Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 20 (19.5.1922)
- Date
- 1922-05-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613657-2613676--0361-2617587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nun zu den ftofaett dieser , .AuMrmtzgSaröeft" \ We zerren sich zuerst auf dem Lande. $nt Dorfe Zippnotv, ftn Kreise Deutsch-Krone, hat man auf Wunsch' Vauerkcher Besitzer einen im Weltkriege gefallenen deutschen Juden nicht auf der jüngst errichteten Gedenktafel verzeichnet. da die agrarischen Spender dies «zur Bedingung machten, und der im Tode so schmachvoll Entehrte nur durch eine verirrte Granate in einem Büro umgekommen sei. Politische Gegensätze gibt es auch in anderen Ländern, aber man vermeidet es, in so ungerechter Weise Meinungs- Verschiedenheiten über Verfassung öder RegievungSform, die doch das Motiv der Iudenföindschaft sind, einer unschuldigen Minderheit auszubürden. Die großenFchler der Kriegsparteien werden damit nicht gut gemacht und auch nicht ausgelöscht. Hier ist wirklich England vorbildlich, in dom augenMÄlich auch starke Divergenzen und gerade in jüdischen Angelegenheiten zum Ausdruck kommen. Ob eine große Gruppe hervorragender Parlamentarier, die alle Gegner des Zionismus sind, die Araber im Unterhaus empfängt, oder Lord Raglan in gleicher Absicht die Minister in die Enge treibt, stets wird die vornehme Form gewahrt und man vergißt nicht, daß alle Glieder des Volkes zufammengehören. Der Feldmarschall Sir Henry Wilson kam jüngst auf die palästinensische Frage zu sprechen und machte Balfour schwere Vorwürfe: „Wir EngläMr", sagte er, „sind in Palästina, weil Balfour eine Rede gehalten hat, aber er wußte selbst nicht, welchen Ratschlägen er dabei gefolgt ist. Palästina ist vom militärischen Standpunkt eine Quelle der Schwachheiten, der Gefahr und großer Unbequemlichkeiten." Es ist dem alten Kriegsmanne nicht eingefallen, gleichzeitig gegen die Nutzen oder die Zionisten zu hetzen. Nur Undankbarkeit und Unmenschlichkeit reden die Sprache der Verleumdung und sind firm in der Bosheit. Das sieht ntait in Budapest, wo sich die Mörder so wohl fühlen. Schon wieder fand dort, diesmal in einer Synagoge während der Predigt, eine Explosion statt und es breitete sich ein Brand aus. Die „erwachenden Ungarn" waren eingodrrrngen und chatten die Oellampen mit Benzin gefüllt. Aber warum gerade in der Vorhalle? Um den fliehenden den Weg abzuschneiden und sie in den flammen umkommen zu lassen. Vielleicht wird das amerikanische Rote Kreuz, wenn es als Abwehr gegen brutale Angriffe in Ungarn seine Tätigkeit einstellen muß, die vernünftigen Magyaren veranlassen. Brandstifter. Räuber und Totschläger abzuschütteln. Den Schaden trägt das ganze Volk und vor allein die Kinder. Was sollte in Südrußland werden, was in Odessa, wenn nicht die furchtbare Hungersnot unter den Massen durch amerikanisch-jüdische Liebeswerke gelindert würde? Noch liegen dort reihenweise auf den Straßen die Leichen der Verhungerten, den Hunden zum fräße preisgegeben. — Möchte das Menschheitsbewußtsein im Kreise opferwilliger Helfer trotz aller Nackenschläge, die auch in Rußland bevorstehen, nicht erlahmen, und die Not. welche täglich von Zehntausenden abgetvehrt werden muß, bald gemildert sein! Auch bei uns ist man opferwillig. In Berlin geben die Antisemiten viel Geld her, aber nicht für Zwecke der Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Bei der Kundgebung des „Schutz- und Trutzbundes" im Zirkus Busch haben Tausende ein Eintrittsgeld von 3 Mark bezahlt und damit keine schaffende Arbeit geleistet. Der Protest gegen die 50 000 Ostjuden in Deutschland und der Antrag in der Stadtverordnetenversammlung, eine Ausländerzähluug herbeizufü'hren, richten sich selbst. Sie sind eine Attacke gegen Wehrlose und haben nicht den Mut zur Voraussetzung. der den Völkischen eingeboren sein soll. Auch von der unvernünftigen Gefolgschaft der Führer kann man Achnliches sagen. Es sind wild und scheu gemachte Elemente. die nach rasendem Galopp zitternd und selbst erschöpft den angestifteten Schaden erkennen Werdern H a r o e. Neue Schwierigkeiten -es Zionismus. Die arabische Delegation an die Genueser Konferenz. Die Vertreter der Araber kn London nehmen m einem Schreiben gegen die bevorzugte Positron der Juden En Prllästma Stellung und erheben Einspruch gegen den Artikel 95 des Sevres-Vertrages an, in welchem die Unterzeichneten Großmächte der ^Ifour-Deklaration zugestimmt und England das Mandat für Palästina übertragen haben. Dieser Paragraph verletzt nach der Meinung der arabischen Delegatton die Rechte der Einwohner Palästinas und kann in keinem falle verwirklicht werden. Der Brief Weist ferner darauf hin, daß Großbritannien im Ich« 1915 durch Sir Mac Mahon dem arabischen König Hussein namens der alliierten Mächte das Versprechen gegeben hat, die Unabhängigkeit der Araber anzuerkennen nnd diese Unabhängigkeit in den arabischen Ländern, Palästina einbegriffen, praktisch durchzuführen. Der Brief enthält an mehreren Stellen heftige Ausfälle gegen die Balfour-Deklavatton und betont, daß die historischen Rechte der Araber auf Palästina, ebenso die religiösen Verbindungen der Christen und Mohammedaner mit Palästtna fester verankert sind, als die der Juden. Die Delegatton protesttert gegen die jüdische Immigration, die nach ihrer Meinung die Unruhen in Palästtna veranlaßt hat, und behauptet, daß auch jetzt noch große Mengen Waffen ins Land, geschmuggelt werden. „Palästtna" — so heißt es in dem Briese wörtlich — „lebte in Ruhe und frieden, bis man anftng, die Balfour-Deklaratton in die Tat umzusetzen." Der Brief schließt mit einem Appell an die zivilisierte Welt und die in Genua vertretenen Nationen, Palästina als ein unabhängiges Land anzuerkennen. 'Theodor Nölöeke. Bon Michael Fraenlel, Breslau. In einem Feuilleton über die Kaiser-Wilhelm-Universität zu Straßburg nennt Dr. Ernst als einen der Männer von Weltruf, die der Universität Glanz verliehen haben, an erster Stelle den Orientalisten Nöldeke. Vor nunmehr sechs Jahren, inmitten des großen Bölkerringens, widmete ich in Erinnerung an meinen Bruder, seinen bevorzugten Schüler, in der „Breslauer Zeitung" dem großen Gelehrten zur Feier seines 80. Geburtstages einen Festgruß und damals kam wohl niemandem der Gedanke, daß uns diese Universität verloren gehen könnte. Eine glückliche Fügung des Himmels hat uns den Gelehrten erhalten und es dürfte allen Lesern dieser Zeitung von besonderem Interesse sein, über die Persönlichkeit von Theodor Nöldeke einzelnes zu erfahren. Ist doch Nöldeke in den letzten Jahrzehnten so sehr der anerkannte Meister seiner Wissenschaft geworden, daß vor etwa 18 Jahren einer der führenden Männer Amerikas in einer damals viel beachteten Rede zum Beweis der Abhängigkeit der amerikanischen von der deutschen Wissenschaft daraus hinwies, daß man sogar orientalische Sprachen in Deutschland und zwar bei Theodor Nöldeke in Straßburg studieren müsse. In der Tat steht die orientalische Wissenschaft auf weiten Gebieten unter dem Einfluß der Schule dieses Gelehrten. Die meisten Vertreter der morgenländischen Sprachwissenschaft an deutschen und nicht weniger an ausländischen Hochschulen haben in Straß, bürg durch ihn ihre Ausbildung erfahren und wer nicht persönlickf bei ihm hören konnte, ist doch durch seine Werke sein Schüler geworden. Eine Uebersicht der Schriften „Theodor Nöldekes", die im Jahre 1907 in der dem Meister von seinen Fachgenossen zum 79. Geburtstage gewidmeten Festschrift enthalten ist, umfaßt nicht weniger als 628 Nummern. Aber seitdem hot der Gelehrte rüj.ig weiter gearbeitet, noch im Jahre 1910 erschien sein beoeutendes Werk „Neue Beiträge zur semilischeu Sprachwissenschaft, die reife Frucht jahrelanger gründlicher Forschung. Theodor Nöldeke gehörte zu den Gründungsprofessoren Straßburgs, welche der Freiherr von Roggenbach, der eigentliche Organisator der neuen Universität im Jahre 1871 mit gerader» prophetischem Blick auswählte. Denn fast alle, damals zumeist jugendlichen Männer, haben sich in der Folge zu führenden Gelehrten ihrer Disziplinen entwickelt, sodaß später nicht wenige von ihnen an die größte deutsche Hochschule Berlin berufen wurden. Für Straßburg aber war es ein besonderes Glück, daß manche von ihnen so tief Wurzel schlugen, daß sie den ihnen lieb Gewordenen Wirkungskreis nicht verließen. Zu ihnen gehörte töldeke, der Berufungen nach Berlin, Göttingen, Leipzig, Wien ausschlug und damit bekundete, daß auch der Norddeutsche im Elsaß seine zweite Heimat finden konnte, mit der er sich unlöslich verwachsen fühlte. Daß es diesem erfolgreichen Geleyrkenleven an äutzereä Ehren nicht gefehlt hat, habe ich damals in meiner ihm ge» widmeten Lebensskizze ausgesprochen. Ich erwähnte, daß Theodor Nöldeke Mitglied oder Ehrenmitglied wohl aller Aka» demien des In- und Auslandes ist, ebenso daß ihm während der kurzen Regierungszeit des Kaisers Friedrich die höchste Ordensauszeichnung sür Kunst und Wissenschaft, der Orden Pour le msrite, verliehen wurde, dessen Mitglieberzahl be» kanntlich auf dreißig beschränkt ist. Aber einer Ordensauszeich» nung, die ihm gewiß besonders wert ist, vergaß ich, der Rettungsmedallle, die er sich durch die Rettung eines Kindes aus der reißenden Jll (am breiten Stein) erwarb, eine Tat, die einen prägnanten Beweis liefert, daß in dieser Gelehrtennatur der Mensch nicht zu kurz gekommen ist. Wer je in nähere Beziehungen zu Theodor Nöldeke getreten, empfindet unmittelbar, daß in dem großen Gelehrten auch eine warme Menschenseele wohnt und ein für alle Fragen des Lebens aufgeschlossener Sinn. Daher hat er, so sehr er als echter deutscher Gelehrter ganz seiner Wissenschaft 4ebl doch, d.h. so oft sich die Gelegenheit bot, in den großen Fragen des Tages seine Stimme erhoben und dabei stets rückhaltlos und offen seine Meinung bekannt. Erinnert sei insbesondere an sein Gutachten zur Zeit, als der zersetzende Einfluß des Antisemitismus den Wahnwitz des Ritualmordmärchens aufleben ließ. Bei solchem Anlaß konnte der Gelehrte auf Grund seiner umfassenden Kenntnis der gesamten jüdischen Literatur als christlicher Gelehrter vor Gericht gegen diese Verleumdung Stellung nehmen. Der Schlußsatz seines Gutachtensei hier wiedergegeben: „Wer behauptet, die Juden verwendeten zu einer Feierlichkeit Menschenblut, der stellt sich auf den Standpunkt der rohesten, orientalischen Religionshasses und Aberglaubens". Mit dieser Kundgebung ist der Name Theodor Nöldeke volkstümlich geworden und ohne Zweifel in alle Schichten des Volkes eingedrungen und nicht nur die Bekenner der jüdischen Religion, sondern alle Gebildeten werden ihm dafür danlbar sein, daß er der Wahrheit zum Siege verhälf. Mir persönlich hat der große Gelehrte seit dem Ableben meines Bruder?, der in seinem Geiste drei Jahrzehnte orientalische Sprachen an der hiesigen Universität gelehrt hat, eine gütige Gesinnung bleibend bekundet in Briefen, die als Dokumente seltener Art zu bewerten sind. Bor wenigen Wochen erhielt ich von ihm als Antwort auf mein» Gratulation zur Vollendung seines 86. Lebensjahres einen ganz ausführlichen Brief und Wehmut mußte es in mir auslösen, wenn er u. a. davon spricht, wie schwer ihm der Abschied von Straßburg gefallen sei, wo er 47 Jahre heimisch gewesen, wo auf dem Friedhof aus dem Stein, der das Grab seiner Lebensgefährtin deckt, der Raum für dereinstige Eintragung seines Namens fteigeblieben sei. In den letzten Tagen erhielt ich als Antwort auf meine ihm zugegangene kleine Schrift: „Der Anteil der jüdischen Freiwilligen am Befreiungskriege 1813/1814", einen Brief, aus dem zwei Aeußerungen wohl allgemeines Interesse beanspruchen durften: „Daß Ihre Glaubensgenossen 1813, kurz nachdem sie wenigstens gesetzlich von den mittelalterlichen Fesseln befreit waren, in solchem Umfange als Preußen nnd Deutsche freiwillig ins Feld zogen, das verdiente die höchste Anerkennung" — ferner seine Stellungnahme gegen die Auswüchse des Antisemitismus: „Daß sich von Zeit zu Zeit immer wieder der Antisemitismus erhebt und gerade jetzt so besonders arg, ist sehr traurig — es werden dann Sünden einzelner Juden, namentlich jüdischer Handeltreibender, auf die Juden überhaupt übertragen, als gäbe cs unter Protestanten und Katholiken nicht auch solche Sünder in Fülle." Möge die Vorsehung diesen seltenen Gelehrten in unverminderter geistiger und körperlicher Frische seinen Angehörigen und der Wissenschaft noch lange erhalten — möge ihm ein Lebensabend voll Licht und Sonne befchieden fein und möge es der Wissenschaft nie an Geisteshelden seiner Art fehlen. Unsere Bewegung. Nachrichten der Vereinigung sür dar liberale Judentum. Frankfurt a. M. In der letzten Mitgliederversammlung des Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben vom 4. April 1922 erstattete Herr Rabbiner Dr. Seligmann ein fesselndes Referat über die Hauptversammlung der Bereinigung für das liberale Judentum. Seine Ausführungen berührten u. A. auch die Frage der jüdischen Volksschule und beschäftigten sich sodann mit der Tagung der liberalen Rabbiner. An das Referat schloß sich eine umfangreiche und interessante.Debatte, in welcher teilweise ein starker Widerspruch gegen die. in dem Goldmannschen Referat (aus der Rabbiner-Tagung) enthaltenen Tendenzen zum Ausdruck kam. Die Ortsgruppe Königsberg i. Pr. hielt am 9. Mai d. IS. unter dem Vorsitz des Herrn Fabian im Jugendheim ihre Hauptversammlung ab, welche durch einen Vortrag des Herrn Gemeinderabbiners Dr. Lewin über den Religionsunterricht in der Königsberger Gemeinde eingeleitet wurde. Die Erteilung des Unterrichts findet an einer Anzahl von Anstalten Oie geborene Tugenüreich. Ein Großstadtroman von Oskar JonS Miltman. (6. Fortsetzung.) - Reiten Beziehern wird btt bisher veröffentlichte Teil deS Romans gern nachgeliefert. Wer will, kann in Reginas Religion auch das eifrige Putzen der silbernen Leuchter und des uns auch schon bekannten Bechers einbeziehen. Diese Prozedur nahm sie in treuer Erinnerung am Sonnabend vor, wenn es schon dunkel war, obwohl natürlich tags zuvor keine Lichte gebrannt hatten und der Kelch nicht nur aus Prinzip ungefüllt blieb. Derselbe feineLederlappen, denFrauMichele beim gleichen Reinigungswerk benutzt hatte, diente auch ihrer Tochter, und in der nämlichen schlackenlosen Reinheit wie einst bei Tugendreichs erstrahtten die drei Schätze eines jüdischen Haushaltes im Glasschränkchen während der seck^ Wochentage, bis sie Freitags von Minni „überrieben" wurden. Diesen Akt beobachtete Regina mit heimlicher Genugtuung, weil die Symbolik des Vorganges auf Otto senior nicht einwirkte und darum erlaubt wurde. Als hauswirtschaftliche Eigenheiten konzedierte aber unser Fanattker des Unglaubens seiner Frau doch allerlei und auch, wenn man zur Osterzeit Mazzoh aß. Was ihm schmeckte, aehörte ohne weiteres nicht zur Religion, und seine Auffassung wird Freunde, aber auch Gegner finden. Sonst blieb er in allen Glaubensdingen streng tyrannisch und hatte sich das Gesetz dikttert, daß seine Kinder nicht Christen oder Juden, sondem Menschen werden sollen. Mit OttoS System, das allwöchentlich in der Andacht der „Freireligiösen" verfochten wurde, war der Staat nicht einverstanden. Darum sandte er dem „Erziehungsberechttgten" jetzt ein Ultimatum. Der Hausdiener Witt wurde nunmehr aufgefordert, „binnen acht Tagen den Religionsunterricht seiner Kinder seitens einer staatlich anerkannten Religionsgesellschast nachzuweisev, widrigenfalls zwangsweise LuPhrnng^eravla^^werden^Mßt^ „Was soll jetzt geschehen?" fragte Regina, die das Schreiben überflogen hatte, in leiser Angst, der Starrsinnige könnte durch weiteres Sträuben Minni und Ottchen in der Schule neue und verschärfte Ungelegenheiten bereiten. Wider Ermatten erklärte Witt und mit einer gewissen Siegermiene, daß der „Alte" — damit war stets sein Chef gemeint— ihm nach Geschäftsschluß einen guten Rat gegeben habe. Morgen werde sich alles entscheiden! „Ich verlange als Mutter, daß meine Kinder nicht weiter.gequält werden; Minni und Ottchen sind schon oft genug von den andern ausgelacht worden!" Hiermit wurde die Angelegenheit vettagt, wenn man einen Berhandlungsabbmch am späten Abend so bezeichnen kann. Die Unterhaltung schloß, und der nächtliche Fttede trat in seine Rechte. W Otto am nächsten Morgen — es war der berHmte 18. März revoluttonären Angedenkens — seinem „Alten" den redseligen Frisör Mechmann zum „Frühjahrsschnitt" meldete, ettnnette sich Theodor Sachs der gestrigen Gewissensnot seines Getreuen und gönnte ihm ein steundliches Wott teilnehmender Beruhigung: „Ich habe mich erkundigt, Otto", vertröstete er seinen Cerberus, „es bleibt.bei dreißig!" Das klang geheimnisvoll und wurde doch gut verstanden. — Bei seiner Hauptftrnktion, im Wattezimmer des Geschäftes die verschiedenartigsten neuen Besucher zu mustern und über ihr mutmaßliches Anliegen dem Chef zu bettchten, hatte sich Witt im Lause der Jahre ein gutes Maß Menschenkenntnis angeeignet. Er fühlte, wer etwas brachte, wer etwas wollte, er verscheuchte Aufdringliche und Unbequeme, die nicht nur Geld kosten, sondem noch Zeit rauben. Im Sankttssimum entschied dann Sachs über jeden schr kurz und schr bestimmt und verfügte die Verweisung an die Kasse oder das Lager, wie er die Verkaufsräume stets nannte. Wenn Otto die Botschaft herausbrachte: „Herr Sachs bedauert behindett zu sein", dann war eine Berufung ausgeschlossen. In der (spräche des Chefs wurden diese Ab- ^gewrchamrZiffer „Neunzig" bezeichret. DaS sollte heißen, daß sie drei Monate borgen und auch dann noch nicht bezahlen würden, und daran lag der Firma nichts. „Sechzig", in die Mundart der Menschenkinder verdolmetscht: „Herr Sachs hat nur eine Minute Zeit!", mahnte den Vorgelassenen zu straffster Konzentration nach dem beliebten Spruche: Sag, was du willst, kurz und bestimmt! Die Einladung aber: „Herr Sachs läßt sehr bitten!", von entsprechender Handbewegung und feierlichem Oeffnen der Tür begleitet,, klang süß und schmeichelnd wie lockende Schalmeien musizierender Engel. Wer in diese Rubrik „dreißig" von Herrn Sachs eisigetragen wurde, dessen „Pttma-Qualität" war gewiß. Und diese ermutigende Auskunft empsing Otto heute in eigener, zwar ganz außergeschäftlicher Sache, aber durchdrungen davon, daß der unbekannte Spezialist für veraltete Be» schwerden eine feine Nummer sei. Witt machte sich schon mittags frei und wagte sich gleich nach Tisch mit den sorgfältig gelleideten Kindern in die Straußbergerstraße. Das war nur ein Zweiminutenweg, aber er fiel ihm sehr sauer. Otto drang bis zum Schulgebäude vor, in dem sich eine fliegende Polizeiwache etabliert hatte. Schon heute früh hatte ja der leicht beleioigte, aber ewig frühstückende Professor Wiechmann, wie er vvn den Stammkunden genannt wurde, vom 18. März bei Gebrüder Sacks erzählt, und wie er im Jahre 48 als Kind vom Dach des Eckhauses Landsbergerplatz den Leichenzug der Gefallenen mitangesehen habe. Mechmann lebte noch durchaus im Bann der längst vergangenen Zeit, wo die jungen Männer Bollbätte tmgen und ein Haarkünstler nicht das Rasieren zu erlernen brauchte, wo man für Perrückenkunst und Haarfärben schwärmte und im Banne des weißen Mantels den Ratschlägen und Erzählungen des Frisörs wie einem Wunderdoktor oder Weltweisen ehrerbiettg lauschte. Dem wohlgeglätteten und fttedlichen Bürger Witt, den das Mädel zur Rechten und Ottchen an der Linken aus scheinbar staatserhaltendem Gange so glücklich legitimierten,' vertrat kein schroffer Schutzmann den Weg. (Fortsetzung folgt/