Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 19 (12.5.1922)
- Date
- 1922-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Grgarr der Vereinigung für das liberale Judentum e. »ezugspreX Qurft vle Gefchststssielle '/tt»vr»l« NN.1S.- Einzelnummer. „ 1.30 0ttr Me SMtglleber der Bereinigung ist der Bezugspreis im MltgNevSbeitrage inbegriffen. Anzeigenpreis: Die K/z em breite SUiMmeterzeiie SM. 1.90 AamlNenanzeigen SN». l.-. Bel Wiederholung Srmlihigung Die „Jlldlfch-ttberale Zeitung" erscheint jeden Freitag und mit zwei monatlichen Beilagen, der wifsenschastNchen Zeitschrift „Liberale» Judentum" und den „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-Nberoler Jugendverein^. Nr. 19 ♦ 12. Mal 1922 Nebaktlon: Berlin VS, SNauerslr. 22 (Bereinigung für 6oe liberale Judentum e. D.) Fernruf: Amt Zentrum 16a aieschtlflSsteHe u. Anzeigenannahme: Breslaus, Neue «raupenftr. 7. Buchdruckerel Th. Schatz»» S.m.b.H.r Fernruf: Amt Nlng 4SI und «Sc». Sdmtllche Zahlungen. Postscheckkonto Breslau 37 der Fa. LH. Schatz»» S.m.bUH. Unsere Theologen. Bon I. W 0 lfss 0 hn, Berlin-Schöneberg. Das letzte Sonderheft unserer Monatsschrift „Liberales Judentum", die jetzt als Beilage zur „Jüdischliberalen Zeitung" erscheint, bringt den Bericht über die am 5. Januar d. I. stattgehabte Tagung der,.Vereinigung der Liberalen Rabbiner Deutschlands." Unser Standpunkt steht vielfach in scharfem Gegensatz zu diesen theologischen Ausführungen, und doch haben wir sie beim Lesen f o empfunden, wie der Vorsitzende der Versammlung, als „ein großes inneres Erlebnis. alsein ernstes, schweres Ringen um Klärung innerer jüdischer Grundfragen, das in Debattenvon ungewöhnlicher geistiger Höhe feinen Ausdruck fand." Wenn es noch irgend eines Beweises für die Notwendigkeit und Lebensfähigkeit eines religiösen Liberalismus im Judentum bedurft hätte, so hat ihn diese Versammlung erbracht: zugleich aber auch die Anregung für das Laienelement, seinen Standpunkt energisch zur Geltung zu bringen. — Von unseren Theologen, den sich liberal nennenden Rabbinern, gleichen viele jenem Simon ben Iochai. der nach langem Verborgensein die Welt mit solchen Augen sah, das; unter seinen Blicken alles versenkt wurde und in flammen aufging. Auch ihnen würde, wie einst dem Weisen, eine nochmalige Einkehr und Prüfung der tatsächlichen Dinge gut tun, damit in ihrer geistlichen Anschauung und Wirksamkeit immer neben dem begeisterten Schwärmer und Idealisten der Standpun-kt des zum zweiten Mal in die Welt zurückgekehrten gelehrten Eremiten zur Geltung kommt.- Unter den Rednern des 5'. Januar kann man deutlich verschiedene Kreise unterscheiden. Zunächst die Gruppe Wiener-Goldmann-Fuchs. dann als Uebergang Baeck, hierauf Lcwkowitz-Vogelstein- Samuel, und schließlich Kellermann. Die übrigen Herren sind wohl meist der Gruppe Vogel st ein zuznrechnen. Ueber dem Ganzen in neutraler ruhiger Zurückhaltung der Vorsitzende, Dr. Seligmann. — ■ Dem Führer des Reigens, Dr. Wiener, können wir zunächst beipflichten, wenn er sagt, daß „der erste Schritt auf dem Wege des Liberalismus die Erkenntnis dessen sein muß. wasdas Wesen hafte der jüdischen Religion i ft." Aber in dieser Beziehung werden sich gerade zwischen seiner und unserer Anschauung klaffende Unterschiede ergeben. Wir widersprechen ihm, wenn er sagt, daß „die Emanzipation uns in die Gefahr einer völligen Assimilation gebracht hat." In religiöser Beziehung könnte sich eine Assimilation nur in den äußern Formen bewegen, und einer nationalen Assimilation stehen wir jedenfalls nicht unsympathisch gegenüber. Wir müssen es ferner ganz energisch ablehnen, „d a s Judentum tatsächlich aus einen Stamm begrenzt anzusehen." Wir wollen im geraden Gegensatz „dieKeime des universal Menschlichen zu einer allgemein gültigen Weltanschauung auszuweiten suche n." Wenn anders wir nicht Verzicht leisten wollen auf den Messianismus unserer universalistischen Propheten, und nur diese können für den nicht national-jüdisch gesinnten in Betracht kommen. Gewiß unterscheiden wir uns nicht allein durch ein paar Glaubensformeln von den Völkern, aus deren Erde wir ein Heimatsrecht erwerben; aber diese Unterschiede. gälte und schlechte Eigenschaften, je nachdem sie aus guten inneren oder schlechten uns von außen zugefügten Ursachen stammen, haben nichts mit der Religion zu tun. Je mehr die schlechten durch Assimilation schwinden, desto stärker können die guten in das Denken und Fühlen der Völker eindringen, zu welchem Zweck uns doch wohl die Vorsehung unter die Menschheit verstreut hat. Wir widersprechen auch der Forderung, daß dem „jüdischen Gedanken auf ewig der Erdgeruch seiner Entstehung (also doch wohl des Orients?) a n - haften muß." Der Gott der Bibel hat den Menschen und nicht nur den Juden geschaffen. Das ist die Kernidee und Quintessenz des von uns der Menschheit geschenkten „Buch der Bücher", auf die wir besonders stolz sind. Deshalb müssen wir auch auf die Gefahr hm. Eigenheiten abzustreifen, danach streben, zuweilen durch Bekehrung, jedenfalls aber durch Verbreitung unserer viel zu wenig gekannten Glaubenssätze möglichst viele Menschen zu unserer Weltanschauung hinüberzuziehen. Wie sollte sonst einmal der Messianismus verwirklicht werden! Wir sind ,,ni ch t n u r deshalbliberal, weil wirnicht o r 1h o d o x s i n d." Die P es s a ch ge sch i ch t e ist uns „das Symbol der Freiheit überhaupt." Würde uns sonst dir Bibel immer wieder und wieder daraus Hinweisen, wenn sie uns mahnt. Fremden und Knechten ein möglichst großes Maß von Freiheit einzuräumen? Gerade daß das religions-philosophische Werk von Gabirel, dem Wiener das Feuer einer 'jeißen jüdischen Seele zuerkennt. Jahrhunderte ang als die Leistung eines Nichtjuden gelten konnte, beweist am schlagend sten dieUniversalitätdesjüdischenGedanken. Wir dürfen nicht Rettung beim Zeremonialgesetzen suchen, denn wir haben dadurch viele der Besten aus unfern Reihen getrieben. Der wahrhaft jüdffche Gedanke hat sich bis heute behauptet, trotz vieler, unserm heutigen Empfinden fremder Zeremonien. Der Gedanke der jüdischen Religion, die mit dem Nationalismus nichts zu tun hat. Dem jüdischen Nationalismus, unter dessen Einfluß, wahrscheinlich nur unbewußt, Wieners religiöses Denken und Fühlen steht. Aus seinen Reden glauben wir herauszuhören, was man geistigen Zionismus nennt. In Dr. Goldmanns Rede und Duplik ist Nattonalismus eigentlich nicht enthalten, aber etwas anderes zwingt uns, seinem Standpunkt entgegenzutreten. SeineAuffassungdes Judentums als Gesetzesreligion und die hieraus sich ergebende Bewertung dom Zeremonialgesetz. seine entschiedene Abneigung gegen den religiösen Subjektivismus, also subjektiven Liberalismus, während ereinen objektiven Liberalismus anerkennt und durch sehr geschickt gefaßte ThesenPropagiert;seineStellungnahme gegen jeden Nationalismus; schließlich die Neigung zu einem jüdischen Klerikal i s m u s. Uns scheint, daß er eines vergißt, nämlich daß im frühen Altertum Staats- und Religionszugehörigkeit meist identisch waren und in der Theokratie, des alten .Israel.. dcck^LE.«cht^küLt Mr hüvMLches Leben, sondern alles, was mit Religion zusammenhing, in strenge Gesetzesformen gefaßt werden mußte. Wir hören ja oft von der jüdischen Orthodoxie, daß sie sich dagegen sträubt, Verkünderin einer Gesetzesveligion zu sein und darauf hinweist, daß er sich nicht um Gesetze, sondern um Gebete handle. Hiermit überhebt sie sich jeder Skepsis und macht sich trotz äußerer Korrektheit das Leben leicht; denn es ist wohl im mosaischen Gesetz bei nicht wenigen Gebeten sehr zweifelhaft, ob sie aus Gründen der öffentlichen Gesundheitspflege oder aus solchen der Staatsräson einer politischen Theokratie oder zum Zwecke der Erziehung zu Heiligkeit und Moral verkündet worden sind. Am schärfsten wendet sich Goldmann gegen den Subjektivismus. anscheinend weil dieser dem Laienelement zuviel Freiheit für eigenes religiöses Denken gibt. Nun fragen wir: soll man dem Judentum den Subjektivismus nehmen das in seiner Bibel niemals blinden Glauben an den Ewigen, sondern die Erkenntnis der Existenz und des Wirkens Gottes fordert. das im Hebräischen garnicht das Wort Glaube in der Bedeutung, die es bei anderen Religionen und in anderen Sprachen hat, kennt? Max Brod hält in seinem Buch „Heidentum, Christentum und Judentum" an Paulus nicht das für rmjüdisch, daß dieser auf dem Weg nach Damaskus das Erlebnis hatte, auch nicht, daß ihn dieses Erlebnis zum Glauben an einen gottgesandten und direkt gottentsproffenen Heiland brachte, der mit seinem Tode auch seine (des Paulus) Sünden ttlgte. Aber daß Paulus dieses, sein persönliches Erlebnis für alle Menschen verallgemeinerte, daß er von dem Glauben an dieses rein persönliche, das Seelenheil des andern, dem es nicht widerfahren, abhängig machte, daß er es als Dogma des Christentums einsetzte, das, sagt Brod. war u n i ü d i s ch. Es kann mit jüdischem Denken und Fühlen, laut dem jeder einzelne sich durch Erkenntnis mit Gott auseinanderzusetzen hat, niemalsin Einklang gebracht werden. Ebenso verhält es sich mit dem Rationalismus und dem Judentum. Mag man anderen Religionen Subjektivismus und Rattonalismus abstreiten, zur Welt- und Gottesanschauung des Judentums gehören sie. ohne deshalb das Gefühl des Herzens auszuschalten. Wir haben daher keine Veranlassung, den Irrationalismus als Panier zu erheben, der in Wahrheit bei uns a n t i rational, d. h. gegen die Vernunft wäre. Und wir waren ja auch stolz, daß unsere Religion bei liberaler Auslegung der Bibel durchaus nicht gegen Vernunft und Wissenschaft verstteße. Das Verwerfen des Subjektivismus führt Goldmann zu einer Art Klerikalismus. Das Laienelement soll sich in religiösgeistiger Beziehung gänzlich in die, Hände des Rabbiners oder doch der wissenschaftlich - theologisch Vorgebildeten geben. Wir müssen dankend ablehnen. Im I übrigen scheint es, daß sich Dr. Goldmann stark nach bei. ,,mittleren' Richtung" hin entwickelt hat. Er gesteht die Neigung, posittver und orthodoxer zu werden, in seiner Duplik offen ein und folgt damit manchem von den jüngeren liberalen Rabbinern. Das sei ihm durchaus nicht verübelt, jede Ueberzeugung und ehrliche Gesinmmgsänderung ist zu ehren. Nur daß er den „qesetzes• treuen Juden int ganzen dem religiösliberalen als überlegen in ethrscherBez i e h u n g a n s i e h t," ist schwer zu verstehen, vielleicht aber dadurch zu erklären, daß sich auch seine Ansichten über Ethik gewandelt haben. — Wir kommen nun zu einzelnen Diskussionsrednem und beginnen der Reihe nach mit Kellermann. Dr. Kellermann wies die Referate vom Standpunkt der allgemeinen Ethik und Logik, die stets auch die jüdische gewesen sei, zurück; ebenso auch vom Standpunkt des Liberalismus. Ob er in seinen Ausführungen sich zu sehr oder gar einzig auf den Rattonalismus gestützt hat? Wir haben beim Lesen feiner Worte nicht diese Empfindung gehabt. Mit Recht hob er hervor, daß „j e d e s Z e r e - monialgesetz nur als Symbol gelten k ö n n e." Die Worte der Erinnerung, die Kellermann den altliberalen Führern. Zunz. Geiger, Vogel st ein u. A. widmete, mögen jedem ins Gedächtnis rufen, daß diese Männer vom Standpunkt des Zeitgeistes aus reformierten und nur dadurch die großen Leistungen für die Kultivierung der Andacht bis in die orthodoxen Gotteshäuser hinein vollbringen konnten. — Nach kürzeren Ausführungen von Dr. Vogelslein und Dr. Lewkowitz. die beide in der jüdischen Religion die Tatsachen des Lebens mit Gefühl und Verstand verbunden sehen, sprach Dr. Baeck. Er fand die Referate von Wiener und Goldmann durchaus richtig und nannte sie nur etwas einseittg. Wir vermögen nicht, ihm in dieser Anschauung M folgen^ Seine Rede, wie irmuer sich zwischen den Richtungen Wiener-Goldmann und Vogelstein-Lewkowitz. Auffallend erscheint uns seine Besorgnis vor dem, was er „geistige Mimikry" nennt. Wir können in diesem Umstande, oder deutlicher gesagt, in dieser Einkleidung des jüdischen Gedankens in moderne Formen, ob es allgemein staatliche oder mehr philosophische sind, keine Gefahr für den jüdischen Gedanken erblicken, viel eher einen Weg zu seiner Verbreitung. Das veranlaßt uns auch zu einigen Worten über die herrliche Ansprache, die wir gelegentlich der Hauptversammlung unserer Vereinigung für das liberale Judentum am 4. Januar von Dr. Baeck hörten und die dankenswerter Weise in Nr. 14 d. Bl. abgedruckt ist. Als das wesentliche erscheint uns auch dott der von ihm in den Vordergrund gestellte Satz: „Wenn ihr anders seid, dann gehört ihr zu mir, dem Ewigen, eurem Gott, und wenn ihr nicht anders seid, dann gehört ihr zu dem großen Babel und seinen Genossen." Nun lag cs bei solcher Gelegenheit sehr nahe, darrulegen^ weshalb wir vom liberalen Standpunkt gesehen, anders sind, weshalb, wie wir es oft von Baeck hören, das Iudenttrm in der Antike modern war. Dann aber auch weiter, wie wir uns heute in liberalem Sinne von den anderen Bekenntnissen unterscheiden. Was zeichnete uns damals vor allen andern aus; was ist aber von diesen Unterschieden noch geblieben? Das Christentum, die in unserm Lande herrschende Religion, hat bis auf den einigeinzigen Gott und bis aus unsere Auffassung von Erlösung sich die sonstigen Hauptforderungen des Judentums zu eigen gemacht. Da wir es aber schon der von ihm geübten Erfüllung der neachwischen Gebote wegen nicht zu Babel rechnen können, so bleibt uns außer dem Schatz der messianischen Zukunftshoffnung als Unterschied, und zwar als sehr wesentlicher, der Monotheismus in der allerreinsten. Form, den wir als kostbarstes Gut in unserer Jugend wach und vege zu erhalten haben. Als liberale Juden haben wir die Pflicht, diese reine Lehre von Btlchstaben und Aberglauben möglichst frei zu halten, und die äußeren Formen der Religionsausübung und der Ritualgesetze so zu gestalten, daß sie mit den allgemein gültigen, auch von uns sonst anerkannten Gesetzen der Ethik und Aestethik nicht in Widerspruch stehen. Das ist liberales Judentum, das ist das wesentliche des Judentums, dasist der wahrhastjüdische Gedanke, der uns stets davor bewahren wird auf die Stufe von Babel herabzust«i g e n. — Aus den ähnlichen Gesichtspunkten heraus können wir auch dem Diskussionsredner Dr. Wolf völlig zustimmen, wenn ' er jagte: „Nicht alles, waS jüdisch ist. ist religiös, und nicht alles, was der einzelne Jude als Religion empfindet, ist jüdisch." Ebenso seinen Schlußworten: „Nicht das Judentum soll Richter Fug endVereins-Anzeigen 8C letzte Seite.