Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-09-01 · 35 (1.9.1922) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
35 (1.9.1922)
Date
1922-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613657-2613691--0437-2617678
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Eine neue Methode konfessioneller Verhetzung macht sich in Baden breit. Dort wurden an die Kirchgänger massenhaft Flugblätter verbreitet und auch angeschlagen, die gegen Judentum und Katholizismus gleichmäßig Hetzen. Das Papsttum wird als ein Werkzeug Ln Judenhänden bezeichnet, um den Sieg der niederrassigen Völker zu vollenden. * * * Oesterreichische Sportvereine haben folgenden Arier- Paragraphen festgelegt: „Der Aufnahme-Bewerber erklärt, daß schon seine Großeltern vor ihrer Verheiratung getauft waren." * * * Die Kattowitzer Pogrome, über die die Tagespresse ausführlich berichtet hat, sind noch nicht zur Ruhe gekommen. Sie übertreffen alle aus dem neupolnischen Oberschlesien jüngst gemeldeten Exzesse und haben sich auch nicht auf die aus Polen und Galizien eingewanderten Juden beschränkt. Die polnische Regierung, welche anfangs dieser Entwicklung untätig und fast gleichgültig zugesehen hat, scheint nicht in der Lage zu sein, Ruhe und Ordnung im Lande zu erzwingen. * * * In Karlsbad hat die zionistische Jahreskonferenz mit Vorberatungen ihren Anfang genommen. Der Zionistenführer Dr. Weizmann wurde beauftragt, die Einberufung eines Weltkongresses zu proklamieren und an alle Juden die Aufforderung zur Teilnahme zu richten. * * * Arabische Räuberbanden sind in Palästina eingedrungen und haben 35 Einwohner, auch Frauen und Kinder, getötet. Man nimmt aber an, daß diese Ueberfälle keinen politischen Charakter und mit der Bestätigung des Palästina-Mandates nichts zu tun haben. -em Reich. Berlin. Die letzten Nachrichten über die Kattowttzer Pogrome. Nach den letzten Meldungen dauern die antijüdischen Exzesse in Kattowitz fort und ein Ende läßt sich noch nicht absehen. DU mit Karabinern statt tnit Pistolen ausgerüstete Woiwodschafispolizet konnte der Lage sticht Herr werden, da die Erzedenten und Plünderer, wenn sie an einem Punkte zerstreut wurden, sich auf anderen Punkten gleich wieder ansammelten. Aälitärische Hilfe aber konnte deshalb nicht beschafft werden, weil infolge der seit Wochen vorgesehenen Ablösung der in Oberschlestm garnisonierenden Truppen die ganze Woiwodschaft zurzeit fast von Militär entblößt ist. In der Teistraße drang gegen 12 Uhr mittags ein Trupp junger Burschen tu das Kellergeschäft eines jüdischen Händlers ein und bedrohte den Inhaber derartig, daß er aus Schreck einen Herzschlag erlitt und sofort starb. Für jeden Abend und di«, Nacht werden weitere Terrorakte befürchtet. Die Lag: kann aber auch jeden AuaeMick sehr kritisch _ werben. In Wirtschaft streifen Pvlniscy-Oberschlesiens befürchtet man als Folge der Pogrome eine scharfe Spannung im gesamten Wirtschaftsleben des Landes, da die Händler aus Furcht vor Plünderungen und Warenkäusen zurückhalten werden. Zahlreiche Juden würben auf den Straßen angefallen und mit Stocken ünd Gummiknüppeln blutig geschlagen; einzelnen wurden die Bärte abgeschnitttn. <luch zahlreiche Plünderungen und Eigentumsbeschädigungen kamen vor. — Die Nachricht von dem Pogrom in Kvttowitz und den anderen oberschlesischen Orten hat bei der polnischen jüdischen Bevölkerung einen niederschmetternden Eindruck gemacht. Nach den von der polnischen Presse veröffentlichten Nachrichten zählt man in Katiowttz bereits gegen 40 jüdische Verletzte Und einen Toten. — Sofort nach Eintreffen der Pogrvmnachrichten begaben sich die jüdischen Seim-Depuiiertett zum Innenminister, um aus AWlfo zu dnngen. Der Innenminister gab die Versicherung, dach er telegraphisch die nötigen Weisungen zur Herstellung der Ordnung erlasien werde. — Während die ersten Tage der Judenverfolgungen durch Hetzjagden auf die ails Galizien und Kongreßpolen stammenden Juden gekennzeichnet waren, machen letzt die Erzedenten keine Unterschiede mehr, sondem berauben auch Von Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach a. Main. Unter diesem Titel erschien kürzlich ein neuer Roman von Walter Bloem*), der sich zu einem Teil mit der Judenfrage beschäftigt. Es ist im Augenblick wahrhaftig selten, daß ein solcher Roman uns erfreulich anmutet. Um so wohltuender berührt es, wenn endlich einmal, und noch dazu unter einem Namen, der in der deutschen Literatur etwas bedeutet, ein Werk erscheint, das die Probleme, die gar zu oft in der Lösung der völkischen Rassefanatiker gezeigt werden, von einer anderen Seite beleuchtet, wenn man wieder eine Stimme der Menschlichkeit vernimmt. Bloem hat sich in diesem Roman die Aufgabe gesetzt, Wege zu einer Reform des studentischen Verbindungswesens zu zeigen. Er erblickt in den Studentenverbindungen, insbesondere den Korps, eine ideale Erziehungsform für junge Menschen, die Erziehung zu Deutschtum und Brüderlichkeit, und weil er dem deutschen Studenten diese Form erhalten wissen will, möchte er sie gern mit einem neuen Geist erfüllen und sie von allem Veralteten und Ueberlebten säubern. Zum Dolmetsch seiner Gedanken macht er einen jungen Deutschen, Hans Joachim Eichholz, der von seinem ersten Studiensemester aus in den Krieg gezogen ist, sich als Fliegerleutnant großen Ruhm und hohe Ordensauszeichnungen erworben hat und nun nach langer Gefangenschaft heimkehrt. Sein Vater war mit einem Iustizrat Lvwenstein in Berlin in enger Freundschaft verbunden gewesen, iie hatten demselben Korps angehört, in dem der junge Eichh'olz vor dem Kriege Fuchs geworden war. Löwenstein hat während des Krieges sich der Angelegenheiten des verwaisten Hans Joachim angenommen, in sein Haus, das einzige, das ihm vom Vater her befreundet ist, kehrt er nun heim und wird wie ein Sohn empfangen. Er findet die Freundschaft der Kinder des Hauses, Julius Löwenstein und der schönen Ruth. Julius ist Student. Auf den Wunsch des Vaters hatte er in dessen Korps aktiv werden sollen, aber das Korps hatte, obgleich die Familie getauft ist, allerhand Ausflüchte gemacht. Schließlich hatte der alte Löwenstein die Aufnahme durchgcsetzt, aber man brachte Julius unverhohlene Abneigung entgegen; inzwischen ist eben der Rassenstandpunkt herrschend geworden, getauft oder ungetauft, der ^Zude ist minderwertig. Löwenstein ist entschlossen, aus den Ferien nicht mehr in die alte liniversitätsstadt und ins Korps zurüüzugehen, aber Eichholz überredet ihn dazu. Er kann eS nicht glauben, daß die jungen Menschen, die durch die Schule des Krieges gegangen sind, zwischen Söhnen des gleichen Vaterlandes Unterschiede machen sollten, einen Bruder ablehnen sollten, ver mit reinem Sinn und lauteren Herzen nichts als ein Deutscher *) Verlag Grethlein u. Co., Leipzig. die Geschäft« der ansässig« Juden und mlßhcmbekn deren Besitzer tnb Angestekk. Besonder» schttrimt hcmsi» der Mvb brt dem Kaufmann Kornheimer, wo eine 20 Mann starke Bande in das Geschäft eindranK. den Inhaber schlug und Mannfakturwaren raubte. — Nachdem die polnische Ohnmacht sich in dieser traurigen Form dokumentiert hat, ist endlich der polnische Staatschef Pilsudski nach Kattowitz abgereist. vertt«. Ein russischer antisemitischer Studentenverband in Berlin. Bor einigen Tagen wurde hier ein russischer nationaler Studentenverein gegründet, der hauptsächlich aus Mitgliedern des bekannten monarchistischen „Verbandes russischer Studenten" besteht. Die neugegründete Körperschaft stellt sich als Aufgabe die Entwicklung „der gesunden Prinzipien der christlichen Moral und des christlichen Staatswesens". Juden sind von der Aufnahme in den Verband ausgeschlossen. Als Grund gab der Vorsitzende des Verbandes an, daß „die jüdische Moral das vollkommene Gegenteil der christlichen Moral sei". Leipzig. Antisemitische Flugblattheesteller vor Gericht. Wegen Vergehens gegen den H 180 des Reichsstra'qese-üe-Z iAusreizung verschiedener Be- Mkerungsllassen zu Gewalttätigkeiten ge-gen einander) hatte sich vor einigen Tagen' vor dem hiesigen' Schöffengerichte der Perlagsbuchhändler Walther Kramer zu verantworten. Diese Aufreizung sollte begangen sein in zwei Nummern der von der „Deutschen Erneuerungsgemeindr" hercmsgegebenen Flugblätter, die tn Walther Kramers Verlag in Leipzig erscheinen. Der Inhalt der beiden Flugblätter hat aufreizende anti. semitische Tendenz. Unter Anklage gestellt war in dem ersten Flugblatte die Wendung: „Uns kann nur eins Helsen: Rück' s'.chts'loser Kamps gegen das Judentum in jeder Gestalt, wie ich es oben beschrieben Habs", und in dem zweiten Flugblätter „Des deutschen Volke- und damit Europas Zäunst ist eine Raffenfrage: Soll Siegfried erstehen, muß Juda vergehen!" Der Angeklagte Kvamer führte in der Verhandlung aus, daß es eine falsche Auffassung der Staatsanwaltsast sei. daß zu einem rücksichtslosen Kampfe gegen das Judentum aufgerufen werden solle, es sei doch dicklich zu ersehen, daß ..in jeder Gestallt" sich nicht aus das Judentum l-cziehen solle, nämlich auf die Helfer und Vasallen des Judentums. Wenn in den Flugblättern vom Kampfe gesprochen werde, so sei stets Mr ein Kampf mit geistigen Massen genreint. Der 8 13g erfordert die Aufreizung von Klasse gegen Klasse, die jüdische-« Mitbürger sind aber in ihrer Geiamtveit nickt eine Klasse und sie wollen auch selbst nicht als solche aufaefaßt werden. Aus diesen Erwägungen heraus gelangte das Schöffengericht zur Freisprechung des Angeklagten Kramer. Die Flucht der Juden aus dem Posener Gebiet. Die Auswanderung von Juden aus dem Posener Gebiet nach Deutschland, die mit dem Tage einsetzte, als Posen an Polen fiel, setzt sich bis auf den heutigen Tag fort. In vielen Orten mußten die jüdischen Gemeindeschulen wegen Mangels an Schülern geschlossen werden. In manchen Bezirken ist auch die letzte jüdische Familie ausgewandert, im Gostiner Kreis verblieben 50, im Rawitscher Kreis 60Jllden. Dieselben Verhältnisse herrschen in Pomerellen. Danzig. Ausschreitung ehemaliger Hakler-Soldaten in Danzig. Zusammen mit jüdischen Emigranten aüs Polen sind auch eine größere Zahl ehemaliger Angehöriger' der Haller-Armee in Polen, die jeyi Nach Amerika zurückwandern, in Danzig eingetragen.' Wie die jüdischen Emigranten erzählen, wurden sie während des ganzen Weges in der Eisenbahn von den Hallersoldmeu schimpflich gequält und mißhandelt; manche wurden blurig geschlagen. Aber auch in Danzig selbst, wo d'e jüdiichen Emigranten und die Hatlersoldaien in benachbarten Baracken nntevgebrvcht sind, drangen die Polen einige Male in die jüdischen Baracken ein und mißhandelten die Juden. Die Gesellschaft Hias sah sich sogar genötigt, besondere Wachen vor die jüdiichen Baracken zu stellen, um die Emigranten zu schützen. Die Juden erklären mit aller Entschiedenheit, sie würden mit der Haller-Horde nicht aus demselben Schisse fahren, weil die Hallertrupps durch ihre zügellosen Pogromausschreitungen zur Zeit der polnischen Mobilisation hinreichend bckarmt sind. Wege« Richterbeleidsgung freigesprochen. Daß man in Deutschland einen Richter beleidigen, aber auf >>M>M>>>>M>>W>WWWWWWWWWWWWW>>»>WWWWW>W>>>W>WWWW sein will; er will Julius zum Kampfgenossen gewinnen bei seinem Versuch, das Korpsleb'en, das deutsche Studentenleben auf neue Grundlagen zu stellen. So ziehen sie denn beide vereint in die alte Musenstadt zurück. Mit jubelnder Begeisterung wird Eichholz im Korps begrüßt, mit eisiger Kälte Löwenstein. Als Eichholz seine Reformideen zu entwickeln anfängt, findet er wenig Verständnis, er muß, obwohl in 34 Luftsiegen erprobt, sich wie der jüngste Fuchs schuhriegeln lassen und wird immer wieder ins Joch der sogenannten studentischen Disziplin gezwungen. Lehrreich und interessant ist hier die Schilderung dieses Lebens im Korps, der Erziehung zu einer äußeren Korrektheit und zu einer peinlichen Selbstbeherrschung, die den Menschen seiner Gefühle entkleidet, ihm das eigene Urteil und den eigenen Willen brechen und ihn ganz in das Schema alter festgefügter Anschauungen einspannen will. Es mag manche Karrikatur mit unterlaufen, aber daS Bild ist doch treffend gezeichnet, und mancher wird mit Schaudern sehen, wie auch noch heute, nach allen Erfahrungen der letzten Jahre ein Teil der deutschen Jugend erzogen wird. Neben dieser Schilderung und mit ihr verflochten geht die Erzählung von Julius Löwensteins Schicksalen. Zwischen ihm und den meisten Bundcsbrüdern ist ein zäher Kampf. Er will mit aller Macht beweisen, wie deutsch er ist, er will nichts weiter sein als ein idealer Korpsbursch in ihrem Sinne, er wird der beste Fechter des Korps, der bei vielen Gelegenheiten die Ehre der Verbindung rettet, und doch schlägt ihm eine Welle von Feindschaft entgegen. Bis es einmal soweit kommt, daß einer ihn in der Trunkenheit einen keifenden Jtzig nennt, es kommt zur Forderung, im Zweikampf wird Löwenstein tötlich getroffen. Sein Tod wird offiziell betrauert, aber die Sympathien der meisten Bundesbrüder gehören auch jetzt noch dem Beleidiger. Der alte Vater kommt mit der Tockter — zwischen ihr und Eichholz ist eine Liebe aufgekeimt, die ihn vor mancher Versuchung und Befleckung bewahrt hat — er will den Sohn unter den Farben des Korps beerdigen lassen, aber bei der Trauerfeier im Korpshaus, bei der äußerlich alles in tadelloser Korrektheit vor sich geht, spürt er die Welle von Haß, die ihm und de^n toten Sohn entgegeugebrandet, in witd aufstammender Rede sagt er den von Jugend an geliebten Bund auf, legt daS Korpsband ab und verbittet sich jede Beteiligung der Studentenschaft am Leichenzuge. Es gelingt schließlich doch, ihn zur Zurücknahme seines Entschlusses zu bewegen, in seinem Nachgeben sprießt die Blume der Versöhnlichkeit auf, die das ganze Volk so nötig braucht. Mit diesem Hinweis ans den Morgenglanz eines neuen Menschheitstagek klingt das Buch aus. Die Tendenz ist wundervoll; schön der Wille, das deutsche Studentenleb^n keiner Auswüchse zu entkleiden und diese Auswüchse tapfer aufzuzeigen, schön der Wille, den Sinn für soziale Probleme in der Studentenschaft zu erwecken, schön und be- I freiend das mutige Wort gegen allen Rassenhaß und die Begeisterung für eine Brüderlichkeit, die jeden nur nach seinem Wollen und seinem Charakter w.erten will und nickt nach der Grund bei § 1S8 (Wahrnehmung berechtigter Interessen) freigesprochen worden kan«, dürfte in linWehenderr Kreisen nach den bisherigen Erfahrungen Verwunderung erregen. Anders aber ist es, wenn zwei deutschvöllische Antisemiten einen jüdischen Richter beleidigen. Der jüdische Amtsgerichtsrat BielschowSky in Kanth (Schlesien) hatte eine Bemerkung über den unvermerdlichen Niedergang des Mittelstandes gemacht und war deswegen in Knüppel-Kunzes Wochenblatt von einem gewissen Peltz angepöbelt worden. Bor Gericht wurden Knntze und Peltz aber freigesprochen: als Angehörige des Mittelstandes hätten sie in Wahr* nehmung berechtigter Interessen gehandelt. -7- Wir ersuchen höflichst uns das Urteil nachzuweisen, in dem Arbeiter freigesprochen worden sind, welche als Angehörige der Arbeiterschaft berechtigte Interessen vertreten hätten. Antisemitisches Notgeld. Der amtliche preußische Pressedienst teilt. mit: Kürzlich wurde in der Presse mitgeteilt, daß in einer Gemeinde Hannovers Notgeldscheine zu 28, 50 und 75 Pfennig im Verkehr seien, die nicht nur mit dem Hakenkreuz versehen sind, sondern auch antisemitische Verse aufweisen. Auf diesem Papiergeld heißt es: „Dieser Schein kann bis 31. Dezember 1923 bei mir eingelöst werden. Heim. Rehmann, Buchdruckerer, Bockenem." Wie der amtliche preußische Pressedienst von zuständiger Stelle erfährt, ist gegen den Herausgeber dieser Notgeldscheine, Rehmann in Bockenem, der der Hildesheimer Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren anhängig gemacht. Deutschnationale und Koalition. Eine Volks, parteiliche Diagnose. B«t den Kämpfen, die innerhalb der Deutschnationalen Vollspartei um die Stellung des extrem völkischen Flügels ausgekochten werden, ist der Parteileitung von den Radikalen vorgeworfen worden, sie liebäugele mit der Koalition und wolle Regierungspartei werden. An diese Erörterungen knüpft ein anonymer Artikel tn den vom Abgeordneten Dr. Stresemann herausgegebene« „Deutschen Stimmen" <m, mit der Frage, ob sich in der deutschnationalen Partei wirklich eine Kläpuntz darüber an« bahnen könnte, wie weit sie sich aktiv an den staatspolitischen Aufgalben zu beteiligen vermag. Es wird festgirstellt, daß eine Klärung noch nicht eingetteten sei. Auf dem letzten deutschMtionalen Parteitag habe sich der vbllische Gedanke durchgesetzt, wenngleich die Völkischen selbst nur von einem lahmen Kompromiß sprechen wollten. In der Tat habe Wohl in der Partei die Befürchtung bestanden, der völkische, Flügel könne sich abgliedern. „Für diesen Fall fürchtete der einflußreiche Teil der Partei, daß zwischen den Extremen der völkischen Gruppe und dett gemäßigten nationalen Elementen der Deutschen Volkspariei die Deutschnational- Partei überflüssig werde« würde. Man sorgte Wohl darum, daß der Justonsgedauke Wieder stärker in die Erscheinung treten werde. Das ist Wohl auch jetzt vielfach noch der springende Punkt ES ist deshalb begreiflich, daih, die Meinung im nationalen Lager und in politischen Kreisen überhand nimmt, daß in der Deutschnationalen Partei letzten Endes alles beim alten blechen wird." Der Schreiber des Aussatzes ist aber mit diesem Lavieren ber deutschnationalen Parteileitung nicht zufrieden, sondern meint, man müsse jetzt eine Politik aus weite Sicht machen. Der zum Teil schon verwirklichte Gedanke der ArbeiMemeinschuft und di» Gefahr, die dem Bürgertum von einer Fusion der beiden sozialdemokratischen Parteien drohe, mache es er. forderlich, die KoaÜtionsfWgkeit der Deutschnationalen zu. prüfen. Mit dem extremen Flügel seien sie nicht koalittons» fähig, wenn jener aber abgestoßen Werde, bleibe in der deutsch» nationalen Partei eine Gruppierung übrig, die für eino Koalition reis zu werden vermöge. Man sieht, das ist vorsichtig ausaedrückt, aber der Rat, der den Deutschnationalen: erteilt wird, ist dennoch deutlich genug. Es bleibt al'zrr» warten, ob sie daraus antworten werden. Wir glauben nicht an die Möglichkeit, mit den Deutsch» nationalen positive Politik zu machen. Rasse, daS Eintreten dafür, daß nicht die Raffe fondern^GefW und Witte den Deutschen ausmachen. Lob und Anerkennung dark nicht blind machen gegen Schwächen und Mängel. Manches ist schief gesehen. Daß Bloem sich als Vertreter des Juden einen Getauften aussucht, ist schon falsch, mcm aber damit zu entschuldigen sein, daß unter den heutigen Verhältnissen der Gedanke, daß ein echter und ungetanster Jude Mitglied eines Korps werden könnte, ganz absurd, wäre. Aber darüber hinaus ist manches kaum möglich. ES ist entschieden psychologisch falsch, die Glieder der Familie Löwenstein sich empfinden zu lassen als erfüllt von der „Sehnsucht des Wüstensohnes, des Nomaden nach der germanischen Seßhaftigkeit, Begrenzung und Form". Getaufte pflegen erstens nicht in der Terminologie von Sombart und infden JdeengSugen der Raffegläubigen za denken, und sie empfinden sich ferne? nicht als Juden, es ist im Gegenteil in der Regel ihr Bestreben, ihre jüdische Abstammung vergessen zu macken. Es ist entschieden schief, sie sich als Vertreter des Rechts oer Juden fühlen z« lassen, und kaum zu erwarten, daß sse, wie es geschlldert wird, der Meinung sind, wenn der letzte Versuch, von den Deutschen — welchen? — anerkannt zu werden, mißlingt, bleibe nichts anders übrig, als Nationaljude zu werden. Auch Bloem — so frei sein Denken sein mag — kann sich von manchen Vorurteilen nicht frei machen. Auch er läßt seinem Juden, den getauften, ständig bewegt sein von dem angeblichen Losungsworte des alten Bundes Auge um Auge, Zahn um Zahn, und müßte doch wissen, daß nie mit diesem Wo-t? der Sinn verbunden war, der ihm hier untergclegt wird, und daß in der Ethik des Judentums dieser Satz keine Rolle spielt. Er läßt, als Löwenstein senior sich wieder erbitten läßt, seinen Austritt aus dem Korps als nicht geschehen zu betrachten und in Niederkämpfung seine» Grolles die Leiche seinesSohnes unter den Farben der Studentenschaft geleiten läßt, „Christus über Moses und Wotan triumphieren". Ist PS an sich schon Peinlich für jeden religiösen Indens Moses und Wotan auf eine Stufe gestellt zu sehen, wir müssen uns auch gegenüber einem so zur Gerechtigkeit und Menschlichkeit Gestimmten wie Bloem, und gerade ihm gegenüber, dagegen wahren, daß das alte Begriffsschema verewigt wird: Christ«» die Liebe, Mose und Jahve die Rache. Hier nicht zu widersprechen, wäre Pflichtverletzung gegen uns selbst und die Reinheit der jüdischen Ethik. Was zu rügen ist, mußte gesagt werden, aber trotzdem, es ist ein gutes Buch, und viele seinesgleichen wären zu wünschen^ Es müßte viel verbreitet werden im deutschen Botte, müßte in jedes christliche Haus kommen, es könnte viel Segen stiften^ eine andere Jugend könnte geprägt werden und eine wirkliche Brüderlichkeit erblühen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.