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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-11-17 · 46 (17.11.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
46 (17.11.1922)
Date
1922-11-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Grgon der Veretutgung für das liberale (Judentum e. “33. acjugö^teia durch die «SrlchSfrssirlir V<Mhrl;ch OXit. Linzelnummer. „ 4. so 3ftir die OTUfgllcöer der Vereinigung ist der Bezugspreis im SiUtgliebobeitrage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die Il/znrn breite 5MillimeterzeIle 3TOUI.— Famlllenanzeigen Mk.S.z-). 3?ci WIcverhslung Ermäßig. | Die „Jlldlsch liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und mit zwei monatj lichen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den i „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine". Nr. 46 ♦ 17. November 1922 Redaktion: Berlin VS, JNauerstr. 22 (Bereinigung sitr das liberale Äubcntum e. B.) Fernruf: Amt Zentrum IS» Geschäftsstelle u. Anzeigenannahme: BreslauS. Neue Graupenstr. 7, Buchvruekerei LH. Schatzltz S.M.VUP. Fernruf: Amt Ring 4^1 und «Soo. Sämtliche Zahlungen, floftscherkkonto Breslau 27 der Fa. LH. Gchatzkg <L.«a.b.H. wsaaggam Unsere Kinder. Jüdisch liberale Jugend. Bon Rabbiner Dr. I. Galliner, Berlin. Unsere Jugend, die in den jüdisch-liberalen Jugendoereinen zusammengeschlossen ist, ist mit uns Liberalen unzufrieden. Sie ist unzufrieden mit den liberalen Rabbinern, weil es diesen nach ihrer Meinung an Entschlossenheit fehlt, das, was diese selbst als richtig erkannt haben, in die Tat umzusetzen, sie ist unzufrieden mit den Gemeindebehörden, weil sie glaubt, daß die liberalen Forderungen von ihnen nicht genügend berücksichtigt werden, sie ist schließlich auch unzufrieden mit den religiösen Einrichtungen der Gemeinden, die seit Jahrzehnten kaum eine Veränderung im liberalen Geiste erfahren haben. Ob und wie weit diese Vorwürfe berechtigt sind, soll hier nicht untersucht werden, das aber muß zugegeben werden, daß mancherlei Vorgänge in den Gemeinden in unserer Jugend das Gefühl der Unzufriedenheit Hervorrufen mußten. Trotzdem wird unsere Jugend ihrer Gesinnung treu bleiben. Wer ihre Tätigkeit in den Vereinen beobachtet, weiß, mit welchem Ernst dort gearbeitet wird, wer ihre Veröffentlichungen im Bereinsblatt liest, sieht, wie diese Jugend nach Erkenntnis ringt, wer mit den Führern dieser Jugend spricht, erkennt, mit welcher Energie und Begeisterung diese für das liberale Judentum zu kämpfen bereit ist. Soll dieser Eifer, dieses Streben nach Erkenntnis, diese Begeisterung in unserer Jugend erhalten bleiben, so ist es dringend notwendig, alle jene Stätten mit religiös liberalem Geiste zu erfüllen, aus denen unsere Jugend ihre geistige Nahrung erhält. Diese sind: Die Schule, das Gotteshaus und die Familie. lieber das Ziel des Religionsunterrichtes sagen die Richtlinien: „Er soll die Heranwachsende Jugend zu sittlicher Lebensführung und religiöser Weltanschauung, zu Ueberzeugungstreue und lebendiger Anteilnahme am religiösen Leben der Gemeinde erziehen." Dabei soll mit Recht keine Richtung verletzt werden. „Vorhandene Gegensätze zu traditionellen Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen mit Würdigung ihrer historischen Bedeutung sind taktvoll zu behandeln." Eine entschiedene Erziehung zum religiösen Liberalismus wird nicht verlangt; dagegen wird Rücksichtnahme auf das überlieferte Judentum gefordert. Das entspricht dem Standpunkte der Liberalen, duldsam gegen andere Richtungen zu sein. Solche Gefühle werden uns freilich nicht von den anderen Richtungen entgegengebracht. Das Recht oes Liberalismus wird von ihnen nicht anerkannt. Nur auf eines sei hier hingewiesen: Von liberalen Männern wurden Religionsschule:! mit ausgesprochen konservativer Richtung in Großgemeinden geschaffen. Doch hat man noch niemals davon gehört, daß eine Religionsschule errichtet worden ist, in der die Kinder in religiös-liberalem Geiste unterwiesen werden sollen. Wie weit die Rücksichtnahme auf die konservative Richtung geht, beweist die Frage der Kopfbedeckung im hebräischen Unterricht, die in diesem Blatte vor kurzem erörtert worden ist. Es berührt eigenartig, daß gerade jetzt eine solche Frage ein so starkes Interesse erregt, in einer Zeit, in der der Religionsunterricht vor ernsten Aufgaben steht. Jeder weiß, daß es immer schwieriger wird, die Kinder in den Großgemeinden zum Religionsunterricht heranzusiehen. Die ganze Existenz der Religionsschulen scheint in Frage zu stehen. Nach einer Aeußerung in der Berliner Repräscntantenversammlung vom 27. August d. I. sollen in ieber Religionsstunde 22—75% der Schüler fehlen. Wenn das zutreffend ist, was soll dann noch geleistet werden. Die Klagen über den mangelhaften Besuch der Religionsschulen sind nicht neu. In einer Ansprache, die Dr. Moritz Kirschstein bei einer öffentlichen Prüfung der ersten Berliner Rcligionsichule im Jahre 1868 gehalten hat, lesen wir: „Die Leistungen werden auf die mannigfachste und unverzeihlichste Weise beeinträchtigt: 1. durch zahlreiche Schulversäumuisse, 2. durch häufige Verspätungen, 3. durch den von den genannten beiden Uebelständen bedingten und unzertrennlichen Mangel an Eifer und Lernbegierde, den wir bei vielen Zöglingen aufs schmerzlichste wahrnebrnen. Jede Kollision mit irgend einer anderen, wenn auch noch so geringfügigen Beschäftigung oder mit irgend einer sich darbietenden Zerstreuung fällt in der Regel zu rmgunsten rmseres Schulbesuches aus: „Musik-, Turn- und Tanzunterricht, irgend eine Familienfeier, ein Spaziergang und anderes dergleichen sind in den Augen vieler Eltern hinreichende Entschuldigungsgründe, um die Kinder der Religionsschule zu entziehen." Seitdem ist manches besser geworden, insbesondere durch den Religionsunterricht, der an den höheren Schulen erteilt wird. Hier ist die Jugend vereinigt, die zumeist später berufen ist, die Führung in den Geineinden zu übernehmen. Von dem Geiste,. in dem sie unterwiesen wird, hängt in der Regel ihre zukünftige Stellung zu ' eu religiösen Fragen ab. Das Leben und die W i s s e u s ch a f t rühren die Jugend z u u n s Liberalen. Erfüllen wir ihre realen in i t echter Religiosität, w v r u n t e r nach Aus dem Inhalt: Dr. <8 allirier: Jüdisch liberale Jugend. — Dora Silbermann: Die soziale Not der Kinder. — Dr. Dienemann: Offene Antwort an Herrn Justizral Breslauer. Alexander MoSzkowski: Der jüdische Witz, ein philosophisches Problem. Die jüdische Gegenwart. — Antworten, schau. — Büchertifch. » Zeitungsverband vaperischer israelitischer Gemeinden. Vor wenigen Tagen wurde in München die Generalversammlung des Verbandes bei Anwesenheit hoher Würdenträger des Staates eröffnet. Den Geschäftsbericht des Verbandes erstattete dessen Präsident, Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumayer, der betonte, daß diesem heute bis auf zwei kleinere Gemeinden sämtliche israelitische Kultusgenieinden angehören, und auf die Erfolge des Verbandes in der Frage der Besoldung der Kultusbeamten binwies. Sodann legte Herr Rabbiner Dr. Frendenthal, Nürnberg, in geistvollen Darlegungen die Beziehungen zwischen Judentum und Staat dar. An diese Vorträge schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Durch alle Aeußerungen des Tages zog sich die bittere Klage, daß die Juden, d'c seit Jahrhunderten ihr Deutschtum in alle Welt getragen, die seit vielen Generationen ihr Bestes in Wirtschaft und Wissenschaft gegeben haben, sich heute gezwungen sehen, Verwahrung gegen eine Flut von Haß und Feindschaft einzulegm und sich an das Gewissen der Öffentlichkeit zu wenden. Folgende Enh'chließung wurde einstimmig angenommen: Die jüdische Bevöllerung m Bayern, vertreten durch den Verband, bekennt in den Tagen der Not ihren unauflöslichen Zusammenhang mit dem deutschen Vaterland und der bayerischen Heimat. Seit Jahrhunderten mit der Kultur des Landes, mit Schrifttunr und Sprache, mit Wirtschaft und Gewerbefleiß enge verbunden, wird sie mit allen Kräften Mitarbeiten am Aufbau und der Wiedergcnesung des Vaterlandes. Me Staat und Kultur auflösenden Bestrebungen weist sie als im Widerspruch stehend mit den religiösen und sittlichen Anschauungen des Judentums entschieden von sich ab. Einmütig erheb: sie Einspruch gegen die judenfctndliche Bewegung unserer Tage, die, entstanden in der Erschöpfung nach beispiellosem Kampf in ihr den Schuldigen finden will, die in Staat und Gesellschaft, Berus und Freundeskreis, Schule und Heer den Keim des Hasses und der Zwietracht trägt, und die zerstört und vernichtet, wo Aufbau und Zusammenhalt bitter nottun. Sie dwht in Gewalttätigkeiten überzugehen und das Heimatgefühl zu untergraben. Mögen Vertrauen und Frieden in unserem Vaterlande wieder eiukebren! Sein Wohlergehen ist unser Schicksal! Dementi. In der jüdischen Presse findet sich über die Tätiakcu der liberalen Gebetbuch-Kommission folgende Notiz: Insbesondere soll die Erinnerung und das Gebet um Zion und Jerusalem wieder in das Gebetbuch eingefügt werden, es sind aber auch andere Aenderungen, zumeist im konservativen Sinne, beabsichtigt. Hierbei handelt es sich um sogenannte Versuchballons. Tie Gebeibuch-Kommission hat bisher über derartige Fragen noch garnichi beraten. Daß sie Aenderungen nur im liberalen, nichr aber im konservativen oder zionistischen Sinne vornehmen wird, ist selbstverständlich. Bei solchen Ausführungen ist lediglich der Wunsch konservativ-zionisiischer Zestungsrcdaktionen der Vater des Gedankens. vom Geist -er Nonokelträger. Die Klmikerschaft an der Jenenser Universität hat einen Beschluß gefaßt, daß in den klinischen Hörsälcn die ersten vier Bankreihen für Studierende rein germanischer Abstammung zu reservieren sind. Der Block hat unter Hinweis auf die Reichsverfasiung bei der Universitätsbehörde gegen diesen Beschluß protestiert und semc sofortige Suspendierung verlangt. Gberkantor Birnbaum gestorben. Wie das Jüdische Korrespondenz-Bureau aus Warschau meldet, ist der bekannte jüdische Komponist, Oberkantor Birnbaum in Czenstochan, gestorben. Oberkantor Birnbaum war besonders auch als bedeutender Musiktheoretikcr und durch die musikalische Bearbeitung und wissenschaftliche Erforschung alter und neuer jüdischer Musik wc't über die Grenzen seiner Heimat bekannt. Evhen „das Führen eines Lebens zu der» stehen ist, das den Geboten der Sittenlehre entspricht, die sich auf der Erkenntnis des reinen Gotte sbegriffes aufbaut." „Verstehen wir es nur, ihr die Lehren der jüdischen Religion einznprägen und sie anzuhalten, auch nach ihnen zu leben> so haben wir die Gewißheit, daß sie alle Lebenskämpfe bestehen wird." (Cohen, Mahnung des Alters an die Jugend.) Unsere Jugend soll nicht nur durch die Schule, sondem auch durch das Gotteshaus zu uns gehören. Darum müssen auch hier die Formen im religiös-liberalen Geiste weiter entwickelt werden. Nur auf einen Teil des Gottesdienstes sei hier hingewiesen, der mit Recht dessen Mittelpunkt bildet, auf die Torahvorlesung. Die Richtlinien sagen eigentlich nichts über diesen wichtigen Teil des Gottesdienstes, nur daß der Torahabschnitt hebräisch und in deutscher Uebersetzung zu verlesen ist, das heißt, es soll alles verlesen werden — ohne Auslassungen, hebräisch und deutsch. Mau versuche dies nur einmal und lese mit vernehmlicherStimme in deutscher Uebertragung Num. 7, 12—83 vor, wo sich zwölsmal derselbe Text wiederholt. Oder man denke an die Verlesung von Genesis 38 oder von Lcviticus 12—16. All das kann doch nur verlesen werden, weil es die meisten, insbesondere die Jugend nicht verstcht. Ist es da nicht selbstverständlich, daß die Torahvorlesung von den ineisten als ein Rnhepnnkt im Gottesdienste angesehen wird und ohne Einfluß und Bedeutung vorübergeht. Anders wirds erst werden, wenn nur die Stellen aus der Torah verlesen werden, die einen belehrenden und erbauenden Inhalt haben, die imstande sind, unser Tun zu beeinflussen'und uns für den wahren Gottesdieirst vorzubereiten, der' erst draußen im Leben beginnt, für die sittliche Tat. Was Schule und Gotteshaus in unserer Jugend aufbauen, muß durch das Elternhaus gesttitzt werden. Aber leider — wir müssen es aussprechen — haben in vielen Fällen die Eltern versagt. Ihre Auffassimg von der religiösen Unterweisung ist noch genau dieselbe, wie sie Abraham Geiger in dem Breslauer Schulprogarmm von 1847 entwickät: „Unsere Kinder — dahin geht ihre Meinung — sollen das Judentum ilach seinen überkommenen Vorstellungen und Gebräuchen kennen lemen; mögen sie sich später, wenn sie selbständig geworden, entscheiden, welche Stellung sie zu demselben einnehmen wollen. Sie glaubten, damit ihrer Pflicht gegen Judentum und ihre Kinder genügt zu haben, ohne, in deren Freiheit und in die Rechte der Zeit an dieselben einzugreifen." Mit Recht antwortet Geiger auf solche Anschauungen: „Im Grunde offenbarte sich in diesem wohlgemeinten Verfahren der Jndisferentismus in höchst trauriger Weise, und die bedauerlichen Folgen konnten nicht ausbleiben. Wenn es den Eltern in feinem Zweig des Wissens gleichgültig ist, wie die Kinder darin unterrichtet werden, wenn sie den Lehrer ailfsnchen, der ihnen die richtigen Begriffe darin beibringt, wenn sic es für ihre Pflicht Halten, ihnen die sicherste Anleitung zur Erkenntnis des Bewährten geben zu lassen, sollten sic sich bei dem, was den Gebalt des inneren Lebens ausmacht, was tatkräftige Ileberzeugung, nicht ein totes Wissen, ein kalter Gegenstand dc§ Nachdenkens lverden soll, ihrer Pflicht nberhoben betrachten, wenn sie ihnen Ansichten mitteiten lassen, die sie selbst durchs ihr Leben widerlegen? Leben und Lehre muß Endlich in ltebere i n st i m m u n g gebracht w e r d e n, damit die K läge auf höre, daß es in ehr gebildete M e n s ch e n als C h a r a k t c it r e gebe. Möchte v o tt uns Liberalen die mahnende Stimme nicht überhört werden, die aus der Abwaudlungeines alten Sprichworts klingt: Sage mir, wie d u deine Jugend erziehst und ich will dir sagen, w a s ans dir werden wir d." die soziale Not -er Kinder. Von Dora Silbermann, Berlin. Seit vor einiger Zeit mit dem Ruf „Kinder in Not" d,e interkonfessionelle Wohlfahrtspflege zur Sammlung der Deutschen Kinderhilfe aufforderte, ist die Kindernot weiter gestiegen. In den folgenden Ausführungen, die es sich zur 'Aufgabe machen, von j ü d i s ch e r Kindernot und der Möglichkeit der Hilfe zu sprechen, handelt es sich um Erfahrungen aus der Großstadt. „Kinder in Not!" Von wirtschaftlicher Nor soll zuerst die Rede sein. Erwerbslosigkeit und Krankheit der Ernährer der Kinder, da? find die beiden traurigen Ursachen, unter deren Folgen die Kinder leiden müssen. In jüdischen Familien ist das Elend oft dadurch verstört-, daß es keineu Zwang zur Invalidenversicherung, Krankenkasse usw. für den kleinen Fugendvereins.Anzeigen letzte Sette.

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