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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-06-23 · 25 (23.6.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
25 (23.6.1922)
Date
1922-06-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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An Paris wurde ein allgemein jüdisches, aaS^ Ziomsten und Nichtzionisten bestehendes Keren Hajessod- Kornitee begründet. Der konstituierenden Versammlung wohnten bekannte französisch-jüdische Persönlichkeiten hei. * * * . Die Sozialdemokratie wird diesmal im ungarischen Parlament als stärkste opposittonelle Partei erscheinen, da eS ihr gelang, 25 Mandate zu erringen. Bis jetzt steht die Wahl von 5 Juden ins ungarische Parlament fest. * * * Nach der letzten Statistik befinden sich in Italien Mtd seinen Kolonien ungefähr 50 000 Juden, von denen 12 000 in Rom wohnen. Die Gesamtzahl der Juden in der südafrikanischen Union beträgt rund 60 000. * * m Infolge der Erfahrungen der letzten „Fremdensaison" in der die Touristen vom jüdischen Palästina so gut wie nichts zu sehen bekamen, hat das Departement für Handel und Industrie der zionistischen Leitung beschlossen, einen Kursus für Fremdenverkehr einzurichten. Rur die Bärenführer fehlen noch, sonst ist schon AI l e S in Ordnung.' Der 7verban-stag -er jüdischen Lehrewereine am 5., 6. und 7. Juni in Berlin. (Schlußbericht.) In der zweiten öffentlichen Hauptversammlung berichtet Frtadenthal- Luckenwalde über „Die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation der jüdischen Lehrer und KuUusbaamten^. Den Gegenbericht erstattet Ehrenreich-Forchheim. Daran schließt sich der Bericht von Dr. Höckev-Fmnksurt a. M. Über den „Rechtsschutz der jüdischen Beamten im Deutschen Reich". Alle drei Berichter^atter fordern Organisationen. Welche geeignet sind, dev ideellen und materiellen Notlage der Müschen Lehrer durch Selbsthilfe zu begegnen, nur in der Mechode gehen sie verschiedene Wege. Der zweite Berichterstatter begründet in temperamentvoller Form die Notwendigkeit der Organisation durch erschütternde Beispiele von dem Elend der Kultusbjeamten, die übrigens auch von dem ersten Berichterstatter veigebracht wurden, von ihrer unwürdigen sozialen Stellung, trotzdem ste t« kleinen Genreinben die geistigen Führer sein sollen. Sr fordert Gevechttgk>eit von den Gemeinden unfc von den großen Mischen Organisationen und appelliert zum Schluiss« an die Opferwilligkeit der KultriAbeamten und Lehrer für die Selbsthifse dieser Organisation. Die von der Kommission beschlossenen Vorschläge wurden von dem Verbandstage angenommen. Sie lauten: Gründung eines Fachverdandes der bestehenden Beamtenorgantsattonen unter dem Namen ,Jüdischer Beamtenbund", Anstellung eines besoldeten Geschäftsführers, Mitgliederbeittüge mit jährlicher Staffelung des Prozentsatzes vom Gesamteinkommen, Vertretung in der Ver- Wallung des jüdischen Beamtenbundes nach der Anzahl der Mitglieder der angeschlossenen Vereine, Festsetzung! dev Satzun gen durch je einen Delegierten der angeschlossenen Vereine, Genehmigung der Satzungen durch die Vereine. Für den Lehrerverband wird Abraham-Berlin in dies. SechnnMom- Mifftoa» gewählt. . Es folgte der Bericht StetnhaM-Magdeburg über „Die Gescmrtorgamsation des deutschen Judentum» und die jüdische Lehrerschaft". Zn diesem BeratungSchge;Nstande waren als Vertreter des D. I. G. D. Professor Dv. Kalischer und Dr. Freund-Berlin erschienen. Steinhardt wendet sich vor allem gegen die Ablehnung der Anträge des Lchrerverbcmdes zur Verfassung» der Gesamtorganisaiion auf dem 15. Gemeindetage, gegen die Gewährung der Autonomie an die Gemeinden, wodurch die Rechtlosigkeit der Kultusbearnien verewigt werden mutz, endlich auch gegen die mangelnde Fürsorge, welch« der Lehrer- und Kultusbeamtenstand bei dem D. I. G. D. fordert. Dr. Freund erklärt die Formulierung der von ihm entworfenen Verfassung der Gesamtorganisation aus taktischen Gründen run ihr Zustandekommen nicht zu gefährden. Es entspinttt sich eine längere Aussprache zwischen Steinhardt imd Dr. Freund, die wenn auch nicht zm Einigung, so doch zur Klarheit führt. Die von Steinhardt ausgestellten Leitsätze werden nach einer von Professor Dr. Kalischer und Dr. Paul Nathan gewünschter! Minderung angenommen. DtttzORbeENnche« Wittart die vvkhMllch» vskfaffmm de» Satanbc* der bayerische« Gemeinden, i« welcher all« Wtasche «kd Forderungen de» Mischen Lehar- «nid gutta*, beamtmstlmideverwwklicht worben find. — Den Hkhepmrki der Beratungen beachte die dittt» dssentliche tavptversammümv am Mittwoch, de« 7. Juni. G* haabelte sich um den Schulkamvf, der, wi« kein «Her»», augenblicklich die inner« deutsche Politik und damit auch die Politik de» deutschen Judentum* beherrscht. Ein« dichigedrängte Meng« von Lehrern, Lehrerinnen und Nichtlehrern harrte voller Spannung der Entscheidung, welche di« jüdisch« Lehrerschaft im Gefühle ihrer schweren Verantwortung für bas Schicksal des deutschen Judentum» zu fällen hat. Wir können vorweg unserer freudigen Genugtuung Ausdruck geben: Schwer war ver Kampf, di« Entscheidung' war bis zum letzten Augenblick noch nicht gewiß, die Gegner ließ«», alle Minen springen, aber dank der besseren Einsicht der jüdischen Lehrerschuft Deutschlands hat der liberale Gedanke gesivgt: M i t 2 4 Stimmen der Dole gie rten gegen 16 — nur diese waren nach Satzungen stimmberechtigt — hat sich der Verbandstag grundsätzlich für die Gemeinschaftsschule ausgesprochen. — Das Referat hielt Lehrer Goldschmtbt-Dorttnund: „Das Reichsschulgesetz und die jüdische Volksschule" Sein ruhig abwägendes, auch dem Gegner gerecht werdendes Referat, das alle bei der Frage in Betracht kommenden Umstände im Sinne des in dieser Zeitung erschienenen Artikels über die jüdisch« Volksschule berücksichtigte, hat offensichtlich manchen Schwanlenden gefestigt. Der Referent betonte die EinigungSpuntte der jüdischen Lehrerschaft aller religiösen und völkischen Richtungen! Liebe zum Judentum. Lieb« zum Vaterland, Liede zur OdischeN Jugend! El kam zu der Entscheidung, datz aus pädagogischen, sozialen, wirtschaftlichen und praktischen Gründen die Gemeinschaftsschule, wie sie in § 2 des ReichSschulgesetzenttvmsr bezeichnet ist, als die empfehlenswerteste Schulart gelten müsse. Unsere Leser entsinnen sich, datz, der Verfasser des aderige« nannten Artikel* in dieser Zeitung aus denselben Gründen zu der gleichen Entscheidung gekommen war. Ferner äußerten sich ln längeren Ausführungen Dr. Paul Nathan und Professor Da Türk, welche besonders aus die politischen Folgen der Abstimmung hinwiesen. Charakteristisch waren folgende Vorkommnisse: Don den vielen eingelbvachien Resolutionen wurden nachstehende von Andorn-Hattingen und der Berliner Wissenschaftlichen Vereinigung formulierte, mit dem oben mitgeteilten Stimmenverhältnis angenommen: „Der VerbandStag steht grundsätzlich aus dem Boden der Gemeinschaftsschule, in der Lehrer aller Bekenntnisse mit gleichen Rechten und Pflichten angestellt werden. — Die Volksschulen in Preußen und Bapern, auch die sogenannten Simultanschulen, tragen gegenwövtig den Charakter christlicher Schulen. Solange die Gemeinschaftsschule nicht in unserem Sinne verwirklicht ist, treten wir für die Erhaltung der bestehenden und für die Neugründung jüdischer Volksschulen ein. Träger der Schullasten ist die Kommune." — Während der Beratungen über die jüdische Volksschule war der greise Seminardirektor Dr. Holzmann erschienen, der von dem Vorsitzenden in herzlicher Weise namens de» Verbandes begrüßt wird. Dasselbe geschieht mit dem erschienenen ältesten Verbandskollesen Levi Wolst-Tempelburg und dem Kantor a. D. Bernhard Jaeobsohn-Friedenau, früher Leipzig. Direktor Dr. Gutmann-Berlin hält das letzte Referat über „Die Neuordnung des Lehrerbildungsw esens und ihr Einfluß auf die Ausbildung unseres Nachwuchses". Er weist aus die geringe Neigung! der Jugend für den Lehrerberuf hin, der die Auflösung der jüdischen Lehrerseminar« Zur Folge halte. Gründe für die geringe Neigung sind: Geringe Besoldung, mißliche Anstellung-Verhältnisse, verringerte Ansiellungsmöglichketten durch die Auslösung jüdischer Schulen und den Rückgang der kleinen jüdischen Gemeinden. Soll das Judentum selbst nicht schwer darunter leiden, dann äst'Mindestens für' eine -Me ‘ VoMldliflg Gon RelWonAehrttn; ^Käütotrft' -rnid' Predigern Sorge zu tragen. Zu diesem Zwecke, schlügt Referent Religtonslchrerakademien vor. Die Vorbereitung für dm Besuch solcher Anstalten erhallen die Schüler in den Ausbauschulen, in welche die bisherigen Seminare umzuwandeln sind. Lehrswsie für die Reltgionslehrer-Akademien sind: die Bibel und ihre wichtigsten Kommentare, die wesentlichsten Abschnitte der Mischna und Gemara, die hervorragendsten mittelalterlichen ' dichterischen Werke, allgemeine Mische Geschichte, Geschichte der Religionsphilosophie, Apologetik, nur in Anknüpfung an andere Fächer, homiletische und seminarische Uebungen, Ethik und allgemeine Philosophie. Stimm'begäbte Schüler sollen zu Kantoren ausgebildet werden. Die Ausbildung in dev Akademie soll 2—3 Jahre dauern. Die Zöglinge sollen die Berechiigung für den Religionsunterricht auch in höheren Lehranstalten erhalten. Der Verbandstag ist mit den Vorschlägen des Referenten einverstanden und nimmt den Antrag des anwesenden Seminar-Dozenten Dr. Rabin-Bkeslau an, wonach einer Kommiffion zur Beratung über die Lehrerausbildung übertragen werden soll. In diese Kommission sind zu berufen: Vertreter des Lehrer-, Rabbiner- und -je geborene Tugenöreich. Ein Großstadtroman von Oskar Jons Miltman. (11* Fortsetzung.) - Da bogen „mit feierlich gemessenem Schritte" zwei Herren um die Ecke, und gerade da, wo die Anschlagsäule steht und den Bürgersteig verengt, war ein Ausweichen unvermeidlich. Minnis Augen weiteten sich; knapp konnte sie noch der ahnungslosen Mutter zuflüstern: „Das sind sie!" und schon lüftete Krausnicker sehr korrekt seinen Zylinder und mit dem fragend-teilnehmenden Gruße: „Gewiß Frau Witt?" drückte er Regina die Hand. Sein Begleiter — es war kein anderer als Minnis Schwarm vom Hirschgarten her — wandte sich der ganz Ueberraschten zu, und so standen die beiden Paare ein Weilchen im Gespräche, das bei den jungen Leuten in verständlicher Beengtheit, aber unter hoher Glücksempsindrmg sich vollzog. „Wir alle haben Sie vermißt", hatte der Lehrerlehrling gerade Minni zugeflüstert, als Krausnicker Mutter und Tochter die Hand bot und samt dem Studenten sich empfahl: „Ich erwarte Ihren Besuch, und laß Dich auch mal sehen!" Mit diesen für beide Witts bestimmten Worten trennte man sich. Ms die Frauen außer Hörweite waren, apostrophierte der Rabbiner den jungen Herrn an seiner Seite: „Was sagen Sie zu dieser Mutter? Was Sie Mnni gesagt haben, brauche ich nicht erst zu fragen", — und langsam wandelten die Männer ihre Straße. Mnni hatte seit dem Augenblick des Zusammentreffens das Kuchenpäckchen eisern sestgehalten, denn so verfahren die erregten Menschlein, ob Zorn oder Liebe sie beherrscht. Die gespannten Nerven müssen ein Ventil haben, und indem sie das Backwerk weiter drückte, wähnte sie, noch den Blick des Studenten zu spüren, den unreife Berliner. Mädchen „unser Maxe" benamsten. Das war aber auch das Einzige, was sie von ihm wußte, und in dieser Erinnerung schwelgend übersah Minni Ottchens Attacke, der mit Hunger angefüllt — es gibt ein solches Gefühl — in der Haustür lauernd auf den Schatz in ihrer Hand sich stürzte. Sofort entspann sich um das teure Gut, das auf seinem Transport so denkwürdiger Vorgänge teilhaftig war, ein erbitterter Kampf, und erst Reginas Androhung einer Ohrfeige für den Angreifer stellte den Frieden wieder her. Sie behielt aber hierbei ihre verklärte Miene und machte auch noch am ganzen Nachmittag und Llbend den Eindruck, als sei sie soeben frisch geadelt worden. Ihre feierliche Freude machte sich dem Jungen, der sonst nach dem Warum zu fragen nicht gewohnt war, sehr bemerkbar und erzeugte beinr Kaffee eine Stimmung, die nach Leid und Trauer der letzten Wochen allen Wohltat. Mnni, die sich im jugendlichen Drange nicht beherrschen konnte, flüsterte bei der zweiten Tasse zärtlich der Mutter zu: „Ach, er ist zu nett!" Erst Ottchens zweimaliges „Wer denn?" ließ Regina dieses Bekenntnis einigermaßen verstehen und verftnsterte ein wenig ihr hoffendes Gemüt. — Sachsens Mahnung hatte sich doch tiefer eingegraben. VI. Der Besuch der geborenen Lugendreich bei Dr. Krausnicker hatte stattgefunden und ihr eine Erleichterung gebracht, der sie gar sehr bedürftig war. Regina brauchte einen Berater; und die Art des Rabbiners Bettrauen zu verankern, stützte sie von vornherein. So floß ihre eigene Bezichtigung wie ein Gebet von den bebenden Lippen, und sein Trost drang wie Erhörung in das arme beunruhigte Herz. Ob die Selbstanklage nicht ursprünglich oder wirklich die echte Berkehrsform mit dem Himmel ist, mögen die Kundigen beurteilen. Die Gabe zu beruhigen und durch Sanftmut und Mtgefühl gesund zu machen stammt sicher von dort. Auch über Munis Zukunft wurde kurz gesprochen und die auskeimende Sorge ihrer Mutter, die Augenblicksneigung der Fünfzehnjährigen könne zwei Herzen XMtSMIOMMWI« MC Vi|W« imb der groß« Mischen Organisationen. — E» folge« die Beratungen über SatzungLiderungen des Lechoervetaando», worüber Gleinharbt-Magdeburg berichtet Die wichtigsten von ihm vvvgkschlagmett Aenderungen wurde« angenommen. Der Ausschuß wirb ermächtigt, bi« sonstigen, infolge der Umoryanisatirm notwendigen Satzungsänderungen unter Zuziehung eines Juristen selbständig zu treffen. — Daran schließen sich die Wahlen. Der bisherige Vorsitzende Rektor Feinev-Hamburg, hat trotz dringender Bittet: ei«« Wiederwahl abgttehnt. Der zweite Vorsitzende, Steinhardt. Mcvgdevmg, dankt dem langjährigen bewährten Führer der jüdischen Lehrerschaft in den herzlichsten Worten sursein treu« Mitarbeit und stellt den Antrag, den Scheidenden zum Ehrenpräsidenten mit Sitz und Stimme im Verdandsau*- schuß zu ernennen. Dieser Antrag wird unter lebhastem Beifall einstimmig angenommen. — Es wurden in den Vetbandsausschntz gewählt: Stern-Berlin, früher Kattowitz, zmn ersten. Steinhardt-Magdeburg zum zweiten Vorsitzenden, Abvabam-Berlin zmn Geschäftsführer. Fernere Mitglieder de* Au*, schuffes sind: Veritz-Königsberg, Abraham-Essen, RoseMvald- Winnweiler (Pfalz), Mannheim-Osterode, Cloche-Frarckfmrt am Main. — Der neue Vorsitzende. Stem-Berlin. entwickelt sein Programm für di« weitere Leitung de* Verbandes. —> Z'un letzten Mal« ergreift Feiner-Hambmgi das Wort a!ls Vorsitzender. Gr dvnkt dem Ortsausschüsse für die so außerordentliche Gastfreundschaft in der Not der Gegenwart, dankt den Referenten und Mitarbeitern an der Verbandstagung, und wirst einen kurzen Rückblick aus die Verbandsarbeit unter seiner Leitung. — Mit tiefer Wehmut steht der Vepbaub seinen Vorsitzenden, den würdigen Nachfolger eine» Adler, von seinem Platze scheiden und mit innigem Dank gelobt er tn seinem Sinne und Geiste im Verband« auch weiter treu zu arbeiten. — Zun: Schluffe, nimmt der VerdandStag nachstehende Entschließung Anerbachi-Wlaut-Berlin aärt: „Der 7. VerbandStag bat mit tiefer Entrüstung erfahren, daß selbst ein Mann von der Bedeutung Steinhardts nach 36jaihrige< Tätigkeit in der Grotzgemeinde Magdeburg «och immek aus Kündigung angestellt ist. Der Verbandstag erhebt einsttmmiq Einspruch gegen diese unwürdige Behandlung. Er beschließ diese Erklärung dem Vorstände der Milchen Gemeinde tn Magdeburg! zu übersenden. Umschau. Der allgemeine Rabbinerverband in Deutschland, in dem bekanntlich unsere religiösen Führer aller Richtungen friedlich vereint sind, hat sich unlängst durch die gesamte jüdische Presse mit der beherzigenswetten Mahnung an die Oeffentlichkeit gewandt, gerade während der bvorstehenden Erholungszeit die jüdische Würde und schlichte Vornehmheit zu wahren und das immer auf der Lauer liegende mißgünstige Urteil über uns Juden und unser Judentum durch eine vorbildliche feine Lebensatt zu entkräften. Er hat hiermit gewisse Auswüchse, die überall Vorkommen, verurteilen wollen, und so weit es sich bisher verfolgen läßt, in judenfeindlichen Kreisen keinerlei Hohn gefunden. Dem führenden Organ der jüdischen Ortodoxie blieb es Vorbehalten» die ernste Erinnerung abzuschwächen. Der „Israelit" versieht sie mit dem bezeichnenden Kommentar, daß es nützlicher gewesen wäre, auf die zuverlässig rituell geleiteten Restaurants in den Sommerfrischen hinzu» weisen., ^Wenn wir in^ dem dürt.Mlichen. rMgipuZ» gesetzlichen Stil zunächst auf diesen Zusatz erngehen, so möchten wir sagen, daß es sich um unzulässige „Vermischungen" handelt. In der uns nicht wohlwollenden Oeffentlichkeit aber wirkt eine solche Notiz, so klein sie auch gehalten ist, verheerend. Die zugegebene Wichtigkeit des rabbinischen Ausrufes wird sicher unterdrückt und der „krasse Nützlichkeitsstandpunkt eines Judentums, dem Essen und Trinken über die Mora) gehen", hämisch glossiert werden. Darum bedauern wir diese Entgleisung, der auch das offizielle Zioniftenblatt sich nähert. Dieses konstatiert, daß Typen, denen gutes Benehmen fremd ist, auch durch Ermahnungen nicht geändert werden können, und hält darum den Ruf unserer Rabbiner für mißlich. Der Zionismus befaßt sich doch programmatisch mit der Frage der Erziehung. Wie kann er nur daran zweifeln, daß mangelnder Anstand unverbesserlich sei! Ins verwirren, bald beschwichtigt. „Unser Student, liebe Frau Witt, sollte oder wollte Rabbiner werden, hat aber urngesattelt, und während wir hier sprechen, reist er schon nach Heidelberg. Aus den Augen, aus dem Sinn!" Diese Mitteilung Krausnickers tat Regina nun wieder fast leid, aber der Rabbiner behielt recht, wenn man das Zitat so wörtlich nimmt, wie Goethe es gemeint hat. Die beiden Leutchen sahen sich jetzt nicht mehr und vergaßen aneinander zu denken. Der Heidelberger KCer mußte studieren, und man weiß doch, wie das besonders im Sommer auszusassen ist; Minni aber hatte wirklich zu arbeiten. Ein ganzes Jahr war das junge Fräulein Witt mm schon bei Fuchs und Freitag oder, wie die Angestellten ihre Firma bezeichneten: bei F. F. Hierir. konnte zugleich und nach Gebühr ein hohes Qualitäts« urteil der in großer Auswahl geführten Posamenten. Besätze, Knöpfe und anderer „Kirrzwaren engros" erblickt werden. Der reelle und gediegene Kaufmannsgeisi herrschte auch auf der linken Seite der Klosterstraße^ deren Fronten und Bedeutung zwar nicht so gewaltiß waren wie die Sächsische Fassade und was sie barA Wenn man so sagen darf, waltete im Reiche Theodvtt schon der strengere Amts- oder Behördenstil, bei FüchZ und Freitag aber, wo vom ersten und zweiten Stocktverl junge und manchmal hübsche Damen in und zwischen den Frühstücks- und Kaffeepausen schelmisch hinüberblinkten, regierte neben emsigen Fleiß eine familienhaftt Gemütlichkeit und wand ein freundliches Band von Chef und Chefin zu allen Mtarbeitem. Theodor Sachs hatte einen Tag nach seiner Er> kundungsfahrt in die Pallisadenstraße, die ja auch noch einen kttegerischen Namen verrät, bei Mitscher und Caspary, wo die Kaufleute während der Geschäftsstundei ihr gutes Gläschen Wem tnnken, sich den Chef de, Firma Fuchs und Freitag kurz, aber erfolgreich twv genommen. (Fortsetzung folgt.)

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