Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 39 (29.9.1922)
- Date
- 1922-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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I Grgan der Verelulgnug für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die cheschüftSsteNe '/«ltihrNch 0Nk. is.— chiuzeinummer. „ i.flo Wir die SMtglieber der Bereinigung ist der Bezugspreis im iMttgNedsdetirage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die 3*/* cm breite AUMmelerzelle 0Nk. s.— AamiNenanzeigen Mk.«.—. Bei Wiederholung Lrmkltzig. Die „Jüdifch-ttberale Leitung*' erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Ingendvereine". Nr. 39 ♦ 29. September 1922 Bedaklion: Berlin VS, onauerstr. 22 (Bereinigung für bas liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Zentrum 1S2 «veschSflSstelle u. Anzeigenannahme: Breslaus. 2Teue Sraupenftr. 7. Buchdruekerei DH- Schatzkg «d.m.b^h.r Fernruf: Amt Ring 4SI und «iioo. SdmtNche Zahlungen, pkoftscheekkontv Breslau 37 der gka. LH. Schatzkg d>jpJb.g. Zur gefl. Beachtung! Die Abonnenten unserer Zeitung bitten wir hierdurch, die Bezugsgebühr für das IV. Ouartal 1922 mit Mk. 45.— baldigst auf unser Postscheckkonto Breslau 57 überweisen zu wollen, da wir bei nicht rechtzeitigem Eingang die Lieferung der Zeitung einstellen müssen. Die Mitglieder der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. erhallen das Blatt auch weiterhin kostenlos geliefert. der Verlag -er Jü-lsch-liberalen Zeitung Th. Schahkp Vuchüruckerek v. Verlagsanstalt, G. m. b. H. Breslau HI, Neue Graupenstraße 7. Unsere größte Sunöe. Zum Bersöhnungstage von Rabbiner Dr. Seligmann, Frankfurt a. M. Welches ist unsere größte Sünde? — Mit dieser ftiaae ist nicht die persönliche Sünde jL>es einzelnen unter uns gemeint. Das mag jsder in seinem stillen Herzkämmerlein vor seinem Gotte ausmachen! Nein! Welches ist unsere, unserer jüdischen Gemeinschaft größte Sünde, für die wir Versöhnung brauchen? Das ist eine Frage, so recht geeignet siir die stille Selbftbetrachtung am Bersöhnungstage. denn unser Versöhnungstag ist nicht nur ein Tag der Versöhnung siir die Sünde des einzelnen, sondern auch für die Sünden der Gesamtheit. Als der Tempel in Jerusalem noch stand, sprach der Hohepriester ein Sühwegobet nicht nur für sich, sondern auch für die ganze Gemeinde Israels. Und. wenn wir am Versöhnunastage in unseren Gotteshäusern beten, so lautet die Gebetform nicht: Ich habe ^sündigt! Last mich Versöhnung finden! Sondern: Wir haben 'gesündigt! Last uns Versöhnung finden! Wosiir aber brauchen wir Versöhnung? Nun denn, mit einem Worte sei's gesagt: Für d ie Sünde wider unsere jüdische Seele, wider unsere jüdische Gemeinschaft, wider unsere Vergangenheit und unsere Zukunft. Wir leben noch immer in den Traumgebilden vergangener Zeiten, in der Selbsttäuschung des Geschlechtes der Aufklärung und Humanität. Damals leuchtete die warme Sonne am blauen Menschheitshimmel, damals berauschte sich die europäische Menschheit in den Ideen der Freiheit, Gleichheit. Brüderlichkeit, damals sah man die Schranken der Nationen und Konfessionen schon gefallen. Aber heute? Es war Morgen und ist Abend geworden, es war Sonnenschein uüd ist Sturm gekommen. Der Sturmwind geht heute über die Erde. Täuschen wir uns nicht, dast der Sturm bald vorübergche. Die sonnigen Zeiten waren immer nur kurze Lichtblicke, die Sturmzeiten waren das Dauernde in unserer Geschichte. Man sondert sich immer mehr von uns ab. man liebt un§ nicht, nicht hier, nicht in den Nachbarländern rings, kaum jenseits des Ozeans. Was nützt es uns. die Augen zu verbinden? Wem kann die bittere Wahrheit schaden? Unsere Mistachtung ist wahrlich kein Schandfleck fiir uns. sondern für unsere Verächter. Verdüstert ist unsere (Gegenwart und unsere Zukunft. Unserem Selbstbewusttsem ist eine Wunde geschlagen, wie das Meer so tief. Und unsere Kinder, die Lieblinge unserer Seele, müssen schon in früher Kindheit den Stachel der Zurücksetzung empfinden; mit Hohn und Spott wird ihr unbefangener Frohsinn früh verscheucht. Darum ist so dielen das Judentum eine unerträgliche Last geworden. Sie wissen nichts vom ganzen Judentum, als dast sie um seinetwillen geächtet sind. Ihre ganze Herste Liebe bringen sie der austerjüdischen Welt entgegen. Aber kalter Hohn und eisige Zurückhaltung ist die Antwort der Welt aus diese heiste Liebe. Darum ist dem modernen Juden die ganze innere Welt aus den Fugen, darum steht er haltlos, in sich zerrissen, in einem erbarnnrngswürdigen Zustand zwischen zwei Lagern. Ein solcher unerträglicher Zustand kann nicht ans die Däner bestehen. Es gibt nur zwei Wege: Entweder das Judentum aibwersen. oder die ganze Liebe des Herzens wieder dem Judentum zuwenden. Aber daS Judentum abwerfen, sich in Massen dem herrschenden Glauben hingegen, so sagte in einer Ähnlichen Zeit, wie die unsere ist. der edle Gabriel Riesser, „das könnte nur die Folge einer liefen, entsetzlichen Verderbtheft sein, vor deren Bilde mir schaudert, einer sittlichen Verderbtheit, die nicht nur Wahrheit und Glauben und Gottesfurcht, sondern auch in Tausenden von Fällen die heftigsten Gefühle der Pietät, der Dankbarkeit. der Kindesliebe mit Fristen treten müßte." Bon dieser sittlichen Entartung sind wir gottlob weit entfernt, und es sind immer nur einzelne, die sich auf diese Weise innerlich zu befreien wähnen, nur wenige, die von diesem Abfall ihr Heil erwarten. Mögen sie's vor ihrem Gewissen, mögen sie's vor den Gräbern ihrer Väter und Mütter verantworten, lvenn sie können. Aber für diejenigen, denen Wahrheit und Treue kein leerer Schall, in deren Seele sich alle besiegen Gefühle aufbäumen gegen solch einen Schrift und die nach einer anderen Heilung suchen für die Zerrissenheit ihrer Seele, für sie gibt es nur einen Weg. nur ein Heil: die ganze heiste Liebe ihres Herzens dem Judentum znwenden. mit einem herzhaften Entschlüsse wieder ganze Juden sein, brechen mit der Rückständigkeit ihrer Gedanken, die veränderte Zeit begreifen und ihr gemäst wollen und handeln. Alles hat seine Zeit! Heute ist eine Zeit aufzubauen und zu bewahren, eine Zeit, uns und unsere Kinder mit jeder Herzensfaser an den freundlichen Mutterboden des Judentums zu fesseln. Es begab sich einst, so erzählt eine talmudische Legende, dast der fromme Rabbi Chonia in einer Höhle von einem wunderbaren Schlaf befallen wurde; als er erwachte, sah er die ganze Welt um sich verändert. Er ging nach Hause, aber er fand sein HanS nicht mehr, und die Menscheu kannten ihn nicht. Da warf er sich verzweifelt zur Erde und betete: ...Herr Gott, last mich sterben, ich kann's auf Erden nicht mehr ertragen! Gesellschaft oder Tod!" Gesellschaft oder Tod! Auch du. mein Illdentum, wirst zurückgestosten von denen, welchen du mit aller Liebe deines Herzens entgegenflogest. Auch dich wollen sie nicht kennen und sprechen von dir. wie vou einem längst Verstorbenen, dessen Erbschaft sie angrtreteu haben. Und da stehst du verzweifelt, um Anerkennung, um Liebe bettelnd, und ans deiner Seele schreit es empor: Gesellschaft oder Tod! Doch die Gesellschaft, die du suchst, ist siir dich nicht da, und sich eindrängen in eine Gesellschaft, die einen zurückstöstt. ist ehrlos. Aber bist du darum verlassen und einsam in der Welt? Israel ist nicht wie ein einzelner. Eine groste religiöse Gesamtheit ist eine Welt für sich. Hier kannst du Anschluß finden, hier kannst du einen warmen Herd dir bauen, -hier kannst du am treuen Mufterherzeu ruhen, wenn dir die Menschen wehe taten. Dieser Herzensanschlust an unsere religiöse Gesamt heit wäre die Versöhnung für die Zerrissenheit unseres Lebens. Sie tväre die Ideal-Arzenei für die Krankheit unserer Seele. Fangen wir an, unser Judentum wieder zu lieben, fangen wir an, unser Glück und unsere Würde und unseren Stolz nn Judentum zu finden, panzern wir uns mit der trotzigen Selbstachtung unserer Väter, richten wir die alten Trophäen wieder auf, die wir zu frühe niedergerissen, feiern wir wieder jüdische Feste, begeistern wir unS an jüdischen Gedanken, lassen wir die jüdische Vergangenheit durch unsere Wern rinnen, erneuern wir in unseren .Herzen nnd in unseren Häusern positiv jüdisches Leben! Und fürchten wir nicht den Vorwurf der Abschliestung. illicht wir sind es. die sich von der Welt abschliesten. sondern die Welt schließt sich von uns ab. Wenn die Zeiten draußen wiederum sich weiten, wenn der Freiheit Banner wieder wehen, wenn die grasten Menschheitsideale wieder winken, dann fliegt das Judentum schon von selbst der verwandten Zeit entgegen. Denn nichts anderes sind die großen Menschheitsideale, als die messianischen Ideale des Judentums, als der groste Verföhnunqstag der Zukunft! die ftröttms öer Menreinhelt. Eine Betrachtung zum Bersöhnungstage von Rabbiner Dr. Norden, Elberfeld. Wie alles in der Welt dem Gesetz der Entwickelung unterworfen ist, so hat auch unser jüdischer Gottesdienst seine Geschichte. Wie viel hat sich da im Lause der Jahrhunderte geändert! Die meisten Aenderungen dürfen wir wohl als berechtigt anerkennen. Doch nicht immer haben diejenigen, die an der Entwickelung unserer, gottesdienstlichen Einrichtungen arbeiteten, eine glückliche Hand besessen. Dafür kann als Beispiel eine Aendernng ftn Gottesdienst des Bersöhnungstages dienen. Als Thovavorlesung fiir den Nachmittag des Iaum Kippur hat der Talmud das achtzehnte Kapitel im dritten Buche Mose gewählt. Dieses Kapitel behandelt die strengen Verbote der Blutschande und jeglicher Art von Unzucht und Sittenvevderbnis. Mit feierlichen Worten beschwört der Gesetzgeber sein Volk: „Verunreinigt euch nicht durch alles dieses; denn durch alles dieses haben sich die Volksstämme verunreinigt, die ich vor euch austreiben werde. Da wurde das Land unrein, und ich suchte ferne Si'mde an ihm heim, so dast das Land seine Bewohner ausspie. So beobachtet denn ihr meine Satzungen und meine Vorüschriflen und verübet ihr keine dieser Greueltaten, weder der Einheimische, noch der Fremdling, der sich unter euch aufhält. Denn alle diese Greueltaten haben die Bewohner des Landes verübt, die vor euch waren, und das Land wurde dadurch unrein. Dast nicht etwa das Land auch euch ausspeie, wenn ihr es verunreinigt, wie es das Volk ausgespien hat, das vor euch war. ... So befolget denn meine Anordnungen, dast ihr nicht tuet nach den abscheulichen Sitten, die vor euch geübt wurden, und euch nicht durch sie verunreinigt; ich bin der Ewige, euer Gott." Mit bewußter Absicht und mit feinstem Verständnis für die Bedeutung des Iaum Kippur haben unsere alten Weisen gerccke dieses Kapitel als Vorlesung bestimmt. A n dem heiligsten Tage des Jahres ergeht an uns die eindringliche Warnung. unS von dem bösen Triebe nicht verleiten zu lassen zu Unzucht und Sittenverderbnis. Denn sie sind der Todfeind aller Herzensläuterung, aller Seelenheiligung, aller wahrhaften Religiosität. Nun ist in den letzten Jahrzehnten eine Reihe neuer Festgebetbücher erschienen und in zahlreichen Gemeinden cingeführt, in denen man das achtzehnte Kapitel im dritten Bll che Mose fort-gelassen und durch eine andere Borlesung ersetzt hat. Und hier, meine ich, hat keine besonders glückliche Hand gewaltet. Denn warum sollen wir die strengen Verbote gegen Sittenvetderbnis nicht lesen? Sollen wir uns vielleicht schämen, dast die Thora über dergleichen spricht? Sollen wir uns nicht vielmehr freuen über die erfrischende Offenheit, mit der die Thora diese Dinge behandelt und mit Namen nennt? Sollen wir uns nicht vielmehr demütig beugen vor km Hauch unbedingter Reinheit, der uns aus diesen Blättern der heiligen Schrift entgegenweht? Man hat da ein nicht zu rechtfertigendes Zugeständnis gemacht an die heuchlerische Prüderie unserer Tage, die so weit, so himmelweft entfernt ist von Wahrer Keuschheit, Schamhaftigkeit und Züchtigkeit. Oder sollte man jenes biblische Kapitel eftva darum gestrichen haben, weil unsere Zeit solcher Mahnungen und Warnungen nicht mehr 'bedarf? Sollten wir Juden der Gegenwart in sittlicher Beziehung etwa höher stehen als unsere Vorfahren aus jenen Tagen, da die gottesdienstliche Vorlesung siir den Iaum Kippur festgelegt wurde? Das wird wohl niemand zu behaupten wagen. Denn zeigen sich nicht im Gegenteil gerade in der heutigen Zeit bedrohliche Zeichen sittlicher Entartung? Da ist jüngst das Werk von Dr. Felix Theilhaber in zweiter Auflage erschienen, der uns für eine nicht allzu ferne Zukunft den Untergang der deutschen Juden voranssagt. An der Hand von statistischen Belegen, die geradezu erschütternd wirken, zeigt er uns die Folgen der Ehelosigkeit, der Kinderlosigkeit und der Kinderarmut. Die kutschen Juden, das beweist er uns. vermehren sich nicht, sondern vermindern sich von Fahr zu Jahr in erschreckendem Maste, und so steuern wir dem sicheren Untergang entgegen. So weit Theilhaber. Ich aber möchte hinzufügen: Und wären diese bedrohlichen Zeichen auch nicht vorhanden, wäre selbst statt der Kinderarmut ein Kinderreichtum zu verzeichnen, so würde sich dennoch der Niedergang drohend vor unseren Augen erheben, weil es uns mangelt an sittlichem Halt, weil Zuchtlosigkeit und Sittenverdevbnis weite jüdische Kreise ergriffen haben. Da gibt es kutsche Juden, die schelten auf die Juden des O ft e n s, in deren Kreisen die jüdische Zucht und Schamhaftigkeit auch vielfach ins Wanken geraten ist. nur mit km Unterschied, dast wir dort als Ursache eine wirtschaftliche Not erkennen muffen, von deren ganzer Furchtbarkeit wir uns hier kaum eine Vorstellung zu machen vermögen. Bei kn deutschen Inden dagegen ist die Entartung nichts weniger als eine Folge wirtschaftlicher Not; da ist es ganz im Gegenteil häufig gerade das Wohlleben, dos viele heraus geschleudert hat aus der Bahn jüdisch-sittlicher Lebensauffassung und Lebensführung. Wenn wir in unseren klassischen jüdischen Schriften aus km Altertum lesen, tvelche Anforderungen da in Bezug auf geschlechtliche Sittlichkeit gestellt werden, okr wenn wir die Ättenbücher cmS den: Mittelalter lesen, besonders a uch die unserer ÄMfc Krigendvereirrs-Hnzeigerr letzte Sette. 234853482323534801484848482323010200232353484823235353234848484823484823 235323530023532348480023482323534848482302230023232353535353534823235348 1025150930866107733776088630373775023775^1^31016472637 48235353484801110002012348485300014823534848232323482353235348234801482389482353535323