Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 39 (29.9.1922)
- Date
- 1922-09-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Me WenHekMHen Verachte, kn Rust'lnnL 8urL§ geschickte zionistische Propaganda 20 000 hungernde Dauern dem Judentum sich angeschlossen haben und nach Palästina wandem wollen, sind frei erfunden. Ebenso unwahr ist es. daß die Sowsetregierung solche Bestrebungen unterstützt oder baft jeder Kolonist 3000 Goldrubel erhält. Unsere Bewegung. Nachrichten der Vereinigung für das liberale Judentum r. V. Nachrichten der Vereinigung für dar liberale Judentum ED. Der Liberale Verein für dt- Angelegenheiten dar Mi. schen Gemeinde zu Berlin kann als Erfolg seiner Bemüyungen beim hiesigen Gemeindevorstand die nachträgliche Ausnahme aller mit der Steuerzahlung im Rückstau«»« Befind, liehen in die Wählerliste verzeichnest. Wenn eS unseren Freunden leider auch nicht gelungen ist, eine Verlegung des Waihltermtns zu erreich«,, so ist doch wenigsten» die größte Härte verhindert und der Ausschluß breiter Masten vom Wahlrecht zurückgezogen. Nachsolgend geben wir don dem diesbezüglichen Beschluß des Vorstandes der Mischen Gemeinde unseren Lesern Kenntnis und hoffen, daß nun wirksich auch alle Nachträglich zum Wahlrecht Verstatteien die Ausübung als heilige Pflicht betrachten werden: An den liberalen Verein für die Angelegenheiten der Mischen Gemeinde zu Berlin, Hier W. 8, Mauerstraße 22. In Verfolg Ihres gefl. Schreiben» vom 1. d. Mts. tzUen wir ergebenst mit, oaß wir nach Aussprache mit den ymktionen der Repräsentantenversammlung beschlosten haben, don der Verlegung d-eS Termin» der diesjährigen Repräsen« tarrtenw ablest adzufehen. ZU dem übrigen Inhalt Ihre» gast. Schreibens bemerken wir, daß wir inzwischen den Steuerreftanten, abgesehen von den Füllen, in welchen dvrwillioerweise Steuer, zahljungen nicht ersol"«t sind, Stundung bewilligt haben; «in Verzeichnis der Beteiligten ist anaefertigi und. für die in diesem Verzeichnis Genannten von Amtwegen Einspruch gegen die Richtigkeit der Wählerliste erhoben. Rach der Stellung. Nähme der Repräsentcmtenversammlung zu dieser Frag« ist anzunehmen, -atz dem Einspruch stattgegeben werdest wird, sodrrtz auf diesem Weg« der von Ihnen gewünschte Erfolg erzielt wird. Vorstand der jüdischen Gemeinde gez. Stern. Bus öem Reich. Berlin. Kinderhilfe ln Russland. Aus Veranlassung der jüdischen Zentval-Wohlfcchrtsstelle in Deutschland traten in Berlin unter dem Borsitz deS Herrn Eugen Casparh die Vertreter der großen jüdischen Organisationen zusammen, die an der Kinderhilfe interessiert sind. Vertreten waren: der Hilfsverein der deutschen Juden, die Agudas Iisroel. der jüdische Frauenbund und für eine Reihe kleinerer Organisationen Herren und Damen auS der Leitung der Zentralwohlfahrtsstelle. Im Namen der AuSlandShilf« der Zentral - Wohlfahrtsstelle referierte Dr. Ollewdorf, dessen AuSführunqm darin gipfelten, daß der -hetzehenden Zersplitterung auf dem Gebiete der Kinderhilfe ein, Onde qema-cht weiden müsse, zumal sie durch neue Aktionen in Süddeutschland noch vergrößert werden würde. Allseitig wurde anerkannt, daß die Rußland-Hilfe in erster Linie an Ort und Stelle geleistet werden müste. und daß mit der Auswanderung und Adoption von Kindern nur in Ausnahmefällen gerechnet werden könne. Im Namen der Welthilfskonferenz berichteten die Herren Latzki und Dr. Klee über die umfangreichen Arbeiten dieser Organisation auf dem Gebiete der Kinderhilfe. Das Ergebnis der Aussprache war der allseitige Wunsch. Anschluß an die Aktionen der Welchilfskonferenz zu nehmen, derart, daß die Welchilfkonfereirz den einzelnen deutschen Organisationen gewisse Arbeitsgebiete übertragen müste, die unter der Kontrolle und unter der Ausnützung des Apparates und der Beziehungen der Welthilfkonfevenz ausgeführt werden sollen. Berlin. Dis Entwicklung der tückischen Erfolge hat in den politischen Kreisen und in der Press« di« Frag« in den Vordergrund des Interesse» gerückt, ob Kemal Pascha nunmehr versuchen wird, auch di« arabischen Länder in den Bereich seiner politisch-militärischen Absichten zu ziehest. General Am« vv« Sander» gab . hierzu feister Uevckzeuauno Ausdruck, baß fall» Musiavha Kemal Pascha versucht hätte, Mesopotamien anzugreifen, König Fetsal bewiesen hätte, daß er ist erster Reihe Mohammedaner ist. Noch im Johde 1918, zur Zeit, da General Lima« von Sanders die türkisch« Armee in Palästina befehligt batte, wandte sich Emir Feisal an ihn mit den: Angebot, ans die türkische Seite unter der Bedingung überzugehen, daß die Türkei den arabischen Lindem eine gewisse Autonomie garantiert. Geneval Liman don Sander» hat diesen Vorschlag d«m damalig«« türktschen Diktator General Enver Pascha, telegraphisch mitgeteilt, Enver hat aber darauf keine Antwort erteilt. Im Wrigm ist dev Heerführer d« Meinung, daß Kemal Pascha seinen Feldzug aus Mesopothamien nicht ausdshnen, sonderst alle seine Kräfte der friedlichen Herstellung seines türkischen Vaterlandes widmen wird. Es ist selbstverständlich, daß KemalS bisherig Erfolge den arabischen Drang nach Selbständigkeit moralisch stark Unterstufen wird. Daraus werden auch ernsi« Schwierigkeiten für den künftigen jüdischen Staat entstehen, allein der Weg der direkten Verständigung zwischen Juden und Arabern verspricht in dieser Hinsicht der zionistischen Sache gute Erfolge. Tarif für Privatunterricht seitens jüdischer Lchrkräste. Unter dem Zwange der Not haben die Berliner jüdischen Lehververeinigungen Richtlinien vereinbart, die im Bedarfsfälle bei Uebernahrne von Privatunterricht Vovgelegt werden und ihren Mitgliedern eine Stütze fiir ihre bescheidenen, hinter den Ansprüchen des Lebens in weitem Abstande herhinkenden Forderungen gewähren sollen. Alle Eltern, die dazu in der Lage sind, sollten es sich als Anstands- und Ehrenpflicht anrechnen, freiwillig nach Vermögen über den zu Grunde gelegten Mindestsatz, der noch nicht dem Preise eines markenfreien BroteS entspricht, hinauszugehen. Die Richtlinien lauten: Die Mitglieder der Unterzeichneten Wischten Lehververeine m Berlin sind verpflichtet, Privatstunden nur zu folgenden Bedingungen zu erteilen: 1. Das Honorar wird monatSwekse berechnet und möglichst pränumerando bezahlt. 9. Das Mindesthonorar beträgst bis auf weiteres für einen Schüler monatlich bei einer Wochenstunde: a) im Hause des Lehrers 200 Mk., d) im Hause des Schülers 300 Mk. 8. Werden mehrere Schüler gleichzeitig unterrichtet, so ist für jeden weiteren Schüler 60 % deS Gvundhonorars zu entrichten. In Bezug aus Geschwister können besondere Dereinbarrrngen getroffen werden. 3. Das Fahrgeld ist zu erstatten. 8. Stunden, die ohne Verschulden des Lehrers ausfallen, müssen honoriert werden. '6. Die Ferien sind zu bezahlen. 7. Jede Unterrichtsstunde dauert 45 Minuten. 8. Nach einer zu vereinbarenden Probezeit dürfen Kündigungen nur zum Semesterschluß erfolgen, wenn nicht vorher anderes festgesetzt ist. Wistenschaftliche Bereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin. Vereinigung orthodoxer Wischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin. Antisemitische DleLeSrnoral. In einem Berliner Warenhaus wird ein Student bet dem Diebstahl einer Aktenmoppe ertappt. In seiner Tasche findet man obendrein eine gestohlene FaHvrablampe. Ihr denkt, eu sei ein Fahrraddieb? Mit Nichten. Der Aermste hatte nch lediglich über die ho'm Preise des Warenhausbesitzers geärgert, war ein tveudeuischer Mann, der es nicht über sich brachte, den jüdischen Wucher auf sich beruhen zu lassen und trieb also lediglich „praktisches Deutschtum". Ist vollkommener Verkennung dieser Tatumstänöe stellt man den Idealisten vor Gericht. Aber fein Verteidiger klärt die Herren Richter gründlich auf: Der junge Mann stammt doch aus guter Familie und hat nicht in gewinnsüchtiger Absicht gehandelt. Er ist ein Dieb ans Na"«ngefühl, sozusagen. Und das Gericht gewahrt ihm in schöner Astertermung mildernder Umstände, dis durch die kleine Geldstrafe von 1900 Mack nicht sehr verbittert werden. Daß jugendliche Avüeitsburschen wegen d'r Beteiligung an einer Plünderung von Bäckerläden je 8 Monate Gefängnis bekamen, ist gerecht. Denn dies« handelten in gewinnsüchtiger Absicht, hatten Hunger und wollten essen. Ins Loch mit ibnen! Don her palästinensischien Verfaflunst. Me nunmehr in Kraft getretene Verfassung betont, baß der Oberkommissar sich bei der Ausübung seines Amtes von der am 1. Juni 1922 im englischen Parlament vorgelegten Erklärung über die britische Politik in Palästina leiten lassen soll. Er soll die jüdische Einwanderung und Siedlung erleichtern und hat im übrigen Betovecht gegenüber den Beschlüssen des gesetzgebenden Rates, der aus 22 Mitgliedern» darunter 10 ernannten Beamten und 12 spätestens bis 1. März 1923 wählbaren, besteht. Seine Stimme ist bei Stimmengleichheit innerhalb des gesetzgebenden Rates entscheidend. Die Gerichtsbarkeit der Zivilgerichte wird nach den seit 1. November 1914 dort gellenden ottomanischen Gesehen ausgeübt, Rabbinatsgerichte haben die Gerichtsbarkeit in Personenrechtsfragen, Heirat, Scheidung, Alimentation und Testaten. Amtliche Kundgebungen haben in englischer, arabischer und hebräischer Sprache zu erfolgen. die auch bei den Verhandlungen im gesetzgebenden Rat gleichberechtigt sind. Ein besonderes Einwanderungskomitee ist zu schaffen. Die Religionsgemeinden hoben eine Art von Beschwerderecht gegenül>er etwaigen Verletzungen der Mandatsbestimmungen. Die Wahlbestimmungen sehen eine indirekte Wahl vor, bei der jeder in Palästina ansässige 26jähriige Mann cwt den Primärwahlen teilmmmt; je zweihundert Primär? Wähler wählen einen Sekundärwähler. die nach den Re-, ligionsgemeinden in zwölf Wahlkollogiien oingeteilt werden« Jedes dieser Kollegien entsendet entsprechend der Zahl der in den Gemeinden vorhandenen Sekundärwähler einett Vertreter in den gesetzgebenden Rat. der jedoch mindestens zwei christliche und zwei jüdische Mitglieder enthalten muß« Feitungsschau und verschiedenes. Jüdischer Weltkongreß. Me in Karlsbad statt« gefundene zionistische Iahreskonferenz hat auf ihrer Schlußsitzung folgende Resolution angenommen: Die Iahreskonferenz erklärt, daß es der Wunsch der Zionistischen Organisation ist, daß die Iewifh Agency' das gesamte jüdische Volk repräsentiere. Die Einberufung eines jüdischen Weltkongresses für den Wiederaufbail Palästinas wird als der Weg zur Verwirklichung dieses Prinzips anerkannt und die Exekutive. als das Organ der Iewifh Agency, wird beauftragt» die notwendigen Schritte zur Vorbereitung dieses Kongresses zn unternchinen und bis Ende dieses Jahres dem Aktionskomitee Bericht zu erstatten, itm eine Wahlordnung vorzuschlagen. Jerusalem. JmZeichendeS Palästinensisch« arabischen Kongresses. — Ruhestörungen im Lande. — Agitatoren an der Arbeit. Die Ent« fcheidung de» gegenwärtig in NabluS tagenden palästinensischarabischen Kongresses, das englische Mandat in Palästina al» nicht existierend zu betrachten, hat bereits bedenkliche Folgen Sezeitigt. In den Städten tauchen Agitatoren auf, dis der« etzende Reden führen. Es sind auch schon verschiedentlich iuhestörungen vorgekommen. Die Lage wird hier al» äußerst bedrohlich angesehen. Dem Ernst der Lage Rechnung tragend, ist in Tel-Awiw mit Erlaubnis der Behörde eine Polizeitruppe organisiert worden. Auch anderwärts wurden Borsichtsmaßregeln ergriffen. Eine Delegation palästinensischer Juden wird sich zu Sir Herbert Samuel begeben, um ihn über die Haltung der Regierung zu befragen. Eine Deputation deS jüdischen Nationalrates erschien zu dem gleichen Zwecke bei dem Zivilsekretär der Palästina- Regierung Srr Wyudham Deeds. Ueber den Kongreß selbst ist zu berichten: Das Erscheine« der palästinensisch-arabischen Delegation vor dem Kongreß wurde von den Teilnehmern mit Enthusiasmus begrüßt. Der Bericht der Delegation über ihre Tätigkeit im Auslande sowie dessen Schlußfolgerungen, die Wahlen zu der palästinensischen gesetzgebenden Verfassung zu boykottieren und die palästinesische Nationalität abzulehnen, wurde einstimmig gntgeheihen. ES wurde ferner beschlossen, Palästina als Land der Araber auszurusen. Um die Mittel für eine ausgebreitete Propagandatätigkeit gegen den Zionismus zu beschaffen, wurde die Entsendung vdn Propagandamissionen nach verschiedenen Ländern, insbesondere nach den Vereinigten Staaten, zwecks Geldsammlung unter den dortlebenden Arabern beschlossen. Das Propaganda-Hauptquartier soll seinen Sitz in London haben. „Nu sieh Dir bloß den meschanten Hut von der Rosa Meyer an, da hat de Löwenthal se mit angeschmiert". sagt» Fräulein Johanne Gurnpert. „Voriges Jahr wollt'« kein Mensch haben, ich kenn'n wieder, wenn st« auch 'ne andre Feder drauf garniert hat." — Eva seufzte, «s war dvch sehr schwer, das mit dem „Nächsten^ lieben. Jetzt wurde ein Lied gesungen. Das war immer eine besonder« Freude für Eva: einmal klang es sehr schön und machte alles viel feierlicher, und dann schnitten einige von den Frauen so komische Gesichter dabei. Sie sahen gegen die Decke und atmeten so tief, als ob sie sedm Ton aus dem Magen herausholen wollten, das war sehr luftig.. D«r Gesang verhallte, Frau Go.ldberg sang, wie stets, noch «inen Ton hinterher. — muß ja immcr'8 letzt: Wort halben", tuschelte Fräulein Johanne Gumpett. Dann hustete Dr. Salomon, — da fing also gleich die Pred-igi an. — Schnell las Eva die Sette im Gebetbuch herunter, um vorher noch mit dem Gebet fettig zu sein. .... „und erfülle die Wünsche unseres Herzens, falls >ie Dir angenehm sind. Amen". Sie seufzte erleichtert auf und dachte daran, baß sie sich ein« „Eins" unter den Aussatz wünsche und 0-Fehler im französischen Extemporale, daß sie sich wünsche, keine Aermel. schürzen mehr tragen zu brauchen, und daß sie sich innigst einen Ring mit einem Herzchen dran wünschte, wis Matta Schmitz «inen besaß. Dr. Salomon war schon mitten in feiner Predigt und sprach über die Versuchung von außen und innen, alz sie mit ihren Wünschen fertig war. ... Mtet Eure S«len vor bösen Stunden, lastet nicht herannahen Begierde und Versuchung, schmiedet um Euch den Panzer des Glaubens."... Eva fühlte sich von einem plötzlichen Schreck durchzuckt, gleichzeitig löste sich etwas Granes, Schattenhaftes von der Decke und schwebte zu ihr herab. Es sah fast wie eine Stim au», unter der ein Paar tiefliegende Äugen st« anstiertm —. das war ihr Gewissen. Wie hatte sie auch bas nur vergessen können, was sie seit zwei Tagen verfolgte und peinigte, wenn sic sich auch all« Mühe gegeben, leicht darüber hinwegmyehen. Da saß sie nun den ganzen Morgen über in d« Synagoge und hatte nicht ein einziges Mal an ihre Sünde Sünöe. Von Josefa M « tz. „JiSgadal wejiskaddasch".. . Me ein« Mauer standen sie; unter die Männer, oben die Frauen. Eva war auch mit aufgestandett und Fräulein Jettchen Gurnpert, die gevade hinter Eva saß, trocknete sich die Augen, sodaß eS weithin nach Eau de Eologne roch, die sich die beiden alten FrMein Gmnperl zu allen hohen Festtagen cmsS Taschentuch gossen. Fräulein Jettchen weinte bei jeder Gelegenheit, die dazu angetcur war, wehmütige Gefühl« auszulösen. Ob eS sich nun um «in« Barmtzwach handelte oder den Segen, den eine gnge Frau nach der Gebutt ihres ersten KindeS in der ynagoge erhielt, das blieb sich gleich. Die weihevolle Rührung hielt sie jedoch nicht ab, gleich wieder von profanen Dingen p reden. »Wenn'S Hühnchen nur weich wird", Meinte sie beforgit zu. Fräulein Johcume, während ihre Stimm« noch in verhaltenem Schluck) zm bebt«. „Wozu is'S Mädchen denn da?" erwidrtte Fräulein Johann« etwas unwirsch. „ES iS aber nicht mehr ganz jung/ ^Za, Du Schlemichlie, was last' ich Mir auch'n alt' Huhn ausschwatzen!" — Eva drehte sich entrüstet um, aber da zog Mama sie am Aermel, gab ihr ein aufgeschlagenes Gebetbuch in die Hand und wies cws eine bestimmte Stell«, di« sie beten sollt«. Sie fing gehorsam an, aber es war recht langweilig, immer wieder dasselbe. Ihre Gedanken schweiften ab um» bald sing« auch ihre Angen an umhevzuwanldertt. Sie blieben auf Frau G'olWevg haften, die mtt dem Rück«« ihr ulgewandt stand und betete. ES imponiert« ihr immer sehr, wenn die Frauen zum Gebet aufstanden, und sie hätte das auch für ihr Leben gem getan, aber sie schämt sich. Plötzlich bemerkte sie, wie unter Frau Goldbergs Taille «irr graues iöanb zum Vorschein kam. Si« mußte siw alle Mühe geben, nicht laut auszulacheu. „Ta preist sie nun Goties Allmackn «Nd Herrlichkeit und weiß nicht, daß ihr hinten daeklige graue Band 'rau^hängt", dachte sie und stopfte sich das Taschentuch in den M>m>v. Dann sah sie schnell wieder tn ihr Buch, itm die bösen Gedanken durch Gebet zu sühnen. „Der D« die Sonne leuchten löstest über UNS"... stand da. — Ja, di« Sonne leuchtet« wirtlich. Sie schien durch die bunten Fenster hindurch, taucht« den Mar in lichtes Grün, warf einen orcmgesarbemn Kl«ckS auf Dr. Sirfchfelds Zylinder, gvß ein« Puvpurflut über Mäxchen HememannZ weißen Matrvsenkmgen und ließ den alten Rosenihal in einem Meer von Biolet herumblcttern. Eigentlich war es doch wunderhübsch da unten: Der weiße Sanlinetvochang, der den Schrank mit den Thorarollen bedeckte, dir bunten Sonnenlichter, die Kerzenslömmchew. Sie mußte immer an „Aladin und di« Wunderlarnpe" denken, besonders wenn der geheimnisvoll« Schrein unter Gesang geös'net wurde und mau tn di« Gvll> und Silberprackt htneinbltcki«. Wi« hatte sie H«rm Fränkel vorhin beneidet, der dt« Gesetzesrolle wieder einkleiden mrrftr. Me «in kleines Kind hatte er fie erst gewickelt und ihr dann das kostbare Sammctmäntelchcn und all die glitzernden Zierate umgehängt. Und als ob sie ein geliebtes Kind wäre, so hatt« er sie an sich gedrückt, sorgsam und zärtlich. — Eva sah wieder in ihr Buch: ... „Dein, o Herr, ist alle Herrlichkeit, der Himmel und di« Erd« und alle», was fte schmücket"... Durch daS seitlich« Fenster, das kein« bunten Scheiben hatte, sah sie gevade aus eine weiß« Mauer, di« förmlich in Sonne gebadet war. Ht«r und da evgoß sich eine Laubwell« über die rot« Ziegelkrönung: dunkelgrünes Laut» mit feuersarbenen Fleckest, ganz purpurrotes oder gelb und rot gesprenkeltes. Dariiber ein tiefblauer Himmel. Eben flogen ein paar Tauben vorüber und hoben sich silbern von dem leuchtenden Blau ad. Wie schön hatte der liebe Gott dock das alles gemacht! Sie war ihm dankbar dafür und auch dafür, daß sie es zu Haus« so gut hatte und auch alle fremden Leute^ so nett zu ihr waren. Ern heißes Glücksgefühl burchströmte sie. Ja, sie war doch eigentlich ein sehr glückliches Kind. Si« nahm sich fest vor, ein guter Mensch r>: werden, an dem jeder seine Freude hatte. Nie mehr würde sie der alten Frau Herz ihren Zunaensehler nach, machen oder die Füße einwätts schen und hin und her wackeln, wie Julius Cohn. Ja, sie wollte sich sogar Mühe geben, Fräulein Johanne Gurnpert g:rn zu halben, und das wollte doch etwas heißen. Aber der liebe Gott hatte ge», botest, seine-,: Nächsten zu lieben, und sie mußte ihm auch mal etwas zu Gefallen tun. Versuchen konnte man es tüfo immerhin.-Si« war ganz ist ihre gütest Vorsätze verftest, als da» Gespräch hinter ihr wieder Msing: