Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 43 (27.10.1922)
- Date
- 1922-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2613366-2613657-2613699--0477-2617726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
% * JPrew#*’ ®at & 6. MS. wurde der Vorsitzende der deutschnationalen BolkSpartei der Kreise Militsch und TrachenLerg, Rechtsanwalt Dr. Bessert, in Militsch vom Schöffengericht in Militsch zu 300 Mart Geldstrafe verurteilt, weil er einem jüdischen Getreidekaufmann unter der Behauptung, daß er den Sozialdemokraten Gelder gebe und somit das Vertrauen der Landwirte mißbrauche, die Kundschaft abzutreiben suchte. Bei der Beweisaufnahme stellte sich heraus, daß Rechtsanwalt Bessert sich bei dem Sozialdemokraten Hörsing, dem damaligen Reichskormnissar für Oberschlesien um ein Staatsamt beworben und schließlich durch seine Befürwortung das Notariat in Militsch erhalten hat. Auch verurteilte er ihm gegenüber in kräftigsten Ausdrücken die politische Haltung der „Schlesischen Tagespost", für die er kürzlich einen Leitartikel schrieb. vreSlL«. Jüdisch-liberaler Zugenbverein. Anfang November beginnt ein hebräischer Kursus (für Anfänger). Leiter: Herr Gemeinderabbiner Dr. B o g e l st e i n; ferner ein KurfuS: Das Buch Hiob, Lektüre und Erläuterungen. Leiter: Herr Erich Bayer, Karlstraße 13. Meldungen sofort bei den Leitern und an den Vereinsabenden. BreSlau. Am Sonntag, den 29. d. M., vormittags 11 Uhr, eröffnet die „Freie jüdische Volkshochschule" ihr neues Semester mit einem Vortrage des Herrn Prof. Dr. Franz Landsberger über „Max Liebermann" (mit Lichtbildern) im großen Saale der Lessing-Loge, Agnesstraße 5. Im Vorlesungsverzeichnis kündigen Herr Studienrat Dr. Willy Cohn: „Führende Köpfe in ihren Beziehungen zum Judentum", Frau Dr. Else FuchS- H e S: „Das religiöse und völkische Problem bei modernen jüdischen Dichtern", Herr Doz. Dr. Jsaac Heinemann: „Unser Gebetbuch, ein Spiegel unserer Geistes¬ und Leidensgeschichte", Herr Doz. Dr. ÄlbertLewkow i tz: „Religion und Wissenschaft in der GeisteSgeschichte der Neuzeit", Herr Doz. Dr. Israel Rabin: „Die Kunst des Bibellesens", Vorlesungen und Uebungen an, die zweifellos allgemeines Interesse erwecken werden. Wir machen auf die im Inseratenteil dieser Nummer erscheinende Anzeige der Freien jüdischen Volkshochschule noch besonders aufmerksam. Die Haupwersammlaua des Vernas zur Abwehr des Auliie«ttiSmus. Im grasten Saal der Liedertafel in Mainz fand dieser Tage die ungemein stark besuchte Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt. Der Vorsitzende. Reichsminister a. D. Gothein. hielt nach kurzen Begrüßungsworten des Vertreters der Mainzer Ortsgruppe, Direktors Obmann, einen Vortrag über das Thema: „De Gefahren des Antisemitismus nach innen und außen." Die Not der Gegenwart mache es nötig, alle Kraft für den Wiederaufbau zu sammeln. Der Antisemitismus sei eine unsittliche Bewegung, die auf Ueberhebung beruhe, auf einem Herrenmenschentum. das keinerlei Berechtigung habe. Tör'cht sei die Furcht vor der Uebermachr des einen Prozent jüdischer Bevölkerung in Deutschland: lächerlich die elende Verleumdung, daß die 300 „Weisen von Zion" die Welt regierten. Wenn solche Legenden als unwiderleglich hingestellt werden, so se: es nicht verwundeUich. wenn junge ehemalige Offiziere zur Mordwaffe griffen im Glauben, dem Vaterlande einen Dienst zu erweisen. Die wahrhaft Schuldigen seien die/die das Gift der'Vßrhetznna in die jungen Seelen geträufelt haben. Aufgabe jedes anständigen Christen sei es. derartigem Treiben entgegenzntreten. Aktenmäßig sei erwiesen, daß es keine judsche Weltverschwörung gegeben habe. Deutschland zu vernichten, im Gegenteil hätten hervorragende ausländische Juden sich bemüht, den Kriegsausbruch zu verhüten. Der Bo'-tastende -zeigte weiter die Unwahrheit der Hauptfach, lichsten antisemitischen Behauptungen, wie die Drückebergerei der Juden im Kriege Was einzelne gesündigt. dürfe man nicht alle enrgelten lassen, es gebe unter Christen wie Juden räudige Schafe. Dem Juden dürfe man das Deutschtum nicht absprechen. Eine eigentliche deutsche Raffe gäbe es nicht. Deutsch sei. wer deutsch denke und fühle und mitarbeite an deutscher Kultur. Ohne Mitarbeit der Juden wäre diese nicht so weit fortgeschritten. E'ne Bewegung, die mit Mitteln wie die antisemitische arbeite, bringe uns im Auslande in Mißkredit, und nicht zuletzi darum must gegen eine solche Unkultur ongekämpft werden. Den Antisemstismus dürfe man nicht durch Strafgesetze bttämpfen. sondern müffe ihm mit Mitteln der Sittlichkeit enlgegentreten. Helfen muffen hierbei Kirchen und Schulen. Auch d'e iüd'sche Bevölkeruno müffe zum Teil miterzogen werden, man müffe sich zum Beispiel hüten, seinen eventuellen Re'chtum heute zur Schau zu tragen. In dieser Zeit fchwe Tier seelischer und sittl cher Not müßten alle M'tbw.ger den Kampf für die ge'st-ae Hebung des deutschen Volks mitkämpfen und mitarbe-ten an der Wiedergeburt des Reichs. Lebhafter Beifall belohnte die Ausführungen des Red- ■ v ^> f-We d'e Erledimnn oeschästl'ch'r Angelegenheiten. Mit Befriedouna wurde festgestellt, dost die Organisation im Berichtsjahr erhebliche Fortschritte gemacht hat. Frankfurt a. M. Der bekannte Historiker Prof. I. Kracauer feierte hier in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag. Prof. Kracauer hat sich besonders als Historiograph der Frankfurter Juden einen Namen gemacht. Hannover. Mordanschlaq im Eisenbohnzug. Ein Vorfall, der an gewisse Sznien in polnffchen Eisenbahnzügen erinnert, spielte sich in Hannover ab. Als dort das Mitglied des Zentral- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Herr Arthur von der Walde den D-Zug bestieg, wurde er von zwei Hokenkreuz'rägern angefallen und m'ßhandelt. Als er er sich zur Wehr setzte, versuchten die Täter, ihn aus dem Fenster zu stürzen. Im letzten Augenblick iwlana es dem mit dem Tode Bedrohten, ine Notbremse zu erfassett und den in sausender Fahrt befindlichen Schnellzug znm Stehen zu bringen Die Täter sind ermittelt. Bei der Auseinandersetzung, d'e sich zwischen W. und den Hakenkreuzlem abspielte, äußerte einer der letzteren: ..Kirr kommt kein Jude durch, verstanden. Du Judenlümmel" Herr von der Wolde Hai den Fall bereits der Staatsanwaltschaft angezeigt. München. Eine aufgedeckte Pogromverschwörung in Bayern. Ueber die vor kurzem verhafteten Mitglieder der Organisation Oberland teilen die „Münchener Neuesten Nachrichten" mit, daß sich die Pläne der Beschuldigten gegen politisch hervorragende Persönlichkeiten — sogar gegen den Schöpfer der Organisation Consul, Kapitän Ehrhardt, gerichtet hätten. Ferner sollen sie den Plan eines Judenpogroms besprochen haben. Der -ntssem'tisnws als der Hauptschuldige vor dem Reichsgerichtshof. In der Begründung des Urteils gegen die Angeklagten im Rathenauprozeß best der Reichsger'chtshof keinen Zweifel darüber, daß er die meist jugendlichen« Angeklagten bloß als Verführte und Verhetzte ansteht und daß den polit'schen Nutznießern des Antisemitismus in Deutschland die Hauptschuld an dem Morde an Waller Rothenau zufällt. In dem vom Reichsgerichtspräsidenten Hagen-s vorgetragenen ..Gründen" des Urteffs heißt es wörtlich: ..Hinter den Mördern und Mordgehllfen aber erhebt als der Hauptschuldige der verantwortungslose fanatische Antisemitismus sein verzerrtes Gesicht. Ein Beispiel dafür ist. daß er Juden als solche ohne Rücksicht auf die Person schmäht und so Mmdinst'nkte in unklare und unreife Köpfe sät. Möge der Opfertod Rathenaus, der sich wohl bewußt war. welchen Gefahren er mit Uebernahme seines Amtes entgegentrat,. möge die Aufklärung, die diese Verhandlung über die schrecklichen folgen gewissenloser Verhetzung gebracht hat. und möge schließlich der Brief der ehrwürd-aen Mutter des edlen Toten dazu dienen, die verpestete Luft in Deutschland zu reinigen." Die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für die Angeklagten begründete der Reichsgerichtshof wie folgt: ..Es kann dcch'nstehen, ob antisemitische Gesinnung überhaupt als politisches Motiv angesehen werden kann, aber auch politische Verbrechen können in der Ausführung und in den Beweggründen gemein und ehrlos sein; das trifft hier in vollem Maße zu." Aeilungsschau unü verschieüenes. Memel. Der Schutzdes Hakenkreuzes? Die Memeler Straflammer verhandelte in mehrstündiger Verhandlung gegen den Kaufmann M. Pomerenz wegen versuchter Nötigung. Körperverletzung nnd Beleidigung ans Grund folgenden Sachverhaltes: Der ostpreußische Kandidat Letzat. ein Mitglied des seit dem Rathenau- Mord verbotenen deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbundes. trug in Memel öffentlich das Hakenkreuz beim Besuch des Kasinos, aus welchem er deswegen von dem Direktor h'nausgewiesen wu'de. Am nächsten Tag trug er das Hakenkreuz zu belebter Mittagsstunde durch die von der Kaufmannswelt besonders besuchte Hauptverkehrsader der Stadt, die „Bö'.senstraße". Hier traf er auf den Angeklagleu, der, da das provozierende Verhalten des Letzat bereits Stadtgespräch geworden war. in eine besonders starke Erregung geriet und ihm das Hakenkreuz zu entreißen versuchte. Es entstand ein Handgemenge, Erfolg. Eines Tages fiel es Herrn Heymann ein: Wie wär's mit einem neuen Wohlfahrtsperem? Er suchte und fand einen schönen Namen, Versammelte einige Herren und Damen, Und alle erklärten aus tiefster Seele, Daß gerade ein solcher Verein noch fehle. Man hielt Sitzungen ab und sammelte Geld Und elf man die Sache noch recht besehen, Im Handumdrehen, War der neue Verein auf die Beine gestellt. Es meldeten sich auch Leute in Massen, Die sich gern wollten helfen lassen. (Da sie vielfach schon abgewiesen waren Hatten bald sie vom neuen Verein erfahren.) Die wurden dann ins Büro bestellt Und hier wurden Fragen an sie gestellt: Was sie wünschen? Und wie ihr Lebenslauf? ' In Kurzschrift schrieben munter und frisch Am Nachbartisch Zwei junge Damen die Antworten auf. Und im Winter da gab's mit großem Trara Das Stiftungsfest. Und alles war da! Das war ein Vergnügen, das war ein Leben Und zuletzt hat's 'ne Tombola gegeben. Man hat nicht mit Sicherheit vernommen, Ob nicht doch einige unter die Haube gekommen. Und das Facit der Arbeit, der vertrakten: Der Verein hat die armen Menschen indessen Fast ganz vergessen, Aber angelegt 5000 neue Akten l d. B Die.Dönmes". Eine jüdisch-islamitische Sekte. Anläßlich der Ermordung Djemal-Paschas, des früheren türkischen Marineministers und Kommandeurs der vierten türkischen (Palästina-) Armee im Weltkriege, hatte sein langjähriger Freund und Waffeugcführte Liman v. Sanders die Mitteilung gemacht, daß Djemal aus Saloniki stamme und ein „Dönmes" gewesen sei. Diese Angabe, der jetzt freilich von anderer Seite widersprochen wird, lenkt die Aufmerksamkeit wieder einmal auf diese kleine, höchst merkwürdige Sekte, deren Name außerhalb der Türkei nur wenigen Geschichtskennern bekannt sein dürfte. Als Dönmes bezeichnet man nämlich die heute Itt der ehemaligen europäischen Türkei lebenden Anhänger des kabbalistischen Schwärmers und Mystikers Sabbatai Zewi, der bas Interesse der Historiker vielfach beschäftigt bat, und mit besten Namen das letzte Ausflackern des MessiasgctxmkenZ unter den Inden in denkwürdiger Weise verknüpft ist. Geboren am 9. des Monats Ad — dem Tage der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung der Jstden aus Spanien — im Jahre 1626 in Smyrna, erregte er schon als Jüngling durch seine stattliche, einnehmende Erscheinung die Aufmerksamkeit und die Svmpathien se'ner Stammesgenoffen. Dem Talmudstudium abgeneigt, vertiefte er sich ganz in die Phantastereien der Kabbala, gab vor. mit Visionen begnadet zu sein, dichtete mystische Liebeslieder U. a. Don Smyrna durch den Barmspruch der Rabbiner vertrieben, tauchte er mit seinen Anhängern in Saloni'.i, Aegvpten, Athen. Jsrnsa/em auf, überall sich als Wundertäter gebärdend und von der jüdischen Bevölkerung dieser Städte mtt Enthusiasmus ausgenommen. In Kairo Maß er, obwohl schon zweimal geschieden, eine mysteriöse Heirat mit einer schönen, aber sittlich anrüchigen Person, uni» trat von da ab o'scn als Messias auf. Nach seiner Rück ehr wurde er ln Smurna wie ein wirklicher Prophet empfangen und verehrt; sein Erscheinen rief einen förmlichen Taumel der Verzückung unter den Juden hervor. Seit 1686 erfolgte der Umschwung, da der neue Messias sich der Situation in keiner Weise gewachsen zeiote und die allgemeine Begeisterung verpuffen ließ. Von der Regierung zur Rechtfertigung ausgesorderi, re'ste er mit einigen Getreu« i nach Konstantinopel; unterwegs wurde das Schiff vom Unwetter überrascht, und da der Prophet keine Hilf, bringen vennochte, schwand sein Nimbus. Der Sultan Muräd IV. begrüßte tbn in einer Audienz ironisch und setzte r8 durch, daß der neue Apostel zum JAam übcrtrat. Er ward kurze Zeit in Haft behalten^ dann Türhüter des kaiscrl'.cl cn i^alalles und schließlich nach Dnlriavo verbannt, wo er 1676 starb. in dessen Verlauf Letzat gezwungen wurde, das Hakenkreuz d5#u nehmen und for'zuwerfen. Wenige Tage nach dem Vorfall erhielt Pomeranz aus Deutschland einen unflätigen Drohbrief, in welchem ..der Judensau und ihrer ganzen Fam'Ne" der Tod angedroht wurde. In der heutigen Verhandlung beantragte die Staatsanwaltschaft gegen Pomeranz eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten. Cr bezeichnete das Vorgehen als eine besonders unverschämte Brutalität, die. so unoeheuerl'ch sei. daß er fe ite MildeiunaS!'runde für ein solches Verhalten Inden könnte. Ter Vertreter des Angeklagten wies auf die ungeheuren Gefahren des verantwortungslosen und fanatischen Antil'nnlismns h'n. der, wie Senatspräsident HaaenS in Leipzig bei der Urteilsverkündung im Rathenan-P rneß cms"eführt habe, als ^anpffchuldiaer hinter den Morde n und Mordaehilfen sein verzerrtes Gestüt erhebe und auf den Umstand, daß am Sonntaa in Berlin bei der Versammlung de? ..Bundes für Freiheit und Ordnung" hundert nirme B"richen mtt Hakenkreuzen anwesend waren und daß ununterbrochen Rute durch Vc Lust ^eschw'rrt hätten: ..Schlagt die Inden tot!" — ..Hoch Teckiaw!" Be> euer solchen Gnmdstimmuna von M'tolttdern des ..Te"t'ch-völlischeu Schutz» und Trntzbnndes" müsse cme kannk werden daß Vomeram sich durch das öffentliche Tragen des ^ake"kreines provoziert ja bedroht befunden habe, daß er also für sein Bo^aehen oew-ß ausreichend? Misderunasgründe anzusühren habe. Das Gericht erkannte gegerl Pomeranz auf einen Monat; Gefängnis. Zürich. Am Donnerstag, den 12. Oktober, starb hier der bekannte Herausgeber des Israelitischen Wochenblattes für die Scktweiz, David Wsittbaum. Der Verstorbene genoß unter der Schweizer Jlldenheit großes Ansehen. London. Der amerikanische Kupfer- KönigJsaacGuggenheimgestorberz. Am 10. Oktober starb in Southampton plötzlich Jsaac Guggenheim, der älteste Sohn Meyer Guggenheims, dessen Karriere in der amerikanischen Industrie wie eine patriarchalische Idylle inmitten des modernen Jndustriezeitalters anmutet. Jsaac Guggenheim, der älteste der sieben Brüder Guggenheim, wurde in Philadelphia 1864 geboren. Nach seines Vaters Tode Firmeninhaber, vollzog er die Vereinigung der Schmelz- und Verfeinerungsbranche des Geschäftes mit der „Amerikanischen Schmelz- und Berfeinerungskompanie", deren Direktor er wurde. Er war auch Direktor der mexikanischen Eisenbahn. Der Verstorbene betätigte sich auch philantropisch in hervorragender Weise, besonders aus dem Gebiete des jüdischen Spitalbaues. Washingto«. Weitere Jmmrgratiousbe« schränkungen in den Vereinigten Staaten. Das amerikanische Kongreßmitglied und der Vorsitzende der Jnlmigrationskommission Albert Johnson veröffentlicht eine Uebersicht über die in der letzten Zeit neu geschaffenen Jmmigrationsbeschränkungen, in welcher er ausführt, daß gewisse Länder bestrebt sind, die bei ihnen unerwünschten Elemente, nach Amerika zu exportieren. Die echten Polen in Amerika kehren nach ihrer Heimat zurück, wogegen aus Polen fast ausschließlich Juden in Amerika einwandern. Johnson beschuldigt die polnische Regierung, daß sie mit Absicht den Rassevolen Ausreisepässe verweigert und die Juden in dieser Beziehung begünstigt. Johnson schlägt deshalb vor, die EmwandecungSquote für solche Lander, die sich bei der Ausgabe von Pässen von national-politischen Ursachen leiten lassen, zu reduzieren, Wie Johnson versichert, wurde ihm diese Idee von führenden jüdischen Persönlichkeiten eingegebcn.; Im allgemeinen wünscht Johnson im Intereffe des Landes eine vollständige Einstellung der Fremdeneinwanderung in die Vereinigten Staaten. Da aber dies nicht gut möglich sei, fordert er die folgenden weiteren Beschränkungen: VerNeinerung der Einwanderungsquote; Beschränkung der Einreiseerlaubnis ausschließlich auf Frauen und Kinder von Bürgern, die in den Bereinigten Staaten ihren ständigen Wohnsitz haben. Ferner schlägt M^. Johnson vor, die Einreiseerlaubnis für Studenten, Artisten und Spezialisten außerhalb der Ol«ote nur zeitweilig und nicht wie bisher dauernd zu gestatten. Niortgefetzte Hetzlügcn. In Heidelberg erscheint ein deutschvölkisches Hehblättchen, betitelt „Deutsche Wohlfahrt", Herausgeber ist der sattsam bekannte Dr. Arnold Rüge. Von der niederträchtigen Volksvercziftung, die in diesem Machwerk auch nach dem Rathenau-Attentat dreist und gottesfürchtig weiterbe- Jn Saloniki bildete sich schon kurze Zeit nach ieinem Tode eine Gemeinde seiner Verehrer, die zum Schein, wie. der Stifter, den Mobammedanismus annahm, unter der Führung seines angeblichen Sohnes Jakob Ouirido. D« Name der Sekte ^Dönmes" bedeutet türkisch so viel wie Abtrünnige, Apostaten, und ist ironisch gemeint. Ihre Religion ist kein reines Judentum, sondern eine Mischung von Judentirm und Islam, nicht ohne christliche Anilänge. Religiöse Schattternngen teilen sie in drei, auch sozial voneinander aeschiedenc Gruppen. Früher heirateten sie nur unter sich; Ehelosigkeit galt ihnen als das Höhere. Die Stelltlncz der Frau ist bei ihnen eine höhere als sonst in der Türkei; sie verabscheuen Eheicbeidun^n und Vielweiberei. 5-»ervorzu''cb<n ist ibr starkes Soliöaritätsgefühl und ihre Mildtätigkeit, mrch Andersaläubiaen gegenüber. Einzelne von tbnen, wie der bekannte jungtürki^che Finanzminrster Djavid Bei. haben eS im öffentlichen Leben zu Ehre und Ansehen gebracht. Bücherbesprechung. Die mündliche Lehre und ihr Dogma. 1. Heft. Bon Rabbiner Dr. S. K a a tz in Hiudenbnrg O.-S. Leipzig, M. W. Kaufmann, 1922. Der Verfasser, einer der gelehrtesten Männer der gesetzestreuen Richtung, versucht den Nachweis zu erbringen, daß das sinaitische S ch r i f t d o g m a der Talmuds nicht ein auf wissenschaftlicher Spekulation aufgebauter Lehrsatz, sondern ein Glaubensaxiom ist, das jenseits aller wissenschaftlichen Spekulation liegt. „Wie es in der schriftlichen Lehre kein Vorher und Nachher gibt, so gibt es auch in dem Verhältnis von schriftlicher und mündlicher Lehre kein Vorher und Nachher" . . . „Jede geltende Auslegung, sie sei halachisch oder hazzadisch. ist sinaitisch, gleichviel, wenn eö aktuell wurde." Der Begriff sinaitisch sei für den Talmud lein historischer, sondern ein dogmatischer, mystischer, einer übersinnlichen GlaubenSwelt angehörender. Herr Dr. Kaatz steht auf dem Standpunkt der Verba'inspiration, wonach die heilige Schrift faml ihrer Auslegung göttlicher Herkunft ist, grobsinnlich ausgedrückt, durch göttliches Diktat — wortwörtlich — herrührt. Es ist das die buchstäbliche Schr ft Inspiration, die von christlichen Theologen (mit AuSnahnie der katholischen) durchweg aufgegeben ist. Wir erinnern hier an den vor ungefähr sechzig Jahren heftig geführten Streit über den Begriff kkolaolii» 1' blasoffs miseina-i zwischen Samson Raphael Hirsch in Frankfurt a. M. und Dr. Zacharias Frankel m Breslau. Der auch anderer Meinung ist, wird das geistreich und anregend geschriebene Büchlein mit regem Interesse lesen. Sp.-M.