Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 21 (26.5.1922)
- Date
- 1922-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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m Ijl.p JMWMWtll.il ^V, UM I,Z>^M>^WWWWWWYMßWWffMH .' .1.1 ©rgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. 03. Le»ugspreis durch die Gefchiiftskielie V« jährlich Nt». 13 — Llnzelnummer. „ 1.30 flfüt Ale Mitglieder Oer Bereinigung Ist der Bezugspreis Im NNtgNedSbeiirage Inbegriffen. Anzeigenpreis: Die N/zem breite MllUmeterzeile Mk. 1.30 FamiNenanzeigen SM. 1.-. Bei Wiederholung (frmtfftlgung Die „Jüdisch-liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und mit zwei mvnat- Nchen Beilagen, der wifsenschastNHen Äeltschrist „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jusenbverelne". Nr. 21 ♦ 26. Mal 1922 Medaillon: Berlin VS, Mauerstr. »2 (Bereinigung für das liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Zentrum 16» Geschäftsstelle u. Anzeigenannahme: Breslaus, Neue Graupenftr. 7. Buchdruckerei Lh. Schotzkg G.m.b.ch., Fernruf: Amt Ming 431 und sSoo. Sämtliche Zahlungen, Postscheckkonto Breslau »7 der Fa. LH. Schatzlg <v.m.b.ch. Vas bedeutet das heilige Land dem I religiösen Juden? Bon Rabbiner Dr. Norden, Elberfeld. Die Frage nach der Berechtigung des Keren Aojessod bewegt die Gemüter. Muh oder darf in der gegenwärtigen Stunde das deutsche liberale Judentum V'anb und Gut zum wirtschaftlichen Aufbau Palästinas bieten? Hirschfeld verneinte die Frage. Norden bejaht sie. Beide Aufsätze bringen lediglich die persönliche Ansicht ihrer Verfasser. Die Vereinigung für das liberale Judentum. E. B., hat bshcr zu dieser Fra-gc oijiziell keine Stellung genommen. Das Inserat in Nr. 17 der ..Jüdisch-liberalen Zeitung", in welchem von der Beteiligung am Keren Hafessod abgeratcn wurde, ging von dem Liberalen Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin aus. Anmerkung der Schriftleitung. In jüngster Zeit ist in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" den liberalen Rabbinern der Borwurf gemacht worden, sie hätten durch Befürwortung des Wiederaufbaues Palästinas, durch Mitunterzeichnung des Aufrufs für den Keren Hajessod den Standpunkt des liberalen Judentums preisgogeben und dem Zionismus Vorspanndienste geleistet. Es ist nötig, dast hier Klarheit geschaffen wird. Die „Vereinigung für das liberale Judentum" hat ein Anrecht darauf, über den Standpunkt ihrer theologischen Mitglieder genau unterrichtet zu sein. Und da must nun zunächst einmal betont werden, dast wir liberalen Rabbiner (ich glaube das für sämtliche Kollegen ,zum mindesten aber für die groste Mehrheit derselben sagen zu dürfen) bei der Begründung der liberalen Bereinigung vor vierzehn Jahren nid}t daran gedacht haben, gegen den Zionismus zu Jelde zu ziehen. Für uns war die Gründung der Vereinigung von Anfang an eine rein religiöse Angelegenheit, die mit politischen Dingen nichts zu schaffen hat. Die von uns Rabbinern ausgesprochene Absicht war es. eine Bewegung zu schaffen, die ' 'fc'dt Neubelebung des religiösen Judentums ' MneN sollte gegenüber der erschreckenden Gleichgültigkeit in grohen jüdischen Kreisen. Ich verweise auf die Verhandlungen der Gründungsversammlung, die in der ersten Nummer des ersten Jahrgangs des „Liberalen Judentums" abgedruckt sind.- verweise insbesondere auf die Ausfühmngen meines Kollegen Seligmann (Frankfurt a. M., der ausdrücklich erklärt hat, nur in so weit hätten wir die jüdischen Nationalisten zu bekämpfen. als sie etwa die Religion als etwas Nebensächliches hinstellen oder sie gar ausschalten würden. Ich darf wohl ferner auf meine eigenen Ausführungen über „Liberales Judentum und Zionismus" in dem Schristchen „Grundlagen und Ziele des religiös-liberalen Judentums" verweisen. Diese kleine Schrift ist im Aufträge der „Vereinigung für das liberale Judentum" versaht und vor ihrer Drucklegung auster von den Herren Rabbinern Dr. Seligmann (Frankfurt) und Dr. Freudenthal (Nürnberg) auch von dem früheren Vorsitzerchen, jetzigen Ehrenvorsitzenden der Bereinigung, Herrn Iustizrat Breslauer, und von dem gegenwärtigen Vorsitzenden. Herrn Rechtsanwalt Stern, durchgelesen worden. Da die genannten Herren meine Ausführungen gebilligt haben, darf ich diese wohl als die offizielle Stellungnahme der Vereinigung zum Nationaljudentum ansprechen. Dort habe ich u. a. ausgesührt (Grundlagen usw.. S. 42): „Ob es eine jüdische Rasse gibt oder nicht, ob man im üblichen Sinne des Wortes von einem jüdischen Volke sprechen kann oder nicht, ob es für die deutschen Juden zweckdienlich ist. sich jüdisch-national zu betätigen oder ob sie damit den Antisemiten in die Hände arbeiten, das sind Fragen, mit denen das liberale Judentum sich nicht zu beschäftigen hat." „Wirhabenhier lediglich sestzustellen. obundinwiefern derZionismusimstandeist, denGedanken und Zielen des liberalen Judentums etwa Abbruchzu tun;vondiesem Gesichtspunkt allein hätte der Liberalismus Veranlassung. ihm e n t g e g e n z u t r e t e n" (S. 43). Mit mikvcit Worten: Die Bereinigung will ihre Mitglieder Politisch nicht binden. Ich kann als religiösliberaler Jude Zionist. Nichtzionist oder Antizionist sein, genau so. wie ich cs als religiös-orthodoxer Jude sein kann. Die Auseinandersetzung mit dem Natwnaljudentum gehört nicht zu den offiziellen Aufgaben der Vereinigung, so weit dasselbe nicht etwa dem religiösen Judentum im allgemeinen oder dem religiös-liberalen Judentum im besorweren zu nahe tritt. Selbst angenommen daher, der Keren Hajessod wäre eine ausschliestlich zionistische Angelegenheit. so dürste doch jeder religiös-liberale Jude sich daran beteiligen; denn der Wiederaufbau Palästinas tut doch der liberalen Richtung im Judentum nicht den geringsten Abbruch. Dast die liberale Auffassung des Messiasgedankens durch den Wiederaufbau Palästinas keinen Schaden erleidet, braucht wohl keinem auseinanderges^tzt zu werden, der sich mit den Problemen des religiösliberalen Judentums beschäftigt hat. In Wahrheit aber ist der Wiederaufbau Palästinas gar keine ausschliestlich zionistische Angelegenheii, wenn auch die Zionisten die ersten gewesen sind, die ihn mit fester Hand in' Angriff genommen haben. In WahrheitistderWiederaufbauPalästinaseine allgemein-jüdische und zwar eine in hohem Grade jüdisch-religiöse Angelegenheit.. Denn Palästina ist uns ia nicht nur das Land, in dem unsere Vorfahren viele Jahrhunderte gelebt haben, es ist uns ja auch das heilige Land, das Land, in dem sich einst religiöse Ereignisse abgespielt haben von ungeheurer Bedeutung, das Land, auf dessen Boden unser Judentum grost geworden und erstarkt ist, auf dessen Boden es so grost. so stark geworden ist. dast es aus seinem Kräfteüberschust heraus zwei andere bedeutende Religionsbekenntnisse Hervorbringen konnte. Darum darf es in der ganzen Welt keinen Juden geben, dessen Herz nicht höher schlüge, wenn er den Namen des heiligen Landes nennen hört. Nun werden wohl manche einwenden: „Auch unsere Herzen schlagen höher, wenn wir den Namen des heiligen Landes nennen hören. Auch uns ist das heilige Land ein Gegenstand teils stolzer, teils wehmütiger Erinnerung; nicht dagegen ist es uns ein Gegenstand inniger Sehnsucht für die Zukunft." Da möchte ich aber denn doch einmal fragen: Warum bauen wir unsere Gotteshäuser in der Richtung nach Osten? Warum beten wir unsere Hauptgebete. Schmaureh Esreh und Keduschot. in der Richtung nach Osten? Warum bestatten wir unsere Toten so. dast ihre Augen nach Osten gerichtet sind? Was bedeuten diese sinnbildlichen Handlungen? Gelten sie nur der E rinn erring an das im fernen Osten gelegene heilige Land? Spricht sich in diesen Handlungen nicht auch der Wunsch aus. das Land möge uns in der Z u k u n f t etwas sem? Und wenn wir in allen jüdischen Gemeinden alljährlich den Twaueittsg des der TeNipelzeMörüW.' begehen.' gilt dä die ernsteFeier dieses Tages lediglich der Vergangenheit? Gilt sie nicht auch der Zukunft? Gilt sie nicht auch der Hoffnung, es möchte dereinst wieder an 'jener geheiligten Stätte ein neues Heiligtum erstehen, ein Heiligtum von noch viel höherer Bedeutung, ein Heiligtum, von dem der Prophet verkündet hat: „Mein Haus (spricht Gott) soll ein Haus des Gebetes genannt werden für alle Völker"? Und wenn wir auch nur einen flüchtigen Blick auf unsere Gebete werfen, so können wir keinen Augenblick daran zweifeln, dast das heilige Land seit der Zerstörung des zweiten Tempels, also seit mehr als achtzehnhundert Jahren, das Ziel der religiösen Sehnsucht der Inden gewesen und bis heute geblieben fft. „Weil wir vor Dir gesündigt haben, wir und unsere Väter, wurde unsere Stadt zerstört und unser Heiligtum verwüstet, ging unser Glanz in die Verbannung und wurde die Herrlichkeit hinwoggenomrnen von dem Hause unseres Lebens" (aus dem Mustasgebet des Neumondsabbats). Nun kann freilich nicht verlangt werden, dast wir die in den überlieferten Gebeten ausgesprochenen Wünsche ohne jede Einschränkimg zu den unsrigen machen. In jenen Gebeten wird ia u. a. auch der Sehnsucht Ausdruck verliehen nach Wiederernführung des Opferdienstes im Heiligtum m Jerusalem; und es wird mir doch nie in den Sinn kommen, den Juden der Gegenwart zuzumuten, sie sollten sich nach einer Att der Gottesverehrung zurücksehnen, die ein für allemal der Geschichte angehören muh. Um diese Sehnsucht handelt es sich natürlich nicht. Es handelt sich lediglich darum, dast an der weltberühmten klassischen Stätte, an der einst der salomonische und später der zweite Tempel gestanden hat, einst wieder ein jüdisches Heiligtum erstehen möge zur Ehre des einzigen Gottes, zur Ehre des Judentums. zur EhrederMenschheit. Das ist eine Sehnsucht, der sich wahrlich kein religiös-liberaler Jude zu schämen hat. Wenn wir sehen, wie überall. Ko eine grösteve Anzahl Juden wohnt. Gotteshäuser errichtet Verden: sollen wir da nicht sehnsüchtig wünschen, dast die Stätte, an der einst unser BolkSheiligtum gestanden hat, emmal aufhöve. einen Trümmerhaufen darzustellen, einen Ort bitterer Wehklagen und Heister Tränen? Sollen wir da nicht sehnsüchtig wünschen, dast von dieser klassischen Stätte einmal wieder, wie in den Tagen der Vorzeit. nach der Verheißung unserer Propheten das Wort des Gvigen ausgehen möge?*) Allein mit dem Wünsche d'eS Wiederaufbaues eines Heiligtums an der durch tausend heilige Erinnerungen ge¬ *) Last aus verschiedenen modemen Gebetbüchern (Geiger u. a.) auch dieser Wunsch gestrichen worden ist. ist mir natürliche bekannt. Ich halte dies für einen Fehler, der wieder gut gemacht werden must. Doch möchte ich in diesem Artikel auf die schwierige Gebetbuchfrage nicht weiter eingehen. weihten Stätte ist die Bedeutung des heiligen Landes für das religiöse Judentum noch nicht erschöpft. Der Wunsch des religiösen Juden nmst auch dahin gehen, dast das heilige Land einmal wieder ein Mittelpunkt werden möge jüdisch-religiösen und jüdisch-kulturellen Lebens, dast von dem Lande, in welchen: einst die Psalmendichter ihre religiösen Hymnen gesungen, in welchem einst die Propheten ihre gottbegeisterlen Reden gehalten haben, dast von diesem Lande auch in Zukunft wieder ein Strgm hoher religiöser Begeisterung ausgehen möge, der veredelnd und läuternd aus die Juden der ganzen Welt wirkt. Oder sollte das eine Utopie sein, ein Hirngespinst, das nun und nimmer zur Wirklichkeit werden kann? Da denken wir doch nur an die verschiedenen jüdisch-religiösen und jüdisch-kulturellen Mittelpunkte, von denen die Geschichte zu erzählen weist, denken wir an Babylonien, die Heimat des Talmuds, denken wir an Aegypten — gewist ein denkbar ungünstiger Boden als das verpönte „Haus der Knechtschaft" —, und doch hat dort ein Maimonides gewirkt, dessen Gedanken« kreisen wir uns noch heute nicht entziehen können; denken wir an Deutschland mit den Chasside Aschkenas, mit seinen tief religiös veranlagten Männern, die den Juden aller Länder als Vorbilder hingestellt wurden; denken wir an Spanien, die Wiege so hochbedeutender jüdischer Dichter und Philosophen: denken wir an Polen und Rustland mit ihren unzähligen genialen Beherrschern des jüdischen Schrifttums; denken wir an alle diese verschiedenartigen jüdisch-religiösen und jüdisch-kulturellen Mittelpunkte, von denen wir sicherlich keinen einzigen in unserer Geschichte ntiffen möchten: und da sollte der Gedanke, da sollte der Wunsch ein Hirngespinst sein, es möchte auch einmal wieder die Reihe kommen an das Land, dem doch unstreitig unter allen jüdischen Mittelpunkten die Palme gebührt, an das Land, itt dem jeder Stein erzählt von jüdischer Gotteserkenntnis, von jüdischer Gemütstiese. von jüdischer Gottinnigkeit? Ich habe mich bei meinen Ausführungen ftzeng an mein Thema gehalten. Ich wollte nur Nachweisen, was uns als religiösen, als religiös-liberalen Juden das heilige Land bedeutet. Was Herr Lehrer Hirschield in Nr. 17 dieser Zeitung vom religiös-liberalen Standpunkt aus gegen die Beteiligung an der Sammlung für den Aufbau Palästinas angeführt hat. ist einzig und allein unsere Auffassung von der messianrschen Zeit. Ich stimme Herrn Hirschfeld unbedingt zu. wenn er in der messianischen Zeit die „Vereinigung aller Menschen" erblickt, und wenn er das Iudentunßschätzt „als das Höchste.... was Menschen geist und Menschengemüt in aottbegeisterten! Menschen hat erstehen lassen können." Ich kann aber beim besten Willen nicht einsehen. was vom Standpunkt unseres religiösen Liberalismus dagegen spricht, mit dazu beizutragen, dast „in den Städten Judas und in den Strasten Jerusalems wieder gehört werde die Stimme der Wonne und die Stimme der Freude. die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut" (Ieremia). Ich kann nicht einsehen, dast die Stätte des einstigen Heiligtums in Jerusalem m alle Ewigkeit ein Trümmerhaufen bleiben must, und dast es dem heiligen Lande versagt sein must, jemals wieder ein jüdisch-religiöser und jüdisch-kultureller Mittelpunkt zu werben, wenn anders die Ziele des religiös-liberalen Judentums zur Verwirklichung gelangen sollen. Alles andere, was Herr Hirschseld vorgebracht hat, ist politischer und wirtschaftlicher Natur. Gewist ist es tief zu beklagen, dast die Berliner jüdische Gemeinde die Frauenstation ihres Krankenhauses geschlossen hat. Gewist ist es nicht minder beklagenswert, dast die Beamten der Berliner Genieind« um jede Gehaltsaufbesserung schwere Kämpfe bestehen müssen, was übrigens auch aus die Beamten der Provinzgemeinden zutrifft. Gewist ist der Notstand der jüdischen Kulturinstitute eine höchst bedauerliche Tatsache. Ob es dahin kommen mustte, mag hier unerörtert bleiben. Eins aber steht fest: Wirdürfen uns durch keine wirtschaftlichen oder politischen Erwägungen von der Stellungnahme abbringen lassen, die wir als religiöse Iudendem Lande unserer Väter schulden« Wenn wir alle anderen Erwägungen ausschalten und nur unser jüdisch-religiöses Empfinden sprechen lass-?.:, dann wird es uns zur unumstöstlichen Gewistheit werden, dast uns das heilige Land beides ist: das Land unauslöschlicher heiliger Erinnerungen und das Land unauslöschlicher heiliger sucht. Daher rufe ich mit Herrn Hirschfeld: weit eure Herzen und eure Hände, um die Not d-." »ujföep. Juden abzuwehren". Aber g e g e n ihn rufe ich: Q.ffftlet eure Herzen und eure Hände nicht minder weit, um der» Mederaufbau des heiligen Landes zu ermöglichen. Iugendvereins-Anzeigen IT letzte Seite.