Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 39 (29.9.1922)
- Date
- 1922-09-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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faßten nt Veuffchland, noch' dazu nkebevgeschrkevett En äm 1 Zeit schweren wirtschaftlichen Druckes.' dann müssen wir uns tüsbetrübten HerzenS fragen: Wo sind in vielen südischen Kreisen die Tugenden geblieben, die unsere Schristgelehrten zusammengefatzt haben in das Wort „Zeni'uß", das wir wohl am besten wiedevge-ben mit „Schamhaftigkeit. Keuschheit. Züchtigkeit, sittliche Feinfühligkeit"? Wo sind in vielen jüdischen Kreisen diese starken Bollwerke geblieben gegen Entartung, Zersetzung und Niedergang? Wir dürfen doch nicht etwa unser Gewissen mit der Feststellung beschwichtigen, daß eS bei den andern ja auch nicht besser aussieht. Das trifft unbÄingt zu. Ist das aber eine Entschuldigungfür uns. ist daS eine Entschuldigung für ein Volk, dem einst sein größter Lehrer zugerusen hat: „Denn ein heiliges Bol? sollst.du sein dem Ewigen, deinem Gott. Dich hat der toi de, dein Gott, erwählt, dass du ihm seiest ein GigentumSvolk unter allen Völkern, die aus Erden leben?" (5. B. M. 14, 2.) Wenn darum auch die ganze Welt in Schmutz und Unzucht ersticken würde, so haben doch wir Juden unseren Schild blank zu erhalten, so soll doch uns Unzucht und Sittenverderbnis ein Greuel sein. Urü> noch mehr wird von uns gefordert: Auch unsere Rede soll rein sein. Auch dann wird ja in unseren Reihen so viel gesündigt. Man gefallt sich in frivolen Redewendungen, man ergötzt sich an Zweideutigkeiten. Ist daS nicht unjüdisch im höchsten Grade? Und wie füllen viele Juden ihre Mutzestunden aus? Da greift man zu unzüchtigen Schriften und verschlingt sie mit Gier; da besucht man sittenlose Vorstellungen und Veranstaltungen. Ist das nicht unjüdisch in höchstem Grade? Nun entgegnen wohl manche: ..Wir haben gar nicht so grotze Freude an diesen unzüchtigen Dingen. Mer man mutz sie schließlich doch kennen; man mutz doch wiffen. was in der Welt vorgeht." So? Mutz man das wirklich? Ich hätte gern gewutzt. wo dies geboten ist. Nein, man braucht durchaus nicht alles zu wiffen. was in der Welt an Unsittlichem und Schamlosem geschieht; am allerwenigsten ist es nötig, es mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören. Oder sollten wir etwa fürchten müssen, man mützte uns sonst Weltfremdheit vorwersen? Nun, wenn wir den Ehrennamen eines heiligen Volkes verdienen wollen, so müssen wir auf den Vorwurf einer solchen Weltftemdheft stolz sein. Dann mag man uns Nur immer weltfremd nennen; es wird uns nur zum Ruhm gereichen. Aber gottfremd, das wollen wir nicht sein; und wir würden es sein, wenn wir nicht jede Art von Sittenlosigkeit grundsätzlich von uns fern hielten. Im Mußafgebet des BersöhnungstageS wird uns in der Äwaudoh (der Schilderung des Dienstes, den einst der Hohepriester im Tempel zu Jerusalem am Iaum Kippur zu verrichten hatte) vor Augen geführt, wie das in der Tempelvorhalle versammelte Voll dem dreimaligen Sündenbekenntnis des Hohenpriesters atemlos lauschte. Jedesmal. wenn der Hohepriester den Gottesnamen in Heiligkeit und Reinheit aussprach, siel das Volk auf die Knie und vief: „Gelobt sei sein Name, seine Herrlichkeit und sein Reich für immer und ewig." Und wenn er an die Stelle kam: „Bor dem Ewigen sollt ihr rein werden", dann dehnte er die Aussprache des Gottesnamens so lange aus, bis die Gemeinde ihren Segensspruch zu Ende gesprochen, und war wieder Sttlle eingetreten, dann sprach er laut und vernehmlich das letzte Wort des Satzes: Dhitharu, „ihr sollt rein werden". Dreimal erscholl alljährlich am Versöhnungstage dieser Mahnruf von den Lippen des Hohenpriesters. Dreifach ergeht dieser Mahnvus auch an uns: Rein soll werden unser Tun, rein unsere Rede, rein unsere Gedanken. Und jedeSmal, wenn draußen im Leben die Versuchung an uns herantritt, uns hinabzerren zu lassen in die Tiefen der Sittenverderbnis, dann mögen wir nur denken an die Thoravorlesung vom Nachmittag des Iaum Kippur mit chrer feierlichen Mahnung zur Mttenreinheit und Sitten- Heiligung; dann mögen wir nur denken an den feierlichen Iaum Kippur-Ruf des Hohenpriesters: Thithoru, „ihr sollt rein werden". das Gebet. von Dr. M. Spanier- Maghevury. Unser intellektualisttsch und materialistisch aerichiete- Zeitalttr ist im allgemeinen dem Gebet abhold. Einseitiges Dertten ist eben der Krebsschaden unserer Tage. Die menschliche Seele hat doch nicht bloß Denke lammte auszuweisen, ondem auch ethische und gefühlsmäßige. Durch die hanno- Nische Ausbildnttg! aller unserer seelischen und geistigen Kräfte sichern wir uuS die Gemütsruhe, das Ziel des Menschenlebens. Das können wir im Goetheschen Sinne Frommsein Neimen. Di» Aeüherung dieser Frömmigkeit, den Ausdruck dieser Empfindungen bekunden wir im Gebet. Selbst der als „Heide" verschrieene Goethe äußert sich in seinen Sprüchen: „So wie dev Weihmuch einer Kohle Leven erfrischt, so «rrtscht das Gebet die HoffmrngM des Herzens." Und auch auf die Frage: Um was soll gebeten werden? antwortet der Altmeister: „Große Gedanken und ein reines Her;, das ist es, was wir in.S von Gott erbitten sollten." Wer denkt hierbei nicht an Psalm 51, 12: Ein reines Herz erschaffe mir, o Gott, und einen festen Sinn erneuere in mir! Ein herz?n4ttommer großer Denier hat einmal gesagt: „Dom religiösen Menschen ist das Gebet das Alpha und Omega allerF «ihn» mtgkett. die ftlbstverstänvllchste und notwendigste Lebensäus'.erung. die Quelle aller geistigen Freudigkeit und stttlicken Kraft." Unter dem Titel nn'erer Überschrift bestheu wir ein ganz herdorragendes Werk auf religionsphilologischem Gebiete von Professor Dr. Heiler in Marburg (München 1921, viette Auflage). Der gelehrte Verfasser stteibt dem Ziele nach, das Gebet in der Mannigfaltigkeit seiner Erscheinungsformen und in seinem tiefsten religiösen Wesensgrunde herzustellen. eS gilt ihm, daS religiöse Leben in seiner ursprünglichen Eigenart, seiner irrationalen Werisül'le und geheimnisvollen Wundermacht zu begreifen und selbst innerlich von ihm ergriffen zu werden. Jeder denkende Theologe nnd '«der Schulmann, der Seelenforschung zu seiner Domäne zählen sollte, müßte stch in dieses einzig dastehend» Werk vertiefen. In der Einleitung wirb zunächst nachgewiesen, daß das Gebet das Herz und der Mittelprnckt aller Religion ist, daß wir nicht in den Dogmen und Institutionen, nicht in den Riten und ethischen Idealen, sondern im Beten das eigentlich religiöse Leben erfassen. Eitt weiteres Kapiiel bezeichnet die bisherige religionswissenschaftliche Untersuchung des Gebets; der Verfasser kommt zu dem Ergebnis, daß diese bisher nahezu vollständig vernachlässigt worden ist. Beim Gebet in der israelitischen Religion verweist er mit folgenden Motten aus Elbogens Werk: „DaS monumental- Werk von JSmar Elbogen. Der jiidische Gottesdienst in feiner geschichtlichen Entwicklung, Leipzig 1913, enthält eine gründliche und feinsinnig» Darstellung der Entwicklung des Mischen GemeindegevetS." Nachdem zahlreiche Monographien über das Gebet bei den ver. schtebenen RÄigionen zusammengestellt worden sind, bespricht der Autor di» Methode der Religionswissenschaft. Nach ihm muß stets den Ausgangs- und Mittelpunkt der Religionswissenschaft die reine, naiv» Religion bilden, die noch nickt ersbartt ist in stabilen konventionellen Kultformen und noch nicht überwuchert durch das ausventende mythologisch» Denken oder di« klärende philosophisch-theologisch» Spekulation. Naive Religion lebt in der VottSfkömmigktt aller Jahrhundette und aller Kulturen. Unter anderem ist die kMaanäischisraelittsche Bolksveligion ein Beispiel dafür, wt« unter der Decke hoher Kulturen in Religionen die religiösen Uttriebe mtt unüberwindlicher Gewalt sottleben. Um aber das eigentlich Religiös» ans dem Knäuel primitiven Denkens und Handelns herauszulvsen, um das Naive, Spontane von dem Uebernommenen, Gebundenen, Konventionellen zu scheide« und ln den religiösen Vorstellungen sich äußernd» seelische Erleben zu enträtseln, muß, matt stch den großen religiösen Persönllchkeiten zuwenden, davon geistiges Mettleben im religiösen Erleben aufgeht oder gipfelt und dann in der Geschichte der Religion schöpferische Bedeutung zukommt. Di» Mystiker und Seher, die Propheten, Prediger, Missionars, di» Reformatoren Uttd Stifter. Es wird hervorgehoben, daß die Frömmigkeit der größten religiösen Genien eine völlig naive, unreflektierte, untheologische LateNftömmigkeit war und daß gerade der Handwerker- und Bauernstand reich gesegnet an großen Frommen war. Amos der Ninderhirt, Jesus der Zimmermann, Paulus der Zclttuchweber, Muhammed der Schafhirt, Köbtr der Weber. Bungan der Kesselflicker, For der Gerbergeselle, Terstecgen der Seidenbvndwirker. Naive und unreflektierte Religion treffen wir an bet großen Dichtern und Künstlern, wir Dante, Goethe, Michelangelo, Dürer, Beethoven und Haydn, bei Staatsmännern wir Bismarck. Naturforschern wie Newton. Ausgezeichnet ist des Verfassers Erörterung über die Quellen für eine Untersuchung des Gebets. Echtes, persönliches Beten verbirgt sich in zarter Keuschheit vor profanen Augen und Ohren. Schon primitive Menschen sind äußerst spröde und zurückhaltend in Mitteilungen über ihr religiöses Leben. Aber die ans gewaltigen seelischen Erschütterungen geborenen Gebete sind beim primitiven Dienschen stets, bei den großen Frommen sehr häufig laute Rufe zu Gott. Der Eindruck solcher leidenschaftlichen und innigen Gebete aus den Hörer ist so tief und nachhaltig, die Worte selbst so knapp formuliert, daß sie sich dem Gedächtnis unauslöschlich «inprägen. (Wik denken hier au das MoseS- Gebet bei der Krankheit Miriams: O Gott, heile sie doch' ». «Uch M. IS, 18; «ft ftt «t»n* MR es: .« schrie Moses." Rebe» den „gebeteten" Gebeten steht ein» zweite größere Gruppe von Gebetsquellen; di» verfaßten, komponierten, gedichteten Gebete. Der Verfasser bemerkt, daß die wich, tigste GebetSanweisutta diejenige sei, di» Jesus nach dem Brauch jüdischer (!) Rabbineü seinen Jüngern gab: „Das Vaterunser." (Der Ursprung ßrder drr Sätze ist ans einen hebräischen Text zurückzuführen.) Ms dritte Gruppe der verfaßten Gebet» ist die GebetSdichtung zu nennen, in welcher das liturgische oder erbaulich» Gebet stch in ein künstlettsches Gewand hüllt, wozu dt« Psalmen gezählt werden. Eine vierte Vattante des literarischen Gebetbildet das nachaaahmte Gebet, das stch in den Epen und Dramen d« großen Dichter findet. Nach dieser Einleitung handelt der Verfasser von den Typen (Hauptsormen) des Gebets. Als Prototyp alle- BrtenS stellt er bas spontane, stet» Bittgebet des naiven Mrnschen dar. Im Lause der Entwicklung wird das Gebet zu emer feststehenden Formel, bi» der Mensch (nur allzuoft!) affekt- und sttmmungsloö, heoz, und gedankenlos remitiert. In dem Kapitel: DaS Gebet der religiösen Genien heißt e» Sefte 236: „Die Geschichte der christlichen Gebetssrörnrniakett ist der kraftvolle Beweis für die Einzigartigkeit und „Adsolutheit deS ChttstentUms unter den Religionen der Erde." (Siehe dagegen Troellsch, der die „Absolutheit" alnzwetsett und einer geschichtlichen Wetterentwickl'.'ug das Wott redet.) Der Verfasser polemisiert gegen Dr. Perles, der im israelitischen jüdischen Beten bereits die höchste Form alles Bebens ev. blickt und der Ansicht Ausdruck gibt, daß die „schönsten ckrist, lichen Gebete, „vom Vaterunser angegangen bis ans die Kirchenlieder nur ein Widerhall jüdischer Gebete find." Viele treffende und treffliche Gedanken finden wir in dem Abschnitt über das gottesdienstliche Gemeindegebet. Dieses ist nicht bloß der Ausdruck des religiösen Kollekttvrrlel'ens. es dient der gegenseitigen Erbauung der Gemeindemitgliever. lieber das liturgische Gemeindegebet — bei uns Juden schöpft man ja eingehende Kenntnis aus Elbogens Werk: Der jüdische Gottesdienst. _ 0n aller Kürze. In Polnisch-Oberschlesien haben die Juden beschlossen, sich an den Wahlen zum Landtage mit einer eigenen Kanditatenlisle zu beteiligen. Durch die Ansetzung des Termins auf das jüdische Neujahrsfest ist aber die Stimmabgabe der Wählerschaft regierungsseitig gehindert worden. Diese Verfügung der polnischen Regierung widerspricht dem Versailler Vertrag. Der Mische Frauenbund Deutschlands hielt in Breslau eine Tagung ab, auf der über die Zusammenfassung der südischen Frauen aller Richtungen und Stände beraten wurde. Die Gründung eines Schlesischen Provinzialverbandes wurde beschlossen. * * * Der Vertreter der Bereinigten Staaten in Kattowiß fft von seiner Regierung beauftragt worden, eine Untersuchung der dortigen Ausschreitungen durchzuführen. * * * In Ungarn soll die Reform des Oberhauses durchgeführt werden, die auch den Vertretern der Religionen Sitz und Stimme gewährt. Da Vertreter der Iudercheil nicht vorgesehen sind, haben die in Betracht kommenden jüdischen Organisationen den Antrag gestellt, auch ihren Bevollmächtigten dieses Recht zu verleihen. * Die Frage des Schuhes der jüdischen Minderheit in Ungarn beschäftigt den Völkerbund, nachdem die magyarische Regierung um ihre Aufnahme gebeten hat. Auf die Frage des englischen Vertreters hat sich der in Gens weilende ungarische Minister des Aeutzern verpflichtet, das Leben der jüdischen Bevölkerung und ihre Freiheit zu schützen und die Beschränkung der Hochschulfreiheit gegenüber den Juden ab zuschaffen. * * * Die Siege der Kemalistischen Truppen in Kleinasien haben unter den Arabern Palästinas eine täglich wachsende Erregung hervorgerufen. In Nablus ist es zu Manifestationen gekommen, bei denen Umzüge mft türkischen Fahnen veranstaltet wurden. * * *_ mmmmmmmmmmmaammmmmamamaBamBmmmmmmmmmmk Die geborene Tugenöreich. An Grotzstadtroman von Oskar Jons Miltrnan. (15. Fortsetzung.) - Marie empfing und entließ den Strom derGratulanten «nd ihre Schürzentaschen rundeten sich erfveülich. Im Salon «nd Eßzimmer aber botm Minni und drei andere junge Damen der Firma von reichbesetzter Tafel Torte. Wein tzmd Mayonnaise. Minni sah sehr schön auS, und Max fctate sich durchaus nicht steif. Die jüngere, aber auch die Atere Herrenwelt interpellierte recht eingehend und auf allerlei geschickten Umwegen Herrn Brahm. wer das eigentlich sei und ob sie zur Familie gehöre. So kam eS, daß Minni im Laufe des Tages von einem Mündel Theodor Sachsens zu seiner Nichte avancierte und von jedem interessiert gemustert wurde. Mit Eifer und Anmut reichte sie die Speisen, und die schlichte Zurückhaltung stand ihr gar gut. Im Damenkreise hielt Frau Iettchen jede Viertelstunde eine Art Bortrag im Telegrammstil, der in seiner Gleichförmigkeit mit den Erklärungen der Führer in Komgsschlössern oder Bildergalerien eine gewisse Aehnlichkeit austvies. „Das Personal hat eS sich nicht nehmen lassen. . . . Es konnnt immer darauf an. wie nwn seine Deute behandelt. ... Ich bin sehr gerührt. . . . Haben Sie schon das Arrangement von Gebriider Sachs gesehen? ES ist doch wirklich zu aufmerksam. , . Ich weiß wahrhaftig nicht, wer das veranlaßt hat. . . . Sogar Prediger Naatz von drüben hat gratuliert. . . . Man wohnt hier nun die vielen Jahve und keimt sich genau. . * . Wirklich jeder einzige, selbst meine Frisörin, sonst ist sie unausstehlich. * i . Gewiß, es uracht Arbeit." Der Chor der weiblichen Gratulanten sprach dann regelmäßig die Rythmen: „Lauter gediegene Sachen, ein wahrer Blumenhain!" Max hörte sich das dveimal an und zitierte abends in den „Bier Jahreszeiten" bei seiner Begrützungs- und Dankrede ganz humorvoll: „Lauter gediegene Sachen, ein wahrer Rosenhain!" — „Wer ist das?", forschte seine Tischnachbarin, Fräulein Ebba, die samt ihrem Pa mittags glückwünschend hereingeschneit war. „Das ist ein Geschäft in der Leipzigerstraße, nnd Sie können dort Kopenhaaener kaufen." Iettchen hatte Cohns mit beranbernder Liebenswürdigkeit empfangen: „Für unsere Freute ist immer Platz", und sofort eine Umgruppierung der Tischordnung verfügt. „Wirst Du nicht neben Adele sitzen. Max! Gib ihr den jungen Landsberg!" In ganz anderer Mchtung als die steife Abfiltterung der Verwandtschaft bewegte sich der Geschäftsball. Denn die Ressource zur Unterhalttmg in der Ovanienbuvgerstratze ist schon ein klein wenig Berlin N.. und so würdig auch die bärtigen, aber kinnrasierten Kellner durch die gemütlichen Säle schreiten, man amüsiert sich dort ungezwungen und gibt die Langeweile in der Garderobe ab. Nur achtundvierzig Stunden Rast hatte Iettchen nach dem ersten Großkampftag ihrer Familie vergönnt, und schon am Sonnabend vollzog sich der Massenaufmarsch aller Festgenossen zur neuen ^ahlstatt, wo Grazie, Humor und Ausdmrer rühmlich« Tourniere liefern sollten. „Sonnabend ist der beste Tag für solche Sachen, die Leute haben den ganzen freien Sonntag vor sich, und es kollidiert nicht mit dem Geschäft!" Ms das Jubelpaar, von dröhnendem Tusch empfangen, den wogenden Saal betrat, drohte auch bei Iettchen ein Moment wirklicher Rühnrng. Aber sie nahm sich zusammen, und nach allen Seilen huldvoll grüßend, dirigierte sie Jonas zu den Ehrenplätzen vor der Bühne, auf der als erstes ein schwungvoller Prolog in Szene ging. „Nicht zu frei. Max!" hatte die Silbermama ihren Sohn gebeten, den sie als mutmaßlichen Arrangeur des gesamten Theaterteils von vornherein und nicht grundlos verdächtigte. Max trug diesem Wunsche dezent Rechnung, und so produzierte sich deun von den weltbedeuteuden Brettern eine ad usum delphini präparierte .Kunst, die bei höheren Ansprüchen unter dem Motto des Elefanten im Porzellanladen Revue passiert hätte. Trotzdem stempelte das einmütige Urteil der Ehrengäste jede Darbietung mit einem: „illein. wie entzückend!", und die jungen Kothurnträgerinnen, die inr Skandieren der Verse ebenso korrekt waren, wie unter aller Kritik in der Mimik, traten im Bewußtsein vollbrachter Heldentaten unter Beifalls-' stürmen in die Koulissen zurück. Auch an Mnni. die in Ranrpenkünsten ganz ungeübt war. kam die Reihe, und mit begreiflich bänglicher Scheu harrte sie des drohenden Glockenzeichens. Regina Witt hatte lange geschwankt, ob sie ihr Kind begleiten sollte, wie tttt§ doch eigentlich zur Sitte gehört und Schicksalspflicht ist. Denn die Nornen oder Parzen wollen es. daß die Lust durchtanzter Mädchenjahve durch spätere Nachtwächterdienste an den vergnügten Töchtern gebüßt werde. Das gehört auch zur Mutterschaft, und es ist nicht das leichteste, neun Stunden todmüde an der Saalwand zu hocken, mit gefrorenem Lächeln und tausend Sorgen im Kops. Hier bereitet sich der weibliche Stoizismus zur großen Abschlußprüfung vor, und wer sie erfolgreich absolviert und den Kampf um den Schwiegersohn gewonnen hat, kennt das Leben. Aber nicht aus Bequemlichkeit blieb Regina zurück, sondern weil sie sich mit gesunder Selbstkritik sagte, die meistens vecht hat: „Ich passe nicht in diesen Kreis und ich habe dort keine Seele, mit der ich em Wort reden kann." (Fortsetzung folgt.)