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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-05-19 · 20 (19.5.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
20 (19.5.1922)
Date
1922-05-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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it» beit Räume« der Schulen während der Schulzeit Gatt: Sichet hat den Borteil, daß die Kinder nicht am Nachmtttag oder gar am Sonntag zur ReligionSschule gehen müssen. Et bringt aber den Nachteil mit sich, daß wöchentlich nur zwei Stunden wie für den evangelischen Unterricht festgesetzt sind. Die eigene ReliaionSschule der Gemeinde kann mehr leiste«, da in ihr Knaben und Mädchen der einzelnen Jahrgänge zusammen unterrichtet werden, und 3—4 Stunden für jede- Kind vorgesehen sind, die zur Bewältigung de- Stoffeeher autreichten. Als Mängel werden empfunden, daß gute Lehrbücher noch immer nicht vorhanden sind, vor allem aber, daß die Schule nicht die genügende Unterstützung seitender Eltern erfährt, sondern im Gegenteil oft durch da- Elternhaus in ihrer Wirkung auf die Kinder beeinträchtigt, wird. An die mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen des Referenten schloß sich eine lebhafte Aussprache, die sich mit der Frage der Konfirmation beschäftigte. Es find nämlich in der hiesigen Gemeinde Bestrebungen im Gange, um die seit vielen Jahrzehnten bestehende Konfirmation der Knaben abzuschaffen und allein die Barmiztvo der Knaben zuzulassen. Es wurde von verschiedenen Seiten erwähnt, daß das 13. Lebensjahr keinen Abschluß für die religiöse Erziehung darstelle, daß dieser Termin vielmehr in alter Zeit auf die Verhältnisse des Orients -ugefchmtten sei. Interessant waren die Ausführungen zweier jüngerer Diskussionsredner, von denen der eine im 13., der andere im 16. Lebensjahre Barmizwo und konfirmiert worden war. Während der erster« erwähnte, daß die Feier im 13. Leben-jahre auf ihn keinen bleibenden Eindruck gemacht habe, betonte der andere, daß die Vorbereitung zur Konfirmation und die Feier für ihn ein religiöses Erlebnis bedeute. Nach dem vom Kassierer erstatteten Bericht wurde die Wahl des Borstandeauf Antrag aus der Versammlung bis zum Herbst vertagt. Sie Hochschule für die Wissenschaft de- Judentums in Berlin, die im Dienste der Wahrheit und der Forschung unserer Bereinigung verwandte Tendenzen vertritt, feiert am 21. Mai das Jubelfest ihres fünfzigjährigen Bestehens durch einen akademischen Akt in der Aula, Artmeriestraße 14 um 11^ Uhr vormittags. Zu 8 Uhr abends laden die Hörer zu einem Festkommers im Brüderverein, Kurfürstenstr. 116 ein. 9n aller Kürze. Ans einer Sitzung des Danziger jüdischen Äememdevorstandes stellten die zionistischen Repräsentanten den Antrag, daß die Gemeinde demonstrativ 10 000 Mark für den Keren Hajessod zeichnen solle. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Leitung des Joint Distribution Committee ist von Paris nach Wien verlegt worden, um in unmittelbarem Kontakt mit seinem Arbeitsgebiete zu bleiben, welches sich auf daöstliche Europa auS» hrertet. Auf der internationalen Konferenz für Kinderhilfe wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der die Kinder aller Länder mfgesordert werden, einen Fasttag zu veranstalten und den ersparten Betrag dem Hilfsfonds für die hungernden Kicker in Rußland und der Ukraine zuzuführen. — Rührend, aber grundfalsch. Es gibt genug Brot auf der Erde, wenn nur die Großen und Mächtigen es gerecht verteilen wollten! * * * .Der polnische Ministerpräsident versprach einer Abordnung des iüdischen Ukraine-Komitees in Polen, sein möglichstes zu tun. um die Notlage der jüdischen Heimlosen in Polen zu lindern. * -i- * Polen wird ganz von der einsetzenden Wahlbetvsgung beherrscht. Die Parteien suchen sich gegenseitig, aber alle auf Kosten'der Juden, Mandate abzuringen. Um die Gegner bloßzustellen, werden ihnen nnt Vorliebe Geschäfte mit Juden vorgeworfen, und diese als ein großes Verbrechen bezeichnet. Im Budapester Stadtrat griff der Führer der Antisemiten das mnemainsche Rote Kreuz in Ungarn an und sprach von „verjudeten Freimaurern". Er sagte. Ungarn lehne die amerikanische Wohlfahrtstatrgkeit ab. Die amerikanische Botschaft hat die Aufmerksamkeit der angan scheu Regierung auf die Vorgänge in dieser Sitzung gelenkt. * * * Der ungarische Unterrichtsminister hat dem jüdischen Gymnasium in Debreczhn das Oeffentlichkeitsrecht verliehen. In der Ualt sind hebräischer Sprach- und jüdischer Geschichtsunterricht Pflichtfächer. — Wenn sich sonst in Ungarn nichts ändert! Shglock. Line psychologische Studie von Dr. Berndt Götz, Berlin. Shylock auf seine psychologische Wahrscheinlichkeit, ober, wie man auch sagen mag, auf die innere Wahrheit ansehen, ist leicht und bald begriffen. Ein Jude, der Jahre und Jahrzehnte hindurch die Zurücksetzung und Verhöhnung von Seiten der Andersgläubigen tragen mußte, hat Gelegenheit gefunden, an einem seiner Widersacher Rache zu üben; — durch den Spruch eines geschickten Richters wird ihm sein Opfer hart vor der Katastrophe entrissen. Der Schmerz über die erlittene Niederlage bleibt nicht der einzige; seine Tochter wird ihm durch einen anderen Christen entführt; — ein Wrack treibt dahin; und die Wogen der Komödie schlagen darüber zusammen. — In der Lat können wir kaum eine dramatische Handlung uns klarer und einfacher determiniert denken. Wir behcüten während des gesamten dramatischen Ablaufes stets die Empfindung, daß, bei aller romantischen, köstlich gespannten Märchenhaftigkeit, die Historie sich sehr wohl hätte abfpielen können, wenn sie sich vielleicht tatsächlich auch nicht begeben haben mag. Wir erleben das Werden der Notwendigkeit, mit der die zwischen Shylock und den Venezianern längst bestehende Spannung zum tragischen Treignis führen muß. Darin besteht ja die Meisterschaft des dramatischen Dichters, daß Held und Welt, als Ganzes genommen, verschieden sind; so verschieden im innersten Kern, daß im gegebenen Falle der Konflikt unausbleiblich sein muß. Da» subjektive Weltbild des Helden muß von der objektiven Welt abweichen, und damit ist ja auch der Weg der Entwicklung zum tragischen Ende vorgeschrieben. Der Held kann nicht, ohne seine seelische Existenz auszugeben, umkehren; gerade darin zeigt sich die Kunst de» Dichters, wenn er uni begreiflich zu machen versteht, daß seines Helden Dasein innig und unmittelbar an sein Weltbild geknüpft ist, und damit gibt er ihm dramatische Daseinsberechtigung. Man kann die Charakterisierung Shylocks das Gemälde dos Hasses nennen, der nicht eher satt wird, als bis er sein Ziel erreicht hat, und das Ziel ist die Vernichtung des Gegenstandes, auf Len der Haß gerichtet ist. ES soll uns also an einer Menschenseele ein psychischer Zustand vor Augen geführt werden: wir haben uns damit zu beschäftigen, in welche Gruppe seelischer Bersassungen wir ihn zu bringen haben. Haß ist eine Sesumimy, das heißt eine psychische Verwebung, di« in ihrer Gesamtheit atfcmfjfc Konstll fet Wkm «Wt 8wt seiner llritaan^ de« Auftrag, SpeMärzte für den albanischen NegienmAMmst anznwecken. Laut schriftlichem Ersuche» das Konsulats fentateit ausschließlich Arier in Betracht. — Albanien hat jetzt sein DcheinSrecht erwiesen! » V * In kurzem soll in London ein. zahlreiche Pogromszene« aus der Ukraine darstellender Film torgeführt werden. Der Film wucke angeblich wahrend der Pogrome ausgenommen. — Nenn diese SensatkonSmacherei noch weitergeht, gewinnt «an den Eindruck, daß die Möckeckacken ihr blutiges Werk erst begannen, nachdem olles zum LoSkurbeln ftrtig war. * » » Der Sekretär 8er arabischen Delegation Shibly Jamal streifte in London bei einer Veranstaltung der jüngst in England gegründete» „proarabischen" Gesellschaft die gegenwärtige Lage. In Syrien. sagte er. ist ein Aufstand ausgebrochen. Palästina ist davon noch nicht bettoffen. aber die Ausdehnung auf dieses Land wick nicht lange aus sich warten lasten; dann werden die ersten Opfer jene Menschen sein, gegen welche die palästinensischen Araber von Haß erfüllt sind. Der römische Patriarch von Jerusalem ist in Rom emgetroffen und vom Papst empfangen vocken. dem er die Situation in Palästina und die „Zionistischen Pläne zur Diederaufrichtung des jüdisch« Königreiches" auseinandergesetzt hat. Ts ist in diesem Zusammenhang lehrreich, daß in Palästina ein in französischer Sprach« erscheinendes neues Organ „Palestino", das eine antizionistische Propaganda führt, vom römischen Patriarchat hrrausgegeben wird. Der Völkerbund-mt will sich mit der Ernennung einer Avfsichtskommistion für die „Heiligen Stätten" beschäftqgen. Bo» gut unterrichteter Seite erfahren wir. daß seitens Frankreich große Anstrengungen gemacht werden, um einen Franzosen als Vorsitzenden dieser Kommission durchzusetzen. Die zionistische Organisation greift in 8er „Timer" Israel Zangwil an. Er sei kein Vertreter der zionisttschen Organisation und kein Mitglied ihrer leitende« Organe; feine Auslassnnaen Kimen nicht als die Ansichten jener Kreise bettachtet werden, die für di« zionistische Politik verantwortlich find. Im Verlaufe der letzten zwei Monate' haben ungesHr 800 Touristen aus den Bereinigten Staaten Palästina besucht. Aus vielen anderen Ländern, insbesondere aus England und Frankreich, find ebenfalls zahlreiche Touristen emgelroffen. — Also mehr Reisende als Einwanderer! * * * Der Zentralverem deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubenhat dahin gewirkt, daß eine Rabbinerversammlung zusammentritt» um die Uebersetzung etwa noch nicht verdeutschter jüdischer Schriften in die Wege au leiten. Ist diese Arbeit vollendet, dann müssen alle Vorwürfe über sogenannte Geheimlehren oder -gesetze verstummen. Die Berliner jüdische Gemeinde hat den Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde Posens, Dr. Freimann, nach Berlin berufen. Kus öem Reich. «erlitt. Mit Rücksicht darauf, daß der Benband des deutschisraelitischen Gemeindebunds sich zur Gesamtorganisation der deutschen Juden umbilden solle, beschloß die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde vor einiger Zeit, in Zukunft den Verband der deutschen Juden nicht mehr zu subventionieren. Wider Erwarten stößt die Legalisierung der Gesamtorganisation auf starke Schwierigkeiten. Der Vorstand wird daher, die Frage der Wcitersubventionierung des Verbandes auf einer Sitzung der Konferenzgemeinschaft der Grohgemeinden Deutschlands zur Erörterung bringen.zumal in Frankfurt ä. M. und Breslau eine starke Stimmung bestehen soll, zunächst den Verband der deutschen Juden fortbestehen zu lassen. Berlin. Die Berliner jüdische Gemeinde hat mit Rücksicht auf das starke Anwachsen der Zahl der Gemeinde Mitglieder» die aus etwa 220 000 Seelen geschätzt werden, beschlossen, trotz der Schwierigkeiten, mit welchen umfangreiche Bauten gegenwärtig verbunden sind, den Bau zweier neuer Synagogen unverzüglich zu beginnen. der Boden und der Ursprung der verschiedenste« Strebungen sein kann. Wohl kaum wieder ist es einem Dichter gelungen, die tief innerliche gegenseitige Verständnislosigkeit so packend und trefsend darzustellen, sie immer wieder aus dem Munde der bandelnden Personen uns hören zu lassen; Shylock und die Lhristen können eben nie in Frieden leben: derffGedanke an eine aegenseitige Duldung existiert für beide Teile garnicht; treffender kann man's nicht schildern, als Shylock selbst es tut, indem er als Analogon für die Unmöglichkeit einer Freundschaft zwischen sich und den Venezianern an sie da- Ansinnen stellt, ihre Ruderknechte zu ihren Schwiegersöhnen und Erben zu machen. Genau so konstruiert und ohne Sinn wie dieser Gedanke, ist der an die Freundschaft zwischen ihm und Antonio und seinem Anhang. Ml dabringt Shakespeare mehrfach mustergültig un» zum Bewußtsein. Shylock haßt! Gewiß gibt er in langer Rede auch Gründe für seinen Haß an; wie hat man ihm schmählich würde uns ein flacher, mattes Bild von Shylock geben'. Würde er rechnen und markten mit der Vergeltung, wäre ebei seinem Haß nichts weiter al» die langjährig genährte Abneigung gegen den Konkurrenten im Handel, so würden wir die Strafe, die ihm sein Haß einflüstert, als brutal, übel auSgedacht — kurz verächtlich finden. Und Shylocks Gegner, der königliche Kaufmann, käme unS als schwer bedrängter Märtyrer, — andererseits aber auch als widerwärtiger, kindisch übermütiger, frecher, willkürlicher Patron vor; denn wir könnten beim besten Willen die Lobeserhebungen nicht verstehen, die Antonio- Freunde ihm und der Lauterkeit seines Wesenzollen, wenn wir hören, mit welch rücksichtslosen Demütigungen er den Juden behandelt hat. Der Knoten der dramatischen Handlung schürzt sich; ~ Antomo unterzeichnet den Blutkontrakt. Da tritt uns der Dichter wieder als grandioser Psychologe entgegen. Wie kommt Die ehtt Synagoge soll inAMmee-dors erricht»,'«erden, bi» »»de« im Hansa-Biertel, wo bas Fehlen geeigneter Ptdische, Betstätten seit langem besonder» empfunden wird. Berlin. Der Borstand und die Repräsentantenversammlung der Berliner iüdischen Gemeinde haben die Steuern da- Gteuerjahr 1922 (April 1922 bi» März 1923) auf 8% (otftj bet Reichseinkommensteuer für April bck Dezember ILtzl fest, gesetzt. Dabei sollen Reichseinkommensteuersätze bieinschließlich Mk. 809.— von der Veranlagung zur Gemeindesteuer Wir 1922 frei gelassen werden. Berlin. Die Mitgliederversammlung des Hilf-, vereinder deutschen Juden findet am Svnntaa, 21. Mai 1922 in Berlin, Loaenhau», Kleiststraße 10. um 12 Uhr mittags patt. Die Herren Dr. Ka m e - Simon, Dr. Paul Nathan und Dr. M. Wisch. %• i 4 A m ät4a «1 Vk.*M tl! u «m. ▲£ .. nitze r werden über die Tätigkeit des Hilf-vereininr abgelaufenen Jahr sowie seine gegenwärtigen Ausgaben sprechen. KRn. Die Repräsentanz genehmigte kürzlich' den BÄrag von 100 000 Mark zur Errichtung einer Denkmal» auf dem Friedhof Bocklemünd zu Ehren der gefallenen jüdischen Krieger. Gin noch hichemr Betrag soll durch Sammlungen aufgebracht wecken und zwar stellt sich m den Dienst dieser Aufgabe der Reichsbund jüdischer Front« söldaten. Ortttgruppe Köln. Audem fteien Wettbeweck hon fünf Künstlern wurde der Entwurf der Architekten Brantzky-Kölir von der Jury als der beste zur Ausführung besttmmt. Gelegentlich der Erweiterungsarbeiten am Güttzrbahnhof Bonner Tor stteß man ans einen alten jüdischen Friedhof aus dem 11. Jahrhundert. der bizur Austreibung der Juden mW später Wicker ton den rechtsrheinischen Juden benutzt wucke. 0$ handelt sich hier um den ältesten jüdischen Friedhof in Deutschland, um ntzösche Reste auch von Märtyrern des Glaubens, deren Namen i« den Slichaus genannt werden. Stettin. Am 2. Mai wurde in Stettin im Anschluß an den. jüdischen Frauenbund ein Provinzialverband! südischer Frauenvereine für Pommern und angrenzende Geriete gegründet. Die Versammlung war von mehr als 300 Porsonen — darunter über 70 auswärtigen Damen besucht. Der Vorschlag de- Zusammenschlusses fand lebhafte Anerkennung und zahlreiche Vereine und Gruppen aus der Provinz erklärten sich zuvn Beitritt bereit. Ein anregender geistvoller Bortrag von Fvau Paula Ollendorsf, Breslau, über „neue Wege jüdischer Frauenarbeit" zeigte den Anwesenden ein große» Arbeitsfeld für btfe Zukunft.!$ Vorsitzender des Provinzverbandes wurde die <erste Bor« erhält. Durch den Zusammenschluß von Stady u soll das Interesse oer Herne» Gemeinden an der allgemeinen Frauenarbeit geweckt werden. Der Austausch der Krndcr zu ErholungS- und Zehrzwecken soll angeregt und die Stellenvermittlung soll erleichtert werden. So hoffen wir die int Bortrag theoretisch erörterten Probleme in die Praxis übertragen, zu können. Feitungsfchau und verschiedenes. Der Dinlerich auf de« Krieg-Pfade. Die deutsche Montag-zeitung schreibt: Einen peinlichen Tag durchlebte in Moabit der große deutschvölkische Apostel, Geisterbeschwörer und Romanschreiber Artur Dinter. Er hatte einen Redakteur verklagt, weil unter dessen Verantwortung ein paar Zeilen erschienen waren, die sich kritisch mit Herrn DinterS «Sünde wider das Blutbefaßten und einige Schärfen enthielten, die nicht entfernt an di« rustikalen polemischen Gepflogenheiten erklären, wenn Historie überhaupt für Psychische Geschehnisse eine Erklärung darstellt. Aber jäh wird Shylock aus seinen Racheaedanken in di« Wirklichkeit gerissen; seine Tochter hat ihn verlassen; während hebräisch versteht, was immerhin die Voraussetzung solcher Tätigkeit sein sollte. Aber Herr Dinter kann immerhin zu seiner Entschuldigung darauf verweisen, daß er zahlmiche deutsche Bücher verfaßt hat, ohne jemals deutsch gekonnt z» haben. Eine kostspielige antisemitische Rüpelei. Em Zwischenfall, der sich im März vorigen Jahres gelegentlich d»r Enthüllung eines Denkmals für die Gefallenen der Landwirtschaftlichen Schule in Dahme (Mark) ereignete, hat jetzt von dem dortigen Schöffengericht fein Nachspiel gefunden. Nach der Denkmals« enthüllung fand damals in einem Hotel zu Dahme eine Feier statt, in. deren Verlauf ein zufällig anwesenden Mdrscher Herr von zwei etwas angehyiterten Festteilnehmern, angesehenen Landwirten der dortigen Gegend, aufgefordevt wurde, sofort das Lokal zu verlassen, widrrgenfalls man ihn hinau-werfen Würde. Als der Herr dieser Aufforderung nicht Folge leistete, kam es zn Tätlichkeiten und antisemitischen Beleidigungen, und als ein anderer Gast sich inS Mittel legen wollte, erhielt er von Festteilnehmern Ohrfeigen. Das Schöffengericht ver« er voll Haß und Widerwillen mit den Christen tafelt, entflieht Jessica mit ihrem Liebsten; vorher plündert sre noch tue Schatulle ihres Vaters. Nun kommt ein Neues in Shylocks Seele; er verzweifelt! Umwelt und Individuum haben mit einander gekämpft, der Kampf ist zu Ungunsten hes Individuums ent- Hieben; da» Bewußtsein dieser Tatsache versetzt tue Psyche .n den Zustand der Verzweiflung, dessen Hauptmerkmal der Mangel der Möglichkeit, rationell zu handeln, rst. Die Gedanken jagen einander, überstürzen sich, lausen kreuz und quer, widersprechen sich inhaltlich; aber vor der Schwelle der Tat kehren sie insgesamt um; der Mensch ist für kargere oder kürzere Zeit von der festen Unterlage verdrängt, die allein es ihm ermöglicht, auch seinerseit» die Außenwelt so oder so zu beeinslussen. Selbstverständlich ist dieser Zustand von starken negativen Affekten getragen. Die Gerichtsszene kommt heran. Shylock ist völlig im Banne seine» Zieles; ein Abweichen, ei» AuSbieqen feines Gedankenweges ist für ihn nicht mehr möglich; mtt starrem Blick sieht er seinen nahen Sieg; jede- Wort des Richters, des Dogen hält er für unnützen Aufschub einer Sache, der er doch sicher ist. Die Spannung ist ins Unmenschliche gesteigert; — da kommt der plötzliche Rückschlag; - Shylocks Opfer ist ihm feinen Harm tragen konnte, der fest auf seinem Scheine stand, er sinkt in sich zusammen; war chn trug, ihn aufrecht erhielt, was ihn sprechen, beten und fluchen ließ, der Haß, ist ziellos geworden, fällt inS Leere; die Flamme brennt keinen mehr. Shylock wird in diesem Moment znm Greise, der bettelt und um sein nacktes Leben barmt. Ein psychologisches Kunstwerk ersten Ranges ist die Vorsührung dieses völligen seelischen Umschwunges; gerade der grelle Kontrast beleuchtet die Seele Shylocks. Er darf, wenn ander» fein -aß ihm soviel war, wie wir'- tat Drama »n spüren siaudten, in keine lange Lndszene verwickelt wecken. Seine Persönlichkeit muß gleichsam ausaetilgt werbe«; jeder Wort mehr würde den Schicksalsschlag avschwächen, wäre ein Schritt zur Vermittelung, und gerade der muß vermieden werden. Auch der weiseste Richter mich hier nur richten, nie schlichten können.

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