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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-07-07 · 27 (7.7.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
27 (7.7.1922)
Date
1922-07-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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I zitterte die Aeutzerungeri ein« schlesische« Landrate-, der auf die Mordnachricht hin auSrief: „Gottseidank, daß der Jude verreckt ist." Ein Beamter, der den Anschlag der Trauerkundgebung deS Reichstagezu besorgen hattch erklärte: „Diesen Wisch sott ich jetzt auch noch anhesten!" Eine Sekretärin de- Auswärtigen Amtes hat geäußert: „Gottseidank, daß ein Jude weniger ist." Diese vom Abg. Heilmann mitgeteilten Aeußerungen riesen einen Entrüstungssturm unter den Abgeordneten hervor. Wie der Chef der Berliner politischen Polizei, Oberregierungsrat Dr. Weiß, der Presse mitteilt, wurden zahlreiche Haussuchungen bei politischen Organisationen, insbesondere bei antisemitischen Verbänden vorgenommen, da man die antisemitischen Verbände mit dem Mord in Zusammenhang bringen muß. Jkn Lause der Woche fanden in Berlin mehrere Verhaftungen statt, damnter auch die de- Vorsitzenden de- Verbändezur „Bekämpfung der Ueberheblichkeit de- Judentums" Mütter von Hausen. Die Zeitungen melden, daß die Mutter deermordeten MnisterS immer noch anonyme Zuschriften mit den unflätigsten antisemitischen Ausfällen erhält. Der sozialdemokratische „Vorwärts" erzählt, daß in manchen Kreisen bei Bekanntwerden der Mordnachricht ein wabrer Freudentaumel ausbrach. Da- Blatt führt fort: „Alledas gilt dem Juden Rathenau, und die breite Oeffentlichkeit erfährt hierdurch zum ersten Male, welchen unermeßlichen kaum nicht gutzumachenden Schaden der unverhüllte und der noch weit schlimmere geheime Antisemitismus hervorgerufen hat." In dem Zentrumsorgan „Germania" macht Graf Albrecht MontgelaS auf einen Aufsatz deS deutschnationalen Abgeordneten Henning in der „Konservativen Monatsschrift" aufmerksam, der den Bolschewismus als den Kampf des internationalen Judentums zur Vernichtung des nationalen Besitzes bezeichnete und im Zusammenhang mit dem Abschluß des Rapallo-Vertrages ausführte, der „deutsche" Jude hilft dem „russischen" Juden zur Erreichung des gemeinschaftlichen Zieles. Ferner schrieb Henning: „Kaum hat der internationale Jude Rathenau die deutsche Ehre in seinen Fingern, so ist von ihr nicht mehr die Rede. Die deutsche Ehre ist keine Schacherware für internationale Judenhunde." Der Artikel Hennings schloß: „Sie, Herr Rathenau und ihre Hinterleute werden vom deutschen Volke zur Rechenschaft gezogen werden." Entrüstet fügt Graf Mvntgelas diesen Zitaten hinzu: „So schreiben in der Oeffentlichkeit, so reden in den Privatkreisen die verantwortlichen Führer einer verblendeten konservativen Schicht der deutschen Bevölkerung. Man weiß nicht, ob man über die Dummheit solcher Leute oder über ihre Feigheit und Gemeinheit mehr entrüstet sein soll." Auch die Auslandspresse sieht in dem Mord an Rathenau eine Folge der antisemitischen Hetze. Die „Neue Züricher Zeitung" schreibt: „Es scheine, man wolle in Deutschland keinem Juden erlauben, was England D i s r a e l i erlaubte: ein führender Staatsmann zu werden." Die „Baseler Nationalzeitung" bemerkt: „Die Schüsse, die Rathenau getroffen haben, galten dem Manne der Erfüllungspolitik; dem Mann, der mit Frankreich unterhandelte, dem Republikaner, dem Juden." Rathenau ist also ein Opfer des „Völkischen" Ideals, das sich im Mord erweist. Während der Totenfeier für ihn im Reichstag, die sich zu einer nationalen Trauerfeier gestaltete, sprach nach dem Reichspräsidenten Ebert und dem Reichstags-Vizepräsidenten Bett der demokratische Abgeordnete Pfarrer Korell, der in seiner Rede zum Ausdruck brachte, daß der Jude Rathenau ein großer Sohn Deutschlands war. „Rathenau", sagte er, „ist auch als Jude gefallen und damit ein Opfer jener sogenannten Idee von der vöttischen Reinheit geworden. Lassen Sie uns vor dem Sarge Rathenaus geloben, endlich einmal zu verzichten auf das Wort „national", wenn damit nur die Partei gestärkt werden soll." Die Angehörige« RathenauS nahmen während her Feier in einer Diplomatenloge Platz. Dort bemerkte man neben der greisen Mutter und Schwester de- Toten Professor Einstein, Felix Deutsch und den Dtrettor der A. E. G. Marnroty. Die Beisetzung fand in aller Stille, in Anwesenheit der nächsten Angehörigen und Freunde de- Toten in der Familiengruft der Familie Rathenau auf dem Friedhof in Oberschöneweide statt. Der Sarg war in die deutsche Reichsfahne eingehüllt. Die Andachtsrede hielt Rabbiner Dr. Weiße von der Berliner jüdischen Gemeinde. Ilus öem Reich. Berli«. Die jüdische Resormgemeinde hat am 1. Juli das 25jährige AmtSjubiläum ihre» Predigers, de» Herrn Dr. JuliuSJelSkiin schlichter Form begangen und damit einen Wunsch de» Gefeierten erfüllt. Auch wir gedenken gern der treuen Arbeit, die der Jubilar feit einem Vierteljahrhunderl im Dienste de» Judentum», auf der Kanzel und als Lehrer der Jugend geleistet hat. Dr. Jel»ki ist unmittelbar nack, Beendigung seiner Studien an der Hochschule für die Wissenschaft de» Judentums au» freier Ueberzeugung Prediger der Reformgemeinde geworden und hat fein Amt jederzeit in aufrechter Gesinnung, in wahrhaft friedlicher und vorbildlicher Art geführt. Er hat sich einen Krei» von Freunden und Verehrern erworben, die ihm für seine Unterweisung und treue Seelsorge herzlichen Dank bekunden. Unsere Wünsche bedeuten die Hoffnung, daß ihm eine lange und die Gegensätze der religiösen Anschauungen versöhnende Wirksamkeit beschicken seiy möge. — Als schöne Festgabe zu seinem Ehrentage können' die Mitteilungen der Jüdischen Reformgemeinde vom 15. Juni gelten, die interessante und lehrreiche Aufsätze von und über Jelski und als Einleitung feine Würdigung au» der Feber de» Geheimrates Dr. Georg Minden bringen. Berlin. Eine Synagoge im Hanfaviertel. Tin neue» Gotteshaus wird die jüdische Gemeinde auf einem Grundstück in der Agrikolastraße zwischen Hansaufer und Solingerstraße errichten. Es wird 1200 Plätze fassen. Pose«. Die Ritualmordhehe in Wongrowitz! Da» Schauermärchen über die angebliche Untat eines 72jährigen jüdischen Greises, der sein Dienstmädchen zu religiösen Zwecken schwer verletzt und der Verwundeten Blut entzogen habe, nimmt immer betrüblichere Formen an. Man hat den bisher in bestem Rufe stehenden Bürger Engel verhaftet, wieder freigelassen und aufs neue in» Gefängnis gesetzt, und die polnische Presse inszeniert eine sinnlose Hetze, obwohl e» zweifelsfrei ist, daß das vollkommen unglaubwürdige Dienstmädchen von einem Liebhaber am Schlüsse eines Tanzvergügens verwundet wurde. Unser Gesinnungsfreund Rabbiner Dr. Gottschalk- Posen hat in dieser Rot mutig die polnische Oeffentlichkeit angerufen. Er schreLt: „Ich möchte doch die Hoffnung aussprechen, daß die hiesigen Behörden, vor allem die Geistlichleit, selber dieser wahnsinnigen Verleumdung so energisch entgegentreten, daß Polen nicht erst vom Auslands darauf hingewiesen zu werden braucht, daß Ritualmordglauben wohl Zeichen eine» finsteren Mittelalters ist, aber nicht das Zeichen eines Kulturstaate» von heute." Ferner veröffentlicht Herr Rabbiner Dr. Gottschalk in Posenschen Zeitungen folgende Anfragen: „Herr Noskowicz, der auf meinem vor Monaten ihm öffentlich gemachten Vorwurf der Verleumdung noch immer nicht geantwortet hat und der „Kurier Poznanski" entblöden sich nicht, öffentlich von dem „Ritualmord" in Wongrowiec zu reden und zu schreiben. Ich gestatte mir daher an den Staatsanwalt drei Fragen zu stellen: 1. Ist e» in Polen erlaubt, öffentlich in Wort und Schrift eine ganze Religionsgemeinschaft zu beschimpfen und die anderen Bürger gegen sic aufzuhetzen? ' 2. Ist es in Polen erlaubt, öffentlich in Wort und Schrift in ein schwebendes Gerichtsverfahren einzugreifen? 3. Gibt e8 in Polen einen Schutz der religiösen Minderheilen undList der Staatsanwalt bereit, diesen unverzüglich wahrzunehmen oder nicht? Rabbiner Dr. Gottschalk. Unter dem Eindruck dieser Darlegungen hat der Posener Staatsanwalt den alten Mann endlich entlassen und erklärt, daß der Prozeß keinen rituellen Charakter tragen wird. Schweidnitz. Am 21. Juni beging der katholische Stadtpfarrer Majunke sein 25jähriges Priesterjnbiläum. Auf einen Glückwunsch des jüdischen Predigers Felix Brock antwortete der Geistliche mit einem Dankbriefe, der verdient, der Oeffentlichkeit übergeben zu werden. Darin heißt e?: „Unter den zahlreichen Glückwünschen zu meinem silbernen AmtSjubiläum hat mich der Ihrige besonders erfreut. Ist er mir doch ein Zeichen dafür, daß ich mein bei meiner Einführung gegebenes Versprechen, die Wahrung des konfessionell«« Friede«» mir bessnder» angelegen sei» »« lassen, gehalten habe, und daß ich dafür auch Anerkennung gefunden habe. Sie. können versichert sein, baß mir der öde urteilslose Antife initi»- mu», der sich jetzt in vielen Schichten breit macht, geradezu widerwärtig ist.?ch will mich bemühen, dagegen, wo mmer ich kann, anzukämpfen.-" We hoch muß mau semitt»««» Ruhe zu habe«? Netterm «« vor de« «utt- Erich Köhrer teilt aus Grund seiner traurigen Wahrnehmungen über den immer böser werde« den Judenhaß in Vverbayern mit, daß erst im oberen Gletscher gebiet eine von Anpöbelungen freie Atmosphäre zu finden sei: „In diesem Tal de» Schweigen» sind die schrillen Mtßtvne verstummt, die sonst im Reiche des König» Watzmann leider an allen Ecken die Schönheit der Ratnr überschreien, und die an jede» Hau», in den Frieden jeder Almhütte den Ruf geschmiert baden: Schlagt die Juden tot! Die Saat von München und Mießbach ist im Berchtesgadener Länbchen fürchterlich aufgeganaen, und wie ich, fliehen zahlreiche Besucher, Juden und Christen, angeekelt schnell wieder au» dem gestörten Frieden dieser Berge, der nur allzusehr an die Wahrheit des Worte» von der Welt erinnert, die vollkommen ist überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual." Iettungsfcha« unverschiedenes. London. Groß-Britannien nimmt alles zurück und will e» nicht gewesen sein. Aus zuverlässiger Qu/lle wird mitgeteilt, daß die Berufung der Mitglieder der zionistischen Exekutive zu einer außerordentlichen Sitzung nach London zu dem Zwecke erfolgt ist, die neu entstandene politische Lage zu besprechen. Wie wir erfahren, soll die neue englische Deklaration die Erklärung enthalten, daß die Balsour-Deklaration niemals die Tendenz hatte, den Juden eine privilegierte Stellung in Palästina zu gewähren. Die englische Regierung hat die Absicht, den Juden eine nationale Heimstätte in Palästina zu gewähren, nicht aber Palästina als d i e nationale Heimstätte der Juden zu erklären. Was die Vertretung des jüdischen Volkes bei der Palästina- Regierung anbetrtfft, so soll diese Institution keinesfalls als ein Bestandteil der Regierungsmacht angesehen werben. In dem Teil der Deklaration, der sich mit den praktischen Fragen befaßt, soll die Deklaration auch die Frage der Immigration in Palästina berühren. Danach sollen alle die Immigration betreffenden Fragen durch eine besonders aus Vertretern der örtlichen Bevölkerung zusammengesetzte Kommission erörtert werben. Wenn zwischen dieser Kommission und der Palästina-Regierung Meinungsverschiedenheiten entstehen, sollen die betreffenden Fälle der britischen Regierung in London zur Entscheidung unterbreitet werden. Es steht recht schlecht um den Zionismus, -wenn diese Auffassung siegt. Ein englischer Kardinal über das Palästina-Mandat. Auf einer Versammlung in der Stadt Bolton trat Kardinal Bourne mit einer Rede hervor, in der er die Stellung de» Vatikans gegenüber dem Palästina-Mandat erläuterte. Der Kardinal sagte u. a. Ich bin vielleicht besser als irgendjemand in diesem Lande über die Stellung des Heiligen Stuhles zu dieser Frage informiert. Der Heilige Stuhl hat nicht» dagegen, daß da» Palästina-Mandat der englischen Regierung übertragen wird. Erbegrüßt das Mandat mit Freuden, wen er die Unparteilichkeit und Gerechtigkeit Englands anerkennt. Er mißbilligt jedoch den bestehenden Mandatsentwurf, welcher den Zionisten, d. b. der neu importierte,! jüdischen Bevölkerung de» heiligen Landes eine bevorzugte Stellung gegenüber anderen Rassen oder religiösen Gemeinden einräumt. Ist es mit der Idee des Mandates vereinbar, die Regierung eines Landes den Händen der im Laude ansässigen Bevölkerung zu entreißen, eine Anzahl Fremder aus einem anderen Lande zu importieren, damit diese die Regierung übernehmen? Der ganze Zweck des Mandate? war, daß England die syrische Bevölkerung auf ein höheres Niveau bringen und sie lehren soll, sich selbst zu regieren: aber nicht, sie für immer zur Selbstregierung untauglich zu machen. Das ist eine Frage, die das ganze Christentum interessiert. Das eine steht fest: Wenn England das Mandat, bas ihm im nächsten Monat übergeben wird, nicht klug und gerecht versteht und yerwallct, nnrd ein furchtbarer Wirrwar in Palästina entstehen.' Die arabische Delegation unb bic Re 11 u 11 o n des englischen Oberhauses. Dich immer in London weilende palästmenftsch-arabische Deletion drückte in einer der Presse übergebenen Erklärung über s Resultat der Oberhaus-Debatte und über die Annahme r gegen den Entwurf des Palästina-Mandates gerichteten rsolution ihre Genugtuung aus. „Wir haben das Gefühl — ißt es in dieser Erklärung — „daß die Abstimmung daS wirkliche >rz Englands veranschaulicht. Sie bestätigt uns, wav wir iserem Volke in Palästina schon bald, nachdem wir nach aTahS Innen <* *«;•>TiftPlt: nämlich. dast ba?1 Gefühl von .Wiste, was Du Deinem Gegner zu erwiöern hast"! (Sprüche der Väter ll 19) Eingedenk dieser Mahnung unserer alten Weis-?!, u knic «g den Lesern dieses BlcrtteS folgende Zusamineiich'-umg: 1. Pharisäer. Eine ausführliche Erörterung der Frage, welche Bedeutung die beiden Hauptrichtungen der Pharisäer und Sadduzäer für das jüdische Volksleben zur Zeit Jesn hatten, ist hier nicht geplant, sondern es gilt, Front zu machen gegen die unbegründete Behauptung, die dem Schriftenkreis des Neuen Testaments entstamnien, daß die P h a r i s ä e r aus h e r s ch - süchtigen und heuchlerischen Männern zusammengesetzt seien. So hat sich bis heute die sprichwörtliche Redensart von pharisäischer Heuchelei, pharisäischem Dünkel und pharisäischem Hochmut erhalten. Die lange Dauer berechtigt nicht zu der Annahme ihrer Wahrheit. Weil die Pharisäer damals daS Judentum repräsentierten, so versuchte die neuerstand.ene Tochterreligion die alte Mutterreligion zu verleumden und herabzuwürdigen. In Wahrheit waren die Pharisäer von echter Frömmigkeit durchdrungen, wie auS den Sprüchen der Väter deutlich zu erkennen ist, denn die Tradenten, die Ueberlieferer der Sittenlehrrn, waren die vielverleumdeten Pharisäer. Der Name ist abzuleiten von parasch absondern, weil sie gewissermaßen eine Scheidewand gegen da» Heidentum bildeten, um dem Einfluß von dieser Seite Widerstand zu leisten. (Wenn andere da» Wort von parasch --- „erklären", „auSlegen" ableiten, so liegt die Jbeenverbindung zwischen den beiden Deutungen nahe). Den Pharisäern haben wir den Fortbestand deS Judentums und seine fortschreitende Entwickelung zu danken. Wer will eS leugnen, daß eS auch unter ihnen Scheinheilige gab? Air bekämpfen nur die Verallgemeinerung. Der Talmud selbst geißelt diejenigen Pharisäer, bereu Gesinnungen und Handlungen mit ihrer angeblichen Frömmigkeit im Widersvruch standen. (Zu empfehlen: Das pharisäische Judentum v. R.> Tra verS Herford, B. «. Leipzig. Verlag v. Engel 1913). Siehe auch Martin Schreiner, Was lehrten die Pharisäer? (Jhrb. f. jüd. G. u. B. 1899) und I. E l b o g e n. Die Religionsanschauunqen der Pharisäer (Berlin 1904). Vor allem: Lazarus. '^ie Ethik deö Judentums. Bd. I 1298, Bd. II 1911. 2. Die AuSerwähttheit Israels (B'chira) Der spöttischen Bemerkung vom „auserwählten Volke" begegnen wir tagtäglich in allen möglichen Zeitschriften und Büchern. Was bedeutet uns der Begriff „AuSerwäbltheit"? Eine geschichtliche Tatsache (siehe 2. y. M. 19,5, und 5 V. M. 7,6), die in unS daS Gefühl schwerer Beranttvortlichkeit für die uns obliegenden Lebensaufgaben erwecken und schärfen soll: kurz, wir sollen, — d. h. jeder einzelne von uns — K i d v n s ch haschem üben, indem wir ims bemühen in Handel und Wandel, durch unser ganzes Auftreten, anderen als Vorbild zu dienen. Wir in der großen Minderheit (siehe 5 B. M. 7, 7) müssen alles vermeiden, was an C h i l l u l haschem, Entweihung des göttlichen Namens, grenzt, denn sonst zeigt man mit Fingern auf die Gesamtheit und macht sie für die Tat der einzelnen verantwortlich. DaS geschieht bei den Bekennern der christlichen Religion nicht. Es wird nun einmal unS gegenüber mit zweierlei Maß gemessen. S. Nächstenliebe ober allgemeine Menschenliebe. Das Gebot findet sich S. B. M. 19, 18: Lieb« Deinen Nächsten wie dich selbst! und im Neuen Testament — nach Luthers Uebersetzung — Matth. 82, 39; Marci 12, 31 mit dem Hinweis auf unsere Bibelstelle. Die Bekenner der christlichen Religion lehren, daß da» Christentum zuerst die allgemeine Menschenliebe gepredigt habe, während tm Judentum daS Gebot sich lediglich auf die Volksgenossen erstrecke. Das hebr. rea (Nächster) heißt im allgemeinen: der andere so 1. B. M. 11, 3; 15, 10 usw. 2 B. M. 11, 2 (hier ist unter rea der Egypter zu verstehen) usw. Nun heißt es aber ausdrücklich S. B. M. 19, SS: „Wenn ein Fremdling bei dir in eurem Lande wohnen wird, den sollt ihr nicht kränken. Tr soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und syllst ihn lieben», wie dich selbst, denn ihr seid auch Fremdpinge gewesen im Egyptenland, ich bin der Herr euer Gott. — Es sei aber auch auf folgendes Moment hingewiesen. Bon unserer Seite kann vetont werden, daß sich, die Deutschen für das biederste Volk halten, die Franzosen sich als edelste Ration bezeichnen, der Franzose von perfiden Albion spricht und daß die Engländer den Deutschen und auch umgekehrt nicht lauter Erfolg und Glück wünschen. Sie alle letzen sich über.daS moralische Bedenken hinweg, daß sie die Mitmenschen nicht ganz wie sich selbst lieben, aber den Juden -egenüber — wie schon oben bemerkt —Jtntb lit 'weierlei Maß gemessen. Den Juden wird vorgeworsen, das; sic nicht gegen alle Menschen Liebe üben, während den Juden gegenüber nichts von Liebe zu merken ist. (Siehe Gn de mann: Nächstenliebe, Men 1890. — Hermann Code n. Die Nächstenliebe im Talmud. Marburg 1888.) 4. Nniversalttmn». Christliche Gelehrte und ihre Nachtreter iprechcn von um National- oder Stammesgott des jüdischen Volkes, in vorurteilsfreier und namhafter Vertreter der alttestamentchen Wissenschaft Geheimer Tonsistorialrat Professor Dr. >. Eduard König in Bonn bezeichnet diese Auffassung mit willkürliche Verdrehung des alttestameutlichen lrundgedankens." (Siehe dessen Schrift (die die weiteste Verleitung verdient): „Wie weit hat Delitzsch Recht?" Berlin 921). Schon das erste Wort der Bibel zeugt für die nniverckistische Tendenz: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde", ttr verweisen auf das Gebet, daS der König Salomo bei der inweihung des Tempels verrichtete (Könige I 8, 41 uff), wo * heißt: aber auch auf den Fremden, der nicht von deinem tolle Israel ist-höre du im Himmel, der Stätte deines ützeS, und tue alles, um was der Fremde zu Dir ruft." Eine wleranz, wie sie selbst in unseren Tagen nicht gepredigt, gehweige geübt wird! Oder auf die Stelle Jesaja 56, 7: „Mein »au»soll ein Bethau» für alle Völker genannt werden. ES ist hier nicht möglich, aus alle bezüalichen Stellen in den iröphete« und Psalmen usw. hinzuweisen. Wir schließen ns den Worten Dr. Köhlers an (Grundriß einer systematischen Rheologie deS Judentums Leipzig 1910 S. 291): „Zu tief hat ch btm jüdische Voll fett mehr denn zwei Jahrtausende in da» Kulturleben der Völler, unter die e» versprengt worden, einelebt, um je eine exklusive nationale jüdische Kultur zu schaffen, tur sein eigentümlich religiöser Geist ist ihm geblieben, der in tten Länder« und Kulturen sich ferner zu bewähren und zu etätigen hat, bis er auf der ganzen Erde das Gottesreich auferichtet hat. «von engherzigem Denken zeugen Begriffe und Sorte wie: Deutscher Gott, christlicher Staat und kein Hei! ußer der christlichen Kirche. - Dr. M. Spanier (Magdeburg).

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