Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 48 (1.12.1922)
- Date
- 1922-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchÄkmieZeitim 0rgan der Vereinigung für das liberale (^udentunr e. V. Bezugspreis Kurs» die «VesHafisstkkle -/«jährlich Ml. <3.— Sinzelnummer.. „ Alle die oNltglleder ver Bereinigung ist ver Bezugspreis im JNitgiievSbeltrage inbegriffen. Linzcigenprei«: Die r>/-, cm breite MlMmeterzeile 0N».5— Famillenanzeigen 0Nk.6.«. Bel Wiederholung Grmätzig. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag und mit zwei monat- Nchen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum- und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Nr. 48 4 i. Dezember 1922 Nevaktion: Berlin VS, Ntuuerstr. 22 (Bereinigung fttt bas liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Zentrum Nie SeschtlftSstelle u. Anzeigenannahme: Breslaus, Neue Sraupenstr. 7, Duchbruckerei DH. Schatzfg <L.m.b.H. Fernruf: Amt Ning 4SI und 4809. «Amtliche Zahlungen, Postscheckkonto Breslau 51 ver Fa. DH. Gchatzkg lS.m.b^, Der Llnlergang des jüdischen Beamienstanbes. Im Derneindeprogrannn der „Bereinigung für dnS libersle Fuden« tnm e. «?.* stehen folgende Sätze, Rabbiner und Lehrer« Ohne« ist eine ihrer Bedeutung als geistige Führer einer Religionsgemeinschaft angemessene Stellung einzuräumen. Den Rabbinern, in rabbtnerlosen Geme nden den Lehrern, insbesondere ist Sitz im Gemeindevorstand einzuräumen, und zwar, wenn mehrere Rabbiner in der Gemeinde tätig sind, je einem der liberalen und der gesetzestreuen Richtung. Wie verlangen für Rabbiner und Lehrer Freiheit in der Betätigung ihrer religiösen und wissenschasMchen Aeberzeugung ln Lehre und Leben. Gemeinbebeamte. Wir verlangen lebenslängliche Anstellung der Gemeindebeamten nach einer Probezeit. Di« Besoldung soll auskömmlich sein und den Bezügen entsprechender Beamtengruppen der politischen Körperschaften angepatzt werden. Wo das nicht möglich ist, soll di« Gesamtvrganisattvn eintreten. Tie Dienstaufsicht steht dem Gemeindevorstanb zu. Die Schaffung einer unparteiischen Instanz für Streitfälle ist zu fordern. Die Tatsache, daß unsere Forderungen für die Stellung de« jüdischen Deamtenstandes bisher nicht Wirklichkeit geworden sind, haben uns veranlaht, unsere Spalten der jüdischen Beamtenorganisation zu öffnen. Die folgenden Aufsätze sind uns von dem „Allgemeinen Raddinerverband in Deutschland", dem „Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" und den „Allgemeinen deutschen Kantorverband" zur Verfügung gestellt worden. Die Rot der Beamten ist in erster Linie die Folge der Rot der jüdischen Kultusgemeinden. Sie wirb nur überwunden werden durch verständnisvolle Zusammenarbeit der Gemeindeverwaltungen und Gemeinbebeamten. nicht aber dadurch, daß die jüdischen Beamten durch Veröffentlichungen ln verdeutschen Tagespreise auf die Entschließungen der Gemeindebüros einzuwirken versuchen. Derartige Pub: Nationen, wie sie leider in letzter Zeit mehrfach erfolgt sind, können für das Judentum die nachteiligsten Folgen haben, und es liegt daher auch im Interesse der irdischen Beamten, wenn sie unterbleiben. Dte Redaktion. Der Rabbiner, seine Vorbildung uaö seine Stellung in üer Gemeinöe. Von Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach a. Main. Ich begrüße es von Herzen, daß die Redaktion der Jüdisch-liberalen Zeiturig eine Nummer der Erörterung der jüdischen Beamtenfragen widmet, um dadurch die Oeffentlichkeit für diesen wichtigen Faktor des jüdischen Gegenwarts¬ und Gemeinschaftslebens zu interessieren. Es wird bei solcher Erörterung viel von Materiellem die Rede sein müssen, leider, nicht aus bet Schuld oder irgend einer materialistischen Gesinnung der Beamtenschaft heraus. Aber es wird nicht vom Materiellen allein die Rede sein; es wird gut sein, die Oeffentächkeit über alle mit dem jüdischen Beamtenstand zusammenhängende Fragen aufzuklären. Sie weiß von der Vorbildung, von Organisation, von der Stellung des einzelnen Amtsträgers innerhalb der Gemeinde weniger, als man annimmt. Von dem Rabbinerstand sei im folgenden geredet. Schon bei der Vorbildung beginnt die große Schwierigkeit des rabbinischen Studiums. Rabbiner kann und darf man nicht werden, wie man irgendeinen-Beruf sonst erwählt; man muß vielmehr dazu eine innere Berufung fühlen und von Jugend auf religiös gesinnt sein. Nun liegt es aber in der Eigenart de? rabbinischen Berufes, daß man mit ihm die Handhabung und Fortführung eines Neligionsgesetzes übernimmt, das in einem 3000 Jahre umspannenden Schrifttum niedergelegt ist. Und die innere Berufung schließt hier die bereits erworbene Liebe zu diesem Schriftum in sich. So setzt das rabbinische Studium, ehe man es wissenschaftlich betreibt, eigentlich eine bereits in jungen Jahren erworbene gewisse Kenntnis der biblischen und talmudischen Literatur ooraus. Einige Generationen zurück, und das war vorhanden, und die des rabbinischen Studiums Beflissenen hatten in ihrem Unwersitätsstudium eigentlich nur die Aufgabe, ihr vorhandenes jüdisches Wissen wissenschaftlich zu erweitern und zu gliedern. Heute aber liegen die Dinge anders. Die Gelegenheit zu einer sehr gründlichen Vertrautheit mit dem jüdischen, insbesondere dem talmudischen Schrifttum, in das man beizeiten eingefübrt sein muß, wenn man es beherrschen und so lieben soll, daß man ihm ein ganzes Leben weiht, ist nach der Lage des jüdischen Erziehungswesens in Deutschland und nach der ganzen Einstellung des Eltcrnbauses selten gegeben. Daraus folgt, daß der der indischen^ Ideologie Beflissene während seines Studiums das alles e'.ermnuß. Dadurch verlängert sich sein Studium be::.:.7ü Dieses Studium aber darf sich trotzdem niclu in tvv 0 ^J^-bockien allein halten, sondern es muß sich über d.-.s des Studium-? der morgenländischen Sprache". - der Philosophie und insbesondere der modein-eii -.el .bedanken und Strömungen in aller Welt verbrene" dder Zusammenhang mit der allgemeinen Büdm-tz .v.:w'.:wen^und Außerfachlichen erhalten bleibe. DieJ-w'' der dem studierenden ruhenden Verpstichtuiig ai d.'.der e--.e ganz besonders große. Wenn trotzdem die Btwmch.ge des Radbmergeschlechtes von heute eine — id> dee.' das v.vM auch als Rabbiner sagen — sehr hohe ist und es n.b als würdiger Fortsetzer einer ruhmreichen Ueberlicse:.'.-' mw pur gelingen Führung befugt und befähigt erweiü 's im ^.etzten ein Ruhmestitel des ganzen heutigen Juden-:-.nn.s tun Beweis für seine Fähigkeit, sich in den verschiedenen K ..ln.-rlagen aus der Höbe zu halten. Der fachlichen Ausl".ld-..-.a d,eilen m Der Aus dem Inhalt: Dr. Dienemann: Der Rabbiner, seine Vorbildung und seine Stellung in der Gemeinde. H. Stern: Der Existenzkampf der Lehrer und und KnttnSbeamten. Hermann Zivi: Ans dem Lager der Kantoren. Walter Fabian: Friedrich Wilhelm Foerster und vir. Die jüdische Gegenwart. — Antworte». warum -rutsche Juden Not leiden! Me man sich theoretisch zum Ke rem Hajessod stellt, mag jedem Einzelnen überlassen bleiben. Wozu die Sammlungen für Palästina aber praktisch führen, zeigen kraß die amtlichen Zahlen, die das Hauptbureau des Keren Hajessod in London in seinem Geschäftsbericht veröffentlicht. Danach sind in der Zeit vom Frühjahr 1921 bis 30. September 1922 614 000 englische Pfund eingegangen. Wie sich diese Summe auf die einzelnen Staaten verteilt, sei an einigen Beispielen gezeigt: Amerika 393355 engl. Pfimd. Polen 22099 - * Deutschloiü kiiit 17 082 * * England 15338 * - Holland 7353 - Belgien .,111,, 1401 * * Frankreich 883 « - Zn anderen Ländern mit Edelvoluta, so in der Schweiz und Italien, hat man so wenig gegeben, daß die zionistische „Jüdische Rundschau" diese Zahlen keusch verschweigt. Hieraus geht dreierlei hervor: f. daß aus dem armen Deutschland für den Keren Hajessod mehr gegeben worden ist, als vom reichen England, das noch dazu als Mandatarmacht Palästinas besonders interessiert sein müßte; 2. daß Deutschland doppelt soviel gegeben hat wie Holland mit seiner Guldenwährung und zwanzigmal so viel wie Frankreich; 3. daß die Summe, die Deutschland zu dem Fonds beigesteuert hat, bei einem Stande des englischen Pfundes von ein Pfund — 30 000 Mark und bezogen auf die gegenwärtige Preisbasis 510 Millionen Mark beträgt. In einer Zeit, in der sämtliche jüdischen Wohlfahrtsanstalten in Deutschland und alle deutsch-jüdischen Organisationen bitterste Not leiden, dürfte sich ein Kommentar zu diesen Feststellungen erübrigen. wie sie den deutschen Namen schänden. „Streng arische" Studenten Hallen es für angebracht, in der Tschechoslowakei, wo angesichts der Haltung der So ko ls alle Deutschen Zusammenhalten müßten, den Tschechen einen leichten Sieg in die Hände zu spielen. In Prag ist zum Rektor der deutschen Universität vom Senat der bekannte Historiker Samuel Steinherz gewählt worden. Ein Jude: also müssen die „arischen" Studenten streiken. Mit den Mitteln des Terrors hindern sie Professoren und Studenten daran, die Universität zu betreten. In einer Kungebung stellt sich der akademische Senat auf die Seite des von ihm gewählten Gelehrten und appelliert an die Besonnenheit der Studenten. In gleicher Weise haben die deutschen Parteien des tchechoflowakischen Parlaments die streikende Studentenschaft aukgesordert, den Studienbetrieb an der deutschen Unwersität freizugeben, und der tschechische Unterrichtsminister ließ verlauten, er werde, falls die Vorlesungen nicht sofort wieder ausgenommen würden, dafür sorgen, daß das Wintersemester den Studemen nicht angevechnet werde. Jetzt beannworten die Studenten die Mahnung reifer Männer mit eiyer kindischen Kundgebung folgenden Inhalts: „PZü beharren nach wie vor auf dem Rücktritt des jüdischen Rektors Samuel Sreinherz, in dessen Rektorat wir den Geßlerhut des jüdischen Imperialismus erblicken, den wir mit dem Mut und der Entschlossenheit'unserer Jugend behaupten werden, komme was da wolle." So zeigen „arische" Studenten ihre Bildung, ihr Verständn-s für das Deutschtum und für die Wissenschaft. Wenn das Geld ausgeht. Der Heimatsverband Schlesien, uni dessen Geldmittel es setzt schlecht bestellt zu sein scheint, wendet sich in Rundschreiben auch an jüdische Fabrikanten und Großkausseute wegen Spenden. Es sei darauf hingewiesen, daß der Verband krypto-antisemitisch ist und in Breslau Ende Juni in Gemeinschaft mit dem d mischen Schutz- und Trutzbund und anderen gleichartigen (inzwischen aufgelösten) Bünden eine Versammlung mit Professor von Frehtag-Loringhovrw und Wulle als Rednern ausgeschrieben hotte. Nur die Ermordung Rathenaus bewirkte den Ausfall dieser Versammlung. Hauptsache 3 Anstalten, das Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau, das Rabbiner-Seminar in Berlin, die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die beiden ersten als reine Nabbinerbildungsanstalten gedacht, die dritte eine Hochschule für alle nach jüdischem Wissen Strebende, nicht bloß für Theologie Studierende. In der Berufsausbildung ist eine Lücke illsofern, als keine (Vorkehrung getroffen ist, den jungen Rabbiner, ehe er die volle Verantwortung eines selbständigen Atntes übernimmt^ unter Anleitung eines älteren Amtsbruders in die Praxis des Amtes einzuführen, so daß im Grunde im Praktischen jede« sein eigener Lehrmeister sein und seine Erfahrungen selbst sammeln muß. Das hat in manchem seinen Vorteil, erzieh^ sehr selbständige Charaktere. Trotzdem aber wäre ein gewisser Zwang zum Vorbereitungsjahr unter sachkundiger Leitung durchaus erwünscht. j Die Gesamtheit der deutschen Rabbiner ist in einer Reihe von Organisationen zusammengefaßt. Es gibt den die über-s wiegende Mehrzahl umfassenden Allgemeinen Rabbiner« B verband in Deutschland: er umspannt Rabbiner sämtlicher religiöser Richtungen, und um den Wünschen der orthodoxen Rabbiner gerecht zu werden, ist in seine Satzungen der Paragraph ausgenommen, das; „nur solche religiöse^Fragep erörtert werden dürfen, die keinen Verstoß gegen die religionsi 8 gesetzlichen Bestimmungen der maßgebenden Dezisoren in sich schließen". Das ist eine im Grunde genommen höchst unwürdige Bestimmung und bedeutet eine regelrechte Selbsteutmannung. Man hätte eine Sprucheutscheidung ausschließeu dürfen, aber daß man auch die Erörterung ausschließt, ist eine freiwillige Einengung, die die Gesamtheit des Standes in der geistigen Führung herunterdrückt. Aber es ist nichts dagegen zu machen. In der Tat verhindert die mimosenhafte Empfindlichkeit mancher orthodoxen Rabbiner jede Erörterung religiöser Probleme. Außer diesem allgemeinen Rabbinerverband gibt es noch 3 parteimäßige Organisationen. Das ist: der liberale Rabbinerverband, ferner auf der anderen Seite der orthodoxe Rabbinerverband, der in der Hauptsache die Rabbiner umfaßt, die jedes Zusammengehen mit liberalen Rabbinem und auch mit solchen Orthodoxen, die der Orthodoxie der Einheitsgemeinden angehören, grundsätzlich ablehnen, und drittens der traditionell-gesetzestreue Rabbiuerverband, der diejenigen konservativen und orthodoxen Rabbiner umspannt, die in I allgemeinen Fragen mit der Gesamtheit der deutschen Rab biner gehen und sich nur für die Pflege ihrer besonderen religiösen Interessen zusammengeschlossen haben. Ein besonders schwieriges Kapitel ist das der materiellen Lage der Rabbiner. Bor dem Kriege konnte man im allgemeinen — wenige wirklich leistungsschwache Gemeinden ausgenommen — wohl sagen, daß die ökonomische Lage der Rabbiner sich merklich gehoben hatte. Aber mit dem Kriege und der ihm nachfolgenden Geldentwertung hat das eine unheilvolle Veränderung erfahren. Das Traurige ist, daß der Rabbiner an der für den Beamtenstand und seine Existenz geübten Fürsorge nicht allgemein Anteil hat. Das Gegebene und einzig Mögliche und Würdige wäre, wenn die Gemeinden sich dem Schema der staatlichen Besoldungssorm anpassen und den Rabbiner entsprechend einstrifen würden, so daß sein Gehalt mit dem Anschwellen oder Sinken der Teuerung stiege oder fiele. In dem staatli chen Bcsoldungsschema sind alle Momente eines sozialen Aufbaues berücksichtigt, der Familienstand, die Kinderzahl, die größere oder geringere Teuerung des Wohnortes sind in Betracht gezogen. Seit langem fordert der Rabbinerverband die Eingruppierung. Aber eine Reihe von Gemeinden weigert sich beharrlich, den entscheidenden Schritt zu tun. Dort herrscht der unwürdige Zustand, daß der'Rabbiner bei jeder Verschiebung der Wertverhältnisse wie ein' Bittender an der Tür stehen und abwarten muß, inwieweit der Vorstand der Teuerung Rechnung zu tragen gewillt sein wird. In btefm Gemeinden ist die Gehaltsfestsetzung ganz wilMrlich, ein Zustand, der nicht nur unwürdig ist, sondern auch für beide Teile durch die ewigen .Kämpfe zermürbend ist, zermürbend an; meisten für den Rabbiner selbst, der in steter Sorge um die Erhaltung seiner Existenz ist und im ewigen Lohnkampf und dadurch in seiner Fortbildung und seinem ideellen Wirken gehemmt ist. Selbst größere und leistungsfähige Gemeinden machen sich da einer Sünde schuldig. Die Vorstände haben Furcht, Erhöhung der Steuem könnte zum Austritt führen, dabei ist ja auch die Erhöhung der Stenern nur eine rechnerische Sache, jede neue Geldentwertung läßt zahlenmäßig die Einkommen der Steuerträger steigen, so daß ihre Steuer nur der vermehrten Leistungsfähigkeit entspricht. Man kann beim besten Willen nicht sagen, daß die jüdischen Gemeinden der Gegenwart durchgängig den sozialen Sinn beweisen, den sie als Glieder - der Gemeinschaft haben müßten, die die soziale Gesetzgebung als erste in der Welt gehabt hatten. Marl hat für Almosen- I geben Verständnis, aber nicht genügend Sinn für soziale- Gerechtigkeit. Daneben aber gibt es Gemeinden, deren Kleinheit und _ Schwäche nicht zu verkennen ist; in ihnen — aber eben auch HugendveremssAnzeigen IM" letzte Seite.