Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 46 (17.11.1922)
- Date
- 1922-11-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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r WWW» WWWWW WWWß^^WWDWWWWWWWWWWWWWWWWMMWWWWWW WM Wollen Sie im Uebrigen leugnen, daß die Speisegesetze bei der Erhaltung des jüdischen Gemeinschastskörpers eine hervorragende Rolle gespielt haben? Darüber gibt es ja leine Diskussion, das ist ja beinahe schon Gemeinplatz. . Wenn Sie mich aber fragen, wie ich mir die Durcharbeitung und Ausgestaltung denke, so gestatten Sie, daß ich Ihnen darauf hier noch nicht antworte, das kommt, aber nicht im Rahmen solch kurzer Antwort; vorher wird es notwendig sein, daß man das von mir angeschnittene Grundsätzliche erörtert; und offen gestanden, darauf warte ich, man muß in derlei Dingen sich erst über das Grundsätzliche verständigt haben. Nur soviel sei gesagt. An die geheiligte Freiheit des Nichthaltens wird man nicht rühren; einen Zwang kann man nicht auSüben und will Niemand wieder einführen. Sicher aber ist, daß wenn man nicht nach dem Gerger'schen Wort darüber: eint nt «unt aut non sint gehandelt hätte, und jenen Versuch gemacht hätte, dessen Linien ich zu skizzieren versuchte, die Zahl derer, die siöy zur freiwilligen Bindung verstanden hätte, eine so erhebliche gewesen wäre, daß an dieser Stelle die Einheit der Judenheit nicht so heillos zerbrochen wäre, wie es geschah, und das ganze praktische religiöse Leben einen anderen Anstrich bekommen hätte, eine größere Intensität behalten hätte und auch unser Liberalismus eine andere, machtvollere überzeugendere Rolle spielen würde. Ich bin in stetsich erneuernder HochschLtzung Ihr sehr ergebener Rabbiner Dr. D i e n e m a n n. die Mische Gegenwart [jj§ »»»»«»»» »♦»♦»♦♦« •»««»»«» « « ****** »«»<>»»» ,'«.«»«». ♦»♦»♦♦»♦ **************** ♦»♦■♦*♦♦. Ein Museum jüdischer Altertümer eröffnete in Frankfurt a. M. die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmaler im ehemaligen Geschäftshaus der Firma M. A..von Rothschild & Söhne, erbaut nach dem letzten großen Brande der ehemaligen Judengasse (1796). Die gezeigten Altertümer des Kultus in Synagoge und Haus sind von großer Mannigfaltigkeit. Bon den künstlerisch und historisch hervorragenden Stücken sind besonders ein Almemmor vom Ende des 18. Jahrhunderts, ein bronzener Chanuckahleuchter aus dem 17. Jahrhundert, Torahvorhänge, Brautringe und ein auffallend schöner Bibelfoliant mit silbergetriebenem Deckel zu erwähnen.. Würdig reihen sich jüdische Miniamrhandschriften, wie Maimonides' Jad hachasaka (16. Jahrhunderts), Kaiserprivilegien und Reproduktionen oltcr Synagogen an. Die mit dem allgemein zugänglichen Museum verbundene Studienbibliothek wird besonders dem Gelehrten ein willkommenes Werkzeug sein. Jubiläum der Oppelner Synagoge. Am 29. Oktober beging die Gemeinde die Feier des 25jährigen Bestehens ihrer Synagoge. Seit 2v»olph Wiener, der Mitstreiter Abraham Geigers, hier als Rabbiner wirkte (1853—1895), ist Oppeln ein Borort des religiösen Liberalismus. Die alte Synagoge ist 1842 von Geiger ein geweiht worden. Der Bau der neuen schönen Synagoge ist ganz besonders der unermüdlichen Tatkraft des kürzlich in Breslau verstorbenen Apothekers Ernst Muhr zu danken, der alle entgegenstehenden Bedenken zu überwinden wußte. Der Grundstein zu dem schonen Gotteshause ist noch von Wiener gelegt worden. Die Feier ist wegen der interalliierten Besatzung nicht bereits im Juni begangen worden. Mit der Jubelfeier des Gotteshauses ist die Enthüllung Md Weihe der schlichten, aber schonen und würdigen Gedenktafel verbunden worden, die zum Andenken an die im Weltkriege für das Vaterland gefallenen Angehörigen der Gemeinde in der Synagoge angebracht ist. Zu dem eindrucksvollen Festgottesdienst waren die staatlichen Behörden, an der Spitze der Regierungspräsident, Vertreter des Magistrats und der Stadtverordneten, der katholischen und der evangelischen Geistlichkeit, der Militärbehörden, die Direktoren der höheren Lehranstalten usw. erschienen. Außer zahlreichen früheren, jetzt auswärts wohnenden Gemeindemitgliedern, waren die früheren Rabbiner der Oppelner Gemeinde, Dr. Bogelstem aus Breslau, Dr. Baeck aus Berlin, Dr. Goldmann aus Leipzig gekommen. Ein freiwilliger Chor von Damen und Herren aus der Gemeinde und Sologesänge des Kantors Jospe und der Damen Frau Kohn-Schlesinger und Frau Evstein gaben dem musikalischen Teil ein schönes, würdiges Gepräge. In seiner Fest- Predigt wies Rabbiner Dr. Braunschweiger auf di« Aufgabe des Gotteshauses, all gcns fceOK&fti, der Belehrung va6 der Versammlung hin. Die dauernde enge Beziehung zwischen der Gemeinde und ihren früheren Rabbinem kam in deren Amtstätigkeit bei der Feier zum Ausdruck. Dr. Bogelstein verrichtete das Gebet für Vaterland, Stadt und Gemeinde, Dr. Goldmann enthüllte die Gedenktafel für die Gefallenen und würdigte jeden einzelnen, Dr. Baeck gedachte der Toten, insbesondere derer, die sich um die Gemeinde verdient gemacht hatten. Der Eindruck der gottesdienstlichen Feier wird allen Teilnehmern dauernd im Gedächtnis bleiben. Am Abend vereinigte ein geselliges Beisammensein die Mitglieder und die Jugend der Gemeinde, sowie die auswärtigen Gäste. Dr. Apfel gelandet. Der langjährige Borsitzende des Verbandes der jüdischen Jugendvereine, Rechtsanwalt Dr. Apfel, -ist, wie die Jüdische Rundschau mitteilt, Mitglied der Zionistischen Vereinigung geworden. Somit bekennt dieser bewährte Schaukelpolitiker endlich Farbe. Vor wenigen Jahren noch trat Dr. Apfel wiederholt scharf gegen den Zionismus auf und betonte, daß sich der neutrale Verband nicht zwischen zwei Stühle setzen dürfe. Dann wurde er Vorstandsmitglied des Zentralvereins. Hier wurden ihm keine Lorbeerkränze geflochten. Herr Dr. Apfel war „neutral", was den Vorteil mit sich bringt, daß man leicht den Standpunkt wechseln kann. Von dieser schönen Möglichkeit der Neutralität hat er nun in einer Weise Gebrauch gemacht, die wir aufrichtig begrüßen. Eine Erziehvngökoufereuz, in welcher der Einfluß wirtschaftlicher, pädagogischer und hygienischer Verhältnisse auf die Erziehung erörtert werden soll, beabsichtigt die Zeutralwohlfahrtsstelle der deutschen Inden in der zweiten Hälfte des Monats Dezember in Berlin zu veranstalten. Jnr Anschluß hieran wird von der Geh. Rat Dr. Wolf Cohn'schen Stiftung, Berlin, aus eine Ausstellung von Erzeugnissen jüdischer Lehrlinge stattsinden. I« Polen fanden vor einigen Tagen die Wahlen zum Sejm statt, bei denen die nationalen Minderheiten einen Block geb-ldet hatten und eine einheitliche Liste aufstellten. Zu ihnen gehörten insbesondere die deutschen und die Rationaljuden. Die Liste war außerordentlich erfolgreich. Die Fraktion der nationalen Minderheiten wird die zweitgrößte Fraktion der polnischen SejmS werden. Die Zahl der jüdischen Deputierten wird mindestens 98 betragen. Die amerikanische liberale Judenheit rüstet sich zur Einweihung des neuen Tempels Beth-El in Detroit (Michigan), da dasj.Gotteshaus auf dem Woodward in der Gladstone Avenue dicht vor feiner Fertigstellung steht. Sein Erbauer ist der Architekt Albert Kahn. Der Grundstein wurde am 4. Oktober 1921 gelegt. Mit dem Tempel ist eine Schule verbunden worden. Es haben sich Synagogenvereine für Männer, Frauen und Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren gebildet, die nach Art von Logen organisiert sind und in religiöser, erzieherischer, sozialer und philantropischer Hinsicht ähnliche Ziele verfolgen wie die Bnei Briß-Logen. Die Synagoge, deren Kosten sich auf 750 000 2dl!'.'.'.? stellen und die 2500 Plätze umfaßt, wird die größte und führende Gebetsstättc des Reform; ndentums in den Bereinigten Staaten sein. Antworten «»♦«♦♦♦♦ ♦«♦♦♦♦«MM»»»»»»»»»»»»»..»♦♦♦»»»♦»♦»♦♦»«♦♦♦«♦♦♦♦♦»»»«» »♦♦♦♦»♦♦ Dr. I. Goldschmidt, Offeubach. Sie geben Ms, erst jetzt, von einem Antrag Kenntnis, den Sie in der vorjährigen Versammlung des Rabbmerverbandes in Frankfurt gestellt haben. Da heißt es: „In Anbetracht deffen, 1. daß das Judentum eine geschichtliche Sendung darin erblickt, den Glauben an einen Gott zum Gemeingut der Menschen zu machen und in dem Glauben an den gemeinsamen Vater die Menschen zu verbrüdern; 2. daß die Propheten Israels das „Messianische Reich", das Reich des Völkerfriedens als das Ziel der Geschichte der Menschheit verkündet haben; 3. daß das Judentum in der Zerstreuung Israels unter allen Böllem eine probVentfeOt Forderung seiner Ausgabe im Dienste der Menschheit «S blickt; 4. daß der letzte Krieg gezeigt hat, wi« wert die Menschheit von dem Ziele der BölkerverbrüderMg entfernt ist und dadurch die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden in Millionen Herzen der besten Menschen entflammt hat; 5. daß der Wilson'sche „Völkerbund", wenn auch nicht die letzte Lösung dieses höchsten Problems der Menschheit, so doch die Einführung dieses hohen Ideals in die politische Realität bedeutet. — beantrage ich. zu beschließen, daß der Deutsche Rabbiner- Verband in Verbindung trete a) mit den Rabbiner-Berbänden und den führenden Rabbinern der ganzen Welt, b) mit dem ,Deutsch- Israelitischen Gemeindebund", dem „Zentral-Verem", den Zionisten^ Führern, der orthodoxen „Freier! Berein-gung", dem „Verband der deutschen Juden" usw., e) mit den verschiedenen außerdeutschen jüdischen Organisationen, um zu erklären: daß das Judentum der Gegen wart als Religion in er st er Linie die Pflicht hat, sich in den Dienst der „Völkerb und".Idee zu stellen; und zu beschließen: Einen Weltverein der Israeliten zur Propaganda für einen Völker«» bund zu begründen. Es ist höchste Zeit, daß sich das Indem tum der Gegenwart als Religion auf seine geschichtliche Sendung wieder besinne und mit schöpferischer Begeisterung positive Arbeit dafür leiste. Das Judentum wachse mit seinen alten, höheren Zwecken. Wenn die anderen Religionen ebenfalls als Religionen ihre ungleich reicheren Kräfte und Drittel der Verbrüderung der Menschen direkt widmen wollen, wird es unsere Religion mit Dankbarkeit im Namen der Menschheit begrüßen. Das Judentum leidet am meisten unter der Zerriflenheit der Böller und glaubt darum, als Religion das traurige Vorrecht zu haben, im Dienste des Völlerfriedens die Initiative zu ergreifen." Der Antrag ehrt seinen Urheber. Er beweist, daß dieser einen offenen Blick für die religiösen Notwendigkeiten der Gegenwart hat und der besonderen Aufgabe des Judentums nicht so stemd gegenübersteht, wie manche seiner Kollegen. Und es zeugt von einem leider nicht allgemeinen Bekennermut, wenn Sie dem berechtigten Gedanken Ausdruck verleihen, man habe in der, heute allerdings noch autokratischen Völkerbunds: nstitution einen Anknüpfungspunkt für die Friedensarbeit zu sehen. Der den erfordere lichen Schwung zu geben, sei ein trauriges Vorrecht des Judentums? Wir halten's für den wahren Sinn des so heiß umstrittenen Begriffes der geistigen Auserwähltheit Israels. Darum bedauern wir, daß der Rabbinerverband Ihren Antrag zwar einstimmig angenommen hat, ihn aber noch immer im Schoß einer Kommission ruhen läßt, statt schnellstens durch einige tatkräftige Männer die segensreichen Vorschläge einer rerquälten Menschheit nutzbar machen zu lasten. *****************«♦♦♦♦♦«♦«»»««»♦♦♦♦♦♦♦♦» ******** »»»♦»♦«♦««»»♦♦ ♦♦»♦♦»»» Aeitungsschau »♦♦»♦«♦»»»♦♦♦♦M»»»M»»«»»»t t *********** ******** ******** ****************»«»»»♦♦ Hermann Lohen und Wilhelm Herrmann» Die in Marburg erscheinende Zeitschrift „Die christliche Welt" bringt aus der Feder von Heinrich Knittermeyer eine eingehende Würdigung der letzten Schrift Hermann Cohens. „Die Religion der Bemunft aus den Quellen des Judentums", in welcher eingangs die persönlichen Beziehungen von Cohen und Herrmann behandelt werden. In diesem Aufsatze heißt es: Langst hätte dies Buch des 1918 verstorbenen Marburg» Philosophen hier seine Anzeige finden müssen. Daß es nicht eher geschah, hat wohl mit seinen Grund darin, daß der, der sonst mit der religiösen und philosophischen Haltung Cohens sich auseinandersetzte, Wilhelm Herrmann, nun auch zu den Toten gehört und schon seit Jahren in seinem Schaffen behindert war. Und diese Do-, innerung führt weiter. Beide sind ja aufs Tiefste mit der Geschichte der Universität Marburg in: letzten Menschenalter verknüpft. Wer hier in Marburg Theologie studierte, der hörte auch ein Kant-Kolleg bei Cohen oder seine Vorlesung über Ethik. Und wer gekommen war, um Cohen zu hören, der hörte auch bei Herrmann die Ethik oder wohl gar die Dogmatik. Beide waren in der methodischen Auffastung der Komischen Philosophie einig und sahen in ihr die vei> kindliche Grundlage des eigenen Denkens, und beide waren doch' Die geborene Cugenüreich. Ein Großstadtroman von Oskar JonS Mtltrna«. (80. Fortsetzung.) - Ein junges Fräulein, schlank und schön, aber erschreckend blaß trat vor sie hin. Ebba betrachtete sie durch ihr StilglaS und verbarg angstvoll das Haupt an seiner Brust. „Schütze mich, ich fürchte mich!" — Eine unheimliche Stille trat ein; die Fremde aber Hub an zu singen, mit feiner, süßer und trauriger Stimme: Heut hast du dich der andern anvertraut, Im kalten Grab weint die betrog'ne Braut; Mein Herz zerbrach, denn du hast mich verlassen. Ich liebe dich und kann dich niemals hassen. Ein allgemeiner Tumult entstand, und ein Teil der dänischen Gesellschaft klatschte ironisch Beifall. Marens Mutter rief: „Hinaus mit ihr! E8 ist alles Lüge und Gemeinheit! Polizei, Polizei!" — Der Vater gebot ihr Schweigen: „Laß uns ruhig nach Hause gehen!" — Doch schon stand der Schutzmann Held salutierend auf der Bühne und fragte, immer die Hand am Helm, und auf Minni zeigend: „Soll ich sie mitnehmen?" „Nein, nein!", schrie Max mit lauter Stimme, daß der schlafende Vater erwachte und erschreckt in sein Zimmerchen trat. „Aber, Matschke", fragte er liebkosend und ganz mit demselben Tonfall, wie er vor zwanzig Jahren seinen kleinen Jungen beruhigt hatte: „Ist Dir nicht gut? — „Ich habe wohl geträumt, Papa", antwortete Max verlegen: „Geh zu Bett, Du wirst Dich erkälten." — Auch die Mama erschien mit dem Leuchter in der Hand, und Marie machte den Beschluß. Sie wollte durchaus wissen, ob Einbrecher da wären. „Es wird Sie niemand weglragen!", beruhigte Jettchen. „Der Tag war noch nicht verstört genug!" Damit zog sie sich mürrisch zurück. Auch Jonas legte sich seufzend nieder, nicht ohne zu bemerken: „Man muß früh den Arzt kommen lassen, der Junge gefällt mir garnicht." — „Red' ihm auch da§ noch ein!" Dann aber erklärte sie sachlich: .Mt dem ärmsten jüdischen Mädel würde ich mich abfinden, aber diese Familie kann mir keiner zumuten! Eher soll er überhaupt nicht heiraten!" — — — „Ich bin in einer Zwickmühle, Frau Witt", begann am anderen Vormittag Theodor Sachs, indem er im Sanktissimum auf und ab ging. „Die Eltern sind durchaus dagegen, und ich, offengestanden, nicht dafür. Trotzdem sage ich weder nein, noch ja. Minni wird weiter bei Fuchs rrnd Freitag arbeiten; darüber waren wir uns schon gestern einig. Alles hängt von dem jungen Herrn ab! Wenn er nur halb so energisch ist, wie seine Mutter, kann man schon heute gratulieren!" — Also erschien Minni nach zweitägiger Abwesenheit wieder im Geschäft und nahm, von den Damen der Firma teilnahmsvoll begrüßt, den Platz auf dem Drehstuhl ein. Jonas blieb von gleicher, wenn auch etwas steifer Höflichkeit, und selbst Jettchen, da eine Begegnung sich nicht vermeiden ließ, erwiderte förm"ch ihren Gruß. Minni sah angegriffen aus, aber gerade das — Frau Rosenthal mußte es sich innerlich eingestehen — stand ihr gut. Ueberflüssig, zu sagen, daß die Liebenden sich nach wie vor tagtäglich trafen, „und der ganze Unterschied seit dem letzten Auftritt besteht darin, daß ich eS weiß und doch nicht hindern kann.". So haderte bitter Mama Jettchen in dem nicht unrichtigen Empfinden, nach langer Allmacht mütterlicher Herrschaft entthront zu sein. Aber auch die geborene Tugendreich war nicht viel anders beschieden worden, als sie zaghaft versucht hatte, Minni vielleicht „davon abzubringen." — „Mama, mach uns beiden das Herz nicht schwer, ich kann mich nicht hindern lassen!" So zeigte sich die junge Braut als gelehrige Schülerin ihres künftigen Gebieters, der über eine ganz besondere Taktik verfügte, diesen unbequemen Erörterungen aus dem Wege zu gehen. Nur noch ganz sell^n gelang es Jettchen, auf den „Zustand" anzuspielen, indem sie Janas, aber natürlich in Maxens Beisein monierte: „Nun schreib schon endlich nach Kopenhagen ab!", oder aber, — das war die schärfere Dosis: „Erst muß ich tot sein! Solange ich atme, betritt sie nicht meine Schwelle!" — Max antwortete dann friedlich und fest: „Ohne Deinen Segen werde ich nicht heiraten." „Laß Dir die Zeir nicht lang werden!", quittierte regelmäßig die Mama. XIII. Nicht lange danach begab sich etwas ausfälliges. Max erklärte seinem Papa, daß er jetzt seine juristisch-kauiniünnische Vorbildung beendet habe und die Knopf-, Besatz- und Bandwissenschaft praktisch erlernen möchte. „Aber nicht bei diner fremden Firma; dazu bin ich zu alt! Am liebsten gleich bei Fuchs und Freitag!" — Den Vater Jonas durchzuckte starke Freude, denn sein Lebenstraum ging ja damit in Erfüllung; doch auch einiges Mißtrauen gesellte sich bald hinzu, und dies behielt die Oberhand. Denn was Jettchen an dieser neuesten Berufswahl ihres vielseitigen Sprößlings aussetzte, mußte auch ihr Ehemann, bei aller sanftmütigen Gesinnung, unterschreiben. „AuS Trotz — sage ich Dir —, lediglich aus Trotz, um vor unseren Augen mit ihr zusammen zu sein! Spaß, wird er ein Kaufmann werden, die Kunden können mir leid tun!" — Herr Dr. Rosenthal trat ins Geschäft, überaus korrekt, sehr eifrig, ganz gelehrig und erfüllt von modernen Ideen, denen der Vater Berechtigung und Anerkennung nicht versagen konnte. Schreibmaschine und Kartothek, Registrierkasse und Personal- Kontrolluhr zogen mit ihm ein, und siehe da —, es war sehr gut! Zuerst nannte die Chesmama, ewig auf der Suche nach Beanstandungen, diese Neuerungen „kindische Spielerei, die unnützes Geld kosten". Als aber eine, Lungenkraft und Treppen sparende Haustelefon-Anlage und der Behaglichkeitsstrom des elektrischen Lichtes nachfolgten, schwieg sie belehrt. Auch einige Dreiräder mit bauchigen Kasten, die statt des müden Leihwagen« der Witwe Hellriegel mit den Waren flott und elegant zur Stadtkundschaft und Hauptpost spurteten, bewährten sich. Die Lösung dieses Traditionsverhältnisses, das die Inhaberin des Fuhrgeschäftes i« der Pallisadenstraße 13 mit der halben Klosterstraße verband, regte den Erbsohn ihres Betriebes nicht sonderlich auf^ „Orje" hatte gegentoärtig andere Sorgen. War er auch von der Facon, die der Berliner „reichlich dow" nennt, so schlug sein Herz, im Banne einer hoffnungslosen Liebe, doch stürmisch und empsindsarn. Man wird es verstehen, wenn seine leicht entzückten JünglingSaugen an Minni besonderes Wohlgefallen fanden, denn junge Damen zwischen siebzehn und achtzehn, selbst wenn sie nicht so schön und zart sind, haben bekanntlich immer erklärte oder heimliche Verehrer. (Fortsetzung folgt.'.