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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-07-07 · 27 (7.7.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
27 (7.7.1922)
Date
1922-07-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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t •( O 5 1!* NätiöüülifiSn fittb trage» Me Unerbittlichkeit Misere- Ree." <pt. Seligmann in d«r Vevtsuhrv-OLober. Rimuncf ixt Zeitschrift „Liberal«» Inden« tmnim) 3» seinem in der erweiterten Borftand-sitzung am 36. Mai 1920 erstatteten Geschäftsbericht sagte unfern Vorsitzender Heinrich Stern u. a.: Jeder wisse, baß Me begeistertsten Kreise der Nationaljnden auS indifferentst» Kreisen stammen. Dies zeige, daß die religiöse Indifferenz dem positiven Ideale des Zionismus kritiklos unterliege. Nur eine positive jüdische Weltanschauung gebe Gewähr dafür, daß nicht der größte Teil der deutschen Juden in den Strudel des Nationalismus hereingezogen werde. Diese Weltanschauung könne aber nur für einen ganz begrenzten Teil die orthodoxe sein. Dem liberalen Judentum also werde die Aufgabe zufallen, durch Schaffung eines in sich gefestigten positiven Judentums die nationalistische Welle zu überwinden. Dies ist das wahre Gesicht des jüdischen Liberalismus. Ueberwindung des Nationalismus durch Entwicklung der religiösen Persönlichkeit. Wie könnte es auch anders sein? Der jüdische Liberalismus ist religiöser Natur, er will das Judentum erhallen durch Vertiefung und Verinnerlichung des religiösen Empfindens. Wer aber sein Judentum als persönlich ste Wahrheit in seinem Herzen erlebt, der braucht keinen Tempel in Palästina, und wem der messianische, weltumfassende Gedanke des Judentums in seiner ganzen Erhabenheit aufgegangen ist, dem erscheint das Bestreben, ein bestimmtes Ländchen künstlich wieder -um Mittelpunkt jüdisch-kulturellen und jüdischreligiösen Lebens zu machen, eng und ungeistig. _ (Schluß folgt.) Sott «erkennen". Von Rabbiner Dr. G o t t s ch a l k, Posen. Eine der beliebtesten Behauptungen in unserm Kreise ist diejenige, daß unsere Religion der „Erkenntnis" eine grundlegende Bedeutung beimißt; grundlegend in dem Sinne, daß „Gott erkennen" zur Folge hat: ihn lieben, fromm werden und religiös. Und immer meint mün die Erkenntnis des Geistes, im weiteren Sinne die Religionsphilosophie, immer das Verstehen, Grübeln, Begreifen. Cohen hat ein ganzes Buch auf dieser Theorie ausgebaut. Er ist gradezu verliebt in diesen Gedanken, und aus tiefster Ueberzeugung prägt er die Sätze: „Biel wichtiger als das Wort von dem Legen der Lehre in das Innere ist diese praktische Norm für die Religion und Sittlichkeit der Zukunft: die Erkenntnis Gottes als das Gemeingut aller." „So wird durchgängig in der Erkenntnis die Gesinnung begründet, m dem Geiste daS Herz." „So beruht der Seelenfrieden auf einem Frieden der Vernunft." Fragt man sich aber, ob man diese Sätze als Ausfluß jüdischen Geistes anerkennen kann, so wird man zu dem Ergebnis gelangen: umgekehrt grade sind sie richtig und in ihnen das Wesen unserer Religion aufzeigen wollen, heißt: deren Kern, ihr Eigenste-, ihr Unsterbliches in das völlige Gegenteil verkehren. Eine Religion der Seele ist unsre Religion, aber nicht eine Religion der Vernunft. Das heißt natürlich nicht: eine Religion der Unvernunft; heißt nicht: daß nicht wirklich geistiges Erkennen und weiterhin also Philosophie von unserer Religion verlangt und geschätzt wird. Mer es heißt: daß die „Erkenntnis" der Bibel, ihre „Gotteserkenntnis" also, sie, welche unsre Religion geboren, sie, die einen Mose und alle anderen Propheten zu Genies der Religiosität gemalt — gar nicht Erkenntnis des Geistes ist, sondern immer nur die Erkenntnis der Seele. Weshalb man eis aber bisher gern anders gelesen? Weshalb der Streit „Vernunft oder Gefühl" erst fetzt in unsren Reihen vrm Ausbruch gekommen? Weil man die Stellen, auf die es ankommt, ganz einfach in irrtümlichem Sinne gefaßt, weil man das Wesen unsrer Großen an einer falschen Stelle gesucht. „Voll sein wird die Erde der Erkenntnis Gottes .. „Denn aNe, von Groß bis Klein werden mich erkennen .. „Heißt das nicht mich erkennen?' spricht der Ewige." Bedeutet das denn wirklich Gott geistig erkennen und nicht vielmehr ihn seelisch erleben? Heißt das denn wirklich, Gott grübelnd erfassen und ihn etwa philosophisch verstehen? Oder zeigt nicht der Zusammenhang grade, daß nur ein solches Erleben gemeint ist und darin allein die „Erkenntnis" besteht? Und ist denn das nicht durchaus der Eindruck, den wir von unsren Propheten erhalten, von ihrer Berufung, von ihrem Wirken? Sind sie nicht grade dadurch Genies, daß sie als Genies der Seele dastehen? Und wäre eS anders möglich gewesen, von einer allgemeinen „Erkenntnis" zu träumen? Wäre es nicht gradezu Unvernunft, für jedermann ohne Unterschied eine Religion der Vernunft schassen zu wollen und von dieser das zukünftige Heil zu erwarten? Ist nicht die Seele allein imstande, diese allgemeine Instanz zu sein, weil das G e f ü h l für gut und für böse auch in dem beschränktesten Geist wach sein kann. Nein, alle die Stellen, an denen in der Bibel Gott „erkannt" wird oder in Zukunft „erkannt" werden soll, sie bedeuten nichts anderes als: ihn seelisch erleben. Und das ist heut wieder unsre Religion und das ist der eigentliche Sinn des Rufes: „Zurück zum Gefühl", als der wahren Quelle, aus der unsere Religion hervorgestrtzmt ist. Und im Gegensatz zu Cohen sehen wir heute in der Lehre im Innern die „Erkenntnis" Gottes, begründen wir i m Herzen grade den Geist, und beruht unser Seelenfrieden nur auf dem Frieden unseres Gefühls. Aber freilich erhebt nun der Liberalismus auch hier wieder seine Forderungen. Er bleibt jüdisch, wenn er zum Urquell zurückkehrt, aber er bleibt sich gleichzeitig selber treu, wenn er seinen Gott nur noch dort verehrt, wo er Ihn heute zutiefst erlebt, und wo er ihn heute allein erlebt — nämlich in sich und im andern Menschen. Denn u n f ü h l e n d ist die Natur", und „weil das Glück in seiner Tonnen die Geschicke blind verstreut." Es hat keinen Zweck, sich davor zu verschließen, daß ein großer Teil unserer heutigen Liberalen Gott n u r noch in dieser Weise „erkennt" und mit dieser „Erkenntnis" Jude sein will. Und ich bin glücklich, bezeugen zu können, daß man mit der Predigt I solcher Religion nicht nur keinen Frommen aus dem Tempel verjagt, sondern gar viele wieder zurücksührt — und nicht zuletzt unsre suchende Jugend. Als Erlebnis der Seele — und nur der Seele — erklären wir darum heute: Gott „erkennen". E. 0n aller Kürze. Sofort nach der Uebernahme Oberschlesiens durch Polen hat in Kattowitz die Judenhetze begonnen. Die Kattowitzer Presse veröffentlicht blutrünstige Hetzartikel, die bereits zu wilden Exzessen geführt haben. Der Sejmabgeordnete Weinzieher intervenierte beim Minister des Innern, der den telegraphischen Befehl erließ, sich den antijüdischen Exzessen mit allen Mitteln entgegenzustellen. * * * In Magdeburg hat der Magistrat unter dem Eindruck der Ermordung Rathenaus beschlossen, Straßen umzubenennen. ü. a. wurde eine Straße nach Waller Rathenau und eine nach Mbert Einstein benannt. * * * Der neue Minister für Bolksaufklärung in Ungarn hat den bisherigen Sekretär seines Ministeriums mit der Begründung entfernt, daß seine offene antisemitische Politik mit der Anschauung der gegenwärtigen ungarischen Regierung nicht in Einklang zu bringen ist. Der Vorsteher der Kirchenmissionen für Me Jude» in Polen teilt mit, daß es ihm gelungen ist, eine große Anzahl Juden zur Taufe zu veranlassen. Unter den Getauften sollen sich ein Rabbiner mit feiner Familie, sowie einige andere gelehrte Juden befinden. Der Bischof Bury schreibt über seinen jüngsten Besuch in Warschau, er habe 26 jüdische Christen eingesegnet, die Zahl der Warschauer Juden, die zum Christentum übergetreten sind, sei zurzeit recht beträchtlich. Wenn das Polens Kulturmission ist! * * Der unter fälschlichem Verdacht deS Rttualmordversuches verhaftete 71 jährige Engel in Wongrowitz wurde aus der Untersuchungshaft entlassen, nachdem sein Sohn die erforderlich^ Kaution von 2 Millionen polnischer Mark hinterlegt hat. * * * Der gegenwärtig in Warschau weilende Delegierte der JCA, Leonhard Montefiore, besuchte das jüdische Departement beim polnischen Kultusministerium, um sich über die Tätigkeit dieser Behörde zu informieren. * j Unter dem Vorsitz des Herausgebers der New Porter „Times" ist ein großes aus angesehenen amerikanischen Juden zusammengesetztes Komitee zusammengetreten, welches die 1923 in New Uork stattsindenden Feierlichkeiten aus Anlaß des 50 jährigen Bestehens der Reform-Tempel-Bereinigung vorbereiten wird. * * * Deutschland macht gegenwärtig große Anstrengungen, um im palästinensischen Handel Fuß zu fassen. Ein Dampfer verkehrt regelmäßig einmal im Monat zwischen Hamburg und Jaffa oder Haifa. Nach dem Programm der deutschen Levantelinie soll jede Woche ein deutscher Dampfer die palästinensischen Häfen anlaufen. * * * Die Bereinigung amerikanisch-zionistischer Aerzte hat im Laufe des letzten Jahres für die medizinische Fakultät der hebräischen Universität in Jerusalem rund 400 000 Dollar gesammelt. Eine Kommission der Bereinigung wird sich demnächst nach Palästina begeben, um die Eröffnung der Fakultät in die Wege zu leiten. Die Kommission wird auf ihrer Reise auch Berlin passieren. ch * * Sir Herbert Samuel, der britische Oberkommissar für Palästina, hat sich am 8. Juni nach den: Kontinent begeben, wo er sich kurze Zeit aufhalten wird, um in der zweiten Julihälste nach Palästina znrückzukehren. ch ch * Die rumänische Regierung hat mehrere, auf rumänisches Gebiet gebrachte Kisten Gold und zahlreiche andere Wertgegenstände, welche die Räuber- und Pogrom- - banden den Juden in der Ukraine geraubt hatten, konfisziert und den Wert dieser Schätze auf das Konto der 'russischen Schuld an Rumänien gebucht: Non ölet. ch ch * Im Laufe der Untersuchung gegen die Mörder Rathenaus hat sich ergeben, daß eine weitverzweigte Verschwörung angezettelt war, unr eine große Reihe sühren.der deutscher Inden mnzubringen. Immer neue und schreckliche Einzelheiten der völkischen Verrohung werden bekannt. lvle man RntlMll)!lMe hehle. Berlin. In den Parlamenten wie in der Presse werden fortgesetzt Stimmen laut, die den Mord an Walter Rathenau mit der maßlosen antijüdischen Hetze rechtsstehender Kreise in Verbindung bringen. Im preußischen Abgeordnetenhaus sagte der sozialistische Abgeordnete Heilmann: „Eine frivole Judenhetze, die durch die Freisprüche der Gerichte unterstützt wurde, hat den Glauben entstehen lassen, daß jüdische Staatsmänner vogelfrei sind." Mgeordneter Hcilinann O die geborene Tugenöreich. Ein Großstadtroman von OSkar Jon» Miltman» (38. Fortsetzung.) - Schließlich fand sich Theodor Sachs sogar bereit, die Pflegschaft über beide Kinder zu übernehmen, als Regina ihm auf KrauSnickers Rat einen ihr zugegangenen Gerichtsbeschluß über die Notwendigkeit der Bestellung eines Vormundes vorwies. Kein Wunder, daß seitdem seine gelegentliche Frage: „Wie macht sich mein Mündel?", auf den Prinzipal der Firma Fuchs und Freitag noch eine Nuance kräftiger wirkte und auch daS fürstliche Gehalt der schon gebuchten fünfzig Mark auslöste. DaS hätte nun ewig so weiter gehen können mit der Kontorarbeil, der Gehallssteigerung, dem Wege inS Geschäft und nach Hause, und — was wollen wir uns täuschen — ist vieler Menschen Los wesentlich anders bestellt? Wer das Mnnilein war doch zu höherem auserkoren, und die einst zu Papier gebrachten Abschieds- Wünsche der nie gekannten Großmutter Mchele reiften empor aus dem Grabesdunkel. In Heidelberg und München hatte inzwischen ein K Ter seine Semester ousstudieret und kehrte mit der Doktorwürde rite geschmückt inS Land der nordischen Spreebewohner zurück. War auch die Theologie nicht mehr sein Teil, so hatte doch der srischgebackene Magister der freien Künste die semitischen Sprachen weiter mit Eifer betrieben. Er schwamm in Wonne, als ihm am WjchiedSabend nach schwungvollem KommerS die BundeSbrüder in die zweite Klasse des Berliner D-Zuges setzten und aitdauernd als ihren lieben A. H. Schampus hochleben ließen.' Tiefbewegt und geziemend mitgenommen konnte der Gefeierte seine Gefüble noch schnell zur anderen Fensterseite retten und dort in schwungvoller I Form zum Ausdruck bringen, die durchaus Uebung und Vertrautheit verriet, aber den „kiniglich boarischen Wägenwascher" bei späterer Okularinspektion unangenehm berührte. Doch es ist zuviel verlangt, daß einer Äles für sich behalten muß, denn wir leben doch in einem freiheitlichen, verfassungsstarken Lande, und der bierliebende Toni Niederbcrger soll zufrieden sein, daß Maxens Wehmutsgruß ihm nicht peinlicher auffiel. In neu erstarkter Siegerstimmung landete der junge Gelehrte — das h besteht doch zu recht — im Morgensounenschein in Berlin und es kümmerte ihn wenig, daß sein Geldbeutel nicht einmal für die Droschkenfahrt vom Anhalterbahnhof nach Hause reichen würde. Er dirigierte geschickt -den Wagen vors Geschäft in die Klosterstraße, wo es mehr und heute für ihn nicht nur Kutschergeld gab. Erhobenen Hauptes betrat Max das Kontor und stand — vor Minni. Dem Briefumschlag an Herrn Lippmann, der uns als Treuhänder des Tugendreichschen Srlberschatzes vielleicht noch im Gedenken ist, bekam die begreifliche Ueberraschung des Fräuleins Witt nicht gut, und auch die daneben liegende „Faktura" wurde durch kräftige Tintenspritzer pöpierkorbreis. In begreiflich freudiger Erregung übersah Jonas dieses doppelte Delikt, denn wenn man seinen heimgekehrten Sohn väterlich küßt, darf daS Geschäft schon in den Hintergrund treten. Mit großem Staunen maß Minni diesen stummen Begrüßungsakt und ihre Augen wurden feucht, weil der urplötzlich Erschienene auch in ihrem Herzen süßes und klagendes Empfinden erweckte. Glücksgefühl und Freude bewegten ihr Gemüt, daß sie Max wiedersah, dem lange Zeit ihr Erinnern kaum gegolten hatte. Aber banges Ahnen beunruhigte das Mädchen, denn er stand! bier in einem Kreis, wo sie ifm nie vermutet hatte. und in ihre Seele doch die Scham des Proletarierkindes, das auch mit den Augen die Anteilnahme an der Welt der Reichen nicht zu fordern wagt. Mutlos und verstimmt senkte sich das blaß gewordene schöne Haupt tief über die Arbeit, und die schlanke zarte Hand formte wieder Buchstaben und Ziffern. Inzwischen hatte sich zwischen Vater und Sohn alles Erforderliche ergeben, und angesichts seines engere,r Stabes las Jonas indem er den stets widerspenstigen Kneifer auf der Nase zurechtrückte halbleise andachtsvoll und triumphierend zugleich die laut Tradition seinem Sohne von der Verbindung dedicierte Visitenkarte: „Dr. Phil. Max Rosenthal". Diese längliche Betrachtung und Würdigung unterbrach der nun als Brennpunkt vielfacher Bewunderung glänzende Max mit dem nervösen Hinweis: „Papa, Du mußt meine Droschke bezahlen; ich habe kein Geld!" „Der Sohn von Jonas Rosenthal hat immer Geld", antwortete in bester Laune der Chef der Firma Fuchs und Freitag. „Wenn sein Vater ihm etwas gibt", sekundierte Max. „Jetzt weiß man doch schon wofür!" stellte JouaS fest, dann sagte er: „Nun werden wir deine Mutter vorbereiten, ich bin kein Freund von Ueberraschungen. Ich werde telefonieren und dann wollen wir rüber gehen. Bist du'doch wenigstens etwas geworden!" Nach solchen Reflexionen gab er endlich Minni den Auftrag, die wartende Droschke zu bezahlen, deren Kutscher übrigens mit gesunder Ruhe auf seinem Bocke döste und unbekümmert um das Toben der vereinigten Bartzschen und Warmuthschen Rollkutscher sich als Verkehrshindernis fühlte. Wenn nur die Taxe wciterhuppt, ist das Dogma dieser Gilde, dann kommt man auch im Stehen vorwärts. (Fortsetzung folgt.) V

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