Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 45 (10.11.1922)
- Date
- 1922-11-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mttarveiten Vnnen uttd tooufctL M» Ist nicht Mcht. AVer die führenden jüdischen Männer Amerikas Hallen trotz der klar erkannten Schwierigkeiten mit bewundernswerter Energie an dem Gedanken eines amerikanischen Judentums fest und werden das Ziel auch erreichen, weil die Triebkräfte ihre- Wollens ethisch-religiös so starke Wurzeln haben: man will die Ostjuden kulturell heben und zugleich lebendigesJudentum schaffen. Wir wünschen den liberalen deutschen Juden für ihre Arbeit an der Fortentwicklung des deutschen Judentums etwas von dem Idealismus und dem Optimismus der amerikanischen Juden. _ Liberales Judentum unö Nationaljuüentum. Bon Heinrich Stern, Berlin. Ueber die Stellung der beiden großen Richtungen im Judentum zueinander zerbrechen sich neuerdings wieder viele Leute den Kopf, insbesondere zerbrechen sich Zionisten den Kopf der Liberalen. Solange ein liberales Judentum existiert, das wirklich aufgebaut ist auf religiöser Vertiefung des Einzelnen und auf dem Bewußtsein der in der religiösen Gemeinschaft ruhenden Gemeinbürgschaft aller Juden, solange es also einen bewußten, aufbauende nLiberalismus gibt, kann unsere grundsätzliche Stellung zum Nationaljudentum nicht ztveifelhaft sein. Man hat aber in der Vergangenheit und in der Gegenwart viel darüber gestritten, wielange die jüdische Gemeinschaft den ursprünglichen Nationalcharakter bewahrt, ob sie ihn schon mit dem Verluste des eigenen Landes abgestreift, ob sie ihn noch durch das Mttelalter hindurch gerettet oder ob sie ihn erst auf Grund der Emanzipation im 19. Jahrhundert verloren habe. Dieser Streit ist ein theoretischer und höchst müßig für unsere heutige Stellungnahme. Würde es auf die theoretische Grundlage der Stellung zum Judentum ankommen, so wären die Herren um Naumann herum die eifrigsten Nationaljuden, denn sie unterscheiden sich in ihrer Auffassung vom Ursprung des Judeseins bei trübem Lichte gamicht vom Nationaljudentum. Auch ihnen ist die Abstammung alles, die Religion kein gründlich unterscheidendes Merkmal. Nicht aber auf das „Woher?" des Judesems kommt es an, sondem auf das „Wozu". Wesentlich ist nicht, was wir waren und was wir wurden, sondern was wir wollen. Das Naüonaljudentum will letzten Endes die Zerstreuung der Juden geistig, wirtschaftlich, politisch beseitigen durch die Errichtung der nationalen Heimstätte in Palästina. Hierbei ist es von untergeordneter Bedeutung, ob die Heimstätte nur einen lleinen Teil der Judenheit zu fassen vermag. Das Beispiel der britischen Nation zeigt, daß ein kleines, von mächtigem nationalen Einheitsbewußtsein getragenes Mutterland als Zentrum stark genug ist, um Millionen von Briten aus dem ganzen Erdenrund das Gepräge einheitlicher Volksgemeinschaft, staatlicher Zusammengehörigkeit mit gleichen politischen, wirtschaftlichen und geistigen Endzielen zu geben. Nach unserer Auffassung liegt die Stellung der Judenheit ganz anders; dem: den Juden fehlt und muß fehlen ver Wille zu einer gemeinschaftlichen politischen und wirtschaftlichen Zukunft. Wenn wir liberalen Juden auf die Zukunft unserer Gemeinschaft blicken, so ist unser einigendes Band lediglich ein geistiges, vorwiegend religiöses (wobei der Begriff der Religion nach jüdischem Wissen weit gefaßt werden muß und auch große allgemein-kulturelle und soziale Ausgaben umfaßt). Wir liberalen Juden glauben aber nicht an eine wirtschaftliche und politische Einheit der Gesamtjudenheit. Es ist dies nicht etwa nur die Ansicht der deutschen Juden, sondem auch zweifellos die des überwiegenden Teils der Westjuden, die Amerikaner mit eingeschlossen. Ich bezweifle, auch stark, ob die in England und Amerika lebenden Ostjiü>en den Willen haben, ihre wirtschaftliche und politische Verbundenheit mit ihren jetzigen Heimatstaaten zu Gunsten einer jüdischen Einheitsnation zu lösen. Der Unterschied zwischen dem Nationaljudentum und uns prägt sich daher Der Mische tvih, ein philosophisches Problem. Bon Alexander Moszkowski. Der jüdische Witz ist das Fundament und die Krone alles DitzeS. Kosmopoliten sind sie beide, der milde Humor und sein temperamentvoller, schlagfertiger Bruder, der Witz. Aber während jener unbeschadet seines Weltbürgertums sich nach gewissen nationalen Sonderzügen differenziert, spricht der scharfe Witz von Haus aus die jüdische Mundart und bleibt in alIenA)erk!e!dungeri als orientalischer Abkömmling zu erkennen, Fast will e8 mir scheinen, als ob der Begriff „Jüdischer Witz" auf einen Pleonasmus hinausläuft. auf eine Tautologie, denn die Grnndelemente dieses Begriffes sind tatsächlich nicht zu trennen. Was das Wesen des Witzes begründet, der Kontrast. das bildet auch das Kennzeichen des Judentums, in guter wie in übler, in elegischer wie in launiger Bedeutung. In den Matyrien dieses Kontrastes hat sich die brennende Denkweise entwickelt auS der di« Witzfunken in Garben emporschlagen. Heinrich von Treitschke, der scharf gegen, aber niemals respektlos über Israel sprach, pflegte zu sogen: Es gibt keinen dummen Juden! Schärfer präzisiert, würde dieses Wort lauten: Es gibt keinen witzlosen. Nicht jedem gab sein Gott, zu sagen, was er leidet; aber jedem gab er die Fähigkeit, aus tausendjährigen Leiden den Sarkasmus des Augenblicks zu gestalten. Des Judentums unbcsiegliche Waffe ist die Pointe geworden, und trefflich bewährt hat sie sich in Schuh und Trutz. Sehen wir uns im Arsenal des Witzes um, so wird unsere Diagnose kaum fehl gehen, wenn sie bei besonders glänzenden Spitzen die Herkunft auS jüdischer Werfftatt vermutet. Es gibt Hunderte von vorzüglichen Witzen, die man sprachlich wie sachlich ebenso leicht von Hinz und Kunz. als von Cohn und Aron erzählen kann, die aber doch sofort echter urch glaubhafter klingen, sobald man ihnen in den Namen und in der Tonfärbung das Ursprungszeugnis beifügt. Hat man sie erst einmal in der Urfaffung gehört, so erscheint die jüdische Form als daS Original, die andere als die verblaßte Uebersehung. Bedeutsamer frellich sind jene Wihgewächse. die einer Umpflanzung auf anderen als semitischen Boden gamicht zugänglich sind, jene scharswürzigen Gebilde, die über das Ackerland, dem sie entstammen, gar keinen Zweifel laffen. Dieser Acker bietet keine landschaftliche Schönheit, und auf keiner Scholle kann eine Zierpflanze gedeihen. Es ist ein rauher, mit Tränen gedüngter Boden, der Disteln und Brennesseln hervorbrmgt. Aber in der Botanik des Witzes stehen solche herbe Pflanzen hoch im Wert. Vermöge ihrer stachlichen Reizungen behaupten sie eine Klaffe für sich, und zwar die Elite-Klasse unter dm Witzen überhaupt. Dem die Witzqualität richtet sich nicht nach dem Duften und Blühen, sondem nach dem Stechen und Brennen, cküßettich ‘ dfth deutlichsten aus in der ÄSkschiedetchtzit des jüdischen ElnheitSwillenS.*) Selbstverständlich ist dieser Unterschied nicht etwa ein politischer, auf unserer Stellung zur mchtjüdischen Umwelt begründeter, sondem er ruht in unserer Auffassung vom Wesen de- Judentums, insbesondere von der weltgeschichtlichen Notwendigkeit der Zerstreuung der Juden. Wir liberalen Juden hatten diese Zerstreuung nicht für eine weltgeschichtliche Anormalität, für ein Unglück, sondem für eine weltgeschichtliche Notwendigkeit, und nach den Worten unserer Propheten und hervorragender Lehrer unserer Gemeinschaft für eine gottgewollte Schickung, für die Erfüllung der Aufgabe, zu der wir bestimmt sind. Unsere Auffassung von der weltgeschichtlichen Sendung Israels ist letzten Endes das, was uns von den Nationaljuden trennt und von der aus es keine Brücke hinüber gibt. Daß nicht alle unter uns sich dieses Kemproblews bewußt werden, verschlägt nichts. Wenn wir grundsätzliche Erörterungen pflegen wollen, müssen wir die Mitläufer auf beiden Seiten aus dem Spie? lassen unff^uns an die überzeugten Vertreter der kämpfenden Weltanschauungen halten. Deswegen ist es mir unverständlich, wie ein Mann, wie Herr Rabbiner Dr. Jampel (in seinem Artikel vom 19. Oktober 1922 in der „Jüdischen Presse") beide Bewegungen so völlig verkennen kann. Beim Zionismus will er das nationale Moment, wie er es nennt „den nationaljüdischen Chauvinismus" zu einer ganz unbedeutenden, verschrobenen Idee einiger einflußloser Träumer herabdrücken. Wir aber wissen genau, daß stärker als je gerade jetzt der nationale Gedanke in der zionistischen Organisation betont wird, nicht nur für Palästina, Wt WmW öle rütfUänöjflcti MMe! Patzt sie dem gesunkenen Geldwert an. Wer sein liberales Judentum liebt und seine Zeitung erhalten will, gebe außer dem Beitrag eine einmalige größere Spende. Werbt neue Freunde, rüttelt alte auft Geldsendungen für die „Bereinigung für das liberaleIudentum<L.D* erbeten auf Postscheckkonto Berlin Nr. 137069. Büro der Bereinigung: Berlin W 8, Mauerstr. 22. >ooooooc sondem auch für die Diaspora, und daß die Richtungsgenossen deS Herm Dr. Jampel, die einen gesinnungsmäßigen Ausgleich zwischen Nationalismus und Diasporajudentum zu .finden versuchen, organisatorisch eine ganz einflußlose Gruppe sind. Wenn andererseits Hssrr Dr. Jampel später behauptet, daß ihm noch kein liberaler Jude begegnet sei, „der sein Verbleiben im Judentum anders als durch die Stammeszugehörigkeit motiviert hätte", so scheint sein Bekanntenkreis im liberalen Judentum nur ein recht geringer zu sein, insbesondere scheint er mit seinen liberalen Kollegen, von Abraham Geiger angefangen, nur sehr geringe Bekanntschaft gepflogen zu haben. Wir verwahren uns gegen die Unterstellung, daß uns das Wort von der Gemeinschaft der Religion eine nichtssagende Phrase ist. Wir nehmen für uns in Anspruch, daß unser religiöses Gemeinschaftsbewußtsein genau so gewettet wird wie das nationale Gemeinschaftsbewußtsein der anderen. Gerade aus dem Munde eines Rabbiners mutet die gettnge Wettung der Religion als eines zusammenhaltenden Gemeinschaftsbandes doppelt befremdend an. Von der starken religiösen Strömung unserer Jugend scheint Herr Dr. Jampel volleends keine Ahnung zu haben. *) Das Bekenntnis zu einer jüdischen Einheit scheidet uns Liberale scharf von der kleinen Gruppe der sogenannten „national-deutschen Juden", für die die Judenheit als Einheit überhaupt nicht mehr in Frage kommt, und die dieselbe in eine Gruppe von Landsmannschaft 'u ciuflösen wollen, bei dem es jedem Einzelnen überlassen bleibt, wie weit er hinter dem Namen Jude einen religiösen oder kulturellen Wert zu bergen vermag. Eine hervorragende Rolle im jüdischen W'tz spiel: die Logik in allen Denkverzweigungen. Der Jude versteht sich meisterhaft auf das Gedankenexperiment, kraft dessen konzentrische Gedankenkreise geschlagen werden, die sich immer weiter verengen, bis derjenige Begriff, auf den es gerade ankommt, logisch fest mnschnürt wird und in voller Eindeutigkeit herausspringt. Diese Methode gehört zu den Grundelementen der formalen Logik von Aristoteles bis Lotze. und wem es beschwerlich fällt, sie in den Urschriften zu studieren, der kann sie in ihrer ganzen Geschlossenheit am Paradigma des jüdischen W'tzes erproben. Es handelt sich um eine Vernehmung vor Gericht, bei welcher der Richter den flaren Sachverhalt nicht ettennt. während der als Zeuge vernommene Israelit mit gedanklicher Strenge, wie ein Professor der Logik auftritt. „Sie heißen?" „Abraham Jonteflohn." „Wo geboren?" „In Jnowratzlaw." „Beruf?" „Altlleiderhändler." „Religion?" „Ich Hab' Ihnen gesagt, ich heiß' Abraham Jonteflohn, ich bin aus Jnowratzlaw. ich handle mit alte Kleider, — wer' ich sein e Hussit!" Lassen sich die logischen Best'mmungskreise sachlicher und prägnanter einengen? Es ist eine konzentrische Einkreisung, die den Zentralbegriff mit mathematischer Sicherheit erzwingt. Es läßt sich mit einem leisen Anflug von Sophistik behauchten, daß die Wurzeln der Relativitätstheorie bis in das Erdreich verfolgbar sind, aus dem der jüdische Witz austeimt. Zweifellos bleiben wir dabei auf philosophischem Geb et, denn die ersten Grundlagen der ^Relativitätstheorie sind erkenntniskritischer Art, da sie von einem veränderten Zeitbegriff ausgehen. Ihr Hauptgrundsatz enthält die Aussage, daß zwei Ereigniffe, die für irgend ein System gleichzeitig sind, auf irgend ein anderes System bezogen durchaus nicht gleichzeitig zu sein brauchen. Zwei in versch-edene Zeiten fallende Vorgänge können für einen bestimmten Beobachter zeitlich zusamnrenfallen, ja es kann sich für die Begriffe Vorher und Nachher eine völlige Vertauschung ergeben. Für diese Auffassung finden sich in der Schatzkammer des jüdischen Witzes drastische Belege, die anscheinend dem sogenannten „gesunden Menschenverstand" widersprechen, allein doch bekunden, daß ihren Verkündern eine Vorahnung von der möglichen Verschiebung des Zeitbegriffs innewohnte. So berichtet z. B. ein Geschäftsmann: „Sternheim telegraphiert mer, ich soll heut' nach Stettin kommen, Levy telegraphiert mer. ich soll heut' nach Bochum kommen. Bin ich e Vogel, daß ich sein kann an zwei verschiedene Stellen zu gleicher Zeit?" Was hier mit scherzhafter Uebertreibung dem schnellfliegenden Vogel zugewiesen wird, ist wesentlich die relativierte Zeit; und obendrein spricht jener Geschäftsmann den physikalisch ganz richtigen Gedanken aus. daß jede Zeitdifferenz nach Null konvergiert, sobald nur in der Prämie eine genügend große Geschwindigkeit auftritt. Auf den L'chtstrahl bezogen, wäre die Ueberwindnnq der Raumstrecke Stettin—Bochum eine An-' Nach alldem muß es vübei verbleiben, daß eS bei dev grundsätzlichen Verschiedenheit der Weltanschauungen zwischen Nationaljudentum und liberalem Judentum Gesinnungskompromisse nicht geben kann und nicht geben darf. Damit ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß in konkreten Fragen jüdischer Gemeinschaftsarbeit beide Richtungen miteinander eine gute Stracke Weges zusammen gehen können. Der nationale Jude, der nicht gerade auf dem Standpunkt Klatzkins steht, welcher das Judentum der Diaspora für dem Tode geweiht hält und all seine Arbeitskraft auf Palästina begrenzen will, hat die Pflicht, an deiMufgaben der jüdischen Gemeinschaft in den Ländern der Zerstreuung mitzuarbeiten, seien sie nun gemeindepolitischer, seien sie sozialer, seien sie kultureller Natur. Das wird vom Zionismus auch anerkannt. Die Mitarbeit iy der Gemeinde ist ausgenommen, und eS würden sich hier sicherlich viel mehr Berührungspunkte zwischen Liberalismus und Zionismus finden, wenn nicht in einer unbegreiflichen Verblendung sich meistens daS Nationaljudentum in den Gemeindestuben auf'Gedeih und Verderb mit der Orthodoxie verbunden hielte. Gewiß gibt es auch bei den Zionisten überzeugte Orthodoxe, Männer, die die Unveränderlichkeit des Gesetzes als religiöse Pflicht erkennen und durchführen. Die überwiegende Mehrheit der Zionisten jedoch, selbst derer, die äußerlich nach alten Bräuchen leben, anerkennen diese Bräuche doch nur als nationalen Kitt und tverfen sie von sich, sobald sie in Palästina angelangt sind. Dieselben Zionisten, die hier für jede noch so skrupulöse Wahrung der Sabbatvorschristen eintreten, erregen in Palästina den Zorn der Otthodoxie durch ganz öffentliche Verletzung (Fahren am Sabbat usw.). Es ist auch undenkbar, daß wirklich und ernsthaft die Mehrheit der nattonalen Juden, soweit sie religiös empfindet, dem Gedanken derEntwicklung des Religionsgesehes fernstehen kann. In einem Attikel in der „Jüdischen Rundschau" hat doch Löwenstein erst kürzlich ganz unumwunden zugegeben, daß er an diese Entwicklung glaubt, trotzdem aber vertritt er aus politischen und taftischen Gründen die Auffassung, daß die Otthodoxie dem Zionismus näher zu stehen habe als das liberale Judentum. Ich meine, daß der überzeugte Liberalismus sich selbst genügen und den Verlauf der Dinge abwatten kann. Unser Wille zum Judentum, unser Glaube an die Zukunft des Judentums, unser Einheitsbewußtsein bedürfen der nationalen Krücke nicht. Wohl aber wird das Nationaljudentum in der Diaspora über kurz oder lang vor die Frage gestellt sein, ob es sich wirklich hartnäckig dem religiösen Liberalismus verschließen will nur deshalb, weil es gerade Liberale waren, welche dem aufstrebenden Zionismus den stärksten Widerstand entgegenbrachten. Ich billige nicht alle Kampfmethoden, die unsere Gesinnungsgenossen gegen den Zionismus angewandt haben. Ich stehe aus dem Standpunkt, daß wir, mag man selbst die Entwilllung zum Zionismus bedauern und sie für vergänglich halten, einer in sich geschlossenen, idealen Zielen zustrebenden Weltanschauung und ihren Bettretem nicht die Existenzberechttgung absprechen dürfen. Wir müssen mit den Zionisten rechnen und mit ihnen zusammen arbeiten. Je überzeugungstrener, je Wissens- und willenskräftiger das liberale Judentum sein wird, um so sicherer wird die Gewißheit sein von.seinem weltgeschichtlichen Wett, um so geringer auch die..Angst Hpr dem Nationaljudentum sein, die in fast naiver Weise die Achtung der gegenettschen, die gettnge Wettung der eigenen Richtung dartut. Wenn andererseits der Zionismus erst erkannt haben wird, daß das liberale Judentum seinen richtung- und ausschlaggebenden Bettretem ebenso von einem festen Glauben an jüdische Zukunft erfüllt ist, wie er selbst es für sich in Anspruch nimmt, dann wird die Zusammenarbeit von seiner Seite aus mehr gefördert und in seinem eigenen Interesse mehr gesucht werden. So gelte denn das Losungswort: Keine Gesinnungskompromisse, Festigung und Vettiefung der eigenen Achtung der gegnerischen Weltanschauung; reine Scheidung der Geister, aber Zusammenarbeit überall da, wo auf praktischen. Gebieten sich jüdische Menschen zu gemeinsamer Arbeit zusammenschließen müssen. gelegenheit von: 600sten Teil einer Sekunde, also praktisch güich Null. Er versinnbildlicht aber den Lichtstrahl durch ein lebendes Wesen, und dadurch kommt die komische Pointe der Unmöglichkeit in seine gedanklich durchaus sinngemäße Frage. Nicht selten können wir auch in jüdischen Humorblüten das Bestreben Nachweisen, wider st reitende philosophische Strebungen in einem Wort oder einer Handlung zusammenzufassen oder mit Gewalt zusamnienzupressen. Dies begibt sich zumal auf ethischem Gebiet, und ich schicke voraus, daß das Resultat, sowie es in Worten zu Tage tritt, ttcht unbedingt als erfreulich zu bezeichnen ist. Nehmen wir das Grundproblem der Eth k, wie es von Schopenhauer in seiner Preisschrift von 1840 „Ueber die Grundlage der Moral" behandelt worden ist. Schopenhauer, wie jeder weiß, fand diese Grundlage im Mileid, übereinstimmend mit Rousseau, während andere Große, die Stoiler, Spinoza, sogar Kant in der Kritik der praktischen Vernunft, das Mitleid als aNein'gen Lebensnerv der Moral nicht gelten lassen, bis zu Nietzsche hin, der es direkt verwirft, und der als Verkünder der Herrenmoral das Mmosenspenden geradezu als Feigheit, bemakelt. Ich habe hier natürlich nicht zu untersuchen, ob eine Synthese der widerstreitenden Philosophenonsichton möglich oder wünschenswert, sondem nur festzustellen, daß einzelne Juden dieses versucht haben, und zwar solche, die als anekdotische Figuren außerhalb der Kritik stehen. Im Rahmen unseres Themas muß sich dabei ein Kontrast ergeben, der zu einer komischen Wirkung hinführt. Das Modell ist leicht gefunden. Es ist der Mann mit der zerdrückten Mitleidsträne im Auge, der es gleichzeitig unternimmt, sein Herz zu verhärten und sich hinter die Herrenmoral zu verschanzen. Die Szene spielt irn Salon eines WMionars, der sich eine Viertelstunde lang das Gejammer eines armen Petenten anhört. Als deflen Schilderungen seiner häuslichen Misere den Höhepunkt erreichen, klingelt der Großkapitalift seinem Diener: „Friedrich schmeißen Sie mir den Kerl aus ’m Haus heraus, — er zerbrecht mer das Herz!" — Das Benehmen dieses Mannes verdient sicherlich Mißbilligung, birgt aber trotzdem den Kern einer Versöhnlichkeit, da ja sein Grundempf'nden 'M Sinne Rousseaus und Schopenhauers mitleidig betont erscheint. Daß er sich im nämlichen Augenblick von der Rührung durch einen Akt der Brutalität befreit und ganz unvermittelt vom Altruismus zum egoist^en Prinzip Nietzsches überspringt, der gelehtt hat: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen" —. diese moralische Kraßheit des Uebergangs gibt ihm das Gepräge de8 Humoristischen, und n i ch t sein Betragen emps'nden wir als jüdisch, sondem die Beweglichkeit sei"es Temperamentes, dazwei schnurstracks entgegengesetzte Motive in einer einzigen Aeußerung logisch vereinigt. (Schluß folgt.)