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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-11-03 · 44 (3.11.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
44 (3.11.1922)
Date
1922-11-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Voran finö Ste Richtlinten geschetteet? Bon Arthur LNienthal, Berlin. In dem Richtungsstreit, der feit einiger Zeit im liberalen Ardentum ausgekämpft wird, spielen in immer zunehmendem Maße die „Richtlinien" eine Rolle. Es scheint, daß der erste und vielleicht entscheidende Anlaß zu der scharfen Kritif, die jetzt am Liberalismus gerade von liberalen Rabbinern geübt «ird, in der Enttäuschung liegt, die bei den liberalen Rabbinern die sehr hoch gespannten Erwartungen in bezug auf die Neuerweckung religiösen Lebens durch die Richtlinien erlebt haben. Erst in der Iulinummer unserer „Mitteilungen" hat Herr Dr. Rellhaus heftige Anklagen gegen die liberalen Laien erhoben, weil sie die Richtlinien „unbeachtet ließen, Venn nicht gar verwarfen". Dabei wird stets die Eignung -er Richtlinien für ihren Zweck vorausgesetzt, so daß die Schuld an ihrer Wirkungslosigkeit nur an der unverbesserlichen Andifferenz der Laien liegen kann. Es ist nunmehr an der Zeit, zunächst einmal die Richtlinien selbst daraufhin zu prüfen, ob sie ihrem Inhalt nach wirklich geeignet waren, eine religiöse Neubelebung herbeizuführen. Erst wenn diese Frage beantwortet ist, läßt sich darüber urteilen, wen die Schuld an ihrer Erfolglosigkeit trifft. Ich will dabei hier nicht einmal die Frage erörtern, ob vom liberalen Standpunkt aus die Aufstellung von Richtlinien überhaupt wünschenswert ist. Ob man z. B. die Erreichung des von dem Haupttrager der Ricbtlinienbewegung Herrn Dr. Seligmann u. a. angegebenen Zieles, „die mündliche Lehre wieder flüssig zu machen"*), auf diesem Wege mehr fördert als hemmt, mag hier dahingestellt bleiben. Ich wlll mich vielmehr einmal ohne Prüfung dieser Vorfrage auf den Standpunkt der Schöpfer der Richtlinien stellen, -aß solche nötig seien „als Grundlage der Arbeit in der Richtung liberaler Weiterentwicklung"*). Darriber wird dann wohl Einigkeit bestehen, daß sie eine solche Grundlage nur -ann abgeben, und daß sie dem Suchenden einen religiösen Halt nur dann gewähren können, wenn sie die Verkünder einer einbeitlichen religiösen Anschauung sind, wie es damit steht, wollen wir uns einmal anfehen. Nach den Richtlinien erblickt das liberale Judentum „das Wesen der jüdischen Religion in ihren ewigen Wahrheiten «nd sittlichen Grundgeboten, welche die geschichtliche Bestimmung haben, Weltreligion zu werden" (Ziffer i). Diese Wahrheiten sind, kurz zusammengefaßt, der ethische Monotheismus, die jüdische Ethik und die messianische Idee (Ziffer r). Diese feine Religion rein zu bewahren und zu verkünden »nd so ftir die Herbeiführung des Gottesreichs auf Erden zu wirken, ist die Aufgabe Israels (Ziffer z). „Für das religiöse Leben und die Erhaltung der Religion" sind von großer Bedeutung die „Erscheinungsformen". Daher sind diejenigen von ihnen „zu bewahren und neu zu beleben", die den einzelnen religiös und sittlich erheben, „die das Familienleben heiligen", „die das Band der Glaubensgemeinschaft festigen" (Ziffer 8). * $ Nach dieser grundsätzlichen Stellungnahme zu dem wesen «nd zu den Erscheinungsformen des Judentums wäre bei -er nun folgenden Stellungnahme zu einzelnen Bräuchen ein 2h>pell zu erwarten, daß diese und jene religiöse Formen «nd Bräuche heute besonders geeignet scheinen, das religiöse Leben zu fördern; in d em Sinne etwa, wie Herr Dr. Selizmann im Zusammenhang mit den Richtlinien später auf die Mahnung, alte religiöse Bräu,-'-- und Formen, die heute noch religiösen wert besitzen, y. vcn und neu zu beleben, die Worte folgen ließ: „Und so nehmen wir keinen Anstand, frei «nd laut, daß es jeder hören mag, zn erklären: Nicht die Erfüllung all der zahllosen zeremoniellen Satzungen, di« unwiderbringlich aus dem Leben geschwunden sind, sondern die ftomme Gesinnung, die sittliche Tat, die religiöse Gpferkraft, das jüdische Herz und Gefühl, die jüdische Stimmung der Hauses — sie sind es, die nicht bloß den guten, sondern den frommen Juden machen"*). Jedoch anders die Richtlinien. Sie stellen in Ziffer 9 „unerläßliche Forderungen" für das religiöse Leben des einzelnen auf, nämlich weihevolle Begehung des Sabbats und der Feste unter Ruhen der Werktazsarbeit, tägliches häusliches Gebet, Beschneidung, Qnscgnungsfeiern, religiöse Trauung, die Lieberdienste an Sterbenden und Toten, „wer diesen unerläßlichen Forderungen genügt, ist als religiöser Jude anznsehen." wer er nicht tut, also nicht. Das ist ein absoluter Widerspruch zu dem ersten Teil der Richtlinien, wenn das Wesen des Judentums in jenen hehren Wahrheiten besteht, dann kann ich, um ein besonders Kaffes, aber doch schließlich charakteristisches Beispiel anzuführen, niemandem die Religiosität absprechen, weil er sein Rind nicht beschneiden läßt. Es sind hier eben zwei verschiedene religiöse Auffassungen in denselben Richtlinien verarbeitet: die eine, die das Wesen des Judentums einzig in seinen „Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten" erblickt, und die andere, für die das Judentum Gesetzesreligion ist, in der „Theologie, Ethik und Gesetz aufs engste zusammengehören"*). Diesen Widerspruch empfindet ja auch ein Teil der liberalen Rabbiner, wenn sie sich dagegen wehren, daß die Richtlinien „einen liberalen Schulchan Aruch aufstellen"*), und wenn sie meinen, daß sie nur „znm Bewußffein bringen, wie die Juden der Gegenwart, soweit sie auf liberalem Standpunkt stehen, miteinander Übereinstimmen"*), daß sie „die Idee des religiösen Liberalismus" „in aller Klarheit und Schärfe Herausstellen und die Weiterentwicklung in deren geschichtlichem Gesamtgeist fördern"'*) sollen. Das mögen die Aufgaben wahrer Richtlinien sein. Aber unsere Richtlinien vom Jahre 1.9^2 können dar Gesetzlichkeitrprinzip, das Prinzip des Schulchan Aruch, nicht deutlicher und schärfer zum Ausdruck bringen als durch den Satz: „Wer diesen unerläßlichen Forderungen genügt, ist als liberaler Jude mizuschon." *) :Tci.ntlinicn zu einem '-Programm für baß liberale Fudenturn, S. 29. 2) Lo die Posener Resolution der Bereinigung^für das liberale Judentum zu den Richtliuien, a. a. O. S. 69. ») a. n. O. S. 184. 4) Dr. Rellhaus a. a. O. •) Dr. Vogelstein, Liberales Judentum, S. 68, so ähnlich Dr. Lewkowib an: gleichen Orte 18. *) Dr. Lewlmr'chr n. r. O. *> Tr. r,. - f. So geht ein tiefer Widerspruch durch die Richtlinien. Er wird in seiner Wirkung noch dadurch verschärft, daß die die Richtlinien begleitende Resolution der Vereinigung für das liberale Judentum (mit Recht) „getreu den Grundsätzen des'kiberalismns"... „im Sinne der heut erstatteten Referate die Stellungnahme zu den das religiöse Leben des einzelnen betreffenden Forderungen", also zu den „unerläßlichen Forderungen" der Richtlinien, „der gewissenhaften Ueberzengunz der Mitglieder überläßt"*). Daß die Richtlinien unter diesen Umständen nicht die Grundlage für die Wiedererweckung religiösen Lebens abgeben, keine freudige Zustimmung finden, „keine Richtschnur"*) für die liberalen Juden sein konnten, ist nur allzu klar. Die Richtlinien sind an dem Uebe! gescheitert, an dem so viele offizielle Aeußerungen des jüdischen Liberalismus kranken, an dem Mangel klarer, konsequenter, einheitlicher, entschlossener Stellungnahme. l) Richtlinien S. 69. Dr. Bogelstein in den Richtlinien 3. u i. Wie Laim. Bon L 0 Roda. Also enMich doch einer, dem das Gewissen schlägt! Und das ist Erfolg genug, wenn auch Herr Dr. Ernst Appel in Bingen meint, meine Ausführungen gingen zum Teil von falschen Gesichtspunkten aus und ließen die Entwicklung der liberalen Bewegung vollkommen unberücksichtigt. Subjektiv; denn objektiv scheint er an meinen Ausführungen nichts auszusetzen zu haben. Seine Antwort auf meine Frage: „Sollen wir Laien uns selbst helfen?" (er bejaht und verneint) läßt einen tiefen Blick in sein Inneres zu. Beleuchtet ihn und die ganze Richtung! Ja und nein, statt ja oder nein! Und da liegt eben der Grund dafür, daß die Bewegung so gar geringe Fortschritte machte. Es ist eben die Schuld der Führer, daß sie keinen festen Standpunkt einnehmen, daß sie die Wahrheit, die sie kennen, nicht znm Siege führen, daß iie nicht klar entscheiden, sondern wankend sind. Ich will ihm das beweisen, wobei ich annehme, daß er mir glaubt. Und glauben darf er mir, denn nicht um zu schreiben, habe ich den Artikel „wir kaien" geschrieben, sondern weil ich trotz meiner fast 60 Lebensjahre ein jungglühendes Herz für unser Judentum habe und erleben möchte, daß es endlich einmal in ihm tage. Nichts minderes hat mich geleitet als die Erkenntnis, und diebabe ich mir in der langen Reihe von Jahren in vielen «Mmen unseres Landes verschaffen können. f Mit so manchem „liberalen" Rabbiner habe ich diskutiert und fast immer gefunden, daß „man" wohl möchte, aber nicht könne. Das nenne ich auf beiden Seiten hinken. Oder ist es etwas anderes, wenn ein Rabbiner, der liberal sich kennzeichnete, in einer liberal sich kennzeichnenden Gemeinde sich orthodox gibt? Oder gemäßigt ortbodox oder gemäßigt liberal? Ein Beispiel: der orthodox sich gebende Rabbiner einer liberalen Gemeinde mit Orgelgottesdienst erhalt einen als liberal geltenden Adjunkten. Bei der ersten Besprechung über die Art der'Amtsführung gibt der Erste dem Zweiten folgenden Fingerzeig: Daß man am Sabbat einen Regenschirm und ein Taschentuch tragen darf, weiß ich so gut wie Sie, nur sagen dürfen Sie das Ihren Schülern nicht. Sonst fällt das ganze Zeremonialgebäude! — Das ist nach meinem kmenbe griff — unwahrhafiig, unwürdig, verwirrend und zerstörend. Man glaubt so einem (und es gibt leider, leider viele solche) Führer nicht, weil man ihm nicht glauben kann, weil es eben nicht zwei Wahrheiten geben kann. Denn dein Ja sei ja, dein Nein sei nein! Nicht ja oder nein! Soll ich Ihnen, Herr Dr. Appel, dieses psychologische Rätsel lösen? Den Führer schreckt die Furcht vor dem Schulchan aruch (nicht etwa vor dem Talmud, denn der ist toleranter als die gesamte Orthodoxie, die sich aus ihm das zur Norm erwählt, was ihr in den Kram paßt) in allen Gliedern und die Furcht vor den Kollegen. Darüber herrscht in Laienkreisen —das sei ihnen ehrlich einmal ausgesprochen — nur eine Meinung, und Volkesstimme ist Gottesstimme. Sie ahnen gar nicht (weil sie sich in ihre Gemeinde und in ihre kleine Welt einspinnen), wie oft der orthodox sich gebende Führer einer liberalen Gemeinde als — Pfaff — gekennzeichnet wird. Und was man mit diesem Worte von bitterem Beigeschmack nach Friedrich dem Großen eigentlich zum Ausdruck bringen will, bedarf wohl keiner Erläuterung, wenn heute ein zweiter Prophet Nathan aufftände, dann käme er zuerst zu den Führern und schmetterte ihnen zu: Ihr tragt die Schuld an der Unklarheit i,i religiösen Angelegenheiten; ihr hindert die Erneuerung, weil ihr sie nicht fördert. Ihr stehet bei der Gefahr eures Nächsten und helfet ihm nicht. Ihr seht, welchen Hunger nach Wahrheit die Laien haben, und gebt ihnen kein Brot. Sie dürsten, und ihr laßt sie verschmachten. Ihr wollt ihnen die Wahrheit nicht sagen, weil ihr meint, der Schulchan aruch, der Gott der Orthodoxie, würde euch strafen. So steht ihr mit verschränkten Armen, laßt brennen und löscht nicht. Diese Wahrheit, Herr Dr. Appel, gefällt Ihnen nicht? Und doch ist sie, das schwöre ich Ihnen —Wahrheit. Sie sagen, die liberalen Theologen hätten bei ihrer strengen praküschen Ausführung ihrer jüdisch-liberalen Ansichten nicht einmal die liberalen Gemeindemitglieder aus ihrer Seite, und deshalb schrecken sie vor einer solchen Art der Amtsführung zurück? Da sagen Sie es ja selbst klipp und llar, Herr Dr... Sie wissen es besser anders, nur führen Sie Ihre Ansichten nicht zur Tat, weil Sie glauben, die Gemeindemitglieder gingen nicht mit? Sic führen also wider besseres wissen deshalb, weil Sie der Gefolgschaft nicht sicher sind! wer den Mut hot, seiner Ueberzeuguna sichtbaren Ausdruck zu verleihen, wer also führt, findet zuerst einen, dann etliche, mehrere und schließlich viele Anhänger. Denn den Mutigen, wahrhaftigen ehrt man! Hut ab vor solchem Diener des Herrn, der für seine Ueberzeugung lebt, und wenn es sein muß, stirbt. Unbekümmert um Schulchan aruch, Kollegen oder Erwerb. Denn schließlich — heute will ich ungeschminkt mit Ihnen, dem einen, dem da» Gewissen schlug, reden —.mag gelten das Wort: „Solange die religiöse Gleichgültigkeit immer wieder Nährboden findet in der ailaemein herrschenden materiellen, egoistischen Geiste?' richtung'* — nicht nur in Laienkreisen, sondern kn allen, in allen, Herr Dr. — werden alle Bemühungen zur Ev Neuerung der religiösen Bewegung erfolglos bleiben. Abei nicht nur Ihr Wort mag gelten, auch meine Laien-Meinung daß nicht früher Wandlung kommt, bis die geborenen Führet alle falsche, furchtsame Rücksicht auf Berussgenossen andere, Observanz und ans die „materielle, egoistische Geistesrichtung" fallen lassen und Farbe bekennen. Nur durch Wahrheit gelangen wir zur Klarheit, zum Segen für das Judentum und zn feinem Ruhme! Emanzipation und religiöses Judentum. Von Dr. Felix Heimann-Stettin. wie verhallen sich Bibel und nachbiblisches jüdisches Schrifttum zur Staatspolitik? Finden wir in diesen Schriften, insbesondere in der Bibel, feststehende Ansichten über Staatsform, Staatsanffaffung, Sozialpolitik? Um es kurz zu sagen: Nein. Das jüdische Schrifttum enthält Vorschriften und Richtlinien jeglicher Art. Man kann aus ihnen auf konservative, auf liberale, auf kommunistische Auffassung schließen, wechselnd find auch die Gedanken über die Staatsform und ihre Vertreter. Bald tönen uns republikanische Klänge entgegen: „Gott soll König sein und niemand neben ihm," bald hören wir von der Pflicht, dem irdischen König anzuhängen, ihm zu dienen und sein Wohl zu sördem. Das jüdische Schrifttum kann parteipolitisch nicht fixiert werden, und jegliche Richtung ist imstande, Argumente für ihre Auffassung aus ihm herauszuholen. Man kann und darf also nicht sagen, daß die Juden kraft Tradition oder Vorschrift staats politisch liberal oder sozialistisch orientiert sein müssen, und es wäre ebenso verfehlt, aus ihrem Glaubensbekenntnis heraus Schlüsse aus eine konsewative Staatsanffasfung zu ziehen. Gewiß gab es zu allen Zeiten konservative, liberale, sozialistische Parteiführer-Persönlichkeiten jüdischer Herkunft, denken wir nur an Stahl, Laster, Marx, Lassalle. Es soll hier nicht erörtert werden, ob und wie weit sich diese unandere Persönlichkeiten zur Bibel und zum jüdischen Schrift« tum überhaupt bekannten. Ganz ohne Einfluß aus sie sind die Bücher ihrer Ahnen sicherlich nicht geblieben. Das jüdisch, Schrifttum gibt Begründung für jede Staatssorm und Auf fassung sozialer und rein politischer Art — oder aber, ander, gesagt, es ist parteipolitisch neutral, und das starke Hervor» treten jüdischer Persönlichkeiten in freiheitlich gesinnter Parteien, im Liberalismus und in der Sozialdemokratie hcv! ganz andere und recht naheliegende Gründe. Die freiheitlich gesinnten Parteien haben — auch bei uns in Deutschland — die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, an, ihr Banner geschrieben. Es ist deshalb selbstverständlich, daß sie sich gegen die Unterdrückung von Menschen im eigener Staate überhaupt wenden. Unterdrückung undBedrängum sind Ausländern gegenüber auch nur dann unter Umständer vertretbar, wenn sie Repressalien infolge ähnlicher Be» Handlung seitens des betreffenden anderen Staates dar. stellen. Sonst sind sie schlechthin zu verwerfen. — Rassisch» oder religiöse Besonderheiten irgend eines sich dem Volks«, ganzen einfügenden, mit ihm durch Sprache, Kultirr,- gS> memscmre Vergangenheit verbundenen, zu seinem Wohls mitarbe-itenden Volksteiles rechffertigen keine Unterdrückungs- Politik irgendwelcher Art. Ls ist nun nicht ohne Reiz, einmal zu überlegen, wie sich das religiös-liberale im Gegensatz zu dem religiöskonservativen Judentum zu dieser politisch-liberalen Richtung in Deutschland hinsichtlich der eigenen Emanzipation gestellt hat, und von welchen Gesichtspunkten aus der religiös empfindende liberale Jude im Gegensatz zum orthodoxen Glaubensgenossen die Emanzipation betrachtet. Der Orthodoxie ist die Rechtsgleichheit, die Ansübunc voller Staatsbürgerrechte gewiß auch ein Ziel, aber ein erst sekundäres, und teilweise ungern mitgenommenes. Das soll kein Vorwurf sein, es ist in der Natur der Dinge eben gegründet. Das primäre bei dem Streben orthodoxer Juden nach Gleichberechtigung ist die ungestörte Ausübung religiöser Vorschriften. Um diese Ausübung zu ermöglichen, ist unerläßlich die Gleichberechügung der Religionsgemeinschaften. Diese zieht gemeinhin staatsbürgerliche Gleiche ' berechtigung, die teilweise gern mitgenommen wird, nach sich. Das Streben der Orthodoxie ist also — es sei nochmals betont — darauf gerichtet, primär die freie Ausübung der Relizionsvorfchriften, sekundär erst die staatsbürgerliche Gleichwertung zu erringen. Ganz anders beim jüdisch-religiösen Liberalismus. Hier ist primär die Rechtsgleichheit. Aus dieser entwickelt sich dann sekundär und mit eiserner Folgerichtigkeit die staatliche Anerkennung der jüdischen Religionsgemeinschaft. Daher fordert das liberale Judentum auf das schärfste immer und immer wieder das gänzliche Fallen der politischen Mauern als Selbstzweck, denn Gleichberechtigung und freie Religionsausübung sind im modernen Kulturstaat unlöslich verbunden. Daher betrachtet das orthodoxe Judentum die Emanzipation in mancher Hinsicht nur mit gemischter Freude, denn wenn sie auch zurErreichung der religionspolitischen Ziele unentbehrlich ist und darum, und hauptsächlich darum erstrebt werden soll, wenn sie auch manches recht Angenehme, würde und Selbstbewußtsein Hebende im Gefolge hat, ihrs Auswirkungen sind letzten Endes oft geeignet, der Erreichung orthodoxer Bestrebungen hemmend in den weg zu treten. Denn wenn die Mauern politisch fallen, stürzt auch mit ihnen mancher in der Abgeschiedenheit des Ghettos zu verstehende, der modernen Zeitrichtung und der Umgebung sich nicht anschmiegende, vielleicht auch heut entbehrliche oder gar nicht mehr zu verstehende Brauch. , Das mag vom Standpunkte starrer Tradition aus bedauerlich erscheinen. Erfreulich aber ist es allen denen, die da glauben, das Judentum durch Anpassung und Fort^ entwickelung erhalten und verbreiten zu können. Religiöse Werte gehen weder durch die jüdisch-liberale Auffassung, noch durch die von dieser heißerstrebte völlige Emanzipation — die wir in Deutschland leider noch nicht haben —verloren. Denn es ist schon so: Religion ist ein geistiger, ein innerlicher Begriff. Die Emanzipation mag und soll Formen brechen die nicht mehr dieser Zeit angepaßt sind. Sie soll den Ideen W gehalt der am Sinai verkündeten jüdischen Gottesreligicn

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