Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 45 (10.11.1922)
- Date
- 1922-11-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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1 . >M WWWW ■W*7 0rgan der Bereinigung für das liberale Judentum e. V. Sezvgsprels durch Sie Sefchüfiestelle '/«jtlhrllcy 2Nk. <3.— Staftetnummet. .. 4.« ffür Me MttgNever der Vereinigung »st der »erugsprets Im SNstgNedSbeltrage Inbegriffen. Anzeigenpreis: Die K/,«nbreite MlMmeterzeile 9!U.«.— Famillenanzeigen 0Nk. S.«. Vei Wiederholung Srmvtzig. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der iviflenschasMchen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den .Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jltdisch-Nberaler Iugendverelne". Nr. 4S 4 10. November 1922 Sredaktion: Berlin W8, Ntauerstr. 23 (Vereinigung filt das liberale Sudentum e. D.) Fernruf: Amt Zentrum 16H Seschtiftsstelle u. Anzeigenannahme Breslau3, Aeue Sraupenstr. 7, Buchdruckerei LH. Schatzkg <S.mch.ch. Fernruf: Amt Ning «31 und 4doo. SklmtNche Zahlungen, Postscheckkonto Breslau 37 der Fa. LH. Schatzkg C0.m.ft.£, Religion und Nation. Religion und Nation. Von Rabbiner Dr. Loblenz, Berlin. I. Keine Kulturreligion darf in ihren: Ziele national begrenzt seiu. Echte Religion muß in ihrer Entwicklungsmöglichkeit übernationalen Charakter tragen. Weil sie den Universalismus lehrt, bedeutet jede nationale Einengung für sie eine Schranke, an der ihr universalistischer Charakter zerbrechen muß. Gerade von liberaler Seite ist diese Auffassung stets betont worden. Man beruft sich dabei auf Israels Propheten, die als die Schöpfer und Träger des Universalismus in der Religion alle nationale Begrenztheit des religiösen Lebens überwunden haben. Die Verkünder der messianischen Idee sind schon durch diese Tat allein über die nationale Grenze hinausgewachsen. Das ist unbedingt richtig, aber ebenso richtig und unbestreitbar ist, daß die Propheten begeistere nationale Juden waren und sich die Erhaltung und Weiterentwicklung der jüdischen Religion zunächst nur auf dem Boden der jüdisch-nationalen Gemeinschaft denken konnten. Wohl haben sie das reine Menschentum als höchste Vollendung der Religion gefordert, aber diese Forderung konnte für sie doch nur innerhalb ihrer eigenen Volksgemeinschaft verwirklicht werden. Es ist richtig, daß der heilige Gott, den sie lehren, nur in der nach Heiligkeit strebendeic Menschheit ganz erfaßt wird. Gott ist das Gute, und nur die Menschen, die das Gute zun: Inhalt ihrer Lebensarbeit machen, sind die Träger des lebendigen Gottesglaubens in der Welt. Aber auch diese Aufgabe kann von jedem, der sie sich gestellt hat, zunächst doch nur in seinem eigenen Volke erfüllt werden. Es gibt keine Allerweltsreligion, die außerhalb jeder nationalen Gemeinschaft ihre Verwirklichung finden könnte. Das haben aÜch^Mke'^PkHWel^woht gewußt. Deshalb forderten sie zwar das Gute als den Inhalt und das Ziel aller menschlichen Lebensarbeit, aber sie richteten diese Forderung zunächst nur an ihr eigenes Volk, denn das Zukunftsreich der Menschheit konnte auch uach ihrem Glauben nur aus einem Volke herauswachsen. Der Baum, der mit seinen Aesten und Zweigen zum Himmel strebt, muß in festem Erdreich seine Wurzeln haben. ■ Deshalb betonen die Propheten immer wieder, daß Gott sein Volk wegen der Sünde::, die es begangen hat, zwar züchtigen wird, indem er es in die Verbannung schickt, aber, wenn es sich dort geläutert nnt, läßt er es in die alte Heimat wieder zurückkehren. Selbst ein jo universalistisch gerichteter Prophet wie Jeremia weiß oen nach Babylon Weggeführten keine beglückendere Verheißung zu geben als die Aussicht, daß sie nach Ablauf von 70 Fahren den heimatlichen Boden wieder betreten sollen, urn dort, innerlich geläutert, ein neues Leben zu beginnen. Nur eiu bodenständiges Volk, das eine ausgeprägte eigene Kultur besitzt, kann in enger Verbindung mit dieser Kultur seine religiöse Aufgabe erfüllen; denn Religion und Volkskultnr bedingen sich. Sie sind aufeinander angewiesen. Und so wie eine Volksgemeinschaft nur dann bleibende Kulturwerle schaffen kann, wenn in den einzelnen Familienkreisen diese Kulturgüter gepflegt werden, so kann auch eine Religionsgemeinschaft nur dann ihre religiöse Ideenwelt in die Wirklichkeit umsetzen, wenn sie mit dem geistigen Leben der Volksgemeinschaft verbunden bleibt. Der Universalismus der Religion kann zunächst nur ans nationalem Boden verwirklicht werden. II. Das gilt in unseren Tagen noch ebenso wie in den: Zeitalter der'Propheten. Auch in der Gegenwart kann die universalistische Gedankenwelt des Judentums nur verwirklicht werden, wenn die jüdische Religion in den einzelnen Ländern, in denen die Juden als gleichberechtigte Bürger leben, von der allgemeinen Volkskultur befruchtet wird. Dort, wo sieheute noch imGhetto sind und infolgedessen noch ihr jüdisch-nationales Sonderdasein führen, muß auch ihr religiöses Leben notwendig jüdisch-nationalen Charakter tragen. Jeder Versuch, diesen Charakter zu brechen, wird, wenn man nicht zugleich die Ghettomauern niederreißt, immer ein Fehlschlag bleiben. Aber ebenso selbstverstäMrch ist es, daß überall dort, wo die Juden wirklich in das Kulturleben ihres Heimatlandes als vollwertige Mitarbeiter hinen:- gewachsen sind, die jüdische Religion'nur lebensfähig blerben kann, wenn sie von der Kultur dieses Landes durchtrankt wird. Kein deutscher Jude, der wirklich deutsch fühlt, mochte das religiöse Leben von heute mit den: Ghettojudentum des 18. Jahrhunderts vertauschen; es wäre für ihn eme fremde Welt. Und doch wird bei uns der Versuch gemacht, uns wieder in dieses Ghettojudentum zurückzuwerfen. Der starre Zustrom von Ostjuden hat besonders in Berlin die Gefahr rn unmittelbare Nähe gerückt, und die nächsten ^ahre werden alle deutschen Juden zum ernsten Kampfe gegen dwje Gefahr ausrufen. Es handelt sich um nicht mehr und nicht Wender als um Sein oder Nichtsein des deutschen Judentums. Das AuS dem Inhalt: Dr. L 0 b l e n 3: 'Religion und Nation. — Heinrich Stern: Liberale» Judentum und Nationaljudentum. » Alexander MoSzkowSkir Der jüdische Witz, ein philosophische» Problem. Die jüdische Gegenwart. — Zeitungsscha«. — Büchertisch. Schöpferischer Liberalismus. Am 31. Oktober tagte in Berlin die Kommission zur Schaffung eines liberalen Einheitsgebetbuches, welche von der Bereinigung für das liberale Judentum E. B. zusammen mit dem liberalen Rabbinerverband eingesetzt ist. Sie besteht aus den vom liberalen Rabbinerverband delegierten Herren: Dr. Baeck-Berlin, Dr. Fuchs-Chemnitz, Dr. Rieger-Stuttgart, Dr. Salzberger-Franffurt a. M., Dr. Seligmann-Frankfurt a. M. sowie aus den von der Bereinigung ernannten Mitgliedern: Rechtsanwalt Dr. Baerwald-Frankfurt a. M., Professor Friedländer-Berlin, Ellen Littmann-Brqslau. Zu diesen tritt der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum E. V., Rechtsanwalt Stern-Berlin, der in sämtlichen Kommissionen der Vereinigung Sitz und Stimme hat. Den Vorsitz der Gebetbuch-Kommission hat Dr. Seligmann übernommen. Im Anschluß an die Sitzung der Gebetbuch-Kommission fand eine erweiterte Borstandssitzung der Bereinigung für das liberale Judentum S. B. statt. Einen ausführlichen Bericht über beide Sitzungen finden unsere Leser auf der dritten Seite. Wir bitten unsere Ortsgruppenleiter, Mitglieder und Leser, seinem Inhalte vollste Beachtung zu schenken. Eine jüdische Völkerbunds-Liga. Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris plant im Anschluß an den internationalen Verband der Völkerbunds- Ligen die Gründung einer jüdischen Völkerbunds-Liga. Ihre Konstituierung soll so rechtzeitig vorgenommen werden, daß sie bereits zu der im Frühjahr 1923 in Wien tagenden Plenarsitzung der internationalen Böllerbunds-Ligen Vertreter entsenden kann. Der talmudische preuß und der rassische Lvringhoven. Der preußische Justizminister Dr. Am Zehnhoff (christliche Volkspartei) hat folgenden Erlaß herausgegeben: „Wiederholt find, insbesondere aus dem Bezirk eines LBerlandeSgerichts, Fälle zu meiner Kenntnis gelaugt, in denen gegen antisemitische Ausschreitungen nicht mit dem erforder- R lichen Nachdruck eingeschritten ist. E. H. ersuche ich, dahin zu 8 wirken, daß von den Staatsanwaltschaften gegen solche Aus- » schreitungen tatkräftig eingeschritten, daß insbesondere alsbald R eine erschöpfende Aufklärung des Sachverhalts herbeigeführt und die Anklage in der Hauptverhandlung mit Nachdruck vertreten wird. Ich ersuche auch zu prüfen, ob es sich zur Erreichung dieses Zieles empfiehlt, die eingeleiteten Verfahren der Kontrolle durch den Leiter der einzelnen Staatsanwaltschaften oder einem Abteilungsvorsteher zu unterstellen. Ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung wird regelmäßig dann anzunehmen sein, wenn die Beleidigung usw. .als Ausfluß und Ausdruck allgemeiner antisemitischer Gesinnung begangen ist. Bei Anzeigen von Vergehen gegen § 130 Vs. G. B. ist zu beobachten, daß die Juden als Klasse im Sinne dieser Vorschrift anzusehen sind (Entscheidung des Reichsgerichts in Strafsachen Bd. 33 S. 352). Wenn es bei Verfahren aus § 166 Bf. G. B. zweifelhaft erscheint, ob die Beschimpfung sich gegen eine „Einrichtung" oder einen „Ge- H brauch" der jüdischen Religionsgesellschaft richtet, wird es sich I empfehlen, wegen Anhörung geeigneter Sachverständiger mit fl den Organisationen der jüdischen Staatsbürger in Verbindung fl zu treten, und die Frage, ob gegen ein freisprechendes Erkenntnis das zulässige Rechtsmittel einzulegen ist, sorgfältig zu prüfen." Auf dem Parteitag der Deutschnationalen Bolkspartci fiel Herr Professor v. Freytag-Loringhoven-Breslau, seines Zeichens Staatslehre^ der Republik Preußen, in den Chokus der deutschnationalen Presse ein und bemerkte, man dürfe bei der Stellungnahme zur Verfassung nie vergessen, daß sie daS Werk des „talmudisch geschulten Juden Preuß" sei. Herr Professor Loringhövßn irrt,, wenn er talmudische Schulung für die Erkenntnis-'porausfttzt, daß solche Grundsätze, wie sie der preußische Erfaß festlegt;, für jeden Rechtsstaat eine Selbstverständlichkeik'ftnb.' lÄid es ist nur erfreulich, daß man jetzt dazu übergeht, den Juden in Deutschland denselben Schutz zu gewähren, wiemian ihn auch einem Breslauer Staatsrechtler gewährt, der 191^moch russischer Staatsangehöriger war. Ziel ist klar. Entweder wir wollen deutsche Juden bleiben — dann müssen wir auch in unserem religiösen Leben die Errungenschaften der letzten hundert Jahre behaupten —, oder die Zionisten haben recht — dann müssen wir auch der jüdischen Religion wieder den jüdisch-nationalen Ghettocharakter des 18. Jahrhunderts aufprägeii. Der Kamps, den wir zn führen haben, wird ein Kulturkampf im schwersten Sinne des Wortes sein. Jüdisch-nationales Judentum oder deutsches Judentum! Ein drittes ist liickit möglich. III. Was sollen wir nun unter d e u t s ch e m Judentum, verstehen? Im Rahmen eines Zeitungsartikels läßt sich die Frage nicht erschöpfend beantworten.' Nur die Grenzlinien können angedeutet werden, ümerhalb deren die Entwicllung sich vollziehen mich. Deutsches Judentum ist an ein Doppeltes gebunden: an jüdische Tradition und an deutsche Kil l t u r; erst beide zusammen machen seinen religiösen Charakter aus. Damit soll nicht gesagt sein, daß die deutscheil Juden in ihrem religiösen Leben eine geschlossene Eiicheit bilden, die gleichmäßig voll derselben Gedankenwelt beherrscht imd getragen wird. Wir können nicht in allen: ::nd jeden: übercinstimmeu, was uns als religiöse Menschen berührt. Auch in: deutschen Judentum gibt es verschiedene religiöse Richtungen und Anschauungen, die sich nie zusammensinden werden, weil sie in manchen Glaubenssätzen und auch in manchen Fvrmen und Bräuchen voneinander abweichen und weil jede Richtung sich selbst zu behaupten sucht. Das muß so sein. Sonst würde das religiöse Leben der Gemeinschaft verkümmern. Friedhofsstille ist immer ein Zeichen des Todes. Aber trotz dieser Abweichungen und Verschiedenheiten ist doch in jeder Religionsgemeinschaft eines Landes ein begi.,:üu7 g.N'^nschaftsgeist lebendig, der über alles Trennende hinweg die Menschen immer wieder zusammenführt und zusammenhält. So ist es im deutschen Christentum; so ist es im deutschen Judentum. In beiden lebt ein eigener Geist, der Sondergeist ihrer religiösen Geineinschast. Religiöse Tradition und deutsche Kultur haben ihn geschaffen und genährt. Durch religiöse Tradition und deutsche Kultur ist er groß und stark geworden. Von dieser Verbindung dürfen auch wir uns nicht frei machen, wenn anders wir in religiösem Sinne deutsche Juden bleiben wollen. Es kann jemand ein reiches und tiefes religiöses Innenleben führen, und doch findet er in dem religiösen Gemeinschaftsleben des Judentums keine Befriedigung mehr, weil er den: traditionellen Bekenntnis entwachsen ist. Er lebt sein religiöses Leben fiW sich, jenseits und außerhalb der historischen Ueberlieferung. Man :nuß auch einen solchen Standpunkt würdigen können. Aber das Recht, sein religiöses Leben als Judentum zu bezeichnen, kann einem solchen Juden nicht zuerkannt werden. Wir stehen auf festem geschichtlichen Boden, und kein deutscher Jude darf sich diesem Boden entziehen, wenn er sich nicht selbst entwurzeln will. Es ist nicht Zufall, daß alle freireligiösen Gemeinschaften in unserem Vaterlande nur ein armseliges, kümmerliches- Dasein fristen. Auch nicht eine von ihnen hat eine geistige Macht von Einfluß und Bedeutung werden können. Sie müssen dieses Schicksal erleiden, weil sie alle wurzellos sind — es fehlt ihnen die religiöse Tradition—, und weil ohne Tradition kein religiöses Gemeinschaftsleben rnöglich ist. Wie wir als deutsche Juden unsere religiöse Tradition auf dem Boden deutscher Kultur entwickeln, da» bleibt Sache jeder einzelnen Richtung in: Kreise unserer Gemeinschaft. Aber an dem Fundament darf nicht gerüttelt werden. Jüdische Tradition und deutsche Kultur müssen immer enger miteinander verwachsen. Vielleicht kann Amerika in dieser Beziehung vorbildlich für uns sein. Bis jetzt gab es dort im wesentlichen zwei ausgeprägte religiöse Richtungen: das deutsche Reformjudentunh das durch deutsche Reformrabbiner in der Mitte des vorigen Jahrhunderts hinübergebracht wurde, und das jüdischnationale Ghettojudentun:, das mit der Einwanderung der Ostjuden in den 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts zuerst auftrat und seitdeu: durch den außerordentlich starken Zustrom von Ostjuden immer nrehr gewachsen ist. Beide Richtungen sucht man heute in Amerika zu überwinden, um sie durch ein „amerikanisches Judentum" zu ersetzen. Wer die anrerikanischen jüdischen Zeitungen liest, der findet in jeder Nummer Attikel, die diesen Standpunkt mit Entschiedenheit vertreten. Sowohl das deutsche Resormjudentum wie auch die Religion der Ostjuden sollen mit amerikanischem Geiste durchtränkt werden. Man täuscht sich nicht darüber, daß die Durchführung dieser Aufgabe bei den Ostjuden sehr schwer sein wird, weil diese durch ihren freiwilligen engen Zusammenschluß noch immer ein jüdisch-nationales Sonderdasein führen, das auch den Charakter ihrer Religion bestimmt. Erst müssen sie zu amerikanischen Äürgern erzogen werden, bevor sie selber an der Herausgestaltung eines amerikanischen Judentums Iuaendvereirrs-Anreiaen IT lekte Seite. i