Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 41 (13.10.1922)
- Date
- 1922-10-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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liberalen Gottesdiensten findet nur derjenige sich nicht zurecht, der mit unserm Gottesdienst überhaupt nicht Bescheid weiß. Sonst unterscheidet sich äußerlich der Gottesdienst in den liberalen Gemeinden nicht mehr von einander, als es zu allen Zeiten in verschiedenen Gemeinden nach den verschiedenen Riten der Fall war. Ob ich in Berlin oder Frankfurt, in Breslau oder Königsberg, in Danzig oder Bochum in der Synagoge bin — es ist überall in allen wesentlichen Stücken der gleiche Gottesdienst, überall die gleiche Struktur. Und die Abweichungen? — sind nicht größer, als sie in alten Seiten gewesen sind. Wenn von Laien die Verschiedenheit der liberalen Gebetbücher beklagt und ihr gegenüber die volle Uebereinstimmung des altüberlieferten Gebetbuches in allen Gemeinden ins Feld geführt wird, so mag man über diese Argumentation hinwegsehen. Wenn aber ein Theologe bewegliche Klage über diese Zersplitterung anstimmt und emphatisch die Rücksicht aus Klal Israel ins Feld führt, so erfordert das Zurückweisung. Denn ebenso gut wie ich weiß auch Salzberger von den verschiedenen Riten und innerhalb dieser von verschiedenen gottesdienstlichen Bräuchen in den verschiedenen Gemeinden. Welcher Theologe kennt nicht die großen Unterschiede des westdeutschen (aschkenasischen) und ostdeutschen (polnischen) Ritus — von den wesentlicheren Abweichungen des sefardischen, italienischen, orientalischen usw. Ritus ganz zu schweigen? Und wer wüßte wiederum nicht die Abweichungen des litauischen von dem großpolnischen, kleinpolnischen, böhmischen usw. Branche? Wie viele Abweichungen von dem allgemeinen Brauch nach altem Herkommen sind gerade in Frankfurt von jeher üblich gewesen! Ich weise überdies auf die Nachweisungen des streng orthodoxen Prof. Berliner in seinen „Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuch" hin, der u. a. zeigt, wie viele Veränderungen auf Rechnung — der Buchdrucker zu setzen sind. Ueberlassen wir Theologen also die Klage über die jetzige Zersplitterung im Gegensatz zu der früheren Einheitlichkeit, die emphatische Betonung des Klal Israel, und was dgl. mehr ist, ruhig anderen Leuten! Die Ordnung des Gottesdienstes kann nun einmal nicht allein nach grundsätzlichen Gesichtspunkten erfolgen, es spielen zahlreiche andere Momente hinein, die die Regelung in dieser Gemeinde anders erwünscht machen als in jener. Die Verschiedenheit der liberalen Gebetbücher ist an sich nicht beklagenswert, das Einheitsgebetbuch au sich nicht wünschenswert, weil es eben die gemeindlich individuelle Ausgestaltung und Entwicklung unterbindet. Nur vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt ist das Einheitsgebetbuch unter den trostlosen gegenwärtigen Verhältnissen zu rechtfertigen und zuzugestehen. Muß man sich aber mit dem Einheitsgebetbuch abfinden, so muß es weitgehenden Spielraum für die Gestaltung in den einzelnen Gemeinden lassen. Aber freilich, die Grundanschauung muß eine einheitliche und liberale sein. Salzberger ist durchaus im Recht, wenn er auNricht, daß seine Anschauungen diese Bezeichnung nicht verdienen. Es ist dankenswert, daß er die Erörterung über die Oele und Dochte für die Sabbathlichte (bammeh madlikin), die weder die Sabbathstimmung erhöhen, noch auch als ein für die heutigen Gemeinden geeignetes Stück talmudischer Lektüre gelten können, und das Gebet für die Gaonen und Hochschulen in Babylonien, die vor 900 Jahren erloschen sind (jekum purkon) zu streichen bereit ist. Aber im übrigen unterscheidet sich sein Gebetbuch von dem konservativen lediglich durch die Beseitigung (oder Umarbeitung?) der Stellen, die sich auf die Wiederherstellung des Opfers beziehen, und die Einfügung des deutschen Gebetes für die Seelenfeier. Weshalb gerade dieses Gnade in seinen Augen gefunden hat, ist nicht recht klar; die Begründung, die er gibt, reicht jedenfalls nicht aus. Stellen wir uns aber auf Salzbergers Standpunkt, so ist die Frage des liberalen — sit yenia verbo — Gebetbuches überaus einfach gelöst, und alle wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind mit einem Schlage beseitigt. Wir lassen ganz einfach eine Anzahl — sie ist recht klein'— von Zetteln drucken, die auf der Rückseite gummiert sind. Sie enthalten unter Angabe von Seite und Zeile des Sächsischen oder des Rödelheimer Gebetbuchs entweder den Vermerk, daß das betreffende Stück zu überkleben und zu stceichen ist oder daß an Stelle dieses Stückes der auf dem Zettel abgedruckte Text zu überkleben ist. Wieviel Mühe und Kosten hätte man sich doch von dem ersten Gebetbuch für den Hamburger Tempel bis zu dem westfälischen Gebetbuch meines Vaters oder dem Gebetbuch für die Synagoge in der Fasanenstraße in Berlin sparen können, wenn man nach diesem Rezept verfahren wäre! Vergißt Salzberger denn ganz, daß es teilweise grundsätzliche Abweichungen von den im alten Siddur ausgesprochenen Anschauungen sind, die die Liberalen zur Abänderung der Gebettexte veranlaßt haben? Können und sollen wir denn beten um Sammlung von allen vier Enden der Erde und Zurücksührung ganz Israels nach Palästina, um Wiederherstellung der Herrschaft des Davidischen Königshauses, „auf dessen Thron kein Fremder sitzen möge", um leibliche Auferstehung der Toten — während wir lediglich die Unsterblichkeit der Seele betonen, um einen persönlichen Messias, während wir die Zuversicht der messianischen Zeit aussprechen und den messianischen Beruf Israels im Sinne des Teuterojesaja bekennen? Die Wahrhaftigkeit des Gebetes zu dem Gotte der Wahrheit fordert, daß wir nicht Dinge mit den Lippen aussprecheu, zu denen wir uns nicht von Herzen bekennen. Um diese Wahrhaftigkeit haben die liberalen Bearbeiter des Gebetbuches seit hundert Jahren gerungen. Sind sie wirklich alle Stümper gewesen? oder wollten sieben: negatives unjüdisches Judentum? Dieses Gesetz der Wahrhaftigkeit verbietet aber die doppelte Buchführuna, die Salzberger in Vorschlag bringt, den ..liberalen" Text mit großen Lettern und den alten Siddurtext mit Heineren Lettern abzubrucken zum beliebigen Gebrauch. Ich habe diesen Modus stets als einen ganz besonders schweren Fehler de- Joelschen Gebetbuchs angesehen. Wenn Salzberger von „sogenannten zionistischen Hoffnungen" spricht, so mutz schon oieser Ausdruck ernstlich beanstandet werden. Einige der von ihm gemeinten Gebetstellen können ohne schweres Bedenken deshalb geduldet werden, weil sie auf die Ausrichtung des geistigen und religiösen Zion gedeutet werden können. DaS gilt jedoch nicht von den oben angedeuteten Stellen, die von der Sammlung ganz Israels von allen Ecken der Erde und der Zurücksührung nach Jerusalem, von der Aufrichtung des Davidischen Königtums handeln. Demgegenüber betonen wir die Auffassung, die R. Oschaja ausgesprochen hat: „Gott hat Israel eine Wohltat erwiesen, als er es unter die Völker zerstreute."*) Den Gedanken der Erwählung Israels betonen wir mit allem Nachdruck. Aber wir betonen ihn in dein Sinne, daß die Erwählung Israels gerade dann besteht, daß Gott unseren Vätern seine Lehre und seine Wahrheit gegeben hat, und daß es Israels stolze und schwere, entsagungs-und leidensreiche Aufgabe ist, Träger und Bekenner dieser Lehre zu sein. Auf welche religiösethischen Abwege das falsche Verständnis dieser Lehre führen kann, habe ich kürzlich in dieser Zeitschrift gezeigt?) Darum soll in jedem einzelnen Falle sorgfältig geprüft werden, ob die Wendung „von allen Völkern" an der betreffenden Stelle beibehalten oder beseitigt werden soll, damit der r e l i g i ö s e Sinn der Erwählungslehre klar zum Bewußtsein gebracht wird und nickst der Gedanke einer jüdischen Edelrasse gezüchtet wird, der ebenso ckls nationalistischer Auswuchs zu verwerfen ist wie Chamberlains Theorie der germanischen Edelrasse. Weshalb Salzberger das Gebet für das Vaterland gestrichen sehen will, ist mir nicht llar. In jedem alten Siddur findet sich das nswn fffln, und ich vermag nicht einzusehen, weshalb die Veränderung der Staatsform ein Grund sein sollte, wenn die Gemeinde zum Gebet versammelt ist, nicht auch für unser Vaterland zu beten. Die Frage aber, ob wir überhaupt berechtigt sind, den alten Gebettext abzuändern, hat Salzberger mit Recht garnicht erst erörtert. Denn ein jeder, der die geschichtliche Entwicklung unseres Gottesdienstes kennt, weiß, daß alle Zeilen und Richtungen ihre Anschauungen, das, was sie religiös bewegte, in den Gottesdienst getragen — sonst wäre es eben kein rechter Gottesdienst — und im Gebettext zum Ausdruck gebracht haben. Wieviel Kabbalistisches, wieviel Chaßidisches ist in das Gebetbuch eingedrungen und nur langsam teilweise wieder ausgeschieden worden! Aber ich mußte diese Frage wenigstens streifen, wegen des Ausfalls am Schlüsse von Salzbergers Referat. Ich nehme es mit großer Gelassenheit hin, wenn ich zu den „Unentwegten" geworfen werde, die nicht merken, daß die Zeit über sie hinweggeschritten ist. Gewiß wäre es mir erwünscht, wenn meine An? .schauungen von der Mehrheit geteilt würden. Sehe ich, daß frühere Mitstreiter sich gewandelt haben, so prüfe ich erneut meine Ansicht, bereit, sie zu revidieren? wenn ich sie als verfehlt erkennen sollte, aber auch bereit, meine Ueberzeugung zu vertreten, selbst wenn ich, was Gottlob nicht der Fall ist, ganz allein stünde. Daß ich mich dabei nicht ins Hintertreffen drängen lasse, sondern wenn es nach meiner Ueberzeugung im Interesse des Judentums ist, den sachlichen Kanrpf auch mit früheren Weggenossen in vorderster Linie führe, dafür dürften meine letzten Aufsätze hinreichende Beweise sein. Auch mir geht es nicht um Neuerungen, sondern um Erneuerung des religiösen Lebens von innen heraus. Schon in den ersten Jahrgängen des „Liberalen Judentums" habe ich ausgesprochen, daß unsere Aufgabe nicht ist, Liberalismus zu schaffen, sondern Judentum, aber freilich habe ich der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß dies nur auf dem Wege des Liberalismus möglich ist. Woher aber nimmt Salzberger das Recht, für sich und seine Gesinnungsgenossen eine Aufgabe mit positivem Vorzeichen, ein Wollen jüdischen Judentums im Gegensatz zu uns in Anspruch zu nehmen und damit implicite uns das Positive und das Jüdische abzusprechen? Ich perhorresziere es, die Religiosität oder den Liberalismus eines andern gleichsam mit der Elle abzumessen oder auf der Goldwage abzuwägen. Aber wenn ich Salzbergers Referat mit aller Entschiedenheit als ni ch t li b e r al bezeichnet habe, so geschieht es wegen dieser ketzerrichterischen Wendung, durch die er sich zum arbiter Judaismi aufwirft. Wir werden es um so eher verwinden, als unjüdische Scheusale in die Wolfsschlucht geworfen zu werden, weil ein jeder, der den sonst so liebenswürdigen Kollegen kennt, mit mir der Ueberzeugung sein wird, daß hier eine Entgleisung vorliegt, daß er ein Wort gesprochen hat, das zwar schwer verletzt, aber sicherlich nicht in diesem verletzenden Sinne gedacht gewesen ist. Die Abwehr war geboten, gerade weil der Redner und Schreiber nicht einer von vielen, sondern ein hochgeschätzter Theologe ist, dessen Wort etwas gilt. Hüten wir uns vor gegenseitiger Verketzerung, auch wenn wir uns sachlich bekämpfen! Seien wir uns vielmehr bewußt, daß auch der sachliche Gegner aus innerster Ueberzeugung, aus gleicher glühender Liebe zum Judentum handelt k Wahren wir uns die Anschauung, daß auch die gegnerischen Auffassungen „beides Worte des lebendigen Gottes" sind! Bab. Talm. P-ssacknm 87 b. 2) Zur Kritik der Krise trn liberalen Judentum, (ßtb. Judt. XIV, S. 9). Zum Einheitsgebetbuch. Von Rabbiner Dr. H. Fuchs. Lhemnitz. Ich werde gebeten, zu dem Problem eines zr chaffenden liberalen Einheitsgebetbnches noch einmal Stellung zu nehmen, — obgleich ich das wichtigste, was 'ch darüber zu sagen habe, schon im vorigen Jahre in der Jüdisch liberalen Zeitung, 1921, Nr. 26 sf. dargelegt habe. Ich komme gleichwohl dieser Aufforderung nach, um vor allem einem Gedanken Ausdruck zu geben: Keine kleinliche Ko m pr o mi ß a r b e i t! Alle bisher existierenden liberalen und halb liberalen Gebetbücher sind Kompromisse. Die Gemeinden mußten nach links und rechts Rücksicht nehmen, und das Prinzip: „so wenig wie möglich am Altüberlieferten ändern", hatte vielerlei Gründe und Folgen. Das aber war nur so lange berechtigt, als es sich um Einzelversuche handelte. Jedes bisherige reformierte Gebetbuch in Deutschland war gegenüber der Gesamtjudenheit sozusagen Privatangelegenheit. Soll jetzt ein Gebetbuch für das jüdisch-liberale Deutschland geschaffen werden, so wird eS von selbst autoritativ. Kollege Seligmann hat mit Recht betont: Den Luxus von Sonder-Gebetbüchern kann sich künftig keine Einzelgemeinde mehr gestatten. Ein einzelnes neues Gebetbuch neben vielen anderen zu schaffen, dazu braucht auch nicht der liberale Rabbiner-Verband samt der Laien-Vereiuigung zur Erneuerung des Judentums bemüht zu werde::. Wir sind eben heute weiter. Eine große Anzahl liberaler Prinzipien haben sich in der Stille dmchgesetzt. Nun gilt es, den Punkt auf das i zu setzen und ein Werk zu schaffen, das zwar nicht für die Jahrtausende dauert, das aber für uns nicht den Charakter des Vorläufigen, sondern eines Abschlusses der Entwicklung haben muß. Wir wissen: eine neue Epoche wird auch dieses Werk abändern. Aber für unsere Zeit müssen wir das Bewußtsein haben: Das ist vollkommen das, was wir gewollt und ersehnt haben! Daraus ergeben sich mannigfaltige Forderungen. 1. Die Prinzipien müssen fest st ehe::! Wie bisher die Frage angefaßt worden ist, — wenigstens in der Öffentlichkeit — ist durchaus ungenügend. Nicht Einzelwünsche und Einzelfragen sind zu behandeln, sondern allein aus Grundprinzipien heraus darf das einzelne gestaltet werden. Solche sind bisher nach meiner Kenntnis nur von mir (s. o.) aufgestellt worden. Ich wiederhole sie hier in aller Kürze und wünsche, daß sie diskutiert werden: Der Gottesdienst ist eine pädagogische Veranstaltung der Gemeinschaft. Er bezweckt a) den Einzelnen in eine möglichst innige Vereinigung mit Gott zu bringen, b) die jüdische Gemeinschaft zu ihren Aufgaben gegen Gott zu stärken. Der Gottesdienst muß daher einen einheitlichen Aufbau haben, an dessen Ende diese zwei Ziele erreicht werden. Deshalb sind Wiederholungen absolut zu meiden; ungeeignete Reihenfolge, durch die geschichtliche Entwicklung entstanden, ist zu verbessern. Die Belehrung hat die Stelle einer Vorbereitung der höchsten religiösen Erregung einzunehmen; den Schlußteil muß das private Bittgebet machen (abgesehen von einem letzten Ausklang). Das Schöne (Musik) muß zurücktreten hinter dem religiös Wirksamen. Dagegen sind die rituellen Tätigkeiten zu erhalten, womöglich zu vermehren. 'Die Gemeinde und der einzelne Beter ist überhaüpk 'zumöglichst stärker Beteiligung heranzuziehen. Aus der zweifachen Bestimmung des Gottesdienstes ergibt sich eine zweifache Stellung zum Hebräischen: Das Gemeindegebet sei hebräisch, das Gebet mit den: Einzelnen als Subjekt deutsch! 2. Zu einem solchen mehr oder weniger radikalen Werke ist die Zustimmung einer nennenswerten Zahl von Rabbinern und Synagogen notwendig; d. h. Laien und Rabbiner müssen sich v o r h e r darüber aussprechen: soll fortgewurstelt werden? oder soll etwas geschaffen werden, womit wir vor dem Urteil der Geschichte Ehre einlegen? Die Frage nach der Menge der Streichungen, die zur Diskussion gestellt worden ist, gehört zu den Fragen des Fortwurstelns. Stellt man Prinzipien an den Anfang, so ergibt sich die Antwort von selbst (sie wird heißen: mehr als auf Streichungen kommt es auf Zutaten an; denn unsere Gebete sind größtenteils für uns wenig geeignet, uns religiös zu affizieren). Man frage also die Gemeinde über das Prinzip: radikvl oder nicht?, — und entfessele so gleichzeitig eine fruchtbare Diskussion, die an sich dem Liberalismus eine dankenswerte Arbeit geben wird. Die Zeitungsdiskussion wird immer nur von sehr wenigen bestritten. Die Herren Repräsentanten sollen einmal Stellung nehmen! Dazu die Jli und Ortsgruppen und womöglich Gemeinde-Versammlungen! Das kann in ein bis zwei Monaten geschehen sein. Dann weiß die Kommission, woran sie ist. 3. .Das Wort „radikal" bedeutet in diesem Zusammenhang also nicht: negierend, sondern rücksichtslos, sowohl im Niederreißen, wie im Aufbauen. Ich habe, wie auch Kollege Salzberger hat durchblicken lassen, schon früher betont, daß die Religion in unseren liberalen Gottesdiensten sehr zu kurz kommt. Das war im altorthodoxen nicht der Fall und muß wieder anders werden. Mir steht der Großvater mit dem Tallis über dem Kopf, der seine „Al-cheth klopft", höher, als der Sohn, der die wunderbaren deutschen Bußbetrachtungen im Joel'schen Gebetbuche mit blasiertem Kunstinteresse durchliest. Der Hochmut, mit dem viele Liberale jede Seelentätigkeit im Gottesdienst belächeln, gehört zum Widerlichsten, das ich kenne. Wer nicht religiös tätig sein und leiden will im Gottesdienst, wem der Gottesdienst bloß ein von Pietät geforderter Atavismus ist oder ein Mittel jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein zu pflegen, der hat nicht mitzureden. Uns ist der Gottesdienst oder soll er wenigstens sein eine Stunde ernstesten heiligen Erlebnisses, aus der man gereinigt, gestärkt, getröstet — gleichsam innerlich durcheinandergerüttelt und wieder grade auf zwei Füße gestellt hervorgeht. WaS dazu beiträgt, ist mir willkommen; was davon ablenkt, gilt mir als Schaden am Judentum. Weil der jetzige Gottesdienst diesen Zweck nur in sehr geringem Grade erfüllt, darum wollen wir hn ändern. Nur darum! Damm aber rücksichtslos! Denn die Uninteressiertheit am Gottesdienst stammt, wie uns scheint, zum größten Teil aus seiner Wirkung-?