Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-05-12 · 19 (12.5.1922) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
19 (12.5.1922)
Date
1922-05-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613657-2613675--0356-2617581
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

fVli* 8i* ü8« tffi a* ©01 t tf»«”u«i 19*«t* 1V «sondern unser religiös eS Gewissen. Das ist freilich subjektiver Liberalismus. Vielleicht ist dieseraberauch die einzige Auffassung deS Begriffes des religio sen Liberalismus." Bon den weiteren DislukussionSvednern erwähnen wir noch D r. Fuchs, der den Ansichten der beiden Referenten am nächsten steht. Er bestreitet, daß die Methode 'Kellernrann Menschen für die Religion gewinnen oder zurückgewinnen kann. Wir glauben, ihm sagen zu können, daß er sich im Irrtum befindet. Was wir sonst noch von seiner Rede lasen, zeigt einen Grad von Pessimismus, wie er starker nicht aufgebracht werden kann. Ein Pessimismus» der im besonderen geradezu unjüdisch und im allgemeinen eigentlich unberechtigt ist. Die Orgelsynagogen sind an Festtagen, die mit christlichen Feiertagen zusanrmenfallen, von liberal denkenden Juden überfüllt. Garnicht zu reden von den hohen Feiertagen. Die Massen haben mehr Interesse für Religion wie seit langem. Die Austritte aus dem Judentum sind durchaus nicht zahlreicher wie die aus anderen Glaubensgemeinschaften. Nach unserer Meinung irrt Fuchs bedenklich, indem er glaubt, das seinen Ansprüchen nicht genügende, religiöse Interesse durch das „nationale Zermomal" zu stärken. Seine Auffassung, daß die jüdischen Märtyrer vielleicht nicht sür den Monotheismus in den Tod gegangen wären, wenn das Zermonialgesetz nicht gewesen wäre, ist zmn mindesten neu und eigenartig. Wenn er nun gar das Zeremonial mit Griffen und Parademarsch beim Militär vergleicht und dann für deren Wichtigkeit daehemalige deutsche Heer als Beweis heranzieht, so müssen wir über diese Art von „ecclesia militans" doch lächeln. Heute sind wohl nur ganz wenige eingefleischte Anhänger des Alt-Militarismus n i ch t der Ansicht, daß gerade aus diese Dinge in unserem Baterlande zuviel Gewicht gelegt worden ist. Und so wie in Deutschland daS Heer, also das Mittel. leider zu sehr zmn Selbstzweck wurde, fordert Fuchs das gleiche für das Judentum. Er sagt ausdrücklich: „Die Iudenheit ist nicht bloß «ine Religionsgemeinschaft, sondern ein Selb ft wert." Wenn solche Ansichten durchdrängen, kämen wir zu gleichen Ergebnissen wie unser armes Vaterland. das sich auch ausschließlich auf sein Heer und dessen .Ausbildung verlassen hat. Hiermit schließen wir diese Ausführungen mit der Erwartung, daß die nächste Tagung der liberalen Rabiner nicht nur ein interessantes Bild gefftigen Ringens um die Probleme der religiösen Erneuerung sondern auch praktische Vorschläge konkreten Inhalts bringen wird. Auch das Laienelement wird sich gestatten, an ihnen durch Diskussionen in diesem Blatt mitzuarbeiten. Nötig wird unbedingt zur Erzielung von praktischen Ergebnissen die Klärung der Frage sein: „Ayas ist liberales Judentum,wer will und darf sich zu ihm rechnen? Nötig wird auch sein, daß unsere Theologen die Furcht oblegen, durch Reformen dem Judentum zuviel sogenannte „Iüdischkeit" zu nehmen. Daß sie sich n i ch t scheuen, aus dem Predigen eines „Welten- und Menschheitsgottes der Propheten" auch die unumgänglichen Konsequenzen zu ziehen. Daß sie die Diesseitswunder, die Wunder der Jetztzeit, begreifen urck» richtig würdigen. Doch hierüber sei ein ander Mal gesprochen! _ Umschau. Stinnes und Kunze haben die höfliche Anfrage, wie weit sie sich zur Stärkung der Judenfeindschaft verbunden haben, nicht recht beantwortet. Daher ist man auf Mutmaßungen angewiesen, von wem die Störenfriede vor dem Herrenhause, das der „Bund jüdischer WBmmmmmmmmnmmummmimmmmmmmmmmmmmmatm Frontsoldaten" jüngst für seine Bersanmlluna benutzt hat, dirigiert wurden. DaS Ergebnis dieses Avends ist schon deshalb interessant, weil unter anderem der Refeteiti dem „Schriftsteller Ludendorff" eine schlechte Ä:t erteilt hat und außerdem erzählte, welch ungen Einfluß der Oberst Bauer auf seinen Vorgesetzten ausgeübt hat. Dr. Max Naumann mag mit den tätlichen Angriffen der Hakenkreuzler, die sich auf seine jüngsten Auslassungen in der „Kölnischen Zeitung" berufen, nicht ganz zufrieden sein. Alle Preisgabe der unfreiwillig eingewanderten Ostjuden hat ihm nicht unbedingte Gefolgschaft Gleichgerichteter gesichert. Schon melden sich deutsch-völkische Juden, denen er noch nicht weit genug geht, und das alles deshalb, weil unser Vaterland von landfremden Elementen überschwemmt sei. Es ist nicht halb so schlimm, wie der Reichsminister des Innern in seiner Denkschrift, die doch Anspruch auf Wahrheit erheben darf, beweist. In ihr werden am Schluß der Statistik nur 68 000 ostjüdische Arbeiter in Deutschland nachgewiesen, und damit vergeht hoffentlich die Angstneurose hysterischer Patrioten. Auch jenseits des großen Wassers ist man manchmal ganz unamerikanisch kleinlich. Die Schiffahrtsgesellschaften sollen jetzt mit Geldstrafe belegt werden, wenn sie Reisende aus Ländern, die die „Bereinigten Staaten" mit halber Sperre belegt haben, in unvorschriftSmäßiger Zahl auf ihren Dampfern verfrachten. Durch solche Maßnahmen, auch wenn sie nachher widerrufen werden, begünstigt man Pogrome, und durch bloße Mitteilungen an Polizeibehörden in Preußen, aufreizende Druckschriften zu beschlagnahmen, werden sie ebenfalls noch lange nicht verhütet. '■'* In Warschau hat eS am 1. Mai schon eine Probeveranstaltung künftiger Judenhetzen gegeben. Man sollte doch innehalten, bis wenigstens die lebenden Opfer der ukrainischen Exzesse untergekommen sind. Hier hat Rumänien Gelegenheit, seine Reife für den ällerdings noch nicht begründeten Kulturbund der Nationen zu erweisen. Wir werden ja sehen, wie eS die 4000 jüdischen Waisenkinder, die dort untergebracht werden sollen, behandeln wird. Schwere Not bedrückt auch die Länder, die von der Selbstzerfleischung bewahrt geblieben sind. Im ohnmächtigen Oesterreich leidet mit dem gesamten Volk auch die Iudenheit. Besonders groß ist das Elend unter den Akademikern. Dort fehlt alles, und selbst in den Baracken, die man zur Unterbringung der ärmsten Studierenden errichtet hat, mangelt es an den notwendigsten Einrichtungsaegenständen. Wer hilft? — Auf der anderen Seite wird viel Geld ins Mittelländische Meer geworfen. Palästina ist für die jüdische Gnwanderung gesperrt. Die hoffnungsseligen Emigranten, die oft genug ihr ganzes Geld und die großen Darlehen und Spenden ihrerF Wohltäter für die Uebersahrt eingezahlt haben, kehren enttäuscht nach Konstantinopel .zurück. Jedes Schiff bringt dort Männer und Frauen, die wie einst Moses nur' das "Land gesehen Haben ünv nun meinen, in der Wüste sterben zu müssen. In diesem Vergleich gesprochen scheint Osteuropa wirklich noch ein erträgliches Egypten zu sein. Das arabische Nationalgefühl, durch den Zionismus geweckt, dokumentiert sich dort und an den Konferenztischen und in den Regierungssitzen der „Ententeländer" stark und entschlossen. In Genua, in London und überall, wo Politik gemacht wird, sind Missionen erschienen, und wie der Goethesche Zauberlehrling mag mancher großer Staatenlenker jetzt bei sich denken, daß die gerufenen Geister los zu werden das größere Kunststück ist. England hat ein großes Wort zugunsten des Zionismus ausgesprochen. aber seine Industrie macht mit dem Palästinaischen Unternehmen schlechte Geschäfte. Amerika hierin ebenso llug wie bei der Behandlung der allgemeinen Friedensfragen liefert die Automobile und erwirbt Oel- und sonstige Konzessionen. In Genua herrscht vielleicht, weil Bruder Jonathan fehlt, große Bedrücktheit, man streWauSelntmder und jeder weiß, daß nicht viel heraus schauen wird, eS sei denn, daß noch Wunder geschehen. Ein Erfolg ist allerdings zu verzeichnen. Die Korrespondenten der jüdischen Zeitungen und Agenturen zionistischen Einschlags haben sich zu einer besonderen Gruppe zusammengeschlossen, und sind von der Konserenzbehörde „voll und ganz" anerkannt worden. Bon diesem hochpolitischen Resultat kann man wirklich sagen, daß es^auf dem Papier steht. HaroS. Der Vater -er HinüernUe in der Berliner jüdischen Gemeinde. Wer ist das wohl?. Antwort: Der wohllöbliche Borstand. Zum Beweise' zwei Beispiele aus den jüngsten Tagen.; Es wurde an dieser Stelle von den konservativen gehrlichkeiten nach der Synagoge Levetzowstraße berichtete! Nachdem von liberaler Seite diesen Wünschen etrti energisches „qnod non" entgegengesetzt worden ist, scheint man sie zunächst fallen gelassen zu haben. Dafür haben sich Liberale und Konservative in einem Beschluß zusarnmengefunden, in dem der Borstand ersucht wird, den überfälligen Bau der liberalen Synagoge Schöneberg und den Bau einer konservativen Synagoge in Berlin NW. schleunigst in Angriff zu nehmen. Kaum ist dieser Beschluß gefaßt, so verlautet auch schon von allen Seiten, daß der Vorstand ihm voraussichtlich nicht beitreten wird. Er will abwarten, bis die Mark besser wird. Daraus wartet er nun wohl schon Jahre lang und läßt die Gemeindemitglieder in Privatsynagogen abwandern, die wie Pllze aus der Erde schießen und die die Gemeinde später doch subventionieren muß, weil sie sich nicht selbst halten können. Der Liberale Verein hat beschlossen, den im Vorstand sich zeigenden Verschleppungstendenzen mit allen Mitteln entgegenzuwirken. Wird es gelingen? ' Ein ander Bild. Ein alter berechtigter Wunsch liberaler und orthodoxer Kreise ist die Einrichtung getrennter Kultnskommissionen sür alten und neuen Ritus. Man kann es der Orthodoxie schlechterdings nicht verübeln, daß sie ihren Gottesdienst allein bestimmen will. Aber mindestens das gleiche Interessehat der entschiedene Liberalismus an der Gewährleistung des gleichen Selbstbestimmnngsrechts, damit nicht orthodoxer Fanatismus und konservative Bedenklichkeit ihm die Möglichkeit zeitgemäßer Ausgestaltung des liberalen Gottesdienstes nimmt. Man stelle sich einmal vor, was von dem liberalen Gottesdienst ohne solche reinliche Scheidung unter einem etwaigen konservativen Regime in der Gemeinde auch nur erhalten bleiben würde. Die Liberalen und die Orthodoxie M. A. Loebscher Richtung haben in der Kommission der Repräsentantenversamrnlimg einmütig eine entsprechende Vorlage ausgearbeitet. Ablehnend verhielt sich nur der Vertreter der konservativen Mittelpartei und mit ihm allein auf weiter Hlur blieb — der Gemssindevoxstgnd,. .der sich rundweg ablehnend verhE - Begründung: Die Einrichtung getrennter KultuSkommiffionen bedeute das Schisma in der Gemeinde. Der verehrliche Vorstand möge sich einmal in Frankfurt a. M. erkundigen, wo diese Einrichtung zu aller Zufriedenheit besteht. Ein Schisma kann wohl die Vorherrschaft einer Richtung herbeisühren, wenn diese ihre Macht mißbraucht, wie es zwar nicht beim Liberalismus, wohl aber bei der Orthodoxie zu befürchten wäre. Niemals aber kann das friedliche Nebeneinanderwirken der verschiedenen Richtungen zum Schisma führen» Aus dieser Erkenntnis heraus haben sich auch die liberalen Repräsentanten bei dem Bescheid des Vorstandes nicht beruhigt und erneut ihr Verlangen erhoben. Es ist die unselige Tendenz, alles aus einer wohlanständigen mittleren Richtung zu halten, jede selbstständige Bewegung und jeden Fortschritt zu hemmen, die die Handlungen des politisch neutral sein wollenden Vorstandes und der konservativen Mittelpartei diktiert. Die geborene Dugenöreich. Ein Großstadtroman von dskar JonS Miltman« (5. Fortsetzung.) - Neuen Beziehern wird der bisher veröffentlichte Teil der Romans gern nachgeliefert. Durch die lärmende Andreasstraße wandern die drei gemächlich nach Haus. Vorbei an Arbeitermassen, die verstäubt und müde aus den Fabriken strömen, vorbei an Gasfern, Trunkenen und Dirnen übelster Kategorie. Die kleinen Straßerihändler preisen Schnürsenkel, die dicken Obstfrauen Apfelsinen an. Hier scheint die ganze Wett nur zehn Pfennige zu kosten, selbst das große Bier, der DoppelschnrpS, fünf Schrippen und die Elektrische, auf die man verzichtet. An der Frankfurter-Allee wird kurze Rast gemacht und Regina ersteht im Lädchen der Frau Mnlack zwei Tafeln Schokolade stir die Kinder, ein Mertel BrustbonbonS für die alle Witt und sechs Zigarren für ihren Mann, weil man unterwegs nichts bekommt und die Mnlack auch ihre Kundin ist und der allgemeinen Lenzessehnsucht vielleicht den Entschluß längst sälligerModernisterung einesHutes weihen könnte. Richtig Mt das große Wort und Reginas mit der Wohnung verbundenem Putzsalon winkt wieder eine Einnahme, die man gut gebrauchen kam, wenn das Mädel immer größer wird. Die Gatten saßen an diesem Abend langer beisammen und Otto senior war emster als sonst. Die Kinder lagen schon wohl verstaut und in festem Schlaf, und auch die alle Witt, welche eine Treppe höher wohnte, hatte nicht länger bleiben wollen und sich unter allerlei weisen Aussprüchen in ihre Gemächer zurückgezogen. „Bei mir bin ick mein eigener Herr, und kurze Besuche fördern die Freund- K." „Wahre Dir Deine Selbständigkeit," hat Mtt immer „deswegen kannst Du Är doch mtt andere Leute «M-sprechen," welchen Rat seine Wittib gründlich befolgte. „Ra lutsch' ick noch'n Bonbon, dem die Polen haben ^ne jut« Sorte. Bei mir bat mal 'n Bonbvnkocher jewohnt; det reinigt ordentlich die Brust." — „Otto, Du sollst nich soviel Zigarren rauchen, aber wenn die eigene Frau nich Einfluß hat-Dann verschwand sie mit der Zeitung, die man gemeinsam hielt. „Man weiß sonst nich, was in der Welt vorgeht." Als die Tür hinter der Mutter sich endlich geschlossen halte, ging Otto einige Male im engen Zimmer auf und ab. Das war das sichere Anzeichen für die bevorstehende Erörterung einer peinlichen und von Regina nach diesem stummen Präludium immer zutreffend taxiertenAngelegenheit. „Reg Dich nicht auf, Du weißt, das schadet Dir!" rief sie ihm beschwichtigend zu und zwang ihn neben sich aufs Sofa. Nun zog Otto ein mit „Portopflichtige Dienstsache" bedrucktes Schreiben hervor, dessen Inhalt vorzulesen er freilich nicht nötig hatte. Der Verkehr hochmögender Behörden mit dem Hause Mtt erstreckte sich nämlich immer aus das gleiche Gebiet der für die menschliche Gesellschaft so nützlichen' Kindererziehung. Der Staat nahm an Mmni und Ottchen ein ganz besonderes Interesse, doch dieses kam nicht etwa daher, weil beide als Musterexemplare im Schulbetriebe angesehen werden konnten und entsprechende Dokumente anfzuweisen hatten. Die rührende Fürsorge eines großen Unbekannten im Polizeipräsidium am Alexanderplatz, der im Aufträge zweier Ministerien den Fall bearbeitete, galt der konstanten Weigerung des Hausdieners Mtt, das Mädel und den Jungen am planmäßigen ReligioirSunterricht der Volksschule teilnehmen zu lassen. Ein kleiner Stoß von Ermahnungen, Schulstrafen für die Kinder und Geldbußen für den Vater bildete den Beleg für die Lüchttgkeit der königlichen Polizei und der Schulregierung. Er zeugte andererseits von der den Frieden .de- Landes beunruhigenden Unbotmäßigkett eines verkappten Sozialisten, der bei einer sogar hoch oben wohlgelittenen, ob auch jüdischen Finna „Gebrüder Sachs" in er Klosterstraße im LohnvethältniS stand. Selbst der Kaiser, der den kunstsinnigen Chef Theodor Sachs schon mehrere 9L' ' besonders vermerken Empfang und einen Besuch in der Bendlersttaße ausgezeichnet hatte und ihm selbst die Ablehnung eines zugedachten Ordens nicht übel nahm, sollte in einem Nebensatz den Fall Witt gestreift haben. Das stimmte aber nicht und hätte wohl auch das Vertrauensverhältnis zwischen dem etwas eigenwilligen Kaufherrn, der auch würdenlos ein ganzer Mann war, und seinem Fattotum Otto Witt nicht erschüttett. Aber bis zur Sphäre der Prinz Nlbrechtstraße, wo die Boten des Volles tagen, war die Sache doch gediehen' nur hatte das preußische Abgeordnetenhaus die Petition um Befreiung der keinen Witts vom Pflichtfach „Religion" durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt und bei dem also beschi ebenen Bittsteller einen Dauergroll zurückgelassen. . * Betrüblicher blieb aber, daß Otto und Regina, sonst so einig, in ihrer religiösen Anschauung getrennte Wege gingen. Der Eheherr wollte ursprünglich sein Haus der sogenannten Richtung Waldeck-Manasses znführen, der als Nachkomme der Apostel, Sonntag vormittags in der Aula der Kleinen Frankfurtersiraße für die freireligiöse Gemeinde predigte. Dort sang man auch muntere Lieder, in denen die Erschienenen ein freies Leben zu führen sich attestierten oder ähnliches. Witt hötte den Reden des Sprechers mehr willig als verständig zu, seine Frau aber, die anfangs aus Friedlichkeit ihren Otto begleitet hatte, blieb bald fern. Um mit ihr selbst zu reden: „Eine Religion, bei der nur geredet und gesungen wird, ist kein Gottesdienst. Die Menschen sollen beten lernen oder gar nichts!" Damit emanzipierte sich die geborene Tugendreich von diesem Spott in dem Bewußtsein, den toten Eltern und ihren glaubenslos erwachsenden Kindern etwas schuldig zu sein. Sie schattete seitdem auch wieder gelegentliche Zeremonien in ihr eigenes Leben ein. Dazu gehötte der Besuch der Andacht an den Herbftfesten, daS Entzünden des Jahrzeitslämpchens an den Sterbetagen der Eltern und der regelmäßige Besuch der Gräber, von dem sie ja heute wieder heimgekehrt war. . (Fortsetzung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.