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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-06-09 · 23 (9.6.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
23 (9.6.1922)
Date
1922-06-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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An Bornel T^at dle LommmWsÄe V-M ZefUoffen. alle des Antisemitismus verdächtigen Mitglieder auS ihren Reihen auSzuschliesten. * * * Der englische Konsul in Warschau erteilte 150 ukrainischen Waisenkindern, die nach Palästina reisen, die Einreiseerlaubnis ohne jede Gebühr. * * * Der päpstliche Kardinal-Staatssekretär GaSparri hat eine Note an den Völkerbund gerichtet, in der Einwendungen gegen das Palästina-Mandat gelterw gemacht wecken. # * * Der Prinz von Wales wird im Juni zu einem kurzen Ausenthalt in Palästina eintreffen. * * * Der Rat der Bereinigten Synagogen Englands beriet in seiner letzten Sitzung über eine Resolution, in der verlangt wurde, dast die Shnagogen-Bereinigung den Sammlungen zugunsten des Ausbaus Palästinas ihre Zustimmung gewährt. Die Resolution wurde abgelehnt. * * * Während des vorigen Jahres sind 107 300 jüdische Einwanderer in den Vereinigten Staaten eingetrofsen. Der grösste Teil dieser Einwanderer kam auf Einladung von Verwandten, die bereits in Amerika ansässig waren. iji H H Der neuerdings unternommene Versuch, die Keren- Hasessod-Institution in allen Kreisen der Berliner Iudenheit populär zu machen, hat in den Kreisen der Berliner jüdischen Reformgemeinde entschieden Widerspruch gefunden. In den ..Mitteilungen der jüdischen Resormgemcinde zu Berlin" wird in einem Aufsatz „Unsere Stellung zur Palästina-Irage" ausgeführt: ..Der Tradition der Vergangenheit gilt unsere Ehrfurcht; dem Versuch, uns zum nationalen Aufbau Palästinas materiell heranzuziehen, gilt unsere schroffe Absage." Unsere Bewegung. Nachrichten der Vereinigung für das liberale Judentum. Ortsgruppe Namslau. Der hier am 21. Mai d. Js. ins Leben gerufene Liberale Verein der Synagogengemeinde Namslau hatte für den 29. Mai zu einer Versammlung in den Saal der „Goldenen Krone" eingeladen. Die ganz: Gemeinde bis auf einige Personen war erschienen, stand doch der Genuß eines Vortrags des Gemeinderabbiners Herrn Dr. Vogelstein-Breslau bevor. Aufmerksam und interessevoll lauschte die Zuhörerschaft den Ausführungen des Redners, der in knappen Motten mit wenigen kurzen Strichen Sinn und Ziel der liberalen jüdischen Bewegung zeichnete, und seine Darlegungen fanden in den Herzen der Versammelten lebhaften Widerhall. Fast geschlossen trat di« Versammlung dem Verein bei. der aus einigen seit Jahren bereits der liberalen Organisation angehörenden Mitgliedern sich gebildet Jür des jüdischen Liberalismus begeisterte UWeder-.verzeichnet nunmehr der. Verein; einigt' /wenige FeWrrde durften bei der nächsten Gelegenheit beitteten. Der Vorstand besteht aus den Herren Guido Hechter, Kaufmann (BorstHender), Alex Bandmann, Federsabrikant (stellv. Borsitzender), Heimann Umkower. Lehrer (Schriftführer), und die Damen ^rau Käte Tischler (ftcllb. Schriftführerin), Fräulein tfrtba Gottheiner (Kassiererin) und Frau Meta Loewy (stellv. Kasiiererin). — Die Bereinigung für das Liberale Judentum c. B. begrüßt mit herzlicher Freude den ^uiammenschluß ocr liberalen Gesinnungsfreunde in Namslau «nd wird nach Kräften der neuen Ortsgruppe zur Seite sichen, damit unsere Bewegung auch in diesem Bezirke Schle- Iiens. das vorbildlich für die liberale Sache wirkt, einen guten Fmtgang nebmc. Besonderer Dank gilt'allen, die sich um dre Begründung des Zweigvereins Namslau verdient gemacht haben. Posen. Infolge der starken Abwanderung beschloß ocr hiesige I l i, mit dem „P «. r e i n liberaler I u - d e n", Posen, eine Arbeitsgemeinschaft einzugehen. Der neue Vorstand seht sich wie folgt zusammen: l. Vorsitzender Herr dab, 2. Vorsitzender Herr Rabbiner Tr. Gottschalt, Kassierer 9lim 60. WurtW hennsllll MW. Bon Dr. Herbert Wenzel. Weit über die Grenzen theologischer Gelehrsaurkeit hinaus bekannt und geschätzt, hat Hermann Gunkel in diesen Tagen in Halle das 60. Lebensjahr vollendet. Von Göttingen. wo er sich 1888 habilitierte, führte ihn sein Weg über Halle, Berlin. Gießen an die Stätte seines heutigen Wirkens, und überall hat er begeisterte Schüler gefunden, wenn er anch manche literarische Fehde austragen mußte, um neuen Ideen zum Siege zu verhelfen. Denn der Name Gunkels ist zu eng mit der modernen religiousqeschichllichen Richtung verknüpft, als daß die Hüter traditioneller Formen an ihm hätten still vorüber gehen können. Hatte sein Vorläufer Wellbausen die arabische Religion in den Kreis alttestamentlicher Forschung hineinbezogen, so dehnte G. seine Studien folgerichtig auf den ganzen vorderen Orient aus und wies in „Schöpfung und Chaos" auf die Abhängigkeit der biblischen Schöpfungssage von babylonischen Mythen hin. Man kann dieses klassische Werk als Programmschrift der religionsgeschichtlichen Schule ansehen. deren Anfänge bis in die 90er Jahre zurückreichen und an deren Begründung Gunkel neben Bousstt und Ioh. Weiß hervorragenden Anteil hat. Zum wirklichen Verständnis einer Religion reichen literarkritischc und zeitgeschichtliche Untersuchungen nicht aus. Das hat G. mit klarem Blick erkannt. Ihm kommt vielmehr darauf an, dem Ursprung und Werden einzelner Motive nachzngehen und durch Vergleiche mit ähnlichen Elementen fremder Religionen ihr Verständnis zu erschließen. Ist auch die Forschung seit diesen bedeutsamen Anfängen rastlos weitergeschritten, und Hot in manchen Punkten ursprüngliche Ansichten Gunkels überholt. in seiner Gesamtheit wird das Werk davon nicht berührt, und seine Richtlinien und Problemstellungen sind in der modernen Religionswissenschaft maßgebend ge» worden r Schwure, GchAMHrtzr H« ftfrartad), Stffft« Ftzar Sottschall, H«r Dr. Perser. Bisher fanden folgende Vorträge von Herrn Dr. Gottschall mit Diskussion statt: 1. RaumannS «NattonaldeutscheS Judentum-, 3. Wesen des Ltberattrmus, S. Der Geber in der Literatur, «l- Abschluß folgt: Zettfragen (Naumannbewegung — Die liberale Krisis). Referenten: aä 1: Dr. Besser; ad 2: Frau Dr. Gottfchall. — Die Sommerperiode soll durch gesellige Zusammenkünfte (Ausflüge rc.) ausgefüllt werden. — Der Gottesdienst nach liberalem Ritus wird nach wie vor im Tempel B (Brüdergemeinde) mit Chor und Orgel und allwöchentlicher Predigt am Freitag albend abgehalten. Die letztgenannte Einrichtung besteht seit Oktober 1920 und hat sich umsomehr andauernd gut bewährt, als der Beginn des Gottesdienstes im Sommer und Winter der Geschäftszeit angepaßt wurde. Auch an jedem Wallfahrt-fest findet ie eine Wbendprediat statt. — Die Zahl der Mitglieder des neuen Vereins beträgt gegenwärtig etwa 70. Bus -em Kelch. Berlin. Der Allgemeine Rabbinerverband in Deutschland wendet sich an die deutschen Juden mit einer ernsten Mahnung: Das Bedürfnis der Er. frtfchung und Ausspannung fühtt viele unserer Glaubensgenossen, zumal in den Sommermonaten, hierhin und dort, hin. In der Art der Erholung ganz wie in feiner Arbeit tut dar Wesen des Menschen sich kund. In der einen wir in der anderen wird er von den Mitmenschen gesehen, an der Stätte der Erholung noch mehr, als an der Stätte feiner Arbeit. Das Urteil über ihn, über den Juden und die Jüdin, wird dort zumal gefällt und wird zum Urteil über das Judentum. Auf allen seinen Wegen sollte jeder von uns dessen bewußt bleiben, daß die Würde der Judentums ihm, seinem Tun und Lassen, seinem Sprechen und Treiben, anvertraut ist. Wir rühmen uns Unserer Geschichte: Geschickte ist Adel, ist Vollkommenheit. Wahre Vornehmheit zeigt sich in der Schlichtheit, dieser Würde deS Lebens. Legt alle überall und stets Zeugnis davon ab, wie der wahre Jude, die wahre Jüdin ist. Der Vorstand des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland. VreSla«. Am Sonnabend, den 3. Juni, beging Frau Zerline Steinih, geb. Redlich. Viktoriastr. 33, ihren 90. Geburtstag. Frau St., welche aus sehr angesehener Familie stammt, war stets unter den Frauen zu finden, die sich um die Verbesserung der sozialen Lage Bedürftiger sehr bemühten, und war auch der der Errichtung des jüdischen SpeisehauseS rege tätig. Möge ihr ein gesunder Lebensabend beschieden sein. Chemnitz. Eine erhebende , Feier veranstaltete die. Israelitische Religionsgemeinde am Sonntag, den 21. Mai cr., in der Synagoge aus Anlaß der Weibe -es zur Erinnerung an die im Weltkriege gefallenen Söhne und Brüder unserer Gemeinde errichteten Denkmals. Etngeleiiet wurde di: Feier, an der, anßer den Gemeindemitgliedern auch Dertrcter der staatlichen und städtischen Behörden teilnahmen. durch ein Orgelvorspicl, worauf in feierlichem Wechselgssang Kantor und Chor das Wohlgemuthfche „Dem Andenken der gefallenen Kameraden" vorirugen. Hierauf hielt Rabbiner Dr. Fuchs eine eindrucksvolle Gedenkrede und führte aus: Es habe zwar noch den Anschein, als ob die S.'lvstaufops>'vung zu gamichts nütze gewesen. Doch das Sinken m den Statw sei ein Ausstieg zu den Sternen. Das Denkmal solle auch ein Zerrgnis für die Ebre des Judentums sein, für die die Ge'ulleuen in gleicher Weise wie für das Vaterland eintraten, und gemahnen, daß niemals wieder ein furchtbarer Krieg die Welt durchtobe. Dann werde die auf dem Denkmal befindliche Palme die Palm« deS Friedens sein und » M« Voten hätte« sich nicht umsonst geopfert. Der Vorsitzende der' Gemeinde, Herr Georg Mecklenburg, überllahm" sodann das Denkmal und legte das Gelübde ab, es sorgsam zu pflegen und zu hegen. Er betonte dabei, daß der Stein ein Zeichen der Dankbarkeit sei und auch die späteren Geschleckter zur Liebe zum Vaterland mabnen sollt«. Im Namen de- Neichsbundes j.üdiscker Frontsoldaten, Ortsgruppe Cbemnitz, des Landesverbandes und des Bundes dankic Leutnant d. L. Fritz Kuvfcrberg für die Ebrung und betonte, daß, die auf dem Denkmal verzeichnten Namen eine beredte Sprache für die Trene der Gefallenen redeten. Denn von den in das Feld gezogenen Chemnitzer jüdischen Soldaten hätten 41 die Heimat nicht wieder gesehen. Die noch lebenden jüdischen Frontsoldaten aber gelobten, auch lerncrtzrn für des Vaterlandes Ebre einzutreien. Fräulein Ruttz Molnar sang sodann die Arie, ans „Elias": „Dann werken die Gerechten leuchten." Mit dem Vortrag des Malms 16 durch den Obcrkainior Goldbcrg und den Chor schloß die Feier. Frankfurt a. M. Oefsentliche Synagogen- Konzerte. Die Frankfurter Jüdische Gemeinde ist um eine Einrichtung künstlerischer Tendenz reicher ge- Mivsrdett: toet Pomavv der Synagoge ft&ttttiMMiMfe «rf 2 unternommen, in zwanglosen ZwtsKmkmiAöWMrF Synagogentonzett« zu verahtalten, dis dt« Allgemeinheit für die synagogale, Musik interessiere» »nd zugleich den Beweis «bringen sollen, daß diese Gattung religiöser Musik wie auch die Chöre mch Solisten, die sich ihrer Interpretation widmen, vor der Kunstkritik^ Ästchen können. Erfüllen sie daneben noch den Zweck religiöser Erbauung — um so tiefer ihre Wirkung, um so höher ihr Wett! Ueber das erste dieser Konzerte (am 23. Mai) durste man zu einem überraschend güten Gesamturteil kommen. UeberrafchgNd gut deshalb, well der immerhin nur bedingt künstlerische Wett synagogaler Musik einen allzu gestrengen Matzstab an und für sich mcht zuläßt. Denn eine objektive Beurteilung der vorhandenen jüdisch-religiösen Musik wird immer fest, stellen müssen, daß es mit überragender Schöpferkraft be. gable jüdische Komponisten, die eine echt jüdisch-religiöfe Musik geschrieben hätten, kaum gibt. Jeder kennt zwar das leuchtende Dtzstgesttrn S alzer-Naumbourg - St* wandowskv, und jeder weiß auch, daß ohne ste der moderne Gottesdienst garnicht zu denken wäre. Aber wir haben es, wie die im Programm gegebene lehrreiche Einführung treffend sagt, bei jenen Kompositionen nur mit „musikalischen Einfällen" zu tun, deren Echtheit und Origina-- lität durch ein den deutschen Musikklassikern entlehnter Rahmenwcrk verwischt, ja vielfach entstellt worden ist. Erfreulich war die Aufnahme Salomon de RossiS in daS Programm. Diesen Misch-italienischen Hofmusiker der Spat-Renaissance wird mau nie umgehen dürfen, Wan« es einen Einblick in die Entwickelung der synagogalen Musik zu gewähren gilt. Atmet doch seine Kunst streng-herben, religiösen, über den Zeiten liegenden Geist, die Musik der Gotteshauses fo rein, schlicht und unpersönlich wie nur eben möglich gestaltend. Erfreulich ist auch, datz man an dm dem Judentum, freilich nicht der jüdischen Konfession angehören, den Felix Mendelssohn-Bartholdy gcdacht bat. Ist Mendelssohns Musik — bis in die weltlichen Kompositionen hinein — etwa nicht von echt jüdischer Empfindüng beseelt? Und werden seine Oratorim und feine fonstigen geisttichen Werke ein jüdisches Herz nicht immer höher schlagen lassen? Für die künstlerische Leitung des Konzerts zeichnete Musiklehrer Frank Rothschild vom Philanthvopin. Die geschmackvoll ausgewählte, die hisiorische Linie wohlweislich nickt außer acht lassende Bottragsfolge gaben dem Ganzen Stil und Charakter. Unter Herrn Rothschilds Leitung sangen auch die Chöre (der verstärkte Chor der Synagoge Königsteinerstraße, und ein Kinderchor), durchweg Vorzügliches leistend: hell und rein die Kinder- und Frauenstimmen, kernig die Tenöre. voller Muckt und Würde die Bässe. Ein Stab von S o l i st e n gab der Veranstaltung Leben und Bewegung: Frau Hilda Jrming. eine Konzettsängerin von Ruf. fang sicher und mit Anmut 2ewandowskys Joh fchimcho: die Herren F leis chm ann und Scheuermann idi« beiden Kantoren der Suuagogel wußten ihre in die Chöre eingestreuttll Solopartien (voll Raumboura bearbeitete alte Weise des Verasch haschono und Tal Kaddisch'» mit warmer Begeisterung zu erfüllen, und vielversprechend führte sich Fräulein Fräune Sckmuckler mit der Wiedergabe eines Satzes aus dem g-moll-Biolinkonzert von Bruch ein. Allen aber «in treuer Bealriier auf der Orgel war der jüdische Organist der Synagoge: Herr Siegfried Würzburger. Sein Vortrag der garnicht einfache Fuge von Schutzmann über d?ir Namen B—a—c—h macht ihm alle Ebre und konnte sich selbst neben der grandiosen, zurzeit wohl nickt mel'r erreichten Registrierkunst eines Arno Landwann (Mannheim), den man sich für zwei Orgelsoli am Anfang und Sckluß der VeransialtUlrg verschrieben hatte, wohl sehen lassen. Das Konzert war von der zahlreich erschienenen iüd-isckeN wie njchtjüdischm Hörerschaft — auch ein« Anzahl jüdischer Gemeinden aus der näheren und-weiteren Umgebung Frankfurts war vertreten —' mit Dankbarkeit und großer Befriedigung aufgrooMMn. Dr. L. M. Zeitungsschau und veeschieüenes. Eine Gesellschaft für jüdisches Recht hat fick in Jerusaleul unter dem Namen „Hamischpat haivri" aus Rabbinern und mdiicheu Juristen gebildet, deren Ziel es ist. die Kenner des alten Rechts mit den modernen Juristen vereinigen, um auf dieie -beste mr Entwickeluna eines neuen jiidischen Rechtes beizutragen, Gesellschaft will historische Untersuchungen onstellen. emc hcbrayche Literatur entwickeln helfen, und zwar sowohl durch Or,g,ualarbe:t-n. als auch durch Uebersetzungen. und Vorlesungen über indtzches Recht halten. Die Gesellschaft Plant auch die Hcransliabe einer jurntischen Zeitschrift in hebräischer Sprache. England «egen die Judenverfolgungen i« Persien. Aus der vermchen Stadt'Massud wurde kürzlich berichtet, daß die dort wohnenben Juden durch Sondergesetze so arg bedrängt werden, daß Wenn heute den gesicherten Ergebnissen dieser Wissenschaft von allen Gebildeten Interesse encheaengebracht tvird, so hat auch an dieser erfreulichen Tatsache Gunkel hervorragenden Anteil. Sein Wirken verliert sich nicht in gelehrter Kleinarbeit, und bei aller wissenschaftlichen Exaktheit beschränkt er sich nie auf das rein Historische, sondern ist bemüht, überall die großen Zusammenbänge von Vergangenheit und Gegenwart auftuzeigen und dadurch die fernsten Epochen zu lebendiger Anschauung zu bringen. So ist es inlstandc, dem Menschen von heute ein tieferes Verständnis der Bibel zu ermöglichen, ihm die Augen für Schönheiten zu öffnen, die jenseits aller Dogmen liegen und darum überzeitlich sind. Diese charakteristische Eigenart hat seinen Schriften rasch einen großen Freundeskreis erobert. Die „aus-' getvählten Psalmen", die „Propheten". „Die Schriften des Alten Testaments in Auswahl". Studien Wer ..Elia, Iahtve und Baal". „Esther" und „Das Märchen im Alten Test.", die in den „Neligionsgeschichtliche:: Volksbl"'ck>ern" erschienen sind, gehören zu dem Besten, was auf diesem Gebiet geschnoben worden ist. Auch die gedrängte, aber gehaltvolle Behandlung der „Israelitischen Literatur" in dem Sammelwerke „Kultur der Gegenwart" darf hier ’ nicht unerwähnt bleiben. Allen diesen Schriften ist neben strenger Wissenschaftlichkeit eine künstlerische Form der Darstellung eigen. Gunkel ist Meister des Stils und weiß, seine Gedanken in eine edle Sprache zu kleiden. Darum ist die Lektüre seiner Bücher auch ein ästhetischer Genuß. Außerdem ist er, wie kaum ein zweiter, befähigt, den Geist vergangener Zeiten intuitiv zu erfassen und innerlich nachzuerleben. und diese Gabe der Einfüllung ermöglicht es ihm. iW m heidnischen" Mythen verborgene Schätze der Religion zu ftnden. Durch diese Fähigkeit war er auch berufen, den Märchen und Sagen des Alten Testaments seine Aufmerksamkeit zu widmen und damit der Wissenschaft ein neues, aussichtsreiches Feld zu eröffnen. So darf der Sechzigjährige mit Stolz auf ein Werk zurückblicken, das der doulschen Wissenschaft alle Ehre macht, ein Werk, an deur der wahrheitsmutige Forscher, der feinsinnige Künstler urÄ der^ religiös emviindcnde Mensch in gleicher Weise beteiligt sind. In dieser Dreiheit liegt die Macht seiner Persönlichkeit. Aber sein Schassen geht rüstig weiter, unb wir dürfen noch auf manche Frucht seines reichen Könnens hoffen. Möge es ihm vergönnt soin, in unverminderter Kraft Frische die Ziele weiterzuverfolgen, die cr selbst der Religionswissenschaft gesteckt hat. Eingegangene Bücher. Wir bringen an dieser Stelle ein Verzeichnis aller uns gesandten Erscheinungen interessierender Literatur und behalten uns die Besprechung vor. Deutsche Klassiker im Ghetto. Bon Samuel Me i s e l s. Verlag Tie Neuzeit, Wien 1922. 32 S. Das Buch trägt das Datum 1922. Ich war versucht, darin einen Druckfehler zu sehen und auf 1872 zu raten. Vor fünfzig Jahren war da» „Ghetto" Gegenstand süßlicher, mehr oder weniger »oitziger Anekdoten. Daß heute, da das „Ghetto", will sagen, die Ostjuden, ein Martyrium von ungeheurer Größe durchmachen, da der Jude des „Ghetto" ein Mensch von heute und morgen geworden ist, noch in solcher Weise geschrieben werben kann, ist bedauerlich. Dabei ist der Borwurf des Büch, lein» sicherlich nicht uninteressant und schon die Bibliographie der Uebersetzungen au» dem Deutschen ins Hebräische, zu de, der Verfasser einig« Anläufe macht, wäre ein verdienstliche» Werk, aber der Verfasser „versagt e» sich". So erfährt wohl der Leser von jenem Jüngling im „Ghetto", der „Schillers Glocke von Goethe" liest, aber nichts wird ihm davon gesagt, daß in den letzten Jahren die „Iphigenie", „Hermann und Dorothea", die römischen Elegien in prachtvollen hebräischen Uebersetzungen erschienen sind. Bei „Uriel Acosta" fehlt die Erwähnung der neueren 1896 erschienenen Uebersetzuna usw. Wir hören allerlei Sonderbare» über nletzscheanischen Neuchassidismus in der hebräischen Literatur, aber nichts von Frischmannö Zarathustra-Uebersetzuna. Zum Schluß wird noch dem (nicht genannten) Martin Vuber esch Hiev versetzt — er wird ihn zu ver. schmerzen wissen.

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