Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 41 (13.10.1922)
- Date
- 1922-10-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Unser Gottesdienst. | Bon Rabbiner Dr. Vogelstein, Breslau. Als nach mehr als neunjähriger Pause im Januar dieses Jahres die Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum zusammentrat, war es nur zu natürlich, daß angesichts der völlig veränderten Verhältnisse die Fragen der Organisation u. a. einen sehr breiten Raum beanspruchten. Für die Erörterung der drei Referate blieb verhältnismäßigswenig Zeit übrig, und von diesen drei Referaten war es eigentlich nur eines, das trotz seiner eminent praktischen Bedeutung die Grundfragen de- Liberalismus tief aufrühren mußte, SalzbergerS Referat über unfern Gottesdienst. Die Diskussion mußte zu kurz kommen. Um so erfreulicher ist es, daß Salzberger durch die Veröffentlichung in Nr. 7 des Liberalen Judentums die Diskussion in der liberalen Presse ermöglicht hat. Daß ich es vorweg sage: Ich stimme im wesentlichen überein mit der unter I gegebenen Darstellung der Absichten und Wirkungen der gottesdienstlichen Reform, freilich ohne mir die Urteile in dem letzten Absatz dieses Mschnitts zu eigen zu machen. Und ich stimme ferner überein in die Kennzeichnung der Synagoge in ihrer dreifachen Eigenschaft als Lehrhaus, Bersammlungshaus und Bethaus. Aber während ich Salzbergers Bemerkungen zu Lehrhaus und Versammlungshaus billige, weiche ich von seinen Ausführungen zu dem Kapitel Gebetshaus nicht unerheblich ab. Die Kritik der Fehler, die der Liberalismus in der Gottesdienstfrage gemacht haben soll, kann ich als zutreffend nicht anerkennen. Fehler sind ganz naturgemäß gemacht worden: aber Salzberger hat sie nicht richtig gekennzeichnet, und den von ihm vorgeschlagenen Weg kann ich nicht für geeignet ansehen. Es ist zuzugeben, daß der amerikanische jüdische Gottesdienst nicht der liberale Gottesdienst der Zukunft sein wird. Aber ich möchte die im letzten Absatz des I. Teiles des Referats angeführten Dinge keineswegs in Bausch und Bogen als „Auswüchse" bezeichnen. Ob wir mit, ob ohne Kopfbedeckung beten, ist an sich eine Frage von recht untergeordneter Bedeutung. Ich verweise auf Maimonides Hilchoth Tefilla V, wo ausdrücklich die Kopfbedeckung nur als Zeichen der Ehrfurcht gefordert, im übrigen aber gerade aus diesem Gesichtspunkt weitgehende Latitüde gelassen wird. Darum bin ich der Meinung, daß dem Gebet ohne Kopfbedeckung nichts im Wege steht * *), daß die Abschaffung der Kopfbedeckung im Gotteshause aber dennoch verfehlt war, weil den alten jüdischen Brauch, dieses alte Unterscheidungszeichen der Synagoge von der Kirche zu beseitigen kein zwingender Grund vorlag. Die Pause am Versöhnungstage ist keineswegs bloß in liberalen Synagogen zu finden. Sie ist allerdings etwas überaus Störendes, weil der Gottesdienst am Versöhnungstage einen andern Charakter trügt, als an allen anderen Tagen. /. Gewiß kann niemand vom Morgen bis zum Anbruch der Dunkelheit mit Andacht dem gemeinsamen Gottesdienste folgen, aber der Sinn des Versöhnungslages ist keineswegs, daß jeder Teilnehmer am Gottesdienst alle Gebete mitbetet. Es soll vielmehr jeder Einzelne die Anwesenheit im Gotteshause zum Nachdenken über sich selbst, über seine Aufgabe, über seine Fehler und den Weg zu ihrer Ueberwindung benützen. Aber der Gottesdienst soll den ganzen Tag hindurch dauern, damit ein jeder in jedem ihm genehmen Augenblick mit innerer Anteilnahme sich an ihm beteiligen kann. Die Pause zerreißt die Stimmung, zerstört die Einheit; aber ein „Auswuchs" ist sie nicht. Ueber die Choräle ein Wort weiter unten. Aber wo sind denn die durch die Choräle angeblich verdrängten jüdischen Lieder? Wir alle wären dankbar gewesen, wenn sie uns namhaft gemacht worden wären; ich kenne keine. Was Salzberger in dem negativen Teile seiner Kritik bemängelt, kann ich vollends nicht anerkennen. Schon die zusammenfassenden Bezeichnungen Negativismus, Rationalismus, Subjektivismus sind falsch. Gewiß, wir haben vieles gestrichen, und ich bin entgegen Salzbergers Ansicht der Meinung, daß noch weiterhin manches zu streichen bleibt. Aber was ist denn gestrichen worden? In erster Reihe Pijutim. Ueber den Wert dieser Pijutim sind bereits im Mittelalter die Meinungen weit auseinander gegangen. Zum großen Teil sind sie in einer Sprache abgefaßt, die auch derjenige nicht versteht, der mit dem Hebräischen,vertraut ist, wenn er nicht dieser Pijutsprache ein spezielles Studium gewidmet hat. Ich erinnere nur an die Kalirschen Pijutim, bei denen noch ein zweites Moment ganz besonders stark hervortritt, die fortdauernden Anspielungen auf die talmudische Halacha und besonders die Haggada, Anspielungen, die vielfach so gehalten sind, daß demjenigen, der nicht über ein erhebliches Maß talmudischer Kenntnis verfügt — eine Voraussetzung, die weder für liberale, noch für orthodoxe Gemeinden zutrifft — die Pijutim unverständlich bleiben. Sie sind ferner vielfach poetisch keineswegs besonders schön, und schließlich ertöten sie selbst teilweise die Poesie und den Gedanken durch die Ucberfülle. Wie manche dieser Dichtungen wäre schön, wenn sie den Gedanken nicht in 22 Strophen, die durch daS hebräische Alphabet bedingt sind, oder in einer ähnlichen Strophenzahl, die das Akrostichon des Dichters fordert, geradezu zu Tode hetzte. Als Beispiel führe ich nur das an sich schöne "ittro run *2 am Kol-Nidre-Abend. an. Es ist eben, wie ich kürzlich in dieser Zeitschrift ausgeführt habe,^) die andersartige seelische Struktur des mittelalterlichen und des modernen Menschen. Soll den modernen Menschen ein Gedanke oder ein Gefühl im Innersten ergreifen, so darf der Redner, der Dichter, der Künstler es nicht bis in seine letzten Verzweigungen und Bersaserungen ausführen. Im übrigen hat nicht i) Bekanntlich finden wir, daß man noch im 13. Jahrhundert in Frankreich ohne Kopfbedeckung zur Thora treten durfte. *) S. m. erst der moderne Liberalismus solche Kürzungen vorgenommen. Der Pijut Jmru lelohim im Muhasgebet de- BerföhnungstageS enthält yur elf Strophen, die mit den ersten zehn und sodann mit dem letzten Buchstaben des Mphabetes beginnen. Und manche Machsorim haben dazu die Anmerkung, „die Gemeinden haben es gekürzt". Auch schöne, sehr wertvolle Stücke sind gestrichen worden, z. B. manche Psalmen. Aber wenn man z. B. die Fülle der Psalmen und psalinartigen Stücke im Morgengebet an Sabbathen und Festtagen überblickt oder auch nur die geringere Menge an den Wochentagen, so kann es garnicht wunder nehmen, daß diese schönsten Stücke „weggesagt" werden, und daß damit der wundervolle Inhalt der Gebete und die Andacht der Beter verloren geht. Mai: darf eben nicht übersehen, daß dem modernen Menschen die Fülle leicht zur Ueberfülle wird, während der mittelalterliche Mensch und ganz besonders in allem äußeren Druck der nüttelalterliche Jude sich in Aeußerungen seiner Frömmigkeit nicht genug tun konnte. Es ist zweifellos besser, durch Beseitigung auch eines schönen Stückes die Andacht und innere Teilnahme an den anderen Gebeten zu steigern, statt den Gottesdienst zu überladen und dadurch zu mechanisieren. Wir müssen unbedingt darauf hinarbeiten, daß die Dauer des Gottesdienstes eineinhalb Stunden nicht oder nicht wesentlich übersteigt; denn uns muß daran gelegen sein, nicht den Gottesdienst zu erledigen, sondern durch den Gottesdienst die Geister und die Gemüter zu erfassen, zu ergreifen oder auch zu erschüttern. Gewiß, hat Salzberger recht, daß es vielfach, ja vielleicht überwiegend die Langeweile ist, die Unfähigkeit, wahrhaft zu beten. Aber das ist eine Erscheinung, die keineswegs dem jüdischen Liberalismus allein zu eigen ist; sie begegnet uns vielmehr ganz ebenso auch in den Kreisen der Orthodoxie, wo man häufig finden kann, daß zwar alles bis zum letzten Wort gesagt, aber eben nur „gesagt", nicht im besseren Sinne des Wortes gebetet wird. Und über das Judentum hinaus begegnet uns die gleiche Erscheinung, die sich aus der geistigen und seelischen — oder seelenlosen — Entwicklung des letzten Jahrhunderts erklärt. Die jüngste Gegenwart hat den Boden in den Gemütern bereiter gemacht. Das sollen wir nutzen; aber nicht durch ein Zuviel den Boden steril machen. Die Menschen müssen wieder beten lernen, beten in dem guten altjüdischen Sinne, dessen sich bewußt werdend, daß das Gebet nicht nur Bitte und Lobpreisung Gottes ist, sondern, wie das hebräische Sbörfl besagt, Selbstgericht, daß der Mensch im Gebet den Einklang mit sich selbst und mit Gott findet. Soll der moderne Mensch dazu geführt werden und gelangen, so ist weise Beschränkung der Menge der Gebete geboten. In einem Punkte hat Salzberger freilich recht. Was wir durch Kürzung der Gebetstücke gut gemacht haben, ist zum großen Teil wieder aufgehoben worden dadurch, daß dasjenige, was Mittel zur Erhöhung der Andacht sein sollte, oft fast Selbstzweck geworden ist. Es ist erklärlich, daß bas'Bestreben,'den Gottesdienst ästhetisch schön zu gestalten, zu einer Uebersteigerung und Verkennung dieser Absicht geführt hat. Ich persönlich lege der Musik und dem musikalischen Teil des Gottesdienstes und seiner Ausgestaltung hohen Wert bei, ich weiß aus eigenem langjährigen Erleben — ich darf hier mit aufrichtiger DankbarkE die Namen zweier Verstorbenen nennen, Deutsch und Birnbaum — was ein künstlerisch fein empfindender Vorbeter, der tief in den Gedanken- und Gemütsinhalt des Gebetes eingedrungen ist, der Gemeinde gibt. Aber es ist vielfach dahin gekommen, daß es dem Kantor oder dem Chorleiter oder einem Teile der Gemeinde nicht auf das Gebet, sondern auf die Musik ankommt. Zweck des Gottesdienstes ist nicht, daß der Rabbiner oder der Kantor oder der Chor oder der Organist zur Geltung kommt, nicht eine schöne Rede oder ein schöner musikalischer Vortrag darf der Inhalt des Gottesdienstes sein, sondern jeder soll künstlerisch das Beste leiste n, nicht um der Kur:st, sondern um des Gottesdienstes willen, jeder als dienendes Glied sich dem großen Zweck ein- und unterordnen. Kürzungen der Gebettexte helfen uns nichts, wenn sie durch musikalische Ueberladung illusorisch gemacht werden. Das Wort vom Theater des Westens hätte ich freilich gern in dem Referat veruüßt. Ein Wort noch über die Choräle. Als man aus der Regellosigkeit und Verwilderung heraus den Gottesdienst auch ästhetisch für den modernen Kulturmenschen anziehend und erhebend gestalten wollte, hat man mit Recht dem Gemeindegesang in deutscher Sprache seine Stelle eingeräumt. Dabei ist es uns ganz ähnlich ergangen wie beim Religionsunterricht. Die Vorbilder wurden zunächst ganz naturgemäß von den entsprechenden christlichen Einrichtungen her genommen. Wie unter den Religionslehrbüchern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts solche in Katechismusform und -inhalt einen breiten Raum einnehmen, so haben wir aus der ersten Reformzeit Choralbücher und einzelne Choräle. Daß da auch Geschmacklosigkeiten vorgekommen sind, ist ganz selbstverständlich. Im Religionsunterricht sind wir endlich nach langem Hin und Her zu der Erkenntnis und demzufolge in der Methode gekommen, die aus inneren Gründen die Uebertragung des christlichen Vorbilds auf unfern Unterricht verwirft und den Unterricht auf eigenem jüdischen Grunde — also um nur das hier Wesentliche zu erwähnen — ohne Katechismus aufbaut. Auf musikalischem Gebiete hat sich die Erkenntnis noch nicht wirklich durchgesetzt, daß für den jüdischen Gottesdienst als Gemeindegesang nicht der Cl)oral, sondern das Lied das Geeignete ist. Ich verdanke diese Erkenntnis häufigen Unterredungen mit Birnbaum. Beispiele dieser Art haben wir aus älterer Zeit, z. B. die Chauukkamelodie, die übrigens einem großen Teile der Ostjuden gänzlich unbekannt ist. Von anderen Beispielen nenne ich die Peßachmelodie unb die für das Neujahrsfest, nach der in einigen Gemeinden das bekannte Lied „Wir stehen r-r. kn Deinen Hallen" gesungen wird. Andere Beispiele sind die Semiroth, die am Sabbath im Hause gesungen werden. Leopold Stein hat einige von ihnen recht geschickt verdeutscht und mit Noten veröffentlicht. Das mTWTi T’S) hört man jetzt oft in recht faden Melodien. Die Grenze zwischen Choral und Lied ist, wie zugegeben werden muß, flüssig. Hier aber ist ein Feld der Betätigung für feinfühlige jüdische Musiker, uns Santzeöweisen zu schaffen. Denn darüber sollen wir uns kemer romantischen Täuschung hingeben: traditionell alt sind nur ganz, ganz wenige unserer Sangesweisen. Aber das steht fest: das alte Israel war ein sanges- und liederfrohes Volk. Sang und Lied gehört in unfern Gottesdienst, gehört zum Preise und zur Ehre unsres Gottes. Ich kann Salzperger ganz und gar nicht beistimmen in deru, was er unter der Ueberschrift Rationalismus ausführt. Bei rückhaltloser Anerkennung der Bedeutung auch des Irrationalen für das religiöse Leben müssen wir uns d e u n doch hüten, das Vernunftmüßige a u s z u sch alten oder gar zu gering zu bewerten. Gewiß sind wir mit Recht zu stolz geworden für den Opportunismus, der wegen unberechtigter Angriffe von nichtjüdischer Seite dieses oder jenes Gebetstück, diese oder jene Wendung beseitigt. So handeln ist ein Betveis von mangelnder Freiheit. Aber es ist ein eben solcher Beweis von Unfreiheit, wenn Salzberger aus Opposition gegen dieses. Urteil das Kol Nidre beibehalten oder wiederhergestellt zu sehen^wünscht, obgleich er ausdrücklich anerkennt, daß der Text des Ko! Nidre gewiß nicht zum Schönsten und Tiefsten zählt, womit wir den heiligsten Tag des Jahres beginnen können. Dieses Urteil mußte unbedingt zu der Schlußfolgerung führen, daß an Stelle dieses Stückes ein anderes gesetzt wird, ganz abgesehen davon, daß ein solches Verfahren zweckmäßig ist, weil auch der einfache jüdische Beter den Sinn dieses Gebetes ohne eingehende Erläuterung leicht mißversteht. Die Umformungen des Kol Nidre sind, so weit sie mir bekannt sind, weder sprachlich noch inhaltlich befriedigend. Weit zweckmäßiger scheint mir dieser heiligste Tag begonnen und eingeleitet, wie es in einigen Gemeinden geschieht, mit dem 130. Psalm, der hebräisch oder deutsch nach der alten Kol-Nidre-Melodie gesungen wird. Die alte, wunderbar ergreifende Weise ist beibehalten und ein Text gewählt, der die ganze Wucht der Gedanken und Stimmungen des Bersöhnungstages wirksam werden läßt. Auch Salzbergers Einwendungen gegen die deutschen Gebete leiden an dem Mangel, daß sie ein wesentliches Moment unbeachtet lassen, das, wie zuzugeben ist, vielfach außer acht geblieben ist. An Abschaffung der hebräischen Gebetsprache denkt heute wohl kaum jemand, wie man auch auf der Frankfurter Rabbinerversammlung 1845 nicht daran gedacht hat. Aber daß ein Gottesdienst, in dem auch deutsche Gebete vorhanden sind, „stillos" sei, möchte ich unbedingt bestreiten. Uebrigens ühersieht Salzberger, daß er durch diese Beurteilung in denselben Fehler verfällt, den er selbst in demselben Referat mit Recht tadelt, nämlich die Ueberordnung des künstlerischen Gesichtspunktes über den in der Sache selbst liegenden. Was er zu Gunsten der hebräischen Sprache anführt, ist zutreffend, nicht aber, was er gegen die Verwendung des Deutschen ins Feld führt. Die alten hebräischen Gebete können wir nämlich in derselben Form beten wie vor Jahrhunderten unsere Väter, sie sind stabil und können es sein, weil das Hebräische seit langes Zeit eine tote oder zum mindesten nicht eine lebende Sprache in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes ist. Die lebende Sprache unterliegt stetiger Entwicklung und dauernder Veränderung. Darum „leiern" sich auch die schönsten Gebete in lebender Sprache nach einiger Zeit ab. Daraus folgt nicht etwa, daß Gebete in deutscher Sprache zu verwerfen sind, sondern daß sie nicht starr werden dürfen, sondern von Zeit zu Zeit nmgeformt und abgeändert werden müssen. Dabei ein Wort zu der Art der deutschen Uebersetzung. Bei der Abfassung deutscher Gebete muß ein Gesichtspunkt stärker, als es bisher geschehen ist, berücksichtigt werden. Die Sprache muß eine andere sein in denjenigen Gebeten, die lediglich als Uebertragung dem hebräischen Text beigefügt werden und dazu dienen sollen, in stiller Andacht von demjenigen Beter gebetet zn werden, der das Hebräische nicht ausreichend versteht oder in seiner Muttersprache beten will, als in denjenigen Gebeten, die zum öffentlichen Vortrag durch den Rabbiner bestimmt sind. Für die stille Andacht ist das Pathos, das in gewissen Grenzen für das laut gesprochene Gebet angemessen ist, ungeeignet. Für die Uebertragung ist aber deshalb nicht eine einheitliche Norm aufzustellen, weil der Charakter der hebräischen Gebete recht verschieden ist. Der wundervolle Hymnus ran muß z. B. in anderer Art übertragen werden als etwa die ihrem Chrakter nach weit schlichtere Tefilla. Die Uebertragung darf ebenso wenig eine sklavisch buchstäbliche, wie eine gänzlich freie sein. Mer ein Unding ist die Forderung, die Rhythmik der hebräischen Sprache in der Uebertragung festzuhalten, sodaß der Beter „sozusagen hebräisch betet, wenn er deutsch betet". Eine solche Uebertragung wird nach allerkürzester Zeit ungenießbar. Das ist ja zum großen Teil der Fehler unserer Bibelübersetzungen, daß sie den verfehlten Versuch machen, sprachlich den „biblischen Ton" festzuhalten, z. B. durch dre Inversionenu. ä. DieUebertragungunserer Gebete muß viel in ehr in bestem deutschem Sprachgeiste geschaffen werden. Doch nun zu Salzbergers Forderung des liberalen Einheitsgebetbuchs. Ich will zngeben, daß die gegenwärtige wirtschaftliche Lage zu solcher Erwägung drängt unb einen solchen Entschluß vielleicht unvermeidlich macht. Aber die Begründung, die Salzberger in dem negativen Teil seiner Kritik unter der Ueberschrift Sub- I jektivismus gibt, ist absolut hinfällig. In den verschiedenen