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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-05-19 · 20 (19.5.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
20 (19.5.1922)
Date
1922-05-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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0tgcm der Vereinigung für dus Liberale Judentum e. V. »e-as<vr»t» vurrv die Sefchüst-AeNe '/«jShrlkcv Sltr.iA- (Slngelnummer. „ l.so Altr die 9ttitgffc5er der Vereinigung ist vor Vezug<prei« im IllltgUedevritroge inbegriffen. Anzeigenpreis: Die s>/,em breite MiMmeterzeile 2M.1.S0 Fomlllenonzeigen 9Jtf. l... Vel Wleverhokung SrmS^Igung Die ^Allvisch-Iiberale Leitung" erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wissenschaftlichen Zeitschrift „Liberales Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jUdlsch-Nberaler Iugenbvereirie". Nr. 20 ♦> 19. Mai 1922 Nebaktion: Berlin W8, Mauerstr.23 (Vereinigung flir ba« liberale Subentum e. D.) Aernruf; Amt Äentrun» 2Sg Geschüftsstell« u. Anzeigenannahme: VreBlaus, Neue cvroupenstr. 7, Vuchvruckerei LH.Schatzkg «S.m.d^h., Fernruf: Amt «Ing 4M unft 4000. sämtliche Äahlungen. Postscheckkonto Vreolau 27 der Fa. LH. Schotzkg St.m.b^h. mmmmmmmmummmmmmmmmammmsmm Der heutigen Ausgabe liegt Nr. 5 der „Ili-Mitteilungen" bei. WlöMil flibilSW her „haWulr für Sie MMAfi des liiüwtunw" in Berlin. Bon Tr. L. Samuel, Essen. Unter den Gratulanten der Hochschule, die ihr zu ihrem 50jährigen Bestehen am 21. Mai d. I. huldigen, kann die V e r e i n i g u n $ s ü r das liberale Judentum nicht fehlen. Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen dieser und der ehrwürdigen Jubilarin. Zwar ist die Bereinigung die bei weitem jüngere Schwester: aber sie beide betrachten das größere, liberale, deutsche Judentum als ihre gemeinsame Mutter. Die Pflege der jüdischen Wissenschaft, wie sie von der Hochschule seit nunnrehr 50 Jahren betrieben worden ist. sie ist nach Umfang und Methode eben jene, die die Vereinigung noch jüngst unter die Leitsätze liberaler Gemeindepolitik an heroorraqender Stelle ausgenommen hat: wir verweisen auf die von Dr. W. Breslauer herrühvende Fassung in diesen Blättern Nr. 15 (vom 14. April d. I.), Abschnitt 5. Dorr Ehrentag der Hochschule begeht auch die „Bereinigung" als einen Ireudentag. Die Gründung der Hochschule siel in eine dem jüdischen Liberalismus besoiwers günstige Zeit. Noch wirkten Männer wie Zu nz und Geiger, Philippson und Lazarus, jeder bewährt als Vorkämpfer für die Gleichberechtigung und Einbürgerung der Wissenschaft vom Judentum innerhalb des deutschen Geisteslebens. Das Jahrhundert seit Mendelssohn, als dessen Jünger sie sich betrachteten, hatten sie nicht vorübergehen laflM. ohne den geistigen Bau der jüdischen Wissenschaft stolz in die Lüfte zu führen: es fehlte ihm über an dem sichtbaren Haus, an der wohlgegrüridcten Pflanzstätte. Wohl war bereits in der Zeit der Reaktion eine solche von hohem Werte in Breslau, das jüdisch-theologische Seminar Iränkelffcher Stiftung, entstanden, streng historisch orientiert. praktisch der Ausbildung von Rabbinern gewidmet und mehr seminaristisch organisiert. Jetzt aber, 1872, im neugegründeten Deutschen Reich, war die Zeit für Berlin gekommen, und der Augenblick für ein umfassendes Programm besonders günstig. Ihrer ersten Satzung gemäß bezweckte die neue Hochschule die „Erhaltung, Fortbildung und Verbreitung der Wissenschaft des Judentums". Der der Eröffnung voraufgehende „Aufruf" hatte diese Wissenschaft klar umschrieben: alle Erzeugnisse und Schicksale des jüdischen Geistes, sein Beruf und seine Entwickelung, seine Berührung und Durchdringung mit dem Geiste anderer Völker, seine Teilnahme an der theoretischen 'und praktischen Entwickelung des Geistes, und seine Stellung in der Geschichte der Menschheit. Sie wollte nach ihrem Programm auch Studierenden anderer Fakultäten Gelegenheit bieten, sich über die Schätze und Schicksale des jüdischen Geistes zu unterrichten. Ihr schwebte als Ideal vor, daß manche Vorlesungen auch von jüdischen Laien als eine Quelle der Belehrung ausgesucht iverden; andererseits auch nichtjüdische Studierende dort Belehrung suchen und finden sollten. Ja, man hoffte, in >er Hochschule einen Wen Boden für eine literarische Tätigkeit zu finden. die über den Inhalt des Judentums, sein-Wesen, seine Leistungen und seine Geschichte unter Juden und Nichtjuden Licht verbreiten würde. . Mit der Einweihung ihres eigenen Heims in der Artilleriestraße 14 (Oktober 1907), an einem Marksteine an gelangt — die Anstalt war früher im Hause des Brüdervereins, Unter den Linder: 4a, später im Vorderhause der Synagoge Lindenstraße zu Gaste — bekundeten ihre Kuratoren (hn 26. Bericht 1908, S. 7) rückschauend: „Wenn die Entwickelung nach nranchc-r Richtung hin einen anderen Weg genommen hat. als es jenen Begründern unserer Lehranstalt vorgeschwebt haben mag, und wenn auch die Aufgaben und Ziele unserer Wissenschaft und unserer Lehranstalt, sowie unsere Bestrebungen für beide durch jenes Programm nicht erschöpft sind, s o hat es srH doch in allen wesentlichen Punkten bewährt und ist uns ein treuer Führer durch die Jahrzehnte gewesen." Diesem Bekenntnis können wir auch heute noch beipflichten. Sollen wir aber noch einiges aus eigener Kenntnis und liebevoller Beobachtung über die Besonderheiten, Vorzüge, Verdienste, Wandlungen und Aussichten der Hochschule hinzufügen. so bedarf * es woh bei einem früheren Höver kaum der Erwähnung, daß D g n k b a r k e i t seine Jeder beschwingt. Zu den charakteristischen Vorzügen gehörte zweifellos neben dem dargelegten Programm die Zusammensetzung des Lehrkörpers. Es waren regelmäßig die verschiedensten religiösen Richtungen darin vertreten. Der große liberale Impuls, die akademische Sachlichkeit der Iorschungsmethode. der freie Verkehr zwischen Dozenten und Studierenden waren stark genug, um kein absolutes Uebergewicht der einen oder der anderen Richtung aufkommen zu lassen und die Gegensätze in einer höheren Einheit zu verschmelzen. Die Bertretetr der talmudischen Disziplinen betätigten für ihre Person das Religionsgesetz mit einer Treue und Innigkeit, die jeden Zweifel 'bannte. Sie ließen aber allein ihr Vorbild wirken, und es wirkte dahin, daß die zukünftigen Rabbiner auch ihrerseits nach diesem harmonischen Ausgleich von Lehre und Leben auf Grund ihrer erarbeiteten Ueberzeugung strebten. Der Talmud verlor ein gefährliches Ucbcrgewicht, er ordnete sich ein in die übrigen Jacher, er war nicht mehr das alleinige Wort für Judentum, die Hochschule keine bloße Talmud wra im alten Sinne. Dazu trug und trägt die grpßc Autorität von Männern wie Israel L e w y, Joel Müller und E d. B a n e t h bei: sic beherrschten Wohl den Talmud, ober der Talnmd beherrschte sie nicht, wie es unweigerlich der Iall ist. wo es an einer modern-wisserrschaftlichen Schulung fehlt. — Die biblische Exegese, lange verbunden mit jüdischer Geschichte und Literatur, stand vor der Wahl, entweder zur modernen Bibelkritik zu werden, oder hebräische Sprachwissenschost und Kommentatoren zu Pflegen. Sie hätte sich unter Abraham Geiger für das erstere entschieden. sie entschied sich unter David Cassel für das letztere. Dieser edle Gelehrte huldigte einem gemäßigten Konservativismus, was ja nicht viel anderes als gemilderter Liberalismus bedeutet. Auch die gelehrten Seimtisten Dr. I a h u d a und l>eute Dr. T o r c z h n e r Weichen wenig von dieser Linie ab. Die Vertreter der Religionsphilosophie und -geschichte hatten das Vorrecht, den energischen linken I l ü g e*l zu bilden, so Steinthal, Martin Schimmer. Hermann Cohen. Die Dozenten der praktischen, Theologie waren als Rabbiner dar indischen Gemeinde zugleich auf Kanzel und Katheder tätig, und hatten äußer ihrer umfassenden Amtserfahrung gewöhnlich noch ein wissenschaftliches Spezialgebiet: so Iranke das Karäertum. Maybaum den Midrasch im weitesten Sinne, der allzufrüh verblichene H o ch f e l d die Apologetik und Rcligionsmethodik. Eines blieb natürlich einem so und ähnlich zusammengesetzten Lehrkörper versagt: er konnte keine übereinstimrnerche Parole für die religiöse Praxis ausgeben: er mußte sich darauf beschränken, den geistigen Führern der Gerneirrden den Zugang zu den Quellen eröffnet und die Methoden der Forschung übermittelt zu haben. Dann aber waren sie so sehr auf sich selbst gestellt, daß ihnen manchmal die Stütze oder Autorität der Hochschule von ganzem Herzen erwünscht gewesen wäre. Es war darin nicht vrel anders beim Breslauer Seminar, das die gleiche strenge Zurückhaltung übte. Nur die dritte Rabbinerschule Hildesheirner'scher Gründung nahm im Laufe der Jahre eine andere Stellung ein; sie verlangte und spendete Autorität für ihre Zöglinge während ihrer ganzen Amtszeit. Die Rabbiner des Senrinars für das qesetzestveue Judentum empfangen ihre Ordination' nur gegen einen Revers, nach dem sie sich verpflichten, niemals in Synagogen mit Orgel zu fungieren. Man wird verstehen, daß wir bei aller Anerkennung für die wissenschaftliche Arbeit auch an dieser Anstalt im Geiste des liberalen Judentums dem Verhalten der Hochschule den Vorzug geben. Auch in die schweren Tageskämpfe einzugreisen, die die Iudenheit in den letzten Jahrzehnten durchzufechten hatte, versagte sich die Hochschule mit Recht; sie konnte die wissenschaftliche Apologie getrost ihren einzelnen Ndeistern und den im Amte wirkenden Jüngern überlassen. Wir möchten nur e i n Werk hervorheben, das noch heute ein reiches Arsenal dieser Apologetik darstellt, wir meinen M a r t i n S ch r e i n c r s „I ü n g st e N r t e i l c über das Judentum". Berlin. 1902. Es führt nicht nur einen siegreichen Kampf gegen Paul de Lagarde. Ed. von Hartmann uird Ed. Meyer, es geht auch auf die Kernfraoe des Liberalismus, die angebliche Irreforinabilität der sogenannten GesetzesreligionLN ein. Wie sehr die vornehme Art der Darstellung von Juden und Judentum bei Lazarus und Sternthal, später bei Hermann Cohen und Leo B ä ck der Gesamtheit genützt hat. kann garnicht hoch aenug eingeschätzt werden. Wer Hauch vom wahren Geiste der Hochschule verspüren will, versenke sich in die Werke dieser Meister. Cs bedarf kaum des Hinweises, daß von den zahlreichen, in den Jahresberichten veröffentlichten wissenschaftlichen Abhandlungen ähnliches gilt, ebenso von der hervorragenden Serie „Schriften der Lehranstalt": besonders dankbar wird man gewiß der umfassenden Tätigkeit unseres Isrnar E l b o g e n gedenken, der uns nicht nur eine Darstellung des jüdischen Gottesdienstes und tiefgründige Studien über die Pharisäer, sondern auch eine volkstümliche, in die Teubner'sche Sammlung aufgenommene „Geschichte der Juden" geschenkt hat. Somit bezeugte die Hochschule vollgültig ihren Zusammenhang mit den Ermorde missen der Gegenwart und dem jüdischen Leben. Es wäre unbegreiflich, lvenn die Wandlungen eben dieses jüdischen Lebens innerhalb eines Halbjahrhunderts nicht auch Dozenten und Studierende der Hochschule ergriffen und Einfluß auf ihre geistige Haltung zu gewinnen versucht hätten. Wir selbst könnten interessante Enthüllungen über jene letzten 80cr und ersten 90er Jahre machen, wo die ersten zionistischen Sendboten unserer ostjüdischen Brüder. Männer wie Schemarja Lewin, Motzkin, Iarbstein, Osias Thon. Ehrenpreis u. a. um unsere deutsch gesinnten Seelen warben. Sic hatten damals nur bei sehr wenigen Erfolg, freilich waren darrrntcr so wertvolle Menschen wie Heinrich Löwe. Mar Joseph, LN a l v i n W a r s ch a u e r. Später wurde die Lage bedenklich, eine kritische Spannung zwischen Dornten und Hörern hielt längere Zeit an. Heute dürfen wir sagen, an dem eigentlichen Typus der Hochschule, ihrem Lehrbetrieb, an der geistigen Haltung der Studierenden haben diese Strömungen wenig geändert. Ohne sich berechtigten Ansprüchen einer neuen Zeit zu verschließen, glaubt sie heute noch das deutsche Judentum vertreten zu sollen: nicht politisches, wohl aber kulturelles Deutschtum soll eine Dominante dieser darum nicht weniger dem Gesamtiudentum geweihten Lehrstätte bleiben. Wir glauben, das ist die Hochschule ihrer Geschichte und der deutschen Iudenheit schuldig. Sie kann auf den Ehrentitel nicht verzichten. auch in das nähere und fernere Ausland Mister der jüdischen Wissenschaft entsandt zu haben, die während ihrer Studienzeit zugleich zu Iüßcn deutscher Universitätslehrer an der Alma motcr Berolinensis gesessen haben) so Gotth. Klein nach Schweden, Imm. Löw nach Ungarn. Simon Bernfeld (jetzt in Berlin') nach Bulgarien. ©. Po; nanski nach Polen^ C l a u b t Montefiore nach England. Gottheil. Hirsch. S ch u l m a n . Schächter und David Neumark nach Amerika: zu schweigen von den Nachfolgestaaten Oesterreichs. 50 Jahre Hochschule, im letzten Jahrzehnt ein Weltkrieg und eine Staatsumwälzung. Und doch ihren altem Idealen unbeirrt folgend, wie Moritz Lazarus es knapp zusammenfaßte: treu und frei. Das ist etwas Großes und ' Erhebendes, und eröffnet den Blick in eine schöne Zukunft. Wir rufen dem Genius dieser Pflanzstätte das Psalmwort zu (45, 5'): ,,Das sei dein Schmuck: dringe vor. fahr* emHer für die Sache der Wahrheit und das darbende- Recht, utifc cs lehre dich erhabene Taten dein starker Annk" ^lieber deiner Pforte leuchten die Worte: latauro wela - ch o ch m o : dem göttlichen Wort und der weltlichen Weisheit. Diene beiden bis in ferne Zukunft; sie beide strömen aus dem unendlichen Licht und der uirergründlichen Liebe Gottes! Umschau. Jobs Zimmermanrc. ein Redakteur in 'Wulles Diensten, ist 'zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er einen Angehörigen des Auswärtige» Amtes, Herrn Seliger, der als „Gesandter und bevollmächtigter Minister" die deutschen Interessen in Paris mitvertritt, sehr schwer beleidiot hat. In auMweifender Phantasie wurde den Lesern des Deutschen LlbtzNdblattes von den vier Sekretärinnen des Herrn Seliger erzählt, die in Schlafzimmern rechts und links neben dem Pariser Salon des deutschen Vertreters untergebracht seien. Alles aber nur deshalb, um die Juden, zu denen man ohne lveitec-es den ganz arischen DiploMrtcn rechnete, der Unsittlichkeit zu zeihen. Die Richter sollen angesichts dieser Leichtfertigkeit des Herrn Iobses recht bedenklich die Köpfe geschüttelt haben, denn hier wurde ja auch das Ansehen Tcutfchlands schwer geschädigt. Möge die Buße den Verurteilten. wie einst seinen Namensvetter, läutern und' vorsichtiger werden lassen! Der „Gaugeschäftsführer" Gloger hat in Ostpreußen noch ganz andere Entdeckungen gemacht., 529 Kinder sollen in der letzten Zeit verschwunden fern und zwar hauptsächlich im Marz und Oktober! Wir wollen gleich für die Uneingeweihten erklären, daß damit verblümt auf unsere Bestzeiten hingewiesen werden soll. Gegen diese wüste Hetze und neu erstandene Lüge vom Ri.tuolmord. die aber immer nur verkappt auftritt und, toemt, man zupackt, abgestritten wird, dürfte der Zentralverein gewiß das Geeignete unternehmen. Er möge aber auch den königlichen Major a. D. von Borvis belehren, der die A. E. G. als rafferwes Kapital bezeichnet, weil der Jude Rathenall mit ihr verbürgen fei. das Riesenvermögen der Iirmen Stinnes und Krupp aber als schaffende Arbeit preist. _ Ru-eridvereins-Aineiaeir Seit»

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