Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 25 (23.6.1922)
- Date
- 1922-06-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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' lM'U Besug*t>rei* durch die chekchüfi-fteNe V« jährlich onr.u.- tftngefnuintner. „ j>3o 88* Me OWtgfleßer 6er Bereinigung ist 6er 39ejug()»ttf Im oftitglledsbeilrage inbegriffen. ^»»Istenprei»: Die s-/,om breite MiNimeter-eile Vttf. 2.— fltomflietuntgeigen ONk.i.50. Bei Wiederholung Srmätzig. Drgan der Vereinigung für das liberale (Judentum e. V. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wissenfchaftNcheu Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugenbdereine". 9lr. 25 * 23. Juni 1922 Redaktion: Berlin W8, OTtauerftr. 22 (Bereinigung für da» liberale Judentum e. B.) Fernruf: Amt Zentrum U» «SeschüftSstelle u. Anzeigenannahme: Breslaus» Reue Sraupenstr. 7, Buchbrurkerei LH. G«hah»g <L.m.b.ch.; Fernruf: Amt Ring 451 und 4600. Sltmtliche Zahlungen, Postscheckkonto Breslau 57 der Fa. LH. Schahkg cv.m.b.H, Sie Schulfrage*). Don Mittelschullehrer H. Stern, Berlin. Die Behandlung der Schulfrage in diesen Blättern legt erfreuliches Zeugnis dafür ab, daß man ihre Bedeutung auch im liberalen Lager würdigt, mag mancher sich auch erdenkliche Mühe geben, die Notwendigkeit ihrer Lösung in negativem Sinne darzutun. Ueber kurz oder lang werden wir aber zu praktischer Stellungnahme gedrängt werden und darum muß die Frage bis dahin nach allen Seiten hin so weit geklärt sein, daß Fehlgriffe unserseits, die von verhängnisvollster Wirkung sein würden, vermieden werden. Die Schule ist ein Problem der Weltanschauung und Politik. Damit soll nicht gesagt sein, daß beide Betrachtungsweisen gänzlich von einander unabhängig wären; aber bei der Behandlung des Einzelfallcs ergeben sich doch unleugbar Gesichtspunkte, die in ihrer Verschiedenartigkeit zu Gegensätzen werden können. And mir will scheinen, daß die bisherigen Untersuchungen der Frage dieser Tatsache nicht gerecht geworden sind, weil sie von vornherein einem Ziel zustrebten, das eine objektive Betrachtung ausschloß. In der prinzipiellen Stellungnahme zur Schulfrage dürften sich Konflikte in unserem Lager wohl nicht ergeben. Wenn man den Standpunkt vertritt, daß die Ausgleichung von Gegensätzen aller Art, die innere Verschmelzung der leider so vielfach zersplitterten Volksgenossen zu einem einheitlichen Volkskörper eine sittliche und vaterländische Notwendigkeit ist: wenn wir Juden der Meinung sind, daß der Antisemitismus, wie jede Art von Menschenhaß und Menschenverachtung zum großen Teil auf Vorurteilen beruht, die wiederum nur eine Folge mangelnder gegenseitiger Kenntnis sind, dannist die Gemeinschaftsschule, als eines der erhabensten und wichtigsten Organe der Vereinheitlichung und Versöhnung, eine selbstverständliche Forderung. Aber auch hier erhebt sich schon ein bedeutungsvolles Wenn: nur dann nämlich vermag die Gemeinschaftsschule ihre hohen Zwecke zu verwirklichen, wenn sie derentwegen der Masse der Volksgenossen willkommen ist. Wird sie aber von bestimmten Kreisen aus irgendwelchen anderen Gründen als Vergewaltigung empfunden, als eine Verletzung anderer Interessen, wie z. B. der religiösen, dann wird die Gemeinschaftsschule nicht zum Segen, sondern zum Fluch; statt vorhandene Klüfte zu Überdrücken, schafft sie neue. Nur ein weltfremder Ideologe oder ein Einseitcr wird leugnen können, daß dieses „Wenn" heute riesengroß vor unseren Wünschen und vor der Anerkennung der Gemeinschaftsschule dasteht. Damit sind wir zur p ol i t i s ch e n Betrachtungsweise gezwungen, d. h. zur Erwägung des Möglichen und Wünschenswerten. Wir stehen also zunächst vor der Tatsache, daß gewaltige Teile des deutschen Volkes an der Bekenntnisschule festhalten und dieser Tatsache hat die gesetzliche Regelung der Schulfrage Rechnung tragen müssen. Damit ist für unsere Stellungnahme als Juden eine politische Lage geschaffen, die wir nicht übersehen dürfen. Es darf ruhig ausgesprochen werden, daß die verschwindende jüdische Minorität mit ihrem lächerlich geringen Prozentsatz jüdischer Volksschüler kein so unmittelbares und brennendes Interesse an der endgiltigen Regelung der Schulfrage hat wie die Millionen von Protestanten und Katholiken, mag nun deren Gründe anerkennen, ihre Haltung bedauern oder nicht. Sollen wir nun die Hand dazu bieten, diesen Massen eine Schule aufzudrängen, die sie mm einmal nicht wollen? Sollten wir nicht vielmehr aus den bitteren Erfahrungen der letzten Jahre die Lehre gezogen haben, weniger entscheidend in die Lebensfragen der anderen einzngreifen und uns dafür mehr um unsere eignen zu kümmern? Und was verlangen diese Interessen? Nicht mehr und nicht weniger, als daß wir unser Recht wahren! Und worin besteht dieses Recht? Darin, daß wir mit den anderen Konfessionen auf gleichem Fuße behandelt werden; d. h. wo Gemeinschaftsschulen gegründet werden, wollen wir dabei sein; wo Bekenntnisschulen bestehen, wollen auch wir unsere Schule haben, vorausgesetzt natürlich, daß die allgemeinen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Und auch das wollen wir, um auch in diesem Falle unsereUgrundsätzliche Auffassung zum Ausdruck zu bringen, gleich hier betonen: Wenn es einmal dazu kommen sollte, die Bekenntnisschulen zugunsten der Gemeinschaftsschulen aufzulösen, dann wollen wir die ersten sein, die die Hand dazu bieten. So einfach und selbstverständlich stellt sie'' das Schulproblem dar, wenn man es objektiv betrachtet. *) Nachdem in den Nummern 17—19 der Jüdisch-liberalen Zeitung in der umstrittenen Bollsschulfrage ein. Gegner der Bekenntnisschule gesprochen hat. geben wir jetzt einer anderen Anft»t Las Wort. Die Schnftleitimg. Dann braucht man nicht mehr oder minder tiefgründige Argumente herbeizuziehen, man braucht nicht Licht- und Schattenseiten dieser und jener Schulart zu übertreiben, man braucht auch nicht tote und lebende Kronzeugen Für und Wider zu bemühen; man braucht nur sine ira et studio an die Sache heranzutreten und sie zu sehen, wie sie nun einmal ist. Nüchterne Einschätzung und Berücksichtigung der Wirklichkeit in praktischen Fragen bedeutet niemals Verrat an Prinzipien. Man zeige mir den fanatischsten Verfechter der Gemeinschaftsschule unter Katholiken und Protestanten, der auch nur im Traume daran denkt, seine Kinder lieber in eine Bekenntnisschule der fremden Äs der eignen Konfession zu schicken. Denn darum handelt es sich im praktischen Falle, was unsere liberalen Gegner der jüdischen Schule übersehen: der Konflikt heißt nicht — „jüdische Schule oder Gemeinschaftsschule" — dann wäre die Entscheidung auch für mich nicht zweifelhaft — sondern „jüdische Schule oder christliche - (protestantische, katholische) Schule". Wer darum als Jude und unter den gegenwärtigen Verhältnissen die jüdische Volksschule grundsätzlich bekämpft, dient nicht der Gemeinschaftsschule, sondern der christlichen Bekenntnisschule, opfert jüdische Interessen nicht einem Ideal, sondern einem Idol. Welche Anstrengungen werden nicht gemacht, um das zu verdecken. Da wird gesagt, wir hätten das „Recht", unsere Kinder in die christliche Schule zu schicken. Ein Recht? Nein, eine Pflicht ist das im Lande der allgemeinen Schulpflicht; eine Pflicht, die wir mit jedem teilen. Aber auch Herr Kollege Hermann Becker, Berlin, hat in Nr. 18 der „Jüd.-lib. Zeitung" Bedenken gegen die jüdische Volksschule entwickelt, die schon im Interesse des Liberalismus nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Er befürchtet, daß Zionisten und Orthodo.e die Schule an sich reißen und eine Art Dunkelkammer daraus machen könnten. Abgesehen davon, daß eine solche. Einstellung doch etwas zu parteipolitisch aussieht, heißt das auch dem LiberÄismüS ein gär zu großes Armutszeugnis ausstellen. Sind wir wirklich solch eine quantite negligable, daß wir uns so an die Wand drücken lassen würden? Oder fürchtet Kollege Becker die Gleichgiltigkeit der Liberalen? Das wären wohl Argumente gegen die Liberalen, aber keineswegs gegen die jüdische Schule. Letzten Endes wird das Ergebnis der Entscheidung praktisch nicht so bedeutsam sein, wie man gemeinhin glaubt. Abgesehen von den jüdischen Zentren, wird wohl nur noch hier und da eine lebensfähige jüdische Schule möglich sein. Bedeutsam aber ist die Frage der prinzipiellen Stellungnahme der Liberalen wegen. Es soll und muß sich zeigen, ob der Liberalismus gewillt ist, jüdische Fragen nach jüdischen Gesichtspunkten zu beh an - deln, oder ob er sie von allgemeinpolitischen Grundsätzen abhängig m a ch e n will. Daß dies in der Schulfrage tatsächlich bisher so war ist ein großer Fehler. Jetzt ist Zeit und Gelegenheit zur „Wiedergutmachung". Lassen wir sie nicht ungenutzt verstreichen. Hier ist wie in keinem zweiten Falle die Möglichkeit gegeben, der jüdischen Welt einmal zu zeigen, daß wir mehr können als „Nein" sagen. Es ist erfreulich zu sehen, wie sich die jüdischliberale Wissenschaft, das jüdisch-liberale Geistesleben überhaupt gehoben hat. Ebenso erfreulich würde eine jüdisch-liberale Tat wirken. Sie würde den alten Stamm verjüngen und ihm gewiß auch neue Kräfte zuführen. _ Stasi uns Lans. Eine zeitgemäße Betrachtung. Innerhalb der jüdischen Oeffentlichkeit ist in letzter Zeit wiederholt auf die schwere Notlage hingewiesen worden, in die die jüdischen Landgemeinden durch die Umwandlung der wirtschaftlichen Verhältnisse geraten sind. Mrs kleine Gruppen zusammengeschrumpft, sind sie weder in der Lage, ihr Gemeinwesen angenehm aufrecht zu erhalten, noch auch den Anschluß an ein größeres Gemeinwesen dauernd sicherzustellen. Die Durchführung der Gesamtorganisation der deutschen Juden wäre daher im Interesse der Land- und Kleingemeinden sehr zu begrüßen, soll nicht das Judentum auf dem Lande einen schweren Stoß und damit seine völlige Zertrümmerung erleben. Die Erfahrung lehrt genüAam, daß weder der gute Wille noch die Opferbereitschast der Gemeindemitglieder die Frage endgittig lösen kann. Kann man schon keinen regelmäßigen Gottesdienst mehr durchführen, keinen Lehrer mehr anstellen, so will man wenigstens den Religionsunterricht rette« und die Feierstunden in der Gemeinde angenehm cmsgestalten. Berkehrsschwierigkeiten treten hinzu und haben in und nach dery Kriege die Hindernisse gehaust. So sehen sich die Kleingemeinden gezwungen, mangels anderer Zusammenhänge, sich in erster Linie an die Nachbargemeinden zu halten, die nach Möglichkeit durch ihren Beamtenstab ausgeholfen haben und auch Leute noch dazu bereit sind. Es ist wie bei allen religiösen Richtungen so auch für uns Liberale eine dankbare Aufgabe, diese Ehrenpflicht zu erfüllen. Wer auf diesem Gebiete Erfahrung gesammelt hat, wird wissen, daß der einzelne Lehrer oder Rabbiner bei dieser Gelegenheit unendlich viel Segen stiften kann, durch Rat und Beistand, durch persönliche Fühlungnahme, durch Anteilnahme an dein Ergehen des einzelnen Gemeindemitgliedes oder der Einzelgemeinde. Keine Frage, daß auch die Logen nach dieser Richtung genau wie in Amerika treffliche Pionierarbeit erhoffen können. Man sollte meinen, ein solches Ziel sollte die Arbeitsfreudigkeit aller Beteiligten erwecken und anpornen. Gewiß.. .Mber was soll man dazu sagen, wenn diese absolut harmlosen Vorgänge zu einer Anrufung und zu einem Eingriff der Staatsregierung im demokratisch-republikanischen Staate benutzt werden, der den Satz in seiner Verfassung geprägt hat. Jede Religionsgesellschaft regelt ihre Angelegenheiten ohne Mitwirkung des Staates. In einer angesehener: deutschen Gemeinde vollzieht sich augenblicklich folgender Vorgang. Der in weiteren Kreisen bekannte Rabbiner wirkt gelegentlich in kleineren Gemeinden, die seinem Sitze benachbart sind, er wird mit ihrer Jugend bekannt, die die höheren Schulen seines Sitzes besuchen, er hat vielfach Gelegenheit mit den Familien dieses Umkreises Fühlung zu nehmen, sicherlich nicht zun: Schaden des Judentums. Was aber geschieht? Der Rabbiner der weiter entfernt liegenden Bezirksstadt fühlt sich in seinen Vorrechten und in seiner Autorität bedroht und denunziert seinen Amtsgenvssen bei der Staatsregierung unter Berufung auf verstaubte Paragraphen, die vor — sage und schreibe — 80 Jahren erlassen sind. Man muß es dahin gestellt sein lassen, ob es ratsam war, in einer Zeit politisch erregter Leidenschaften die Staatsregierung zur Einwirkung in jüdische Angelegenheiten persönlichster Art anzurnfen. Daß die Regierung nach dem Paragraphen entscheidet und alle berechtigten Einwände zurückweist, liegt ans der Hand. Ist auch regierungsseitig noch nicht das letzte Wort gesprochen, so ist doch zu befürchten, daß ein arbeitsfreudiger Rabbiner in seiner Wirksamkeit und Bewegungsfreiheit durch kleinliche, engbrüstige Bürokratie in die Fesseln von Paragraphen geschlagen wird, und das kann von keinem jüdischen Parteistandpunkie gebilligt werden. Stärker als verstaubte Paragraphen, die den Gemeinden höchst gleichgiltig geworden sind, ist dos Leben auch das jüdische Leben, das viel zu feinnervig ist, um zum Tummelplatz antiliberaler, rabbinischer Anmaßung gemacht zu werden, für die die heutige Zeit kein Verständnis mehr aufbringt, weil sie zu demokratisch denkt, als daß sie die Maßregelung eines Rabbiners durch einen Amtsgenossen huf Grund seines Votums ruhig hinnehmen könnte. Es darf erwartet werden, daß diese vorläufigen Andeutungen ein lebhaftes Echo in unfern jüdisch-liberalen Kreisen wecken. H a z o f e h. (ln aller Kürze. Am 13. Juni hat in Berlin eine Versammlung der zionistischen oppositionellen Kreise stattgefunden. » -i- * Am 15. Juni tagte in Heidelberg die erste Sitzung des Zentralrates der Welt-Hils-Konserenz unter dem Vorsitz des Professor Simonson aus Kopenhagen. In der reaktionären Wiener Zeitschrift „Die Monarchie" wird ausgeführt: Bürger ist Bürger, sei er Jude oder Christ. Die Juden sind wie alle Oesterreicher Untertanen des Kaisers, Bürger mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten". Unfern „Rechtsparteien zur Beherzigung empfohlen. * * * In Danzig soll eine Abteilung der jüdischen Kolonial- Bank eröffnet werden. * * 1° Das polnische Kultusministerium hat die Kandidaturdes Professor Moses Schor als Warschauer Rabbiner abgelehnt. * * * Der Rabbiner -Verband in Polen hat einen warmen Aufruf an die jüdische Bevölkerung erlassen, die hungernden Juden in der Ukraine zu unterstützen. ' * * -ft Jrrgendrxreins-Anzeiaeir W letzte Sette.