahlen. — (Schluß folgt.)