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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-12-01 · 48 (1.12.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
48 (1.12.1922)
Date
1922-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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|n rnairchen böswilligen leistungsfähigen— leben die Rabbiner In täglich sich erneuendem Abstieg, in bitterster Armut und in zermürbendem Kampf. Sie und ihre Familie veMmmern; waL soll dabei aus der jüdischen Lehre werden? Hier kann nur der Zusammeuschluß, die Gesamtorganisation helfen. Für die leistungsfähigen aber zahlungswiNigen Gemeinden ist es hohe Zeit, daß der Druck der öffentlichen Meinung sie an ihre Pflicht ermahnt und zwingt. Ein Wort noch über eine besondere Eigenatt der Stellung -eS Rabbiners. Mit wenigen Ausnahmen wird er bewußt von der Leitung der Gemeinden ferngehalten. Das alte preußische Gesetz kannte ihn nur als abhängigen Beamten. Was in jeder Religionsgemeinde selbstredend ist, ist aber bei den Juden noch lange nicht selbstverständlich. Me wichttgsten Dinge in der Gemeinde werden erörtett und verhandelt, ohne daß er einen Einstuß ausüben kann. Einige Gemeinden haben ihrem Rabbiner bereits Sitz im Vorstande eingeräumt. Eine — sie sei rühmlich erwähnt —, Bochum, hat mit behördlicher Genehmigung das Statut geändett und den Rabbiner verfassungsgemäß zum ständigen stimmberechtigten Mitglied des Vorstandes gemacht. Man sieht, die Berufung aus daangeblich im Wege stehende 1847er Gesetz ist nur eine Ausflucht. lSeit langem fordert der Rabbmewerband die Teilnahme des Rabbiners an den Vorstandsberatungen, die große Zahl der .deutschen Gemeinden aber will von der Einfügung des Rabnners in den Vorstand nichts wissen. Unter oen faden- , cheinigsten Vorwänden wird sie abgelehnt. Dabei liegt in i Wahrheit die Führung in allen Angelegenheiten der öffentichen Wohlfahrt — um vom Religiösen hier gar nicht zu -eben — ganz in seiner Hand, ist ohne seine Initiative und seine kräftige Mitarbeit keinerlei Werbearbeit möglich, ist die Stärke der Teilnahme der Gemeinde an den politischen und Wohlfahrtsbestrebungen der Gesamtheit fast völlig von seiner Einflußnahme abhängig. Nur offiziell darf er nichts mit der Leitung der Gemeinde zu tun haben. Es ist hohe Zeit, daß Auch hier ein Druck der öffentlichen Meinung den Vorständen tzbtrotzt, was selbstverständlich ist, der Würde des Judentums «entspricht und was die Gemeindemitglieder selbst durchaus wollen. * Im Argen liegt die Sicherheit der Anstellung. Ein großer Teil ist kündbar angestellt, Md auch die Pension-- und Hinterbliebenenversorgung ist noch lange nicht Überall gehörig tzeregelt. Daß trotzdem der Rabbiuerstand ständigen Nachwuchs hat tmd seine Pflicht in vollem Maße erfüllt, ist der beste Beweis des Idealismus, von dem er getragen ist und der ihm hoffentlich Immer erhalten bleiben wird. Der Ejristenzkampf -er Lehrer unö Kultusbeamten. Don Miittelschullehrer H. Stern, Berlin. Den Entschluß der „Jüdisch-liberalen Zeitung", die knrchtbare Lage der jüdischen Beamtenschaft ins hellste Licht >et Öffentlichkeit zu stellen und den Kampf um die Besserung )tt Verhältnisse in Gemeinschaft mit uns aufzMehmen, ' jegrüßen wir mit Dank und Genugtuung. Wem eS auch erst m letzten Augenblick geschieht, fo braucht eS doch noch nicht Zu spät zu sein, wenn sich der Erfolg einstettt, den die Redaktion Wtb tdr mit ihr von dieser Aktion erhoffen. Die wirtschaftlichen und sozialen Kämpfe der jüdischen Lebrer und Kultusbeamlen sind nicht etwa jüngeren Datums; ne find so alt, wie diese Berussstände selbst sind. Die Notlage, zn der in früheren Zeiten die Beamtenschaft allgemein )ebte, war für die jüdische i m m e r in unendlich verstärktem Maße vorhanden. Wenn die Soziologie und die lebendige Entwicklung die marxistische Lehre von der fortschreitenden Verelendung der Massen auch als unrichtig erwiesen haben, jso blieb für die Masse der jüdischen Lehrer und Kultnsbeamten doch die Richtigkeit des „ehernen Lohngesetzes" bestehen, demzufolge sich die Entlohnung um den niedrigsten Punkt dessen bewegt, waS zur Fristung des Daseins unbedingt notwendig ist. Die Wirkung dieser Besoldungspolitik der jüdischen Gemeinden war aber — ganz naturgemäß — für das Judentum noch trauriger als für die Beamten selbst: der Lehrerstand verödete zusehends, die religiöse Versorgung der Kleingemeinden, und damit ihre geistige überhaupt, verelendete immer mehr — bis der Ersatzmann aus Galizien und Polen die Erbschaft antrat, indem er—so, wie er es verstand — den Gottesdienst „versah" und den Kindern Religion „beibrachte". Und nicht nur in Zwerggemeinden; nein, auch in Städtchen mit höheren Schulen, in Gemeinden, die wohl in der Lage gewesen wären, einem Beamten eine sorgenfreie Existenz zu gewähren, würdige religiöse und pädagogische Einrichtungen ausrecht zu erhalten. In vielen mittleren, ja großen Gemeinden war die Lage der Beamten auch nichts weniger als rosig. Die letzten Jahre haben die schleichende Krisis zur Katastrophe werden lassen. Die Beamten hungern und darben: jüngere Kräfte verlassen fluchtartig den undankbaren Beruf, die Seminare veröden, der Nachwuchs bleibt aus. Will man noch im letzten Augenblick retten, was noch zu retten ist, so muß man zunächst Klarheit über die Verhältnisse zu gewinnen suchen, dann die Hilfe organisieren und zielbewußt durchführen. Betrachten wir also zunächst die Lage. — Dabei ist scharf zu unterscheiden zwischen lcistungsunfähigen und leistungS unwilligen Gemeinden. In jenen vegetieren die Beamten mit „Gehältern", die so unglaublich niedrig sind, daß eS als Wunder erscheint, wie Menschen heutzutage damit nur daS trockene Brot herbeifchafsen können. Auf einen Erhaltet Eure Vereinigung i Stärkt den Vrehsonbs! Werbt neue Mitglieder! Geldsendungen für die „Bereinigung für daS liberale Judentum E. D." erbeten auf Postscheckkonto Berlin Nr. 1370öS. Büro der Bereinigung: Berlin W 8, Mauerstr. LS. Aufruf deS Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes im Sommer diese- Jahres gingen Unterstützungsgesuche von Beamten mit JahreSgehältern bis zu 4000 Mk. herab, von Witwen mit Pensionen bis zu 1200 Mk. herab ein. Man wende nur ein ganz Nein wenig Phantasie auf, um sich die Tragödien auSzumalen, die sich in solchen Familien abspielen müssen. — In der zweiten Gruppe der Gemeinden, den leistungSunwilligen, gehen die Gehälter wohl in die Zehntausende, die Gemeinden mögen wohl noch stolz sein ans ihre Leistungen. Mit dem augenblicklichen Geldwett in Beziehung gesetzt, erscheinen aber auch diese Gehälter als lächerlich gegenüber den notwendigsten Anforderungen an eine auch nur allerbescheidenste Lebensführung. Bis in die letzte Zeit hinein haben mittlere und Großgemeinden ihren Beamten — auch den Rabbinern — Gehälter gezahlt, Jahresgehälter natürlich, die nicht an das Gehalt eines Beamten der dritten oder vietten Gehaltsgruppe heranreichen. — Nun wird allerdings die nicht unberechtigte Frage austreten: Wo liegt denn eigentlich die Grenze zwischen Leistungsunfähigkeit Md Leistungsunwilligkeit? Einige interessante Daten, die die Verhältnisse hinreichend beleuchten, sollen das zeigen. — In Ostpreußen sind es zwei Gemeinden, die ihre Beamten schon vor längerer Zeit in die entsprechenden Gruppen der staatlichen Besoldungsordnung eingereiht haben: L Y k und Insterburg. K ö n i g s b e r g hat das noch nickt zuwege gebracht. Ob es nicht kann oder nicht will, ist wohl nicht schwer zu entscheiden. — Während die Gemeinde Stralsund bereits im Juni ihren Lehrer den Volksschullehrern gleichstellte, zahlte die benachbarte, gewiß nickt schlechter gestellte Gemeinde Greifswald ihrem Beamten ein Monatsgehalt von 600 Mk. (fein Druckfehler l), daerst später au Eingreifen des Regierungspräsidenten hin auf 1000 Mk. erhöht wurde. Wie der Vorsitzende des Lehrcrvereins Pommern beuchtet (Nr. 42 der „Blätt. f. Erz. u. Unt.") ist der Beamte unterdessen an Entkräftung gestorben. — Die kleine Gemeinde Ahlen i. Wests., mit 25 Steuerzahlern, zahlte ihrem Lehrer — auf das Jahr berechnet — im August 76 000 Mk. und im Oktober 200 000 Mk. Zu gleicher Zeit zahlte die aus 30 durchaus potenten Zensitcn bestehende Gemeinde H. an der Weser ihrem Lehrer 26- bzw. 40 000 Mk. Die Großgemeinde G. in Sckl. mit etwa 250 Zensiten zahlte Ende Oktober ihrem Rabbiner 135 000, dem Lehrer und Kantor 100 000, dem zweiten Kultusbeamten 85 000 Mk. Gehalt. Mit der Feststellung der Tatsachen allein ist natürlich weder der Sache,, noch den Hilfsbereiten gedient, und wir müssen uns nunmehr der ernsten Frage zuwenden: Was lottn und muß denn geschehen? Der Sachlage entsprechend, muß die Antwort eine zweifache sein. Die erste muß sich auf die leistungs schwachen Gemeinden beziehen. Es ist ohne weiteres llar, das; hier nur die straffe OrganisierunginLandesverbänden helfen kann. Die Starken müssen die Schwachen stützen. Aber mit der Organisation ist es noch nicht getan. Hinzukommen — oder vielmehr vorangehen — muß die Einsicht in die Notwendigkeit der Opferbereitschaft und der feste Willedazu, dieserNotwendigkeit Rechnungzutragen. Jawohl, Opfer sollen gebracht werden! Warum denn auch nicht? Wer bttngt denn heutzutage keine Opfer? Ohne diese Einsicht, ohne diesen Willen gibt es keine Hilfe. Kein Gesetzesparagraph kann den einzelnen Juden zwingen, seine Pflicht gegen die Gemeinde, kann die Einzelgemeinde zwingen, ihre Pflicht gegen die Gesamtheit zu erfüllen. Bayern hat seinen Landesverband mit ausgezeichneter Verfassung und tadellosen Grundsätzen bezüglich der Beamtenbesoldung, und doch sieht es dort noch trübe genug aus. Wir werden in Bälde unseren preußischen Gemeindeverband haben, und am guten Willen zur Besserung der Verhältnisse fehlt eS auch nicht. Aber wird man erwatten dürfen, daß Gemeinden, die nicht einmal in ihrer unmittelbaren Interessensphäre ihre Pflicht tun, einq Pflicht der G e s a m t h e i t gegenüber anerkennen werden? Noch besteht ja der Deutsch-Israelitische Gemeindebund. Man frage dott einmal nach, wie seine Mitglieder, und dar sind doch die Gemeinden, ihre Pflichten gegen ihre eigne Organisation erfüllen. Wer ist nun eigentlich der Schuldige i n d e n Gemeinden? Zum Teil sind es die Vorstände, die sehr oft gegen den Willen zahlreicher Gemeindemitglieder dii Beamtenbesoldung Niederhalten. Ich kenne Fälle, in denen Gehaltserhöhungen für die Beamten von Gemeindemit« gliedem durch die Drohung mit der Flucht in die Oeffentlichkeit erzwungen worden ftnb; zum Teil ist es aber auch die Furcht der Vorstände vor Austritten aus der Gemeinde. Nun haben wir ja schon einen Ueberblick über den Umfang dieser Gefahr, und man darf wohl sagen, daß die anfangs gehegten Be«, fürchtungen sich nicht verwirklicht haben. Wenn also heute noch mit dieser Gefahr operiert wird, so ist es wohl meistens eine bequeme Ausflucht. — ES bleibt also in der Hauptsache alS Vorbedingung einer Rettung im letzten Augenblick d i e Weckung der Gewissen und die Bereitschaft, Opfer zu bttngen. In diesem Sinne muß jeder wirken, der noch irgendwelches Interesse am Judentum nimmt. Haben wir irt dieser Arbeit Erfolg, dann verschwindet unmittelbar der Begriff der leistungs unwilligen Gemeinden: mittelbar wird die Not in den leistungs unfähigen wenigstens eingeschränkt werden können. — Aber auch von anderer Seite muß der Katasttophe entgegengearbeitet werden. Zum guten Teil liegt der Grund des Elends in den eigenartigen Arbeitsverhältnissen der jüdischen Beamten: manche Gruppen sind in einer Woche nicht so stark beschäftigt, wie ein gewerblicher Angestellter oder ein staatlicher Beamter an einem Tage. Das muß von Grund auf anderwerden. In größeren Gemeinden Zrieörich Wilhelm Koerster unwir. Von Walter.Fabian. Der Mensch unserer Tage ist in sich zwiespältig, zerrissen, ttneinS. Dar wäre noch nicht auffallend. Menfchen anderer Zesten j waren nicht anders. Aber ähnlich wie unserer Generation ein einheitlicher Kulturideal verloren ging, so fehlt dem heutigen Menschen dar letzte Linkende, Befreiende fim eigentlichen Sinne des Wortes). Unserer Seele mangelt tn allem Kampf und Leid daS Erlösende, das, was zuletzt alle Disharmonien löst: die Harmonie. Führer in solcher Zeit kann nur sein, wer seinen Weg Ung so leibend und sehnend, so strebend und ringend, wie nur wenige es tun: her kämpferische Mensch. Aber mehr tut not: Freiheit. Und nur dadurch, daß ich den absoluten, außerhalb dieser Welt liegenden Wettmaßstab Gott (gleichgültig welcher Gestalt) in mir trage, befreie ich mich von der Herrschaft der relativen Werte des menschlichen Zusammenlebens. Wie ein altes hebräisches Sprichwort sagt: ,Mer Dott nicht rum Herm hat, der hat viele Herren." Unhilft nur der Religiöse Mensch. * Friedrich Wilhelm Foerster. Ethiker und' Pädagoge, Politiker mch Parisist, kam so zu Gott: durch Ringen und Irren und Sehnen. Sein Weg führte ihn durch alle Zweifel und Anfechtungen, allen Un- Hauben und alle „Gottlosigkeit" hindurch, denen der modeme Mensch j gerade in seiner Jugend ausgesetzt ist. ober, wie Christian Morgeni jltrrn, in Lessen ernsten Gcdichlbänden sich ein so schöner Abglanz gottinnigen Christentums findet, „fand er den Pfad", wurde, wie Angelus Silesius sagt, auch „in ihm Christus geboren". Seit ihm dies geschah, wurzelt all sein Wirken und Schaffen in seinem lebendigen ÄotteSglauben. ' „Tiefste Deutung der Lebenswirklichkeit^ ifi ihm daS Christen« tmn; nicht Weltslucht. sondern Weltdurchdringung, etwa nach dem Worte Bsömstierne Diörnsons, LeS großen Norwegers: ,Hn den Himmel tragen uns die Ideale des Christentumerst, wenn sie hier auf der Erde verwirklicht sind. Früher nicht." Im Christentum rcbct der göttlich! Geist nicht aus himmlischer Ferne, sondem geht in die ganze Tragik des Lebens ein. setzt sich mit allen irdischen Mächten auseinander, bleibt aber unberührbar er selbst und kehrt rein in die Ewigkeit zurück: „En Beispiel habe ich euch gegeben." Untrennbar ist ihm der liebende Christus vom richtenden; denn Liebe ohne Gericht ist Liebe ohne Wahrheit und kann unS nicht erlösen -- aber man tonn anderersests garnicht gerecht sein, solange man nicht durch Liebe fich selbst entrissen ist und Helle Augen bekommen hat für fremde Rechte und Bedingtheiten. Schon diese wenigen Gedankervgänge. sämtlich entnommen I fefotem reifsten und vollendetsten Werke „Christus und das 1 Menschliche Leben", zeigen sein entscheidendes Berwurzeltsem in der I Ethik des Christentums und beweisen, wie müßig es ist, eine Deutung I feiner Stellungnahme zu Teilproblemen zu wagen, ohne von dieser I sein Leben und Wirken bestimmenden Grundlage auszugchen. Den I jüdisch-liberal Eingestellten mag seine scharfe Betonung des christlichen Standpunktes zunächst verblüffen und die Frage anstauchen lasier ob sie in rein persönlicher Beziehung zu Erlebnissen und Kräften seines Innern stände oder ob er in objektivem Erkenntnisstreben das Chttstentum allen anderen Religionen übcrordne. Ihm gegenüber formulierte ich das Problem einmal so: „Könnten Sie den Sah unterschreiben: Ich persönlich habe im Geiste des Christentums Letztes und Höchstes gefunden — andere mögen in anderen Offenbarungen ihren Gott finden?" Da schüttelte er energisch den Kopf und erklärte das Christentum objektiv für die höchste Form aller Religionen. Darin werden wir als Bekenner des Judentums ihm nicht folgen können, aber um nichts weniger achten wir deshalb die Kraft solchen Glaubens. In diesem Zusammenhänge mag daraus hingewiesen werden, daß Foerster in seinen Schriften auch zum Problem des Antisemitismus wiederholt in eindringlichstem Tone Stellung nimmt. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß er, wie jeder wahrhaft religiöse Mensch anderen Glaubens (ich erinnere nur an Adam Röders prachtvolles Werk über „Reaktion und Antisemitismus"), jedes generelle Verdammen und Schmähen weit von sich weist; er bekämpft den Judenhaß nicht in erster Linie um der Juden, sondem um der hassenden Christen willen, die er jenem Krampfe der Selbstsucht und Celbstgerechtigkeit entreißen möchte, in dem sich so viele von ihnen, gerade in Deutschland, dem jüdischen Mitbürger gegenüber befinden. Keinesfalls verkennt er dabei die Schwierigkeiten des Problems, übersieht er die Konflikte, die aus dem Zusammenleben zweier verschiedener „Rasifn" erwachsen können. Klaren Auges bemerkt er auch, neben dem Einzigartigen und Großen des hebräischen Geistes. die Gefahren gewisser zersetzender und materialistischer Kreise des Judentums: „Der Jude kann höher steigen, aber auch tiefer fallen als die anderen Völker." Man mag dieunterschreiben oder für unrichtig halten, auf jeden Fall wird man, wenn man Foersters von ernstester Sorge um das ganze deutsche Volk erfüllten Mahnungen zur Lösung d-r idcnfrage im Geiste Christi liest — „Die jüdische Frage eine chr stl.che Frage" schrieb ein russischer Philosoph —. unumwunden zugeben müssen, daß er auch hier in Ehrlichkeit um die Wahrheit ringt und bei der Betrachtung der tief menschlichen Zusammenhänge seinen eigenen Worten folgt: „Es gibt zwe' verschiedene Arten des Umgangs nt:t den Menschen: Einmal der sichtbare Verkehr, das wirkliche Zusammensein, dann der unsichtbare Verkehr, das Zusammensein in bloßen Gedattken. das Nachdenken übereinander. Niemand wird lernen, mit Menschen umzugehen, der nicht das Gehe mnis des unsichtbaren Umgangs entdeckt Hai. der nicht gelernt hat, einen Teil seiner Einsamkeit dem ruhigen Nachdenken über seinen Nächsten zu widmen, damit er denselben besser verstehen, seine schwachen Punkte richtig z,l schonen und seine starken Seiten zu ermutigen und zu benutzen lerne." — Raimund Eberhard. Landgerichtsrat in Schwerin und einer der wärmsten Vorkämpfer für Frieden und Freiheit, sagte mir einmal: „Er hat etwas Prophetisches an sich, dieser Foerster!" In der Tat, dies Wort trifft den Kern seines Wesen- und kennzeichnet seine hervorragendste, schöpferische und zugleich tieftragische Eiaenschaft: Den unbedingten, keine Möglichkeit der Grenzen kennenden Mut zur Wahrheit. Vor ein paar Monaten saß ich mit ihm in langem und ernsthaftem Gespräch über seine Stellung zur Schuldfrage. Ich sagte ihm: „Ich habe mich set Jahren mit Ihrem Werk beschäftigt: ich stimme in allem mit Ihnen überein und verstehe auch, daß Sie nach Ihrer christlichen Ethik immer und immer weder das deutsche Volk zu Selbsterkenntnis und -brkenntnis ausrusen. Aber weshalb verbinden Sie dies mit der Behauptung Deutschland trage die Hauptschuld, was doch nur der Historiker, nicht der Ethiker feststellen kann, und erschweren sich dadurch so ungeheuer Ihren Kamps?" Da antwortete er mit erschütterndem Ernst: ..Ich habe dies als das Wahre erkannt, und ich fühle die Verpflichtung. es auszusprcchen, ohne Rücksicht auf die Folgen." Bor solcher Grüße schwindet kleinmütiger Einwand und bange erhebt sich die Frage: Was wird ans emem Volke, das eines solchen Mannes N'cht achtet? Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß es keine Partei untz keine Kirche, keinen Bund und keine Gruppe in Deutschland gibt, die erkannt hätten, um was es Foerster acht und was seine Persönlichkeit in unserer Zeit bedeutet. Sein Wesen ist die Synthese dez Wertvollen auf allen Seiten — und deshalb lieben und hassen ihn zugleich Katholiken und Anhänger „radikaler Ethik". Konservative 'und Sozialisten. Nationalisten und Kriegsdienstverweigerer. Allen gab er etwas, aber keinem verschwor er sich — all« bekämpft er. ohne einen zu verdammen. Mer wenn du in- Land hmcmsgehst, in die engen Straßen der Großstädte oder in die Schul- und Pfarrhäuser der Dörfer, zu den Menschen, die sozial arbeiten oder zu denen, die erziehen wollen, zu solchen, die mitten im Kampfe des politischen Lebens stehen, oder zu anderen, die auf einsamen Burgen von dem Wiedererwacken jenes „heimlichen Deutschland" träumen, das in unser aller Herzen, aber noch nicht in der Welt der Wrklichkeit lrbh wenn du weit hinausgehst über Deutschlands Grenzen oder auch Europa verläßt, so wirst du doch nirgends vergeblich seinem Wirken nachforschen. Nein, einmal über das andere wirst du erschüttert sein, wenn dir Menfchen die Hand reichen, die du me zuvor geseben, die aber gleich dir leben und schaffen im kleinen Kreise ihrer Familie oder ihrer Schule, ihrer Fabrik oder ihrer Gemeinde naL der 1 essien Lebensweisheit, die in unseren Tagen gesprochen wurde. ..Wissen ist nicht alles, leben ist alles", sagt der Inder und er hat recht: denn was anders bestimmt die Wirksamkeit eines Mannes als di« Zahl derer, die von seinem Geiste die Kraft empfingen, ihm gleich zu leben? So aber mag es Dir geschehen, daß du eine Ahnung empfängst von der Macht des Geistes und schweigend senkst du bebt Haupt in Ehrfurcht

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