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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-11-17 · 46 (17.11.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
46 (17.11.1922)
Date
1922-11-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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' ff'"" " "D^s'7 -1-" *P ■* ... - *U! selbständigen Kaufmann und Händler gibt. Vbxi der wird den Kindem wirklich helfen, der versucht, die Ursache des Notstandes zu beseitigen. Arbeitsbeschaffung, Ermöglichung von Kuren können bewirken, daß die Familie wieder ihre wirtschaftliche Selbständigkeit erhält, und auch die Kinder dadurch zu ungetrübtem Leben gelangen. Nicht immer wird es glücken, und zumal, wenn der Emährer gestorben ist, wird lange Zeit die Wohlfahrtspflege mit Geldmitteln eingreifen müssen, um nur die notwendigste Ernährung und Kleidung sicherzustellen. Wer in richtiger Weise gibt, treibt vorbeugende Jugendfürsorge und verhütet es, daß Unterernährung aus dem notleidenden Kinde ein krankes werden läßt. Hierbei tun auch die Ferienkolonien ihr segensreiches Werk, und jedes dieser aus wirtschaftlicher Not kommende Änd, das eine Zeit infguter Luft, bei kräftiger Verpflegung und nicht zu vergessen in sorgloser Freude verbringen kann, nimmt eine frohe Erinnerung ins Leben. Jüdische Kinder gehören in jüdische Ferienkolonien, und wer seinem eigenen Änd eine Ferienzeit ermöglichen kann, der helfe dazu auch den „Kindern in Not" ein gleiches zu verschaffen. Das Judentum hat es stets für seine Pflicht gehalten, der wirtschaftlichen Not seiner Glaubensgenossen zu steuern und wird sich hoffentlich auch in der jetzigen schweren Zeit dieser Pflicht bewußt bleiben. ' Viel schwieriger gestaltet sich die Kindernot, wenn nicht unverschuldetes Unglück den Grund der Not bilden. Der Vater $ arbeitsscheu, die Mutter unwirtschaftlich, die Kinder sind es, die darunter leiden. Nur zu oft kommt es noch vor, daß Kinder betteln geschickt werden. Wer einem bettelnden Kind ein Mmosen gibt, der hilft nicht Kindernot lindern, der vergrößert sie. Die seelische Not des Kindes, sie wird durch die Annahme des Almosens (denn nur dieser sonst glücklicherweise veraltete Ausdruck ist in diesem Falle angebracht) verstärkt. Mit dem bettelnden Kinde muß man in die Familie gehen und feststellen, wer das Kind betteln schickt und warum dies geschieht oder die Adresse derjenigen Stelle, die sich ihrer annimmt, geben. (In Berlin für jüdische Kinder die Fürsorgekommission der jüdischen Gemeinde.) Aus wirtschaftlicher Not erwächst seelische Not. Das Kind steht vor der Berufswahl. Du kannst nichts fernen" wird ihm gesagt, Du mußt gleich verdienen. Welch Schmerz sür das gut veranlagte, für das geschickte Kind, das in seinen Wünschen und den Unterhaltungen mit seinen Kameraden schon seine Zukunftspläne gebaut hatte, und welch ein Schaden für das Judentum. Jeder Jude, der wünscht, daß die Heranwachsende Jugend im deutschen Vaterlande ersprießliche Arbeit lei st et, soll darauf dringen,daß die Jugend zu gelernter Arbeit, sei eS im Kaufmanns stände, sei es im Handwerk erzogen wird. Darum schafft Lehrbeihilfen, übernehmt ftir die Zeit der Lehre einen Zuschuß, der es auch dem Jungen und dem Mädchen der wirtschaftlich schwachen Familie und der Witwe ermöglicht, zu lernen. Doch noch andere Not der Jugendlichen entsteht aus der wirtschaftlichen Not. Da kommt ein Junge oder ein Mädchen als Lehrling oder Laufbursche in einen großen Geschäftsbetrieb. Ungeheure Werte liegen, oft schlecht beaufsichtigt, vor ihm, werden ihm anvertrant, und er hört Geldsummen nennen, an die er nie gedacht, ja es werden ihm sogar beträchtliche Summen zur Beförderung gegeben. Wen kann es da Wunder nehmen, daß so mancher nicht der Versuchung widerstehen kann und sich an ftemdem Gut vergreift. Oft mag ein langer Kampf vorangegangen sein, in dem schließlich der Jugendliche doch unterlegen ist, um sich eine Annehrnlichkeit zu verschaffen, die ihm sonst versagt ist, manchmal auch, um den Hunger zu stillen und ein notwendiges Kleidungsstück zu beschaffen. Jeder Kaufmann, jeder Handwerker, der ein solch junges Menschenkind beschäftigt, ist mitverantwortlich für die Tat. Er hat die Pflicht, sich um die von ihm beschäftigten Jugendlichen zu kümmern, vor allen Dingen jedoch nach Möglichkeit durch gute Aussicht über die großen Werte die Versuchung aus dem Wege zu räumen. Wer Gelegenheit hat, an Terminen der Jugendgerichte teilzunehmen, ist erstaunt, wie oft zu Gunsten des angeklagten Jugendlichen angeführt werden kann, wie leicht ihm durch Leichtsinn des Chefs die Veruntreuung geworden ist. Nicht immer ist es wirtschaftliche Not der Familie, die den Jugendlichen auf Abwege geraten ließ. Kino, Rummel, Schundlektüre, diese drei gefährlichsten Feinde der Gwßstadtjugend üben noch immer ihren verderblichen Einfluß aus. Wer kann es auch dem Jungen verdenken, der zu Hause keinerlei geistige Anregung hat, wenn er in seinem Drang nach Abenteuern und Abwechselung zu dem greift, das ihm am bequemsten geboten wird. Um sich diese verschaffen zu können, scheut er nicht vor Diebstahl und Unterschlagung zurück. Wie kann hier geholfen werden? Nicht nur der Kampf gegen Kino, Rummel und Schnndlektüre, so notwendig er ist, kann Rettung bringen, der Jugend muß etwas Positives gegeben werden. Aus ihrer geistigen Not muß sie heraus, dem gesunden Sinn für Abwechselung und Abenteuer muß Rechnung getragen werden. Jugendvereine müssen immer mehr entstehen und der Jugend mit Sport und Spiel, mit Wanderungen und Fortbildungsmöglichkeiten das bieten, was sie verlangt. Es muß Jugeudvereine geben, in die jeder Jugendliche eintreten kann, ohne sich bedrückt zu fühlen, wenn er nicht über große Geldmittel verfügt. In den am dichtesten mit Juden bevölkerten Gegenden müssen Räume zur Verfügung stehen, in denen die Jugend sich wohlfühlt. Nicht nur Kampf gegen die schädlichen Einflüsse, sondern Erhaltet Eure Vereinigung! Stärkt den Vreßsondö! Werbt neue Mitglieder! Geldsendungen für die »Bereinigung für daS liberale Judentum E.D.E erbeten auf Postscheckkonto Berlin Nr. 137069. Büro der Bereinigung: Berlin W 8, Mauerstr. 22. Ausrichten von Möglichkeiten gesunder Betätigung, das kann Hilfe bringen. Kinder in Not! Bisher ist im wesentlichen von Kindem aus normalen Familien die Rede gewesen, die schlimmste, die größte Kindemot ist noch nicht berührt, das ist die Not des Änd es aus zerrütteten Familien und die Not des unehelichen Kindes. Das jüdische uneheliche And ist nicht so selten, wie oft angenommen wird, hat sich doch die Notwendigkeit ergeben, jüdische Sammelvormundschaften zu errichten, die zurzeit in Berlin, Frankfurt a. M. und München bestehen. Wie selten nur ist die uneheliche Mutter in der Lage, mit dem Kinde zusammen zu leben, wie oft muß sie es verleugnen, wie häufig kiimmert sie sich nicht um das Kind. Da ist es Pflicht, sich zur Verfügung zu stellen, um eine Vormundschaft zu übernehmen oder den Sammelvormund in seiner Arbeit zu unterstützen. Größer vielleicht noch als die Not des unehelichen Kindes ist die des Kindes, das aus zerrütteten Familienverhältnissen stammt. Wer in der praktischen Jugendsürsorgearbeit steht, weiß, wie traurig es um das Seelenleben dieser Kinder steht. Vater und Mutter wollen auseinander gehen, die Scheidung ist eingeleitet, aber die Wohnungsverhältnisse zwingen das Ehepaar, weiter eine Wohnung zu bewohnen, und die Kinder sind Zeugen der unerquiÄichsten Auftritte, hören und sehen, was ihr junges Gemüt für das ganze Leben vergiftet. Nur zu oft werden bei Ehescherdungsprozessen die Änd er das Opfer der gegenseittgen Abneigung der Eltern. Jeder Elternteil versucht die Erziehung der Kinder zu übernehmen. Welch Schaden die Kinderseele durch diese verschiedenen Einflüsse nimmt, ist unermeßlich. Auch ohne daß ein Scheidungsprozeß angestrengt wird, sind die ehelichen Veriältnisse oft so trübe, daß im Interesse der Kinder ein Einchreiten geboten ist. Hier wie in den oben geschilderten Fällen kann fast stets nur die Herausnahme des Kindes aus dem Elternhause und die Unterbringung in einer jüdischen Familie oder in einer jüdischen Anstalt Rettung bringen. Wir brauchen jüdische Anstalten, aber irf** brauchen insbesondere solche Anstalten, die nicht nur „Musterkinder" ausnehmen. Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen haben an Körper und Seele gelitten, sind oft im Schulwissen zurückgeblieben. Wie sie sich entwickeln, kann inan erst sehen, wenn ie Sonne in ihr Leben bekommen, wenn der Boden für die Entwicklung fruchtbar gemacht wird. Darum, wer einer Anstalt vorsteht, wer Gnfluß auf das Kuratorium einer Anstalt besitzt, dir sehe zu, daß „Kinder in Not" Aufnahme nnden, und der Erfolg wird oft überraschend sein, wenn das Kind das findet, was ihm bisher gefehlt — die Liebe. Ganz verschwinden wird die Kindemot nie, und nur dei wird zu helfen versuchen können, der von einem nie versagenden Optimismus erfüllt ist. Kein Fehlschlag darf uns hindem. Die Liebe zum Kinde, zur Jugend und zum Judentume muß uns immer wieder die Kraft zur Weiterarbeit geben und uns mit dem Idealismus erfüllen, der neue Wege findet und neue Mitstreiter wirbt im Kampf gegen die „Not der Kinder"- Offene Antwort an Herrn Justizrat Breslauer. Mit dieser Antwort schließen wir die Diskussion über die Frage der Speisegesetze in unseren Spalten. Das „Liberale Judentum" wird sicher für eine weitere Klärung zur Verfügung stehen. Zu der vorliegenden Antwort bemerken wir, daß sie ebenso wie der offene Brief von Herrn Justizrat Breslauer lediglich die Ansicht deS Verfassers wiedergibt. Unseres ErachtenS soll die Einheit der Judenheit keine Folge der Speisegesetze, sondern eine Folge des jüdischen Geistes sein. Auch vermögen wir nicht anzuerkennen, was der Verfasser über die Bedeutung der Speisegesehe für das religiöse Leben und den Liberalismus am Schluß seiner Antwort sagt. Die Red. Sehr verehrter Herr Justizrat! Warum sollte ich Ihren Brief für ungut nehmen? Im Gegenteil, ich freue mich von Herzen, wenn die Anregung, die ich gab, zur Diskussion führt, und eine grundsätzliche Diskussion über die Frage der Speisegesetze wäre sehr erwünscht Aber ich fürchte über die Grundfrage wird es auch nach der reichsten Diskussion keine restlose Verständigung geben, nämlich über die Frage, aus welchen Motiven die Speisegesetze flössen. Es gibt drei Möglichkeiten, entweder man hält's mit der Orthodoxie, dann muß man sie als Gebot, womöglich wörtliches Gebot Gottes nehmen, oder man ist zionistisch eingestellt, dann nimmt man sie als nationale Sitte, beides ist nicht unser Fall, dann bleibt nur die eine Möglichkeit, daß sie in ältester Zeit aus Gründen entstanden, die wir nicht mehr restlos aufhellen können. Oder mit anderen Worten, daß mystische Vorstellungen Mitschwingen. Daß Ihr Lehrer, den Sie zitieren, einst dafür kein Verständnis hatte, ist schon begreiflich, er hat abev mich dem rationalistischem Zeitalter angehört, das da glaubte, man könne für alles und jedes einen vernunftgemäßen Grund angeben. Daß er Übrigens, weil er zwei oder drei Generationen älter war als mqine Altersstufe, dem Verständnis für mystische Zusammenhänge näher stand als unsereins, ist doch wohl Ihr Ernst nicht. Es wird schon, sehr verehrter Herr Justizrat, bei der Erkenntnis bleiben müssen, die die vertieftere unserer Zeit ist, daß die Speisegesetze zwar hervorragend hygienisch gewirkt haben, aber daß ihre Quelle nicht aus der Absicht hervorging, Hygiene im Gewände eines Volksgebotes zu treiben, daß sie aus Irgendwelchen Vorstellungen des Verbundenseins mit Gott und aus sittlichen Zielen flössen, aber nicht, um Medizin durch das Mittel eines religiösen Gebotes fester zu verankern. Ich fürchte, bei Ihrer Einstellung schwingt noch der Gedanke mit, daß es eine Sünde wider den Liberalismus ist, wenn man in Speisegesetzen auch für den heute Lebenden einen hohen Wert erblickt, daß eS zum unabtrennbaren Besitzstand des Liberalismus gehöre, in so etwas eine erledigte Angelegenheit zu schauen. Der jüdische Witz, «in philosophisches Problem. Bon Alexander MoSzkowSkk. (Schluß.) Auf einer ganz anderen Linie der Betrachtung bewegen sich die ironischen Skeptiker, die ihren geistigen Stammbaum vis auf Prvtagoras und Pyrrho zurückleiten. Ihnen gilt nichts als erwiesen die Schlinggewächse des Zweifels überwuchern bei ihnen jedes Gedankengebilde, und ihr spottender Unglaube treibt abenteuerliche Blüten. Gewiß, dieser Unglaube wagt sich nicht bis an die Grenzen solipsistischer Denkart, die alle Erscheinungen der Außenwelt und alle Realitäten überhaupt leugnet. Er äußert sich vielmehr vorwiegend in den transzendenten Dingen der Jenseitigkeit, und er nimmt dabei Formen deS Zweifels an, die bewußt auf die Kontrastwirkung des LumorS eingestellt find. Ter logische Grundzug dieses Zweifels ist ein fragendes, mit jüdischer Skepsis gewürztes „Vielleicht"; — eS kann so sein, — cs kann auch anders sein, und in dieser alle Möglichkeiten ofsenlassenden Alternative ist viel Platz für philosopr.ii chen Hum or. Ben'-eiten wir einen Skeptiker auf seinen Gedankenwegen. Er ist sich dessen bewußt/ daß er nicht imstande ist, die Rätsel der Ewigkeit zu durchdringen und aus naiver Gläubigkeit einen Trost für seine Seele zu gewinnen. Er versucht es sonach, den Zweifel eines anderen zu Hilfe zu rufen, um seinen eigenen ui betäuben. In tiefe Betrachtungen versunken, steht er vor oem Oelvorträt seiner Gattin, die ihm vor einigen Monaten entrissen wurde und die ihm, wie man anzunehmen hat, bei ihren Lebzeiten das Dasein nicüt sonderlich verschönte. Änd m dieser verdrießlichen Erinnerung findet er das Motiv zu einem elegischen, die letzten Tinge berührenden Monolog: »O Lea! Nun weilst du im geheimnisvollen Jenseits! Werden wir uns je Wiedersehen? Gibt es überhaupt ein Wiedersehen in einer anderen Welt? — — (Gefaßt): Mein Vetter Brelschofsky sagt nein!" Er vermeidet es, einen apodiktischen Schluß aufzustellen, und verschanzt sich hinter einer Autorität, um in der schwierigen Frage wenigstens einen Wahrscheinlichkeitsgrad zu erreichen. Wie die Pytagoräer sich beim Versagen oller Gründe aus ihren Meister beriefen, mit dem Ultimatum: Er selbst, Pythagoras, hat es gesagt, so beruft er sich auf seinen Vetter als auf eine weltweise Instanz, zu der er Vertrauen hegt. Wer sich die Lehre unseres bedeutenden Stammesbruders Fritz Mauthner angeeignet hat, der weiß, daß letzten Endes »lle Erkenntnis in Sprachkritik mündet. Zur Sprachphilosophie gehört die ge,»-»ic Umgrenzung der Begriffe, die unS dahin fübrt. anznerkav.-e:: doß im Grunde jede Uebersetzung <vv> einer Sprache in die andere nur einen Notbehelf darstellt, der die Form ähnlich nachbildet, ohne den Sinn in aller Schärfe zu erfassen. Was übrigens schon John Locke angesagt hat, wie es auch in dem Sprichwort seinen Ausdruck findet: brackuttors — traditore — qui traduit trahit — zu deutsch: mit jeder Uebersetzung wird Verrat am Wort geübt. 6s gibt Anekdoten mit treffender Scherzmoral, die das Wesen gewisser Uebersetzungskünste vielleicht genauer kennzeichnen als jede Fachkritik. Und abermals finden wir im Requisitenschatze des jüdischen Witzes ein Instrument, das sich zur philosophischen, hier sprachkritischen Handhabung vortrefflich eignet: Aus einer Synagoge ist ein Schofar gestohlen worden; es steht im Mittelpunkt der Verhandlung, deren Leiter keine Kenntnis besitzt von der rituellen Bedeutung dieses aus einem Widderhvrn geformten Blasewerkzeuges. Der Synagogenvorstand wird vom Richter nachdrücklich bedrängt, den Gegenstand zu erklären. Immer wieder behauptet der Zeuge, ein „Schofar" sei eben ein „Schofar"; schließlich bequemt er sich zu der Uebersetzung: „Es is e Trompeten." — „Nun, sehen Sie, wie Sie es mit eineuirnal erklären können, warum haben Sie das nicht gleich gesagt?" — „Herr Richter, nu, is es denn e Trompeten?" Gestehen wir es offen, das ist allerbeste Sprachkritik, und sie zeigt ihre Verwendbarkeit für unzählige Fälle. Uns wird zum Beispiel allen Ernstes angesonnen, für Atome zu sagen: die Kleinchen, die Etwase, für Parodie: die Verulkdichtung, für Explosion: die Plötzzersetzung, für Konversationslexikon: „das Fragmichwas". Da haben wir Erklärungen, Uebersetzungen, geformt und empfohlen von Philosophastern, die nicht wissen von der Weisheit: das Wort sie sollen lassen stan. Und aus dem Hintergrund bricht erlösend die Gegenfrage: decken sich denn die Begriffe, ist zwischen Wort und Wort Kongruenz vorhanden, — is es denn e Trompeten? Das Wunder ist nicht nur des Glaubens liebstes Kind, es wird auch theoretisch gepflegt und gehätschelt von den Denkern, die auf der Gegenseite dogmatischen Glaubens stehen. Und mit Recht ist gesagt worden' der Mensch beginnt zu philosophieren, wo er das erstemal erstaunt, wo ihm das Wunderrätsel gegenübertritt. Der Philosoph Pascal versuchte die Schwierigkeit durch die Erklärung zu überwinden: Anstatt zu schließen, es gibt keine wahren Wunder, weil es falsche gibt, muß man vielmehr umge^hrt sagen: Es gibt falsche Wunder, und darum muß es auch wahre geben. Der Träger des jüdischen Witzes schließt anders: Es gibt nachgewicsene falsche Wunder, deshalb werden sie wohl sämtlich falsch sein. Von diesem Schluß aus bis zur schlagkräftigen Pointe gibt es zahlreiche Wege. Ur die sicherste Methode besieht darin, daß der Sprecher sich wundergläubig stellt, um zu einer paradoxen und kraft ihrer Parodoxie komischen Ansage zu gelangen. Eine große Anzahl hübscher Anekdoten, die von wundertätigen Rabbis und sonstigen Wnnbermännern bandeln, süßt auf dieser bewährten Methode Vielfach spielt auch die Tierfabel hinein, und ein seltsamer Zufall hat es gefügt, daß unter den Tieren die Spezies der Fische besonders hervortritt. Man könnte eine stattliche Rubrik aufstellen aus lauter Fischwundern, in denen der verstellte Wunderglaube wie ein Feuerstein gehandhabt wird. Der scharfe Verstand schlägt darauf und läßt den Witzfunken entsprühen. Bei aller Phantastik des Funkenspiels bleibt eine sehr realistisch gestimmte Wirklichkeits-Philosophie erkennbar. Das erste Beispiel gehört zu den bekanntesten Erzählungen aus dem Ghetto. Ein Herr Aaron macht sich den Spaß, einige Leute vom Fenster aus zu uzen: „Geht's nur erunter nach de Krumme Gas, da läuft e Lachs." Ten ersten Neugierigen schließen sich weitere an, und bald wälzt sich die halbe Bevölkerung des Judenviertels nach der angegebenen Richtung, um das Wunder zu schauen. Da nimmt Aaron seinen Hut vom Nagel und sagt: „Ich muß doch auch mal nachseh'n in de Krumme Gas, tommer lauft wirklich e Lachs!" Er ist natürlich weit entfernt davon, an die Existenz des Wunders zu glauben, allein es macht ihm Vergnügen, auf seiner Kategorientafel den Begriff des Unmöglichen scheinbar auszulöschen, und er maskiert seinen gesunden Menschenverstand einem Abenteuer zuliebe, das fiel) zu aller Erfahrung und Wirklichkeit in den schärfsten Widerspruch setzt. — Gewiß, ein Aesop, ein Babrius, sogar noch Lafontaine benutzten das Wunder der sprechenden Tiere einfacher, naiver, sie zielten mit ihren lehrhaften Schlüssen auf allgemeine Volks- Weisheit. . Im Gegensatz hierzu ist der mit Fabeln operierende Jude fast immer Spezialist, die Fabel wird ihm ein rein formales Hilfsmittel, um einen Sonderfall zu beleuchten. Und über den neckenden Muttvillen eines Hagedorn, Lichtwer, Pfeffel, Gellert hinaus erreicht er dabei eine Höhe des Sarkasmus, wie sie eben außerhalb des jüdischen Witzes nirgends angetrvffen wird. — — Durchweg läßt sich behaupten: Wo man hier die Sonde der Analyse ansetzt, da stößt man auf Bestandteile, die Erkenntniswerte bergen und sich sonach der philosophischen Betrachtung als zugänglich erweisen.. Ja, es ließe sich zeigen, daß fast alle Bedeutsamkeiten, wie sie in den Systemen der Erkenntnisforscher zutage treten, irgendwo in der jüdischen Hunioristi! verkleinerte, vielfach sehr karikierte, aber doch erkennbare Abbilder finden. Zahllose weitere Proben habe ich in meinem Buch „Der jüdische Witz" behandelt, das 1922 im Verlage von Dr. Eysler Lc Co., Berlin, erschienen ist. Sie entstanden unbewußt denen, die sie zuerst formten, unbewußt den Tausenden, die sic weitererzählten und die sich an den Scherzblüten erfreuten. Aber diese Blüten können auch in eine andere Betrachtung gerückt werden, losgelöst vom Ort und Anlaß der Entstehung, und sie werden auch in dieser nachdenklichen Betrachtung von ihrer Köstlichkeit nichts verlieren. ff i

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