Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 21 (26.5.1922)
- Date
- 1922-05-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau. Die SchöffengerichtSverhandluna. in deren Mittä- Umritt Herr Kun^e steht, beschäftigt immer weiter die Berliner Justiz und wird immer wieder vertagt. Die ruhmreiche Gardeleaener Zeit de- Agitators, seine Hamsterei, sein Leben-mittelhandel beweisen jedenfalls die Wahrheit deS Sprichwortes vom Glashause. Dann soll man nicht mit Steinen werfen oder, und das ist etwas AehnlicheS, Gummiknüppel, vertreiben. Sonst sieht sich die Oeffent- Lichkeit veranlagt, auch anderen Dingen nachzugehen und das Kapitel der Bettelbriefe an Herrn Stinnes und ihren Erfolg eingehender zu prüfen. Auf das Urteil kann man gespannt sein, oder sollte auch für solche Volksverführer besondere Nachsicht gelten, wie sie i«fct in Polen beliebt wird? Einen billigen Tarif für gewaltsames Battabfchneiden hat die polnische Gerichtsbarkeit. Nur 200 Mark polnischer Währung wurden einem Antisemiten auferlegt, der sich in dieser Weise geg<n einen Juden vergangen hat. Wir wissen nicht, ob der Vorzugspreis zu weiteren Gewalttätigkeiten anlocken soll. In manchen Ländern können sich die Antisemiten einer gleich milden Beurteilung erfreuen, und ÄS wenn diese Bolkskrankheit gar nicht auSzurotten wäre, ergreift sie jetzt auch Besitz von bisher verschonten Gebieten. Die persischen Juden beklagen sich lebhaft über verschiedene Bedrückungen, denen sie ausgesetzt sind und hoben sich an Ichre GlaubenSbrüder in Palästina mit der Bitte um Abhilfe gewandt. Aber diese können sich allein nicht helfen und werden wohl, schon infolge des ungünstigen ZahlenveMltnrsses der Nationalitäten und Bekenntnisse, kaum vom Völkerbund in die erstrebte Lage versetzt werden. Nach der letzten Zählung dieses Wahres befinden sich im heiligen Lande 60 000 Irdenen, denen 600 000 Mohammedaner und 90 000 Christen gegenüberstehen. Tatsächlich ist fa auch die Rattfakatton des Mandats ad KalendaS gpaeeaS verschoben worden. Wie diese Bezeichnung ins hebräische übersetz werden soll, ist vorläufig ungewiß. Und dabei ist schon die Zusammenkunst deS großen AuktionSkomiteeS im Anschluß an die ersehnte Bestätigung fortgesetzt. Wenn ihm ihm die Zeit zu lang wird, möge es sich im Bunde mit anderen Juden mit osteuropäischer Politik beschäftigen. War eS klug, daß die iüdischen Abgeordneten Litauens ihr Parlament demonstrativ verlassen haben? Nun sind sie doch wieder zurückgekehrt. Entspricht es den Bestimmungen des FriedenSvertrages. wenn das rumänische Unterrichtsmimstevium iüdischen Prüflingen an Staatsschulen besondere Gebühren auferlegt, die sonst niemand zu bezahlen hat? Sollte gegen Ungarn gar nichts zu unternehmen sein, wo jetzt sogar hervorragende jüdische Schauspieler gewaltsam entlassen weiden und zwar nur. weil sie Juden sind. Und welche Vorbereitungen sind getroffen, wenn die Iudenfemdschaft in Rußland und der Ukraine, durch die schreckliche Hungersnot und die Verkehrtheiten deS DowjetSregiments gefördert, an den Unschuldigen blutige und selbst in der Zarenzeit nicht gekannte Rache nftytttt., Wenn erst der Vatikan Frankreich und dr-e übrigen Länder-seiner Sphäre, zu denen auch Italien zu gehören scheint, richtig gegen den Zionismus mobil gemacht hat, werden sich die großen Schwierigkeiten nicht länger verheimlichen lassen. Darum sei schließlich allen iüdischen Parteien. Richtungen und Menschen als dringlich jene weise Selbstbeschränkung empfohlen, die dem uns einst von der Welt ausgezwungenen und für so heilsam erfundenen SolidaEtSgedanken entspricht. ES ist nicht recht, in allen Dingen Richter zu sein, auch der Kritiker hat ein ähnliches Amt. %r6ft die edelste Geschliffenheit des Geistes, das beste Urteil und der höchste Geschmack nötigen nicht hierzu. Lieber etwas weniger interessant. aber nicht mit halber Gewalt Vergleiche aneinander pressen, die wohl gar nicht übel gemeint sind, urib doch verletzen und noch mehr schaden. In diesem Zusammenhänge hätten wir es begrüßt, wenn in einem angesehenen Blatte jüngst ein Vergleich des Oberammergauer Passionsspieles mit dem Kronprinzenbuch und anderer teils klassischer, teils hypermoderner Literatur gefehlt hätte. H a r o ä. Die geborene Tugenüeeich. Ein Grohstadtroman von OSkar JonS Miltman. (7. Fortsetzung.) -' Neuen Beziehern n>ird der bisher veröffentlichte Teil der NomanS gern nachgeliefert. Witt stand bald im zweiten Stockwerk des Mutterhauses oer Weisheit vor einer Klassentür, hinter der Dr. Krausnicker Sprechstunde halten sollte. Er wartete noch ein Weilchen, denn das Treppensteigen strengte ihn immer und in diesem Augenblick besonders an; dann klopfte er. Da seinem Anpochen kein „Herein" folgte, betraten die drei daS Schulzimmer und sahen sich einem schmächtigen Mann gegenüber, der hinter dem erhöhten Katheder saß und mit großen fragenden Augen ihr Begehren herausholen wollte. „Bin ich hier richtig, wo die Kinder Religion haben?", fragte Witt. — „Ja", lächelte Krausnicker mit leisem Räuspern und schaute freundlich auf die knixende Mnni und den Bruder Ottchen. Da Witt vorläufig weiter nichts sagte, strich sich der Rabbiner mit leichter Hand über dar bolle, früh ergraute Haar, als wenn er dadurch das Schweigen brechen könne. „Ich will den Kindern keine Stunde geben lassen", begann Witt jetzt langsam mit unterdrücktem Groll. „Wie heißt Du denn, mein Junge?", fragte statt einer Antwort Krausnicker unvermittelt Ottchen und, nachdem er Vor- und Zunamen.gehört hatte, setzte er schnell zum Vater gewandt hinzu, als habe er schon des sonderbaren Mannes geheimste Gedanken bloßgelegt, „also Herr Witt, Sie brauchen einen Rat!" — „Ich brauche eine Bescheinigung", meinte der Verdutzte. „Nur für Jhr^ Sohn?", erkundigte sich Krausnicker, und in seinem Ton lag etwas, als habe er itfht den Rest des Verborgenen ergründet. „Wir sind religionslos", murmelte Witt dumpf, der sich aus dem Ziminer heraussehnte, „aber die Schule und die Polizei wollen mich zwinaen. Geben Sie mir einen Ott aller Kürze. Fm Herbst dieses Jahrescheiden auder Berliner Gemeindeverwaltung 10 Repräsentanten aus, zu deren Ersetzung Neuwahlen porzunehmen sind. Bon den AuSscheidenden gehören 8 der liberalen Fraktion, je einer der Fraktion der jüdischen Bolkspartei und der konservativen Fraktion an. Wie verlautet, wird sich auch der Verband nationaldeutscher Juden an den Wahlen mit einer Liste beteiligen. Man erwartet, daß die bisher in der Verwaltung vertretenen Parteien diesmal mit eigenen Listen Vorgehen. * * ♦ Die monarchistischen Exzesse in München setzten sich fort und arteten in antisemitische Ausschreitungen aus. Eine Gruppe monarchistisch gesinnter Studenten hat ihre südischen Kollegen überfallen und mehrere schwer mißhandelt. * * * Die Großloge deS Ordens Bne-Brith ist in den Ausschuß deS deutschen Kongresses für alkoholfreie Jugenderziehung eingetreten. Rabbiner Dr. Baeck wird in der Ätzung am 27. Mai neben evangelischen und katholischen Referenten die Alloholfrage vom jüdischen Standpunkt aus behandeln. * * * Die Zentralwohlfahrtspflege der deutschen Inden hat für den 25. Mai eine Konferenz nach Elberfeld einberufen, welche die im Herbst tagende jüdische Erziehungskonferenz vorbereiten soll. * » * Auch in der Synagoge zu Minsk kam es zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen betenden Juden und jüdischen Kommunisten. Nach den bisherigen Berichten wurde ein Jude getötet. ch * * Der Posener Wojwode hat eine Verfügung betreffend des Aufentbaltsrechtes der Juden in Pomerellen und Provinz Posen erlassen. DaS Verbot des Bromberger Magistrates in Bromberg dauernden Aufenthalt zu nehmen, wird aufgehoben, da eS der polnischen Konstitutton widerspricht. Diese hat allen polnischen Bürgern die freie Wahl des Wohnortes gelassen. Jeder polnische Bürger kann demnach in sämtlichen Provinzen der Republik Polen Aufenthalt nehmen. » * Der amerikanische Generalkonsul in Warschau hat aus Washington die telegraphische Order erhalten, dem amerikanischen Konsulat in Polen die Weisung zu etteilen, Vorbereitungen zur Ausgabe von Bisa an Emigranten nur nach der neuen beschränkenden Quote zu treffen. * * * Der Wojwode von Luzk will 506 jüdische Emigranten über die Sowjetgrenze abschieben; da ihre schon mehrmals «ette AÜfenthWSbew'ilsigung"äbgekaüfen ist. Wer ^offenen herrscht darüber große Verzweiflung. * * Wie verlautet, soll der Vertreter des amettkanischen Roten Kreuzes der Budapester antisemitischen Angriffe überdrüssig, beabsichtigen, demnächst Ungarn zu verlassen und nach Amerika zurückkehren. * * * Auf Initiative der jüdischen Welthilfskonferenz ist in Antwerpen ein Werbekomitee zugunsten der hungernden Juden in Rußland gegründet worden. * * * ' Der Völkerbundrat hat ein Komitee eingesetzt, mit der Aufgabe, die Frage der Zusammenarbeit aller intellektuellen Kräfte der Welt zu studieren. Zu den Mitgliedern gehören Madame Curie, Prof. Henry Bergson und Professor Albert Einstein. Die erste Sitzung dieses Komitees wird in Genf stattfinden. Schein, daß die Kinder hierher gehen, der Preis spielt keine Rolle!" In KrausnickerS Augen blitzte eS böse, aber er bezwang sich und sagte: „Herr Witt, Religion hat nichts mit Geld zu tun: übrigens, wamm kommen Sie zu mir, wenn Sie — ich irre mich doch nicht — kein Jude sind?" „Ich komme aus Not und kann Ihnen nicht alles sagen", antwottete Witt. Eine zeitlang blieb es still im Zimmer, die Kinder sahen verlegen vor sich nieder; endlich sagte der Rabbiner: „Selbst wenn Sie es wollten, würde ich niemals Ihre Kinder mit unseren jüdischen Zöglingen zusammen unterttchten." In Witt dämmerte eine Hoffnung, doch in gleichem ruhigen Ton, der ihn säst nie verließ, fuhr Krausnicker sott: „Ich will Ihre Kinder nicht zu Juden macken, aber die Bescheinigung kann ich nur geben, wenn sie auchUnterrichthaben." „WaS soll dann werden?" sagte Witt trostlos vor sich hin. „Ich werde Ihren ändern allein Unterttcht geben, wenn Sie wollen, damit sie die Religion kennen lernen, wie alles wichttge im Leben; kein Christentum und kein Judentum. Das wird ja den Menfcken nicht gefallen, vor Gott aber wird es schon recht sein l Uno nach diesen in ganz leichtem schlesischen Tonfall gesprochenen Worten streckte Dr. KrauSnicker Vater Witt die Hand entgegen. Der war noch immer nicht innerlich einverstanden, aber hier sangen verwandte Töne, sie waren ein Labsal für Ottos verwundete Seele. Damm gab er klein bei und drückte dankbar und fest des Rabbiner- Rechte. Zwei volle Jahre besuchten die Kinder an jedem Dienstag um vier Uhr Dr. Krausnicker in seinem Schulsprechzimmer und hatten vieles erfahren vom Werden der hoch geborenen Religion und ihren Schicksalen und Jrrfahtten bei den Menschen im dunklen Erdengrunde. Sie fiihtten jetzt, daß auch der Haß, der alles gegeneinander treibt und zermalmen will, int Willen der Schöpfung liegt, damit aus ihm das Edle geboren werde, wie der segnende Frühling nach furchtbarem Der MmmMmtär bet englischen Schatzamtes erklärte im englischen Unterhaus, die Kosten der militärischen B» satzung und der Wache in Mesopotamien belaufen sich dieses Jahr auf 7 373 000 Pfund, die militärischen Kosten in Palästina dagegen betragen nur 1742 000 Pfund. * * * Auf einer am Montag, den 15. Mai, stattgefundenen Versammlung der Londoner Komitees der jüdischen Rabbiner hielt Lord Robert Cecil, Mitglied des Parlaments, eine längere Ansprache, welche die traurige Lage der Juden in manchen Ländern Mittel- und Osteuropas zum Gegenstand hatte. » * * Lord Easley, der Eigentümer der Londoner Morning- Post, die bekanntlich eine heftige Kampagne gegen die zionistischen Ziele führt, ist soeben in Jerusalem eingetroffen. Er gedenkt sich einige Wochen in Palästina aufzuhalten. Bei seiner Ankunft auf dem Jerusalemer Bahnhof wurde er von prominenten Vertretern der mohamedanischen Gemeinde empfangen. Schon am Tage seiner Ankunft stattete er dem höchsten mohamedanischen Geistlichen, dem Grand 'Mufti, einen Besuch ab. * * * lieber die Behandlung der jüdischen Immigranten, bit in Kapstadt angekommen sind, werden traurige Tatsachen bekannt. Man verfähtt mit den jüdischen Immigranten ganz so, wie mit asiatischen Wanderern, obgleich sie alle notwendigen Papiere, die sie zur Landung berechtigen, aufweisen konnten. * * ch Mit welchem Ernst die Tätigkeit der arabischen Nattonalisten in französischen Kreisen betrachtet wird, ist daraus zu ersehen, daß der französische Oberkommandeur in Syrien, General Gourand, die Anregung gegeben hat, daß die Engländer und Franzosen im nahen Osten eine eigene Entente bilden. * * * Wie jetzt bekanntgegeben wird, sollen alle Verbote, die sich auf die Immigration von Personen beziehen, die in Palästina Verwandte haben, zurückgezogen werden. Die Zahl der Gnwanderer in Palästina betrug während de- Monats April 880. * * * Aus Konstantinopel wird gemeldet: In der letzten Zeü sollen aus verschiedenen Teilen des Kaukasus zum Judentum Uebergetretene in Batum eintreffen, die nach Palästina auswandern wollen. In den letzten Tagen sind ungefähr 45 solcher Proselyten angekommen. An ihrer Spitze stehe ein Rabbiner. Sie beabsichtigen, in Kürze nach Paläkina weiter zu reisen. Man erwartet demnächst roch weitere Transporte. — Es wird schon recht warn:. * * * Das offizielle Organ des Vatikans „Ossorvatore romana" W. Me>i F-«z'uL Me« jetzt eine besondere tägliche Ruvm unter dem xtttf Zionismus und Palästina". In dieser Rubttk werden Aeußerungen aus Kreisen der Agudath JiSroel, nach denen die zionistische Organisation das Bettrauen des jüdischen Volkes nicht besitzt, zu antizioniftischen Propagandazwecken auSgenutzt. & H * Die Verschiebung der endgültigen Ratifikation des Palästina-Mandates durch den Völkerbundsrat in Genf hat in hiesigen Zionistenkreisen nicht besonders enttäuscht. Diese diplomatische Erklärung haben wir vorausgesehen. * * * Der mohamedanische Oberrat in Jerusalem will eine Delegation nach Indien entsenden, um unter den Mohamedanern Gelder zur Erhaltung der Moscheen in Jerusalem zu sammeln. Die Delegation wird daneben den Auftrag mitbekommen, nach einer gewissen politischen Richtung tätig zu sein und für die Herrschaft des Khalifats über die „Heiligen Mohamedanischen Stätten" Stimmung zu macken. Wintersturm. Wenn Krausnicker Ottchen fragte: „Warum brauchen wir denn die Religion?", dann antwottete der Junme: „Weil wir gut werden sollen!" Minni aber hatte sich Krausnickers Lieblingsvers vom Propheten Micha eingeprägt: „Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln" und mit diesem Lebensmotto dem Vater so imponiert, daß er auch der Fünfzehnjährigen und schon aus der Schule entlassenen die weitere Teilnahme an der Religionsstunde verstattete. Bor Regina begründete Witt diesen Pttnzipienbruch mit einer notwendigen Ueberwachung Ottchens, denn dem Rabbiner könne man doch nicht recht trauen. Aber es war ihm nicht Ernst mit dieser nur boshaft gemeinten Verdächtigung. Mit den jüdischen Kindern, die in großen Scharen dem Unterttcht, oft auf sehr weiten Wegen, zuströmten, kam das Geschwisterpaar nicht zusammen, und das war schade. Denn viele waren ja ihre Kameraden in den beiden Gemeindeschulen, die mr ihre Vormittagsbelehrung sorgten. Nur einmal, als Krausnicker, und das konnte schon Vorkommen, die Leiden im kalten Winter zu lange warten ließ, nahm Lehrer Neumond, der Ottchen sonst im Rechnen unterttchtete, Minni und ihren Bruder in seine Klasse der Anfänger hinein. Mit Heller Freude hörten sie hier zu, wie Neumond die Anfanasgründe der biblischen Geschickte vor fünfzig zappelnden Mädeln durch Kinderverse und Einfügung bekannter Volkslieder schmackhaft machte. Wie ernsthaft und drollig zugleich llang im Munde der Kleinen, die dem langen Laban zugeschttebene Einladimg an E l i e s er vor dem Tore: Bei unS gibt'S fttfche Butter Und für Kamele Futter, Bei uns gibt'S guten Kuchen, Den sollst du mal versuchen, Bei uns gibt's süßen Wein, .ftvmm doch zu uns herein. fCt