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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-11-03 · 44 (3.11.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
44 (3.11.1922)
Date
1922-11-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Grgan der Bereinigung für das liberale Judentum e. B / /' VezugHprei« kmiv vie <vrichaf!»fleNe 7« jährlich arrr. <s — Llnzelnummer... „ 4Jo Allr Oie OttHglteßec Oer Bereinigung Ist der Bezugspreis Im MltglleOSbeltrage Inbegriff«»». Anzeigenpreis: Die 3l/j cm breite OTtllUmcteraeile 3l»f. 6.— FamMenanzeigen 2M.5.—. Bel Wiederholung LrmUtzig. Die „Jltvlfch-Hberale Leitung" erscheint jeden Freitag und mit zwei monat- I Nchen Beilagen, der wtffenschastNchen Zeitschrift ^Liberale- Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Nr. 44 ♦> 3. November 1022 Redaktion: Berlin W8, Mauerst». 22 (Bereinigung fü» Oa< liberale SuOenturn e. B.) Fernruf: Amt Zentrum 162 SefchäftSstelle u. Anzeigenannahme; Breslaus, Reue Sraupenstr. 7. BuchOruckerei LH. Schatzktz «VmubUH., Fernruf: Amt Ring 4« und 4üov. SltmtNche Lahlungen, Postscheckkonto Breslau 37 Oer Fa. Th. Schaheg S.m.vUH. ^Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft fridifch-liberaler 3ugendverei»e Deutschlands. Rr. 10 . OkwbersNovember 4. Jahrgang Inhalt: Erklärung. - Das Kernproblem des liberalen Judentums, ’»tt Dr, Schweitzer. - Woran sind die Nichtlinien gescheitert?, von Lilien- .-tzai. — Wir Laien, von Lo Noda. — Emanzipation und reiigiösec' Oudenuim, von Dr. Heinemann. - Unsere Zukunft, von Dr. Beriak. — Schrifttu,n und Literatur, von Nobert Hirschfeld. - Der Delegiertentag vom 25. und 2S. Dezember IS22, von Heinz Lichtenstein. - Anträge des Oli-Potsdan, zum Delegiertentag. — Spenderliste. — Oeceinsqdressen. XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX! § Erklärung. R Mit dieser Nummer Bert Llnterzelchneter R die Hauptfchristleitung der Mitteilungen der 8 Wbeitsgemeinfchaftjüdisch liberalerZugenv- R vereine Deutschlands übernommen. Gr wirb x bestrebt sein, dle „Mitteilungen" in dem Geiste, | der sie bisher beherrschte, zu redigieren, und bittet, alle Anfragen, Aufsätze usw. an seine x untenstehende Adresse zu richten, xj Die wir schastliche Tage machte es not- 8 wendig, daß von nun an die „Mitteilungen" nur alle 6 Wochen erscheinen, baß dosFormat dem der „Äübisch-liberalen Zeitung" angeglichen und mit dem Xitel derselben Zeitung versehen wurde. x Endlich sei daraus hingewiesen, daß die 8 nächste Nummer eine Festschrift anläßlich des 8 zehnjährigen Bestehens des Zll-Dresiau darstellen wird, dere.r Nedaktton Herr Curt x Brgen§fzer«Breslau freundlichst üverx nommen hat. I stud. iur. Ernst Heinrich Seligsohn $ BerUn-Grunewald, Douglasstraße 30. xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx ^Jiiöische Weltanschauungsfragen Sas Kernproblem öes liberalen Judentums. Pon ^cchtöanwalt?»'. Ernst Emil Schweitzer, Berlin. Rabbiner Dr. Netthaus hat vor kurzer Zeit in einem Artikel (der mir leider im Augenblick nicht vorliezt) die Richtlinien verteidigt und er hat meiner Erinnerung nach in diesen! Zusammenhänge als besonders bedeutsames Argument auch dies geltend gemacht, daß die Richtlinien die Möglichkeit geben, weitere Kreise im Sintte des jüdischen Liberalismus zu organisieren und dqß dies besonders wichtig sei zn einer Zeit, wo die Zionisten und die Orthodoxie über festorganisierte Anhänger verfüge*). Diese Bemerkung gibt mir Anlaß auf die Frage hinzuweisen: kommt es uns in erster Linie darauf an liberale wählerstimme»» zu »nobilisicren oder'kommt es uns darauf an im religiösen Sinne zu wirken. Es erscheint mi,- äußerst bedenklich, grundlegende religiöse Probleme irgendwie in Verbindung mit agitatorischen Gesichtspunkten zu bringen, denn dies heißt dem hohen Ernst dieser Dinge nicht vollkommen gerecht werden. Prinzipielle religiöse fragen sind keine Tagesfrageu. Stehe ich auf dem Standpunkte, daß die Ricbtlinien von» religiöse»» Standpunkt bedenklich sind, so kann ich nüch mit ihnen nicht deshalb befreunden, weil ich der Meinung bin, in ihnen vielleicht eine wirksame Waffe im Kampfe mit Zionisten oder Nationallosen zu finden. vielleicht ist man vor dein Kriege gerade bei der Auseinandersetzung »nit dem Zionisnnis den hier entwickelten Gesichtspunkten nicht immer gerecht geworden. Ich habe volles Verständnis dafür, wenn man vo»»r religiösen Stand- *) Tiefe Darstellung beruht wohl auf cinern Mistverländnis oder wahrscheinlich einem Gedachtnisfehler. Dr. Retthaus sagte sauf S. 46b oben) etwas anderes: diejenigen, die wieder anfangen, sich auf ihr Judentum zu besinnen, werden sich mehr zu einem positiven Programm, wie es der Zionismus und die Orthodoxie besitzen, hingezogen fühlen. Darum soll es Aufgabe des Liberalismus sein, die „Richtlinien" in irgend einer Jprm wieder auflebcn zu lassen. (Amn. der Red.) punkt jeden Nationalisinns also auch den jüdischen bekämpft. Aber Zionismus ist noch immer nicht unbedingt gleichbedeutend »nit Nationalismus, so sehr wie sich leider auch gerade vor dem Kriege führende Vertreter des Zionis»nus bedauerlicherweise in nationalistische Gedankengäirge verstrickt hatten. Bedauerlich aber war es, wenn inan etwa rein politische Bedenken, mochten.sie an sich auch berechtigt sein, mit religiösen Argunrenten zu drapieren suchte. Die Religion ist zu schade, n»n in den Dienst der Politik gestellt zu werden. Daß dies oft geschieht, ist bekannt. Es ist insbesondere häufig auch von Vertretern der christlichen Kirche geschehen, in der man ja sogar vor de»n Kriege gelegentlich gegen sozialistische Geistliche mit Disziplinarmitteln vorging. Man weiß, daß hiergegen von tiefer Denkenden entschiedener Protest erhoben wurde, und dies nicht ohne Erfolg. Nichts liegt mir also ferner, als hier etwa Angriffe gegen eine andere Gemeinschaft zu erheben, ich weise hier nur auf diese Parallele hin, damit wir nicht etwa in denselbe»» Fehler verfallen. Erinnere ich mich doch, daß — um ein anderes Beispiel für diese Gefahr zu bringen — das „Liberale Judentum" gegen Ende des Krieges einen Artikel brachte, in den» der jüdische Optimismus in Verbindung »nit der Hoffnung für einen Deutschland günstigen Ausgang des Krieges gebracht wurde. Das sind Anthropomorphismen bedenklichster Art, vor denen wir uns doch hüten wollen. Tatsächlich scheint es nun so zu sein, daß gerade dem liberalen Judentum die Gefahr der Verbindung von Tagesinteressen mit religiösen Problemen besonders naheliegt. Diese ist vielleicht das Ergebnis einer höchst anfechtbaren grundsätzlichen Einstellung. Bis in die letzten Tage hinein liest man von Führern des liberalen Judentums, daß der Grundgedanke des liberalen Judentums die Ancrke»»nung des Entwicklungsxrinzips ist. Eben diese Einstellung ist es auch, welche die Richtlinien entscheidend beeinflußt hat. Hierbei liegt dann also etwa folgender Gedankenkreis zugrunde: „wir haben denselben Ausgangspunkt wie die jüdische Orthodoxie, wir erkennen grundsätzlich auch die Gesetze an. Aber der Lauf der Zeit hat es mit sich gebracht, daß viele Gesetze für uns religiös wertlos sind. Es liegt gerade iin religiösen Interesse, sich dieser Entwicklung nicht zu verschließen und Ueberbleibsel zu beseitigen, die für uns kein religiöses Leben mehr haben. Ebenso ist der überrnäßig spitzfindigen juristischen Ausdeutung von Religionsgesetzen, die warme»n, religiöse»»» Einpfinden widerstreiten, die Anerkennung zu versagen. Und^was hier von den Religionsgesetzcn gesagt ist, »nutz allgemein gelten, wir können uns de»» Anforderungen moderner Zivilisation und modernen Lebens nicht verschließen." In diesem Sinne wird die deutsche Predigt als Erfolg des Liberalismus gepriesen, und es werden gewisse weitere Reformen des Gottesdienstes gefordert. Alles sehr schön und gut, nur wenn der Liberalis»nus nichts weiter sagt, so ist er eigentlich überhapxt kein Liberalismus, sondern er ist lediglich ein vernünftiger Konservativismus. Ls gehört die eigenartige Einstellung der heutigen deutschen Juden im religiösen Sinne dazu, um derartige Forderungen als grundsätzlich liberale zu empfinden. Man vergleiche auch hier nur einmal die Lage bei den anderen Konfessionen. (Ich gebrauche solche Vergleiche, »veil ich sie für instruktiv halte. Selbst ans die Gefahr hin, daß andere Leute dies für taktlos halten, bin ich der Meinung, daß wir doch wohl etwas wie eine vergleichende Religionswissenschaft haben. Und der Verzicht auf wissenschaftliche Methode ist ja doch auch wohl nicht Vorbedingung für die Stellu»»gnahn»c zu theologischen Problemen.) Man wirft uns liberale»» Juden ja gerne von orthodoxer Seite vor, daß wir uns in nichts von den liberalen Christen unterscheiden. Auf die Frage, ob dieser Vorwurf mehr oder weniger sinnhaft ist, braucht hier nicht eingegangen zu werden. Nur dies soll betont werden: »»m derartige Forderungen zu vertrete,», wie sie hier als Grundsätze des jüdischen Liberalisinus zur Darstellung gebracht worden sind, braucht man in den anderen Religionsgemeinschaften ganz gewiß noch nicht Anhänger des protesta»»tenvereins oder katholischer Modernist zu sein. Man frage etwa einmal den Geheimrat Seeberg oder sonst einen geistigen Führer der protestantischen Orthodoxie, und wie er sich vom Standpunkte seiner Religionsgemeinschaft zu derartigen Forderungen stellen würde. Der Herr wird zweifellos antworten: das sind ja alles sehr schöne Dinge, nur haben wir sie seit einigen Jahrhunderten; seit Luther haben wir die deutsche Bibelübersetzung und ebenso ist uns selbstverständlich, daß der Gottesdienst in deutscher Sprache und in einer Form abgehalten wird, daß er auch den» einfachen Manne zugänglich ist und daß er nicht ermatt«»"b. londern erbauend wirkt, was aber den Katholizismus anbetrifft, so braucht man nur einen Blick auf das wirken der Führer der sozialen katholischen Studentenvercine oder der christliche»» Gewerkschaften zu werfen, man braucht nur an die Politik der deutschen Zentrumspartei oder a»r die Politik des Papstes während des Krieges zu denken oder auch an die neuzeitliche Einstellung der Kurie gegenüber Italien, »»in zu begreifen, daß nia»» auch von» Sta»»dpm»kt des Papstes das Entwicklungsprinzip durchaus in deuiselben Sinne anerkennen kann, wie dies voi» unseren Jüdisch-Liberale»» gefordert wird. Die katholische Kirche ist bei allen» Dogmatismus »»ichts weniger, als volksfremd. Keineswegs braucht mai» erst sechs Jahre Sprachen zn studieren, int» einem katholischen Gottesdienst folgen zu kö»»nen. Die katholische Religion dringt zum Gemüt des einfachsten Mannes. Gerade in ihrer Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit liegt ihre ungeheure praktische Wirkung auf das Volksleben. Auch auf sie ließe sich das Wort Bandelaires anwenden, sie ist mevc meme pour un ingrat rnLina po»ir un mechant. Mai» kann also in der Praxis feinstes Gefühl für dis Bedürfnisse des Lebens haben, man kann in diesen» Sinne den» berühmten Lntwicklungsprinzip vollauf gerecht werden und »na»i kann trotzdem kulturell auf dem Standpunkte eines Thomas von Aquino stehen. Die jüdische Orthodoxie hat »nit der katholischen Kirche das ge»uein, daß ihr geistiger Gesichtskreis ein durchaus mittelalterlicher ist. (hierunter verstehe ich die Ableitung Gottes als letzte Ursache, als Schöpfer der Welt). Ich erinnere mich aus meiner SchulzeiiZdaß »nai» in» Religionsunterricht die Glaubensartikel des Maimonides sogar in Versen lehrte. „Ich glaube, Gott bat die Welt erschaffen, hat sie aus dem Nichts ins Dasei»» geführet." Solche Gedaukengänge findet »nai» übrigens auch durchaus noch bei liberalen Führern, die sich gleichzeitig rühmen, daß das Judentum keine Dogmen kenne. Dan»it eng verbunden ist die supranaturale Auffassu»rg von der Offenbarung ain Berge Sinai. Gegen diese sind gewiß auch vo»r seiten liberaler Rabbiner Bedenken erhoben worden, ohne daß inan aber im allgemeine»» die ungeheure grundsätzliche Bedeutung gerade dieses Probien»? hinreichend erkannt oder doch bekannt hätte. Hätte man dies getan, so hätte u»an unmöglich den Entwicklinrgsgedankei» in dem erwähnten Sinne als kennzeichnend für den jüdischen Liberalismus Hinstetten können, n»an hätte dann nicht in der weife, wie dies auch gerade auf der Richtlinie»»tagung geschah, den prinzipielle,! Gegensatz zur Orthodoxie leugnen könne»». Als ich vor etwa 4 Jahren in einer Rede im Breslauer jüdisch-liberalen Jugendverein darauf hinwies, wie völlig unvereinbar dieser Offenbarungsdogmarisinus, wie ihn etwä Samson Raphael Hirsch lehrt, mit unserem modernen Denken und Empfinden ist, stand ein liberaler Führer auf und erklärte,' er könne in dieser Hinsicht einen Unterschied zwischen Liberalismus und Orthodoxie nicht anerkennen, denn auch der Liberalismus sei nicht rationalistisch und »nüsse dem Glauben sein Recht lassen. Damit hängt zusammen der Glaube an die Absolutheit der eigenen Religion, die ganze Auffast, .nz von dem Verhältnis der Religionen, jene religiöse 'Mßzunft und Scheelsucht, jene Heteronomie in der Ethik, wie sie von Hermann Toben in seiner Ethik des reinen Willens gekennzeichnet worden find. Dabei ein verblüffend gleichgültiges Vorübergehen an der Geistesarbeit, die von Kat» bis vaihinger, von Schleiermacher bis Troeltsch geleistet worden ist. ■ Die jüdische Orthodoxie unterscheidet sich von dem Katholizismus aber dadurch, daß ihr auch das Verständnis für die praktischen Bedürfnisse des Lebens fehlt. Der jüdische Liberalismus, soweit er in der bezeichneten weise den Standpunkt des Entwicklunasproblems verficht, »vill diesen Bedürfnissen des Lebens, wenn auch mit unendlicb minderen Mitteln, gerecht werden. Mit der mittelalterlichen Grnndeinstellung setzt er sich nicht auseinander. Das Kernproblen» des jüdische»» Liberalisinus scheint mir also zu sein: will sich der Liberalisinus »nit der Anerkennung des Entwicklungsxrinzips begnügen? Man kann dies vielleicht auch so ausdriicken, baß nuw fragt: Will der jüdische Liberalismus die jüdische Orthodoxie nur zivilisationsmäßig oder will er sie auch religiös und kulturell überwinden? , . AugendvereinsiAnzeigen letzt« Seite. 1

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