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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-07-07 · 27 (7.7.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
27 (7.7.1922)
Date
1922-07-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Vü ii ü U «J »»">« 'I WWWWMI^^WMWWWWWWWWWWWMWWNWWWWWWWMWWWPMWM f Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. V »-AugBprel« Vur« di» «rf«aft<ft»N» '/.I«d»Nch NN. w.- <rtNK»lnummer. „ wo Mir die MtigNeder der Bereinigung ist der Bezugspreis im NNtgNevsbeitrage indegriffen. BuzelgenpreiS: Die s>/, cm breite SMMmeterzeil» OKI. s.— FomlNenanzelgen OTlf.1.50. Lei Wiederholung ckrmvtzlg. Die „Jlldisch-ttberale Zeitung*' erscheint sedenFreitag und mit zwei monat- Nchen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum*' und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Mdisch-Nberaler Jugendderetne". Nr. 27 + 7. Zull 1922 Nevaktion: Berlin W8, Ntouerstr.22 (Derelniguag fite da« liberale Judentum e. B.) Fernruf: Amt Zentrum lti weschiift«stelle u. Angetgenannadmer Brecklau r» Neue Sroupenstr. 7, Buchdrucker»» LH. Schatzkg a.nJt.94 Fernruf: Amt Nlng 4« u«b «Sov. Silmtllch» Zahlung»«, Postscheckkonto Breslau 37 der Fa. Th. Schastkg S.m.bch. Der heutigen Ausgabe liegt Ar. 7 des „Liberalen Judentums" bei. Eta liberaler üeutfcher Ju-ezu öea -üüischen Problemen. Bon RechtsamwM Dr. K a h e n st e i n . Bieleftld. Es wird uns Juden heutzutage wahrlich nicht leicht gernacht, uns zwischen all den uns umdrängenden Pro- Kernen zurecht zu finden. Gerade für den, der ehrlich nach Wahrheit und Erkenntnis sucht, dem billige Schlagworte nicht genügen, ist der Weg schwierig und voller Hindernisse. Mer sie dürfen nicht schrecken; nie war eS notwendiger als jetzt, zur Klarheit zu gelangen und Stellung zu nehmen. Im folgenden will ich versuchen, auch meinen Teil zur Klarstellung beizutragen. Mich leitet dabei der Gedanke, daß nur größte Offenheit und Ehrlichkeit — gegen uns selbst und gegen andere — uns weiter bringt. Vieles von meinen Anschauungen wird hier oder dort Anstoß erregen — des bin ich gewiß. Run wohl, so mag man mich bekämpfen, aber ich verlange, daß man meine nicht leicht errungene Ueberzeugung achte. Daß die Welt überhaupt noch eine Judenfrage kennt, ja, daß wir da sind und uns Juden nennen, ist gewiß eines der größten Wunder der Weltgeschichte. Wo sind alle die stolzen Völker geblieben, die einstmals die Kultur vieler Jahrhunderte bestimmt und die alle in der Geschichte des jüdischen Volkes eine bedeutsame Rolle gespielt haben, die Aegypter, Babylonier, Griechen, Römer, Araber? Ihr Name gehört der Vergangenheit an, ihre Kultur ist verschollen, aber das Judentum lebt und treibt immer frische Blüten. Auch der jüdische Staat ist einmal blutig zerstört worden, aber trotz aller Drangsale und Erfolge, denen die Juden in der Zerstreuung durch fast zwei Jahrtausende ausgesetzt gewesen sind, leben noch immer 15 Mllionen Menschen, die sich Juden nennen und das Bewußtsein gemeinsamer Abstammung und geschichtlicher Verbundenheit bewahrt haben. Wir stehen hier vor einer Tatsache, die stärker ist als alle Begriffsbestimmungen und Auslegungen, und diese Tatsache, diese Wirllichkeit des „Ewigen Juden" hat etwas Unheimliches und tief Ergreifendes zugleich. So muß man es verstehen, wenn immer wieder und bei allen Völkern das Fortbestehen der jüdischen Sonderart als störend und anstößig, ja geradezu als gefahrdrohend empfunden wird. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die immer vorhanden gewesene Mneigung aller Völker gegen das Fremde ganz wesentlich dazu beigetragen hat, die Juden in der Zerstreuung als Gemeinschaft zu erhalten. Man beobachtet ja auch heute, daß die Juden sich überall da am stärksten absondern und zusammenschließen, wo die Umwelt am meisten von judenfeindlichen Gefühlen beherrscht wird. Aber die Erhaltung des jüdischen Stammes ist damit noch nicht erklärt. Sie wäre trotz allem nicht möglich gewesen ohne die Antriebe, die in der Seele des jüdischen Menschen zu suchen sind. Bewußt oder unbewußt lebt in jedem Juden das Gefühl der Unzerstörbarkeit des Judentums. Der Gedanke, daß es nach einer nach Jahrtausenden zählenden Vergangenheit einmal keine Juden mehr geben könnte, ist ihm kaum vorstellbar, und hiermit verbindet sich bei den meisten die messianische Idee von hohen geistigen und sittlichen Werten, zu deren vornehmstem Träger das Judentum in der Zukunft berufen ist. Auch nach dieser Erllärung bleibt die Existenz des Judentums nicht weniger ein Wunder. — Run aber sieht sich jeder Jude vor die Frage gestellt, wie er mit der Tatsache seines Judentums die nicht weniger sichere Tatsache vereinigen soll, daß die Juden längst ihre nationale, sprachliche und kulturelle Gemeinschaft verloren haben und zu Angehörigen anderer und zwar der verschiedenartigsten Kulturgemeinschaften geworden sind, mit denen sie sich oft — wie in Deutschland — auch innerlich aufs Tiefste verbunden fühlen. Sind die Juden einig in der Treue zur angestammten Gemeinschaft? — hier trennen sich ihre Wege. Die einen, unter dem starken Eindruck des weltgeschichtlichen Verlaufs, sehen in der Eingliederung des alten Stammes in die verschiedenen Staaten nur etwas zeitlich Bedingtes. Aber auch die durch den Zwang äußerer Verhältnisse erklärte gegenwärtige Verschiedenheit der Juden in sprachlicher und kultureller Beziehung erscheint ihnen unwesentlich gegenüber den von ihnen als erwiesen angenommenen Tatsachen der Bluts- und Art gemeinschaft. Für sie sind alle Juden der Welt auch jetzt noch ein VoR, und an dieser ihrer Auffassung wird kein wissenschaftlich oder logisch geführter Gegenbeweis etwas ändern; denn es handelt sich hier, neben allen Theorien, doch zweifellos auch um eine aus seelischen Urtrieben genährte geistige Bewegung. Diese Jüdisch-Nationalen mögen alle ihre Staatsbürgerpflichten getreulich erfüllen, sie mögen auch ihre deutsche Muttersprache, in der sie ja scklber denken, und die deutsche Kultur, der sie daS beste ihrer Bildung verdanken, aufrichtig lieben, aber über alledem steht ihnen doch der Wille zum jüdischen Volke, daS Streben nach Neubelebung echten jüdischen Vollslums in der ganzen politischen und kulturellen Tragweite des Wortes. Allerdings hat nur ein Keiner Teil der so Denkenden auch die Absicht, ganz im jüdischen Bol stum anfzugehen. Die meisten begnügen sich — wohl ohne den inneren Widerspruch klar zu empfinden — mit einer stark betonten Pflege jeder jüdischen Sonderart, einer künstlichen Neuerweckung der hebräischen Sprache und nationalen Sitten, und mit der Betätigung jüdisch-völkischer Gesinnung gegenüber den ausländischen „Brüdern". Es ist zwecklos, die Anhänger dieser Richtung durch Gründe von der Unrichtigkeit ihrer Auffassung überzeugen zu wollen, denn, wie schon gesagt, der Nationalismus ist eine Sache nicht des Erkennens, sondern des Willens. Zumal die gegenwärtige Zeit, die nicht nur eine neue Hochflut des Antisemitismus, sondern auch dem Zionismus ungeahnte politische Erfolge gebracht hat, ist nm dazu angetan, die Werbekraft des jüdischen Nationalismus, besonders unter der leicht entzündbaren Jugend, zu erhöhen. Was aber not tut und zwar dringend, ist eine klare Scheidung. Wir anderen müssen nm offen und ohne Scheu vor nationalen Verunglimpfungen es aussprechen, daß und warum wir anders sind. Auch w i r fühlen und wissen es, daß alle Juden der Welt ein Band umschlingt, das aus gemeinsamer Mstammung, gemeinsamen geschichtlichen Erinnerungen, gemeinsam uns umgebenden Bomrteilen und gemeinsamen Bedrohungen gewoben ist. Wir erkennen daher an, daß es für den in glücklicheren Verhältnissen lebenden Juden Verpflichtungen gibt gegenüber den verfolgten und bedrängten Stammesgenossen anderer Länder. Insbesondere auch werden rein religiöse Interessen uns mit ausländischen Juden verbinden, wenn es auch hier schon manchmal Unterschiede der Anschauungen gibt, die schlechterdings unüberbrückbar sind. Aber über diese Bindungen hinaus gibt es für uns keinerlei Gemeinschaft mit den einer ganz anderen Kultur angehörenden Juden des Ostens: er ist uns ein Volksfremder, und auch der englische und französische Jude ist uns schlechthin ein Ausländer, dem wir im allgemeinen, wo nicht jüdische Gemeinschaftsinteressen religiöser oder humanitärer Art auf dem Spiele stehen, nicht anders begegnen als jedem anderen Franzosen oder Engländer. Auch innerhalb der deutschen Vollsgemeinschaft wollen wir nicht etwa in Abgeschlossenheit eine Sonderkultur pflegen, sondern ohne Einschränkung und ohne Hintergedanken Glieder des deutschen Volles sein. Man halte uns doch nicht entgegen — wie es auch von jüdisch-, nationalistischer Seite geschieht — daß die christlichen' Deutschen uns doch selbst gar nicht als Volksgenossen anerkennen. So allgemein trifft das in dieser Schärfe gewiß nicht zu. Wohl ist die Zahl der Mitbürger, die dem Juden ohne jedes Vorurteil begegnen, auch heute leider noch recht gering und eine gesellschaftliche Trennung macht sich fast überall bemerkbar. Mer was hat denn die Denkart der anderen mit der Tatsache unseres Deutschtums zu tun. Wenn ich meine deutsche Heimat, in der die Gebeine meiner Vorfahren seit vielen Jahrhunderten ruhen, über alles liebe, wenn der Zauber des deutschen Waldes mein Gemüt durchdringt, wenn der Anblick alter deutscher Städte mir das Blut erwärmt, wenn ich in den Schriften deutscher Dichter und Denker das ausgedrückt finde, was mir Herz und Sinn bewegt, ja, wenn die deutschen Sagen und Geschichten mein persönliches Gemüt tiefer berühren als alle Berichte aus grauer, jüdischer Vorzeit, was bedarf ich da der Anerkennung von dritter Seite? Bin ich ein Deutscher von Gnaden der anderen oder aus eigenem angeborenem Recht? Diese Frage ist für mich keine und niemandem, wer es auch sei, erkenne ich das Recht zu, sich in höherem Sinne für einen Deutschen zu halten als ich es bin, oder mir gar mein Deutschtum abzusprechen. Der bloße Gedanke daran erscheint mir lächerlich. Ich zweifle nicht, daß ein sehr großer Teil der deutschen Juden so denkt. Wohl fehlt bei manchen hier noch die nötige Klarheit der Erkenntnis, und es finden sich auch hinsichtlich der jüdischen Zusammengehörigkeit verschiedene Gefühlsabstufungen, aber die deutsche Gesinnung versteht sich doch überall von selbst; das gilt sowohl von liberalen wie von orthodoxen Juden. Die Behauptung des Dr. Max Naumann, daß Deutschtum und Judentum unvereinbare Gegensätze bildeten, daß nur derjenige Jude ein echter Deutscher fein könne, der nichts als Deutscher sein wolle und alle jüdischen Vorstellungen und Bindungen religiöser und sozialer Natur restlos von sich abgestreist habe, zeugt von einer völligen Verkennung der jüdischen Seele. Naumann- Vorstellungen von nationaler Gesinnung und die daran geknüpften Forderungen zeugen überdies von einer bedauernswerten politischen Ahnungslosigkeit. Die Gedankengänge die diese „nationaldeutschen" Juden vertreten, beweisen im Grunde gerade das Gegenteil von deutschem Selbstbewußtsein; mit ihrem Haschen nach Anerkennung in den „gutgesinnten" Kreisen rufen sie — da hilft ihnen nichts! — tatsächlich manchmal daS Bild des geduckten Ghetto-Juden wach. Der großen Mehrheit der deutschen Juden sind deutsch uttb jüdisch keine Gegensätze, sondern, wie ein Prisma verschiedene Farben spiegelt, so entzünden sich in der Seele des deutschen Juden deutsches und jüdisches Fühlen, je nachdem, von welcher Seite die Strahlen fallen. So erklärt es sich, daß wir auch bei deutschester Gesinnung am Judentum festhalten. Nicht immer ist die religiöse Hemmung das Entscheidende. Wir wissen wohl, daß die Ethik des Judentums Gemeingut unseres Kulturkreises geworden ist, und es gibt viele unter uns, deren Vorstellungen über die letzten und höchsten Dinge sich in nichts von der vieler gebildeter Christen unterscheiden; aber gerade weil wir dies wissen, zwingt uns nichts ins andere Lager, und der Unduldsamkeit weicht kein Aufrechter. Doch vor allem: wir haben unS nicht selbst zu Juden gemacht, wir sind als Juden geboren, einzelne Glieder einer Kette, die aus grauer Vergangenheit herüberreicht und in die unbekannte Zukunft leitet. Es ist unser Schicksal, Jude zu sein, so gut, wie es unser Schicksal ist, als Kind einer deutschen Mutter zum deutschen Volke zu gehören. Und so erscheint uns die Abwendung von einer Gemeinschaft, in die wir hineingeboren sind, als ein Frevel gegen die Vorsehung, als ein Unrecht, weil gegen den lebendigen Strom der Entwicklung gerichtet. Und damit ist auch schon gesagt, daß wir deutschen Juden nur eine Heimat kennen und lieben können: Deutschland. Wenn jetzt in Deutschland Juden auftreten, die behaupten, Palästina stelle für jeden Juden einen gewaltigen Gefühlswert dar, so ist das für die Mehrheit der deutschen, ja der westeuropäischen Juden einfach nicht wahr! Wohl verknüpft sich mit dem Namen Palästina für uns die historische Erinnerung an die ferne und große Vergangenheit des jüdischen Volkes und das stolze Bewußtsein, daß Palästina die Stätte war, wo der jüdische Geist die höchsten religiösen Werte der Menschheit geschaffen hat. Aber darum schlägt bei dem Klang des Namens Palästina heute daS Herz keines deutschen Juden mehr höher, sofern er nicht in Selbsttäuschung befangen oder von zionistischer Romantik umnebelt ist? Palästina ist uns ein fremde» Laud> nach dem uns keine Sehnsucht zieht, für das wir weder im religiösen, noch im nationalen Sinne Zukunftshoffnungen hegen. Am allerwenigsten vom Standpunkt des religiösen Liberalismus aus. Und darum ist es mir nicht möglich, zu Ausführungen zu schweigen, die geradezu an den Grundlagen des religiösen Liberalismus rütteln. Es wird behauptet und versucht, durch verschiedene Hinweise und Zitate den Beweis zu führen, daß die Auseinandersetzung mit dem Nationaljudentum nicht zu den Aufgaben der Liberalen Vereinigung gehöre. Ob der deutsche Jude sich jüdischnational betätige oder nicht, damit habe sich das liberale Judentum nicht zu beschäftigen. Die Mitarbeit am Wiederaufbau Palästinas sei mit den liberalen Auffassungen wohl vereinbar. Palästina sei bis heute das Ziel der religiösen Sehnsucht der Juden geblieben, und wir alle müßten wünschen, daß dereinst in Palästina wieder ein jüdisches Heiligtum erstehe. Man fragt sich erstaunt, wie diese Wandlung möglich ist. Als einer von denen, die an der Wiege der Liberalen Vereinigung gestanden haben, erhebe ich entschiedensten Widerspruch dagegen, daß die klaren und reinen Gedanken der einstigen Vorkämpfer der Bewegung so verdunkelt und nmgedeutet werden. Gewiß ist die Liberale Vereinigung nicht gegründet worden, um den Zionismus zu bekämpfen, aber ebenso gewiß war jedem der liberalen Führer klar, daß der Sieg des religiösen Liberalismus die Ueberwindung des jüdischen Nationalismus bedeute. Soll ich aus den verschiedensten Kundgebungen führender Persönlichkeiten Beweise heranholen? will mich aus der Fülle des vorhandenen Materials auf ganz wenige Zitate beschränken: „Ein Judentum als reguläre Nation .... ist uns nicht erstrebenswert. Lieber gar nichts als das. Kompromisse lehnen wir ebenso ab wie die extremen Jugendvereins-Anzeiaeri 90" letzte Sette.

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