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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-07-14 · 28 (14.7.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
28 (14.7.1922)
Date
1922-07-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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tag ftafettfxMt 1023 ein Stipandtmn im Umsätze Wott 240 Mark an einen takntvallen. würdigen und bedürftigen Gtu. dkerenden des Baufaches Mischen Glaubens zu vergeben. Geeignete Bewerbe o wollen ihre Gesuche, unter Betsngung eines kurzen Lebenslaufs, einer Urkunde, daß Bewerber Mischen Glaubens ist, eines FührungSatteste-s von der Technischen Hochschule, und eines Zeugnisses über Fleiß und Fortschrille während des Studiums, dem Kuratorium der Julius- Adelheid-Stiftung zu Händen de8 Pros. Dr. K a l i s ch e r, Berlin W. 15, Konstanzer Straße 1 baldigst einreichen. Brcslau. Ei« deutschvölkischer Jurist. Im Frühjahr 1920 machte sich die Erregung der Arbeiterschaft Über das Verhalten der Studenten während deS Kapp-PutscheS m einem Angriff von Breslauer Arbeitern auf die Studenten Luft. Dies gab dem Rechtskaudidatm Alfons Riedel aus Badewitz VeranlassuW, im Studentenheim mit wüsten Schimpfereien gegen die Juden loszuziehen, wobei er meinte, die arischen Studmten müßten sich tnii Gummiknüppeln bewaffnen. Von dem damaligen Rechtskandidaten Felix Hermann zur Rede gestellt, ließ sich Riedel dazu hinreißen u. a. zu erklären: „Anständig und Jude ist paradox." Eine Genug, tuung für die Beleidigung schlug er oib; auch weigerte er sich, seinen Namen zu nennen. Als der Beleidigte trotzdem den Namen bald festgestellt hatte, und den Beleidiger damit anredete, drohte ihm dieser mit Ohrfeigen. Wegen dieser Rüpeleien hatte sich der inzwischen schon längst als Referendar in Oberschlesien tätige Riedel vor dem Schöffengericht in Breslau am 1. Juli d. IS. zu verantworten. Merkwürdigerweise hatte sich anfänglich ein oberschlesischer AmrsgericktSrat als Verteidiger d«S Beschuldigten gemeldet. Er erschien jedoch nicht in der Hauptverhandlung, sonder« entsandte an seiner Steile einen Referendar.' Der Amtsanwalt bezeichnete das Verhalten des Angeklagten als recht tadelnswert und beantragte 400 Mark Geldstrafe. Ter Vertreter des als Nebenkläger Zugelassenen Dr. Heimann, Rechtsanwalt Foerber, meinte, >daß eine cremplarische Strafe am Platze wäre, um dem Angeklagten, der bei seiner GeistesrichtuNg vielleicht im nächsten Jahre schon als Richter großes Unrecht in der Justiz anrichteu könne, als Denkzettel zu dienen. Das Gericht ging über den Antrag des Amtsanwalts hinaus uw» Erkannte wegen Beleidigung und Nötigung auf 800 Mk. Geldstrafe, im Nichtbeitreibunqsfalle aus 40 Tage Gefängnis, wobei der Vorsitzende hervorhob, daß ein solches Betragen eines gebildeten Menschen, besonders aber eines zur späteren Mitwirkung an der Rechtsprechung berufenen, unwürdig sei. Köln. Der Vorstand und das Robbinat der Synagogengemeinden zu Köln veröffentlichen im Anzeigenteile unseres Blattes einen beherzigenswerten Aufruf zur Erhaltung des vor wenigen Wochen freigelegten ältesten jüdischen Friedhofes der Stadt, dessen Ursprung mutmaßlich bis zur Römerzeit zurückrcicht. Wir sind überzeugt, daß auch unsere Leser, die über die Aufdeckung der ehrwürdigen Begräbnisstätte schon informiert sind, diesem Werke der Pietät ihre milde Hand öffnen und ansehnliche Spenden den zuständigen Stetten;usühren werden. Wir empfehlen jede Förderung der edlen, bas Gesamtsudcnlum berührenden Bestrebung. Feitungsschau unö verschiedenes. Aus Amerika. Mexiko und die Inden. Die weitsichtige Politik des Präsidenten Obregon von Mexiko zeigt sich klar und deutlich m seiner Erklärung letzthin inbetreff der jüdischen Emigration. 500 000 über die ganze Welt zerstreute Flüchtlinge, sind aus seinen Wunsch aufgefordert worden sich in Mexiko anzusiebeln. /Er erläßt ihnen die von den Emigranten zu zahlende Steuer von .250 Dollar und. befreit sie außerdem .für eina. Reihe.,von Jahren von anderen Steuern. Er erklärt. Mexiko besitze Millionen Hektar zu Kolonisationszweckeu vorzüglich geeignetes Land, und verpflichtet sich ihnen zur Niederlassung finanzielle Hilfe zuteil werden zu lassen und dafür fordert er nur, daß sie Bürger Mexikos werden. Diese weise Bestimmung wirkt wie ein frischer Lufthauch gegen die törichte Haltung, die unsere Regierung den Emigranten gegenüber einnimmt. Präsident Obregon blieb es Vorbehalten, diese Gelegenheit zu ergreifen, sein Land durch ihren Fleiß und ihre Industrie zu bereichern. Vergleichen wir doch diese Handlungsweise weiser Politik mit den Diskussionen, die sich in andern Ländern über die Frage der Anzahl jüdischer Studenten an den Universitäten erhoben haben. Die Tatsache a l l e i n , daß eine solche Frage überhaupt aufgeworfen werden kann, bezeugt entsetzliche Unwissenheit, Engherzigkeit und Vorurteil. Der NniversitätSantifemMSmuS. Der Chefredakteur des „New Nork American" Mr. Arthur Brisbane, ein warmer Freund und Verteidiger oer Juden geißelt in seinem Blatte die Angriffe gegen die Juden und die Zurücksetzung, der sie in Amerika jetzt ausgesetzt sind. Er schreibt über die antijüdische Haltung, die die Universität Harvard bei der Aufnahme von Studenten gegen die Juden einnimmt. Es waren in letzter Zeit Gerüchte aufgciaucht, „Harvard" hätte Maßnahmen getroffen, Me Zahl der Mffcheit Studenten zu beschränken. Da sich die Gerüchte immer mehr verdichteten, sah sich der Gouverneur von Boston genötigt, ein legislatives Komitee zur Untersuchung der Beschuldigung zu ernennen, ob wirklich bei Aufnahme von Studenten künftighin ein Rassenunterschied lNur im russischen Kaiserreiche gab es derartige Beschränkungen. Anm. d. Referenten.) gemacht werden sollte. Augenblicklich schweben zwei Verordnungen, die die Sache klären sollen. Der Rat der Stadt hat nun eine Resolution gefaßt, die jeden Versuch, einen religiösen Unterschied zu machen, mißbilligt, und die Aufseher von Harvard haben beschlossen, einen anderen Weg zu suchen, um die Immatrikulation zu beschränken, ohne dabei in ein Wespennest zu greifen. Höchstwahrscheinlich wird der Vorschlag, die Inden prozentual auszuschließen, fallen gelassen werden, da man vorschlug, die Angelegenheit auf folgende Weise zu regeln. Allen öffentlichen Institutionen, die mit irgend einer Klasse von Bürgern einen Unterschied machen, kann die Abgabensreiheit entzogen werden; es wäre gut, auch mit Harvard derart zu verfahren. Die Angriffe auf^Juden geschehen meistens aus Eifersucht auf die Tasche. Nun, dieser Art Eifersucht kann am besten durch einen Anschlag aus die Tasche entgegengearbeitet werden, in diesem Falle — die Abgabenfreiheit. Wie schnell und wirkungsvoll die amerikanische Regierung und die öffentliche Meinung gegen Beleidigung von Juden auftritt. Die Angelegenheit wurde von Senator Sutherland vor den Senat gebracht; er macht folgenden Bericht vor dem Senat: „Ein jüdischer junger Mann, der vier Jahre lang die Marine-Akademie besuchte und sich dort, wie auch früher in seiner Heimatstadt ans der Schule, durch seine Fähigkeiten und seinen Fleiß auszeichnete, wurde in dem Jahrbnche, das von seinen Mitschülern herausgegeben wurde, wegen seines jüdischen Glaubens in folgender Weise beleidigt. In diesem Jahrbuche befinden sich auf jeder Seite die Bilder zweier Studenten mit Biographie und leichter ironischen Andeutungen von Eigentümlichkeiten derselben. In diesem Falle war der Name des betreffenden Studenten Kaplan im Index überhaupt nicht angeführt: die letzte Seite des Buches war perforiert, so das; jeder sie leicht entfernen konnte, ohne das Buch zu beschädigen. Auf dieser perforierten Seite befand sich das Bild eines fingierten Mitgliedes der Klasse, daneben eine nebelhafte Zeichnung, worunter stand: Porkh- Schwein; darunter Autobiographie: Geb. in Zion, Staat der Unbildung usw. Senator Sutherland sagt: „Diese Handlungsweise gegen einen Mitschüler könne nicht streng genug verurteilt und geahndet werden; sie bedeute „Verrohung der Ingen d". In unseren Schulen zeigt sich ein Geist, der weit entfernt ist von den Prinzipien, die unser Land groß und mächtig gemacht haben. Es muß endlich ein Ende gemacht werden mit dem intoleranten Geist, der sich sowohl in der Marine wie in der Armee breit macht. An den Präsidenten Harding richteie Senator Sutherland folgenden Brief: Geehrter Herr Präsident? Nachdem er die Angelegenheit, wie oben berichtet, erklärt hat, fährt er fort: Die Behandlung dieses jungen Mannes geschah wahr- . schcinlich, um ihn wegen seiner Abstammung zu s zu brandmarken und durch diese Brandmarkung andere Inden abzuhallen, in die Marine einzutreten. . Diese Handlungsweise wird Ihnen, Herr Präsident, gewiß unamerikanisch und außerordentlich tadelnswert erscheinen und ich wende mich daher an Sie, daß sofort Schritte unternommen werden, die Schuldigen zu bestrafen, damit derartige Vorkommnisse wie die genannten in jeder Schule, besonders in den von der Regierung subventionierten, verhindert werden. .Mit.Lollvaychs voraus.l -':'u Die ' Leiterin &et‘ Eveline-R ot hschild-Schule> in. Jvmfalem Miß Landau erhielt vom Gericht eine Vorladung in hebräischer Sprache. Sie beauftragte ihren Rechtsanwalt, vor Gericht zu erklären, daß sie als englischer Untertan aus einer Vorladung in englischer Sprache bestehen müsse. Der Rechter erklärte, daß die Borgeladene, die sine Jüdin sei, nach dem Sprachgesetz Vorladung in hebräischer Sprache zu erhalten habe. Die Vorgeladene wohne seit vielen Jahren in Jerusalem, lecke «ine jüdische Mädchenschule und beherrsche das ^äbräische, wenn auch nicht so gut wie das Englische. Die Tatsache, daß Miß Landau ihren Rechtsvertreter zu Gericht gesandt habe, beweist, daß sie die Einladung verstanden babe. Der Gerichtshof beschloß, die Vorladung als rechtskräftig anzusehen. — Noch ist die blühende goldene Zeit, noch sind die Tage... des Chauvinismus. Prag. Die deutschvölkische Hetze gegen den Rektor der Universität. Der Akademikertag der deutschvölkischen und klerikalen Studenten protestierte gegen die Wahl des Professors Steinherz zum Rektor der deutschen Universität in Prag, weil er Jude ist. Die Studenten beschlossen die Anwendung von Gewalnnitteln gegen den neuen Rektor. Sie wollen bei der Immatrikulation die Eidesleistung verweigern und den Boykott der Prager deutschen Universität propagieren. CStett. Sie preisen den Mord. Da M> U Deutschland schließlich doch einigermaßen gefährlich geworben M sich mit den Mördern Rathenaus offen solidarisch zu etMttten, flüchtet sich die wahre Meinung der „Völkischen" in das benachbarte Oesterreich. Ein in Graz unter den; Namen „Michel" von «mm gewisse,; Hans Kipper herausgcgebenes „völkisches" Blatt begrüßt die Ermordnuug der „Juden Walter Rathenau" mit dem wilden Kriegsrus: „Tod den Vaterlaudsvecrältern!" Dann schreibt es: Dorum bewachten wir es nicht als Unglück, daß der Ersüllungsminifter Rathenau nicht mehr erfüllen kann. Rathenaus Tod ist ebensowenig ein Unglück, als der Tod des Verräters und Erfüllers Erzberger ein Unglück gewesen ist. Im Gegenteil! Wir betrachten eS als ein Glück \v\ Unglück, als ein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft, daß aus unserem Volke noch Kräfte, sprießen, die die offenen und geheimen Vcrräier unschädlich machen. Z-MN Schluß heißt es dort: . In dieser Judenrepublik ist ihm die Aufgabe zuteil geworden, das deutsche Volksvermögen auf dem Wege über Frankreich möglichst reibungslos in den Rachen Wer jüdischen Weltfinanz überzusühren — als deutscher Erfüllung?» minister! Dieser Aufgabe haben ihn Vaterlandsfrcunde entledigt — durch den Tod. Tod den Vatsrlandsverrätern! Witt mau es in der österreichischen Schwesterrepublik dulden, daß in solcher Weise zur Ermordung deutscher republikanischer Führer gebetzr wird? Abflauen der NumeruS-ElaususrBewegung an den amerikanischen Htuiversttäten. Das Professorenkiollegium der Harvard-Universität zu Boston hat seinen Beschluß, die Aufnalhmevorschriften zu verschärfen, damit sich die Zahl der Studenten an der Univer« sität verringert, nunmehr annulliert. Ueber die Gründe dieser Sinnesänderung erfahren wir, daß es den Professoren endlich klar geworden ist, daß die Befürworter der verschärften Maßregeln nicht im guten Glauben handelten, sondern sich von Antagonismus gegen die jüdischen Studenten leiten ließen. Die führende liberale New Yorker Wochenschrift „The Nation" widmet den in den letzten Jahren an den amerikanischen Universitäten emporgekommenen antijüdischen Tendenzen ihren ersten Leitartikel. „Nur das Rußland des Zaren" — heißt es in diesem Artikel — „tat das, was unsere Universitäten gegenwärtig zu tun sich anschicken. Nur Polen, Rumänien und Ungarn tuen dies noch heute. Amerika darf es nicht erlauben, mit den rückständigsten Ländern in Europa in einer Reihe zu figurieren." „The Nation" erinnert daran, daß' die New Mrker Columbia-Universität in den letzten zwei Jahren den Prozentsatz der jüdischen Stttdenten in ihren Aufnahmekursen von 40 auf 22 Prozent reduziert hat. Andere, Universitäten haben ähnliche Maßregeln getroffen. „The Ration" meint, die energischen arbeitssreudigen jüdischen Emignmten-Söhne hätten die anderen Studenten geniert. Darauf eben ist die antijüdische Stimmung an den höheren Lehranstalten zurückzusühren. In der „New Parker Evening-P oft" schreibt I. P. Gavet, „es existieren in Amerika Collegs, welche nichts weiter sind, als Landklubs für junge Gentlemen, die ihre Jugendzeit mit Vergnügungen vertrödeln." Im allgemeinen gewinnt man den Eindruck, daß den Professoren und Dekanen der Unsversttäten das Verständnis dafür ausging, daß die Vorstöße gegen die jüdischen Studenten auch gegen den Charakter der Universitäten als Bil dnngsZentren gezielt sind und sie sehen in der anti-jüdiscken Bewegung einen weiteren Versuch, die Universitäten in Sportklubs zu verwandeln. Es ist deshalb vorauszusehen, daß sich die Professoren von jetzt ab gegen die Einschränkungsbewegrmg wehrenwerden. Balfour und die jüdischen Lords. Zu unserer Meldung betreffend die mißbilligenden Aeußerungen eines hochgeachteten Beamten der englischen Regierung Mer die Abwesenheit der jüdischen Oberhausmitgliedör während der Debatte und der Abstimmung über die Jslintzton-'Resolution erfahren wir, daß es Lord Balsam selbst war, der gegenüber einem Mitglied der zionistischen Exekutive über die Abstinenz der indischen Lords in einer für die jüdische Sache so wichtigen Abstimmung! seine liefe Verwunderung gusdrückte. — Aber es hat doch jeder seine stete Meinung, Und auch in England glbt's Antizionisten. Schriftvorlesung am 8. Juli 1922s Toraabsdinltt: Numeri, Pindhas. Haftora: Jeremia l2—23. Optiker GAR AI, Breslau, Albrechtstr. 4 Er hat fich „ümgeüreiht". '-Hon Jnslizrat Bernhard Breslauer, Berlin. Tausende von Flüchtlingen hatten die deutsche Grenze überschritten, um den russischen Pogromen im Jahre 1891 entgehen. Der Strom nahm zu. da die Pogrome nicht nachließen. Schleunigst bildeten die Juden der zivilisierten Welt ein Hilfskomitee, das „Russenkomitee von 1891" mit Sitz in Berlin, und dieses setzte sich alsbald mit der preußischen Regierung in Verbindung. Der Minister des Innern. .Herr .Herrfurth, nahm die Hilfe <zern an; er meinte, daß er dasselbe Ziel verfolge wie das Komitee, beide wollten den unglücklichen Flüchtlingen helfen; das Komitee im Interesse seiner bedrückten Glaubensgenossen, er im Interesse des preußischen Staates. Da wäre es rmHoeckmäß'vg. wenn er sich aufs hohe Pferd setzen und von oben herab dekvetre»en wollte;'besser sei vielmehr die gemeinsame Arbeit. Er bestellte einen Kommissar für die durchreisenden Flüchtlinge, der die Arbeit gemeinsam mit dem Komitee zu erledigen hatte. einMe Bedingung war. daß die Flüchtlinge auf deutschen Bahnen und mit deutschen Schiffen befördert werden mußten. Das Komitee errichtete an der ostpreußischen und der schlesischen Grenze je fünf Empfangskomitess. in denen die Ausliese der zu befördernden Flüchtlinge erfolgte. Nicht goöignete wurden nach .Hause gesandt, die Geoigneten aber in Ostpreußen sowohl wie in Schlesien in em Sammelkomitee gebracht, das die Auswanderungszüge zusanrmenstellte und dem .Hauptkomitee zufandte. Zuerst in Eharlottenburg. dann in Ruhleben bei Spandau befand sich der Auswanderer-Bahnhof des Komitee-, von dem aus die Weiterbeförderung nach Hamburg. Bremen und Stettin erfolgte. Der Uebertritt über die preußische Grenze lwar nur an -denjenigen Orten gestattet, wo sich die Empsangskomitees befanden, an anderen Stellen war er aufs strengste verboten, nichts destoweniger erfolgte er an allen möglichen Grenzstellen auf Schleichwegen. Die Befördevungstätigksit des Komitees wurde von mir. als dem Schriftführer des Komitees, geleitet und zwar nach den Direktiven, die der Kommissar des .Herrn Ministers in gemeinsamen Besprechungen festsetzte. - Eines Tages wünschte der Herr Kommissar den Gang der Beförderung durch Groß-Berlin zu besichtigen. Wir bestiegen am Schlesischen Bahnhof, einen Auswandererzug und fuhren mit diesem nach Ruhleben. Unterwegs ließ sich der Herr Kommissar von mir erzählen, wie es . die Flüchtlinge machten, um i n Rußland über die Grenze zu kommen. Das Verfahren war natürlich geheim; es jetzt wieder zu erzählen, erscheint noch nicht zweckmäßig, denn man kann nicht wissen, was die Ankunft bringt und ob die russischen Juden es nicht nochmals werden anwenden müssen. Es ergab sich aber bei der Darstellung, daß nicht alle Flüchtlinge an den Orten der Empfangskomitees über die Grenze kamen. Da meinte der Herr Kommissar: „Und die Pvmßvschen Gendarmen? Ich 'habe doch angeordnet. daß sie den Uebertritt mr anderen Stellen nicht dulden sollen, und habe ihnen erst vor kurzem diese Anordnung noch eckimal besonders eingeschävft." Hierauf entgegnete ich, daß der Herr Kommissar die Gemütsverfassung seiner Gendarmen nicht beachtet habe. Alle diese Geckdarmen seien ältere Männer, seien verheiratet und hätten selbst Kinder; wenn sie die verhungerten Flüchtlige ankommen sehen, mit den abgehärmten Frauen und den jämmerlichen, elenden Kindern, dann bringen sie es nicht über das Herz» sie über die Grenze zuriickzuiagen. sie drshen sich einfach um und sehen nichts. Das I wollte der Herr Kommissar nicht glauben, ich aber erwiderte ihm, daß ich ihn von der Richtigkeit.meiner Mitteilung überzeugen würde, nur muffe er mir gestatten, mit den Auswanderern in feiner Gegenwart in deren Sprache zil sprechen. In Ruhleben stiegen mir mit den Auswanderern aus dem Zuge aus. Mr traten unter die Auswanderer, und ich unterhielt mich mit ihnen, indem ich ihren Jargon anwandte, aber so. daß der Herr Kommissar mich verstehen konnte. Ich fragte sie. woher sie feien, loa rum sie geflüchtet wären, welchen Weg sie durch Rußland genommen, wo sie an die rrlssische Grenze gekommen, und sie gaben auf alle Frageil treuherzig Bescheid; schließlich fragte ich sie. wosie über die preußische Grenze gekommen feien, und sie gaben eine Stelle an. an der sich kein Empfangskonntee befand. „Und der preußische Gendarm?" fragte «ich. „ist er da gewesen?" „Der Schandvr? Ja, er ist dagew'en." „Nun. und was hat er gemacht?" „Was er gemacht hat? Er hat sich ümgedreiht." Der menschenfreundliche Herr Komnüssar des Herrn Minister des Innern hat es in der ganzen Ieit der Beförderung, und diese Zeit war ziemlich lang, denn es handelte sich um nicht weniger als 166 000 Beförderte, wie feine Gendarmen gemacht: er hat sich „ümgedreiht". Eiagegangene Bücher. Wir bringen an dieser Stelle ein Verzeichnis aller uns gesandten Erscheinungen interessierender Literatur und behalten uns die Besprechung vor. Jeschurnn. Monaitsschrist für Lehre und Leben im Judentum. Heft 8/8. Dr.- I. W o h l g e m u t h. Verlag Pionier, Berlin. „«lia". PMästina, das Zentrum der Welituttur?! Im Verlag der Altnmbund-Loge. Hamburg 1922.

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