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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-10-27 · 43 (27.10.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
43 (27.10.1922)
Date
1922-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Wt VollSseinelnschaft allSschlleßen, NM sogenannte germanische Kultur gelten lassen, die Mitarbeit an einer solchen nur den „arischen" und „christlichen" Elementen Vorbehalten wollen, eine Isolierung von der Völkergemeinschaft proklamieren oder die Germanen für die Weltherrschaft berufen glauben, statt weltbürgerlicher Gesinnung und allgemeiner Menschheitskultur den engherzigsten, also ethisch minderwertigen Nationalismus predigen, kommen unsere jüdischen Nationalisten auf dem umgekehrten Wege zu demselben Ziel. Sie deduzieren: „Wenn Ihr nationalistische Deutsche uns trotz unserer vielfach bewiesenen nationalen Gesinnung, trotz unserer Jahrhunderte dauernden eifrigen Mtarbeit an deutscher Kultur unser deutsches Vaterland raubet, uns nicht als Deutsche gelten lasset, nun gut, dann sagen wir uns los vom deutschen Vaterland, von deutscher Kultur, von deutschem Wesen und deutschem Empfinden. Wir haben ein anderes Vaterland, das Land unserer „Väter", das wir wirtschaftlich und kulturell wieder aufbauen müssen, als Mittelpunkt einer neuen (oder alten?) jüdischen Kultur einsetzen wollen. Dahin strebt unsere „jüdische Seele", die in der Sprache unser Väter zum MSdrucke kommen soll. Dort ist unser „geistiges" Vaterland, hier hat uns nur der Zufall geboren. Diesem Balerlande, dem bürgerlichen, wollen wir gern pflichtgemäß dienen „falls es uns in den Staatsdienst beruft!" Wäre es nicht so trivial, wir würden die geistige Verschrobenheit von sonst klar und logisch denkenden Männern, Gelehrten von Weltruf, mit der kindisch trotzigen Antwort jenes Jungen kennzeichnen, der seine erfrorenen Hände mit den bekannten Worten rechtfertigt: „Das ist meinem Vater ganz recht, warum kauft er mir keine Handschuhe". Well ein Teil des deutschen Volkes, und nicht der beste, uns die Gleichberechtigung versagt, deswegen sollen wir selbst uns von diesem Vaterlande lossagen, in welchem unsere Väter seit fast einem Jahrtausend ansaßig sind, für dessen Kultur und Wohlstand sie unermüdlich tätig waren und für dessen Freiheit und Unabhängigkeit sic ungezwungen und freiwillig Gut und Blut eingesetzt haben? — Daß aber nur ein Dell des deutschen Volkes nationalistisch gesinnt ist, im übrigen aber seit der Weimarer Verfassung in allen deutschen Staaten auch Juden bisweilen hohe Stellen in der Staatsverwaltung erlangt haben, das müssen die jüdischen Nationalisten, die zum Teil selbst solche Stellen innehaben, doch wisse:;. Mer sie wollen ihre Mitläufer nicht darauf Hinweisen, well dann ihre Klagen über mangelnde Gleichberechtigung, die nur auf dem Papier stehe, Klagen, mit welchen sie ihren Nationalismus, ihre selbstgewollte Isolierung im deutschen Volksleben begründen, zerflattern und zerfallen! Eine eigenartige Hilfstruppe erhalten hierdurch die deutschen Nationalisten von einer Seite, auf die sie nie vorbereitet gewesen sind und die sie trotzdem verächtlich von sich weisen, und diese Hilfe kommt ihnen — von Juden. Wenn die Nationalisten des neuen Vaterlandes, die wir sonst als Zionisten bezeichnen, die links gerichtete Seite des jüdischen Nationalismus darstellen, so stellt der Verband der national-deutschen Juden, der das Deutschtum über das Judentum schätzt, die rechtsgerichtete Seite des jüdischen Nationalismus dar. Beide Richtungen aber verkennen die Leitgedanken der Gegenwart, welche die Menschheit sowohl, als die einzelnen Völker und die religiöse Kultur, insbesondere das Judentum beherrscht. Es sind vor allem zwei Ideen, um deren Anerkennung die Menschheit ringt: „In allem die Einheit, im besonderen die Freiheit." Die Einheit, das ist die Völkerversöhnung, die uns Juden gerade als das Ideal der Menschheit von unseren Propheten her überkommen ist und um die wir noch heute an unseren höchsten Festtagen mit den Worten beten: „O Herr! Gib, daß die Völker zu einem einzigen Bunde Hie geborene Tugenöreich. Ein Großstadtroman von Oskar JonS MUtinan. (88. Fortsetzung.) - „Ich sehe, das junge Mädchen ist mir bereits zuvorgekommen, und das ist auch das Beste. Aber vor allen Dingen muß dieser Verkehr aufhören, es hat gar keinen Zweck, denn mein Sohn ist so gut wie verlobt." — „Da kann ich janischt zu sagen", erwiderte die Großmutter in voller Seelenruhe. „DeS lassen Se die junge Leite unter sich abmachen." — Doch Jettchen wollte gern mit einem Sieg in der ziemlich voluminösen Handtasche, an der sie nervös nestelte, umlehren, und weil weiter nichts aus der Alten herauszubringen war, durchbohrte sie die schöne Delinquentin, die regungslos am Fenster stand und ihr feuchtes Taschentuch in der kleinen Faust versteckt hielt, mit empörten Augen. Da aber Blicke nur in wärmeren Regionen böse wirken sollen, prallte diese sichtbare Verachtung an Minni ab. Frau Rosenthal betrachtete das Zucken des kleinen Mundes als offenbaren Hohn und geriet vollends in Harnisch. „Wie konnten Sie sich überhaupt unterfangen» sich meinem Sohn zu nähern. Sie sind doch noch ein ganz dumme- Ding! Sie haben wohl ganz vergessen, daß zwischen Ihnen und unS ein großer Unterschied besteht!" Hier mischte sich die Großmutter ein, deren Hcrzensvulkan schon lange vor einem Ausbruch stand und schrie: „Unser Mädel ist mindestens von dasselbe Herkommen wie Ihr seiner Cohn und ich schmeiße Ihnen achtkantig die Treppe runter, Sie gemeines Judenweib!" Ein Augenblick lähmenden Schweigens trat ein, und die alte Witt mochte fühlen, daß sie zu weit gegangen war. Schon wandte sich Jcttcbcn nach dieser deutlichen Verabschiedung zur Tür, als Minni schwanlend sich ihr näherte und mit schmerzlicher Ueberwindung begann: „Ich verspreche Ihnen ...aber weiter kam sie nicht. Sie verlor das Bewußtsein, und im Fallen stieß ihr Kopf hart an den Stuhl, an den sie sich klammern wollte. Mit dumpfer Wucht schlug der Körper auf den Fußboden, und aus winziger Stirnwunde sickerte das rote Blut. „Um HinimelswillenI" schrie Jettchen, die kein Blut sehen konnte. „Was ist geschehen?" — „Sie kommen beim Staats» anwalt!" antwortete die alte Witt unersck)üttert. „Holen Sie einen Arzt!" beeilte sich Frau Nosenthal zu raten. — „Ach wat, das wer'n wa bald babeu, machen Se man bloß, daß Se rauswerden!" Und die Freiheit, daist die gegenseitige religiöse Duldung. mit dem gleichfalls prophetischen Hochziele, daß dereinst alle Menschen zu einem einzigen Gotte beten mögen. Es ist also klar, daß uns diese völkische Msimilierung immer weiter zum Unsegen gedeihen muß. Nationalistisch ist denmach sowohl die Gesinnung, welche daS Deutschtum voranstellt, als auch diejenige, welche das Judentum an die erste Stelle setzt. Wahrhaft national ist nur derjenige, der sich nicht fragt: Deutschtum oder Judentum sondern derjenige, dessen Kulturftreben, geistige Richtung, religiöse Ueberzeugung, kurz dessen ganze Lebensführung von dem obersten Grundsätze geleitet wird: Für Deutschtu m u n d Judentum! Cto aller Kürze. Im Preußischen Staatshaushalt für daS Jahr 1923 ist die Bereitstellung von Mitteln zur Unterstützung leistungsschwacher Synagogengemeinden, die sich dem Preußischen Landesverband angeschlossen haben, in Aussicht genommen. * * * Im Prozeß gegen den Hanptmann v. Hausen, der die Broschüre „Die Geheimnisie der Weisen von Zion" verfaßt hat, wird auch Frau Mathilde Rathenau, die Mutter des ermordeten Reichsministers, Nebenllägerin sein. * * * Am 29. Oktober hält der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in Berlin seine Delegiertentagung ab. * * * Der sogenannte Knüppel-Kunze ist in Oppeln in Hast genommen worden, well er in einer aufreizenden Versammlung einen Arbeiter durch Revolverschuß schwer verletzt hat. * * * Im Oberschlesischen Sejm hat Korfanty die deutschen Oberschlesier vor einer politischen Verbindung mit den Juden gewarnt. Es bleibt abzuwarten, ob die Deutschen diesem Rate folgen und das Zusammengehen mit den Juden ablehnen werden. * ch * . . In Budapest brach in der großen Synagoge am Simchath Thora-Fest aus unaufgeklärter Ursache ein Brand aus, der zwar bald gelöscht wurde, aber eine unbeschreibliche Panik verursachte. * * * Unter den Argentinischen Juden macht sich eine lebhafte Auswanderungsbewegung nach Palästina bemerkbar. * * * Laut Verordnung' der 'Hauptpaßstelle beim Berliner Polizeipräsidium sollen alle jüdischen Durchwanderer, die ohne gültige Dokumente die deutsche Grenze überschreiten, innerhalb 24 Stunden zwangsweise abgeschoben werden. Die Emigranten werden gut tun, diese Verfügung zu beachten, da keine Institution imstande ist, bei den Behörden zu intervenieren, wenn Unregelmäßigkeiten vorliegen. * * * Hebet das große Kindersterben in Rußland werden erschütternde Nachrichten bekannt. Mehr als die Hälfte aller Kinder leidet infolge der Ernährung mit Surrogaten an inneren Krankheiten und Ausschlägen. Auch in den kommen. Das Meechen hat eben Angst vor Sie, un Se wirken auf ihr als Schreckjespenst." — DaS war leine Schmeichelei und mußte doch eingesteckt werden. Inzwischen sprengte die alte Witt eifervoll und mit der Gewandtheit einer geübten Waschfrau Wasser auf die Ohnmächtige. Minni schlug die Augen auf und sah verwundert um sich. „Gute Besserung, mein Kind!" flüsterte Frau Rosenthal, die sich teilnahmsvoll über sie gebeugt hatte. „Adieu!" — Die alte Witt folgte ihr mürrisch und erwiderte Jettchen: „ES tut mir leid, Frau . . . ," mit einem höhnischen: „Wat nachkommt, is Bärme, un Frau sagt man überhaupt nich!" — Also belehrt schlich Maxens Mutter beschämt die Treppe herunter. ~ xn. Als JonaS zu Tisch kam, glaubte er, seiner Fra« Minnis Fernbleiben vom Geschäft als bedeutsame Neuigkeit vermelden zu müssen. „Ich weiß schon alles!" schnitt sie ihm das Wort ab. „Nimm wenigstenheute etwas Rücksicht auf mich. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht!" — Herr Rosenthal schwieg, doch Jettchen, deren Mut im Quadrat der Entfernung wieder gewachsen war, donnerte ihn an: „Ich will dir nur eins sagen, solange er noch nicht hier ist: Hefe, AuSwurf, zusammengekneten auS Gemeinheit!" — „Um Gotteswillen, was sprichst du da, mein Kind!" beruhigte JonaS: „ES ist eine anständige Familie und ein feines Mädchen! Ich habe mich heute genau erkundigt." „Wer hat dir das erlaubt?" wütete seine stärkere Hälfte. „Alles machst du verkehrt! Immer und ewig verstehst du mich falsch. Wer spricht denn überhaupt von ihr!" In diesem Augenblick betrat Max die Wohnung. Im Korridor stand kreidebleich Marie, um mit weiblicher Pünktlichkeit die Rolle der Vorsehung zu übernehnren. Eie hob beschwörend die Arme und rief, geschützt durch den pathetischen Monolog der Dame deS HauseS: „Tun Se mir den einzigsten Gefallen, gehn Se nich rein, Herr Dokta, se rast." - „Ich auch," antwortete Max und nahm die Klinke in die Hand. DaS „guten Tag!" erstarb ihn:, alS er die Eltern so erregt sah. Jettchen warf sich ihm an die Brust. „Max, daS wirst du mir nicht antun, ich flehe dich an!" — „Aber Mamachen!" begütigte er zärtlich und gab der Weinenden einen ehrlichen Kuß: „Wie kann man nur so aufgeregt sein! Laß mich mal sprechen; eS ist ja aller nur halb so schlimm!" — Vestelnperlchteleii Kinderheimen sterben in jedem Monat etwa 16 Prozent, in den Säuglingsheimen über 60 Prozent. Unsere Bewegung. Nachrichten der Vereinigung für dar liberale Judentum e. V. Berl'n. Am 21. Oktober hat eine erweiterte Borstandstagung unsere!' Vereins nng stattgefunden Sie beaann mit einer Sitzung zur Schaffung des liberalen Eiuheitsgebetbuches an der die Herren Rabbiner Dr. Baeck und Selwmann, Prof. Fricdländer und Rechtsanwalt Stern, sowc Fräulein Lütmanu te'lnahmen. Zur anschießenden Sitzung des Gesamtvorstandes wa.en aus dem Reiche e schienen: die Herren Rabbiner Tr Voaelstein Breslau, und Selig« mann, Frankfurt a. M.^ ferner Samtätsrat Tr. Pollnow. Königsberg. und die Rechtsanwälte Dr. Lepmonn. Stuttgart, und Tr. Geiger. Frankfurt a M. Von Berl'ner Mngliederu des Vorstandes waren zugegen dis Herren Rechtsanwälte Stem. Tr. I. L. Selwsohn. Just-zrat Plonsker. Kommerzienrat Hambnraer. Dipl.-Jng Bruno Wovda, Emil Eohn und Frau Rosa Sachs Auf den Jnbalr der bedeutsamen Beratungen werden wir demnächst ausführlich zurückkommen. Zus Sem Reich. Berlin. Wie gehetzt wird. Ein Berliner Blatt brachte b> seiner Morgenausgabe vom 19. Oktober in einem Arükel „Die Untersuchung über d'e Vorgänge am Zirkus Busch" ein? aufsehenerregende Mitteilung. Seitens des ..Bundes für Freiheit und Ordnung" seien dem Berl'ner Polizeipräsidium Wahrnehmungen m'tgeteilt worden, die am Sonntag, den 15. Okwber. wählend der blutigen Krawalle am Zirkus Busch angeblich von unbeteiligter Seite gemachsein sollen. Danach habe auf seiten der Kommunisten ein reger Kurierdienst zwischen dem Z'rkus Busch und dem Hause Heidereuter» gasse 4/5 bestanden, wo sich ein Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde befindet. Wie we't diese Behauptungen der angeblichen Augenzeugen zutreffen, dürften d'e polizeil'chen Ermittlungen ergeben. Hier handelt es sich um ein Schulbeispiel, wie gehetz: wird. Dir polizeilichen Ermitlnnaen haben nämlich ergeben, daß am Sonntag den 16. Oktober, die Inden Feiertag hatten. D'e Spnaaoge in der Heidereutergasse. die zu den orthodoxen jüdischen Gotteshäusern Berlins zahlt, war von Besuchern dicht gefüllt. Tiefenden Teilnehmer am Gottesdienst, die der Weg zur Synagoge über die Svandauer Brücke führte, an der der Z'rkus Busch liegt, berichteten naturgemäß von den schwer^ Unruhen in der unmittelbaren Nahe des Gotteshauses. Die Befürchtung, daß Zusammenstöße zwischen den Deutschvölk'schen. die den Zirkus Busch verließen, und den Juden, die aus der Svnaaoae kamen, sich ereignen könnten, laa nahe, denn Bersammlungsschlnß und Ende des Gottesdienstes konnten in dieselbe Zeit fallen. Einia? Mitglieder des Bnndes. jüdischer Frontsoldaten übernahmen deshalb einen Wachdienst. Sie veranlaßen, daß d'ö Synagogenbesncher nicht nach den zum Zirkus Busch führenden Straßen abströmten, sondern nach der Königstraße zu. Wie berechtigt diese Vorsichtsmaßnahme war, aebt daraus hervor, daß wenige Minuten, nachdem der letzte Spnagogenbesucker das Gotteshaus ver lassen hatte, ein Demonstrationszug der Deutschvölkischen an der Synagoge voniberzog. Berlin. Berurteilungeinesantisemitischen Redakteurs. Der Redakteur des bekannten Münchener Antisemitenorgans „Völkischer Beobachter", Hans Sommer, behauptet in seinem Blatte, der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens habe sich im Kriege durch seine Verbindung mit der „deutschfeindlichen" Alliance israelite des Landesverrates schuldig gemacht. Der Vorsitzende des Zentralvereins, Justizrat Dr. Brodnitz, stellte Beleidigungsklage und vor Gericht mußte sich der Angeklagte zu einem uneingeschränkten Widerruf verstehen, der im „Völkischen Beobachter" zu erscheinen hatte. Hierbei aber machte Herr Sommer den Versuch, die Sache so darzustellen, als habe er dennoch Recht behalten, da der Zentralverein nur jetzt keine Verbindung mit der „Alliance israelite“ unterhalte. Daraufhin wurde er neuerdings vor Gericht gezogen und diesmal wurde er und der Mitangeklagte Redakteur Dietrich Eckart zu je tausend Mark Geldstrafe verurteilt. „Da hörst du cs!" mischte sich Jonas ein, um auch etwqs zu reden. „Theodor Sachs hat genau dasselbe gesagt." — Die lauschende Marie litt es nicht länger hinter der Tür. Sie war sich llar, daß jedes Intermezzo hier nur befreiend wirken konnte, darum trat sie polternd ein und fragte patzig: „Warm soll denn eigentlich heut gegessen werden? Ich kann es nich länger warm halten!" — Diese Wendung war sprachliches Lehngut und wurde darum von Frau Rosenthal doppelt übel vermerkt. „Was nehmen Sie sich denn heran?? Haben Sie in meinem Hause etwa schon gehungert, Sie dreiste Person? Wie reden Sie denn mit mir? Können Sie nicht warten, bis ich klingle!" — Das Mädchen verschwand, und Max belehrte die Mutter, etwavorsichtiger mit ihren Ausdrücken zu sein. „Person darf man nicht sagen. Menu sie dich verklagt, wirst du wegen Beleidigung bestraft." — „Mir ist schon alles gleich; das ganze Leben ist mir vergällt. Sollen noch mehr Leute mit mir vor Gericht gehen!" — Und so ergab es sich nebenher, daß Jettchen vormittags ir der Pallisadenstraße gewesen war. JonaS schlug die Hände zusammen, und Max verlor den Rest seiner Ruhe, obwohl die Mutter klugerweise noch nicht die Hälfte ihrer peinlichen Erlebnisse berichtete und auch Minnis Ohnmacht in geschickter Zensur unterdrückte. „Mußte das sein?" fragte er vergrämt und mit bitterem Lachen, und in seinen Augen erschienen die Tränen der Empörung und des Schmerzes. Auch der Vater schüttelte den Kopf. Er ging unruhig auf und ab und ließ die Zunge zun: Zeichen seines Mißfallens hörbar gegen die Zahnreihen schnellen, bis er endlich so sanft, wie die Gegenwart seines Sohnes es verstattete, zu tadeln begann: „Du hättest sie nicht beschämen dürfen; daS ist mir gar nicht recht!" — „Wir wollen es kurz machen, Mama," unterbrach ihn Max und trat auf die Mutter zu. „Ich liebe sie und werte nicht von ihr lassen!" — Damit wollte er hinaus. Ter Vater hielt ihn angstvoll fest, und Frau Rosenthal weinte laut: „Ich schwör' dir zu, ich tu mir etwas an!" — „Erst wirst du einen Löffel Suppe essen", bcschwichiigte Jonas. „Man schwort nicht gleich! Soll uns daS Mädchen herumbringen im ganzen Hause?" — „Es wissen schon inehr Leute! Gibt cs überhaupt einen Menschen außer mir, der eS nicht gewußt hat?" klagte Jettchen. — „DaS kann mir gleichgültig sein!" bekannte scharf und schneidend der entdeckte Liebhaber. <Fortsetznng folgt.)

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