Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 16 (21.4.1922)
- Date
- 1922-04-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber sie sind explosives Material und bederrten eine ständige Gefahr, solange keine Verständigung erzielt wird. In der sogenannten Effendi-Klasse bedauert man bereits die verloren gegangene türkische Herrschaft, nnd hierzu kommt noch die Tätigkeit auslärwilcher Agenten, Französischkatholische Elemente streuen in den christlichen Kreisen des Nordens, ganz gleich welcher Konftssion, viel Geld aus. Biele Christen hoffen, daß Palästina französisch werden wird, während die Mohammedaner auf die Bereinigung mit Syrien und dem grobarabischen Reiche rechnen. Auch der bekannte Mustapha-Kmral Pascha und die zu ihm gehörenden Bolschewisten sollen hierbei, wie bei den Jaffa- Unruhen des vergangenen Jahres, ihre Hand im Spiel haben. Aber all dieses erklärt nicht die antizionistische Stimmung restlos. Sie rührt daher, dab die Araber die englische Politik mit dem von ihnen „räuberisch" genannten Zionismus identifizieren, und wird auch nach Ratifikation des Mandates nicht erlöschen, denn der arabische Standpunkt beharrt bei der Gegnerschaft gegen die Balsour- Doklaration und gegen die Monistische Exekutive, die eine Regierung in der Regierung sei. und stenrmt sich gegen die indische Einwanderung. Dabei habe diese, hauptsächlich auS den slawischen Landern herrührend, kein schlechtes Material gebracht. Die arabischen Beschuldigungen über Moral, Benehmen und Gesinnung der jüdischen Ankömmlinge seien nicht stichhaltig und säst keine Kommunisten unter ihnen. 800 jüdische Personen wabern jetzt monatlich im Durchschnitt ein, von denen allerdings viele zu körperlicher Arbeit nicht tauglich sind und teilweise noch höhere Löhne verlangen, so dab sogar die jüdischen Kolonisten der Verwendung arabischer Arbeiter bevorzugen. Unter den 17000 jüdischen Immigranten der beiden letzten Jahve seien nur 500 auf dem Lande angesiedelt und 1500 arbeitslos. Das liege auch an mangelndem Siedlungsland, das von den Zionisten vorher hätte besorgt tverden muffen. Der ,.Tirne8"-Korvespondent wendet sich dann Herrn Ussischkin zu. der in der zionistischen Kommission zu Jerusalem die erste Rolle spiele nnd extremer Richtung sei. Sein Gesichtskreis sei beschränk, und er rechne nicht gern mit den Tatsachen. Aus die Zionisten falle sogar die Un- Poyulavität Sir Samuels. Erklärungen wie die Weizmanns auf dem Karlsbader Kongreß. „Samuel ist unser freund, er arbeitet loyal mit uns", führten dazu, dab die Araber seine Ernennung zum Oberkommissar beklagen. Es ist nun in Palästina ein jüdischer Selbstschutz organisiert worden, nachdem die unterbliebene Entwaffnung der Araber sich als fehler gezeigt hatte, und die vorgekommenen Unruhen immer auf dieser Seite begonnen hätten. Andererseits kanten wieder durch jüdische Vermittelung viel Revolver ins Land, und wenn man auch dieses Vorkomnis übertreibt, so habe doch die zionistische Kommission unterlassen. den Import zu hindern. Die Aktivität der zionistischen Kommission werde auch von palästinensischen Juden bedauert. Cs werde in jüdischen Zeitungen von grober finanzieller Verschwendung gesprochen. und die gemäßigten Elemente sowie die Sevhar- Die geborene Tugenüreich. Ein Großstadtroman von Oskar IonS Milt man. (*. Fortsetzung.) —*— Bishörig«, Inhalt: Im pofenschen Kleinvahnzu« begegnet Propst Sklaidny der vor Jahren aus de, H«mat verschwundenen Regina, mtt der ihn einst innige Neigung verbunden hatte; er wagt aber keine Ausspruch«. Im Kwiltsch« Grasenschlotz, dem beut« sein Besuch gilt, bleibt der Grund feinet Verstimmung so unbekannt, wie ihm der all. jährlich« Besuch der Jugendfreundin am Eltern, rade. Rur Gastwirt Schräder und die Fried. ofShittertn Zeidler wissen darum. Es war die Zcidlersche ein merkwürdiges Weib, nicht nur, well sie behauptete, „auf den Toten Obacht zu geben", nein, weil sie wirklich die ganze Chronik der Gemeinde fest im Kopfe trug und, obwohl nicht zur Judenheit gehörig, mit allen ihren Gewohnheiten urw Sitten vollkommen vertraut und fest verwachsen war. Ihr Gradmesser der Menschenbewertung war ein gutes Trinkgeld, und warum sollte man nicht die Leute hiernach einschätzen dürfen? Sonst lebte sie von dem Gewinnst und der Genugtuung einer privilegierten Gänserupferin und Verkäuferin von Bachweiden am Tage vor dem Schlußfeste. Sie hatte aber auch das Regal für den Vertrieb von Kinderfahnen am anschließenden Vorabend der „Torafteude." Mit ihren selbstgeklebten Papierstandarten stand sie auf dem Posten, lange bevor der Trauhimmel aus der Synagoge getragen wurde und vor dem Hause des Vorstehers ausgestellt, den alten Rabbiner beschirmte, der als halber Wundertäter bis weit über die Grenze einen großen Ruf genoß. Dann sangen die Kinder mit hellen Stimmen ihr „ml koel" in den klaren Herbstnachmittag, und, was sich auch immer um diese Prozession schärte, Polen und Deutsche hörten andächtig zu, weil damals der Glaubenshaß noch nicht ausgegraben und als taktische Waffe ein« hach« tzolttikgefchSrp worden war. dkm hätten vieles auSzuseden. Die eingesessenen Juden hätten stets einen hartnäckigen Kampf gegen diese Richtung geführt. Nun habe der jüdische Nanonalvat beschlossen, zwei eingesessene Juden in die zionistische Kommission zu kooptieren, damit der friede mit den Arabern vorbereitet werde. Aber das allein helfe nichts. AS müffe viel getan werden urw werde lange dauern, bis beide Bevölkerungsgruppen zum frieden kommen würden. Angesichts dieser Umstande sei die Lage der enalischen Beamten, von Sir Samuel anaefangen, in Palästina nicht beneidenswert. Allein in der Kritik gegen sie feien sich die streitenden Araber und Juden einig. Di« englische Verwaltung habe aber praktisch« Fortschritte gezeitigt, die Lage der Bauern gehoben, die Bahnen auSgebaut, Schulen und Gerichte geschaffen und die sanitäre Lage, sogar in dm gefährdeten Großstädten, gebessert. Man nmß zuaeben, daß die Lage ln Palästina recht ernst ist, wenn auch nur ein Teil, dieser Darstellung, die sehr sachlich gehalten scheint, zntrisst. Schützt die Orgel 6er Sgnagoge Levetzorostraße-Verllal Nichts ist der Orthodoxie so sehr ein Dorn im Auge als die Orgel in dm liberalen Synagogen. Ihre Existenz Nttt als so wesentliches Anzeichen für den liberalen Ritus einer Synagoge, daß der Spvacyaebrauch nicht von Gottes. Häusern mtt altem und neuem Ritus, sondern schlankweg von Orgelsynagogen und orgellosen spricht. Dem liberalen Verstand und Gefühl ist dieser Haß schwer begreifbar. Dir Tatsache, daß die Orgel dem christlichen Gottesdienst entnommen ist. würde st« nur rechtfertigen können. wenn nicht unsere Otthodorte in anderer Beziehung selbst vor solchen Entlehnungen nicht zuriickgeschreckt wäre, vor - ollem hinsichtlich der deutschen Predigt, die — ernst von der Orthodoxie ebenfalls leidenschaftlich bekämpft — heute den Mittelpunkt auch deS konservativen jüdischen Gottesdienstes in Deutschland bietet. Die Sache liegt wohl so, daß man die Orgel erst zum Symbol deS liberalen Gottesdienstes gestempelt hat und nun dieses Symbol als solcher mit allen Mitteln befehdet. Der Kamps gegen die Orgel ist in den letzten Jahren in Berlin in ein akutes Stadium geirrten. Tie Gemeinde leidet schwer unter der Not der Zeit. Vorstand und Reprasentan; sind auf begreiflicher Suche nach geeigneten Spar- Maßnahmen. Die Orthodoxie fand leicht ein geeignetes Objekt: man verkaufe doch einige Orgeln aus den liberalen Synagogen, fürwahr ein vortrefflicher Plan! Nicht nur spart man die Kosten für die Erhaltung der Orgel und die Bezüge des Organisten. —- nein, ein barer Gewinn lockt sogar in dem beträchtlichen Kaufpreis des wertvollen Instruments. Vielleicht ist sowieso Bedarf für eine ueue Mikwe oder für dt« Zwecke der Kaschrath-Kommission; vielleicht lassen sich auch di« Zionisten gewinnen, wen» man «inen Teil des Erlöses für den Kereth Lajessov abzweigen würde! Nachdem diese Mütenträume der Orthodoxie leider nicht gereift sind, wird eine neue Idee propagiert. Bor dem Kriege war beschlossen worden, zunächst zwei weitere Synagogen zu errichten, am Kottbuser Ufer und in Schöneiberg. Obwohl in beiden Gegenden die Liberalen bet den Wahlen die Mehrheit zu haben pflegen, batte man sich doch entschlossen. dm Konservativen aus Gründen vermeintlicher Parität die Synagoge im SO. zu überlassen. Sie wurde aebaut und ist seit Jahren in Benutzung. Die Schöneberqcr Synagoge aber kam, obwohl das Terrain bereits erworben war, infolge das Krieges nicht gut Errichtung. Jetzt endlich soll sie in Angriff genommen werden; 5000 Vormeldungen liegen dem Vernehmen nach vor. Aus einmal verlangt die Orthodo'i« für diese neue liberale Synagoge eine neue »Kompensation". obwohl sie doch eine solche bereits in der Synagoge Kottbuser User vorweg erhalten hat. Sie macht geltend. daß sich ein dringendes Bedürfnis für Errichtung einer Synagoge nach altem Ritus im Nordwesten gezeigt habe. Statt aber zu verlangen, daß diesem Bedürfnis dadurch Rechnung getragen werde, daß der Bau einer korrservattvcn Synagoge in NW>. als nächster in Aussicht genommen wird, ist der stukbece Plan aufgetaucht, die Le^etzov-Sttaßen-Synagog« ihrer Orgel zu berauben intfc diese nach Schönebcrg zu überführen. Wiederum «ine treffliche Sparmaßnahme, aber bei Leibe nicht der Versuch, den ebensallS überwiegend liberalen Nordwestcn in konservative Gewalt zu bringen. Ist doch sogar ein Liberaler (nicht etwa ein Repräsentant) an diesem Plan beteiligt und wird von den orthodoxen .Herren als Vorspann benutzt. Di« uöchstbetciligten Instanzen. Synagooenvorltand und Svnagoaeriverein der Leve^owstraße, stud Besonders unentbehrlich war die Zeidlersche — das sei als Beschluß ihrer Meriten festgelegt— am Versöhnungstage. Dann waltete sie als fliegende Apotheke auf der Damengallerie deS Tempels und sagte den jungen und alten Frauen, „wo man hält." Auch ohne die Kenntnis hebräischer Schriftzeichen schien sie dies genauer zu wissen, als manche freien und frommen Jüdinnen, die sich im Gebetbuch wohl nie ganz Zurechtfinden werden und das nach einer Auffassung auch nicht nötig haben. Bon allen Damen machte einst hierin nur Frau Michele Tugendreich eine rühmliche Ausnahme. Sie war nicht nur die verkörperte Andacht, nein sie stand auch am Eingang und vom Morgen bis zum Abend des heiligen Sühnetages auf ihrem Platz, ohne sich niederzusetzen. Das hatte sie einst aus sich genommen, flüsterte man respektvoll, bevor Regina nach langer, kinderloser Che zur Welt kam. So etwas nannte auch die Zeidlersche einen Neder, wobei sie sich über des Wortes Bedeutung nicht den Kopf zerbrach. Aber das darf wohl als weiblich gelten, und somit gehört auch sie in dar Reich, in dem die Vernunft nach den Launen der Anmut herrscht. — Regina stand ftöstelnd an der Gruft der Eltern und betete aus der Mutter Andachtsbuch, darin die vergilbten Eseublätter lagen urw der letzte Brief der teuren Hand. Frau Michele aber hatte geschrieben: „Mein gutes Kind! Dein frommer Papa ist ganz sanft eingeschlafen und hat keinen Doktor haben wollen. Ich habe immer bei ihm gesessen und seine Hand gehalten, und Dich hat er gesucht. Es ist mir sehr weh ums Herz, daß Du nicht hier sein kannst und ihn nicht begleitet hast. Ich werde ihm bald Nachfolgen, denn ich bin sehr, sehr krank. Wie Gott will! Die schwere Zeit soll Dir nur gut vorübergehen, darum bete ich Tag und Nacht, das weiß nur ein Vater im Himmel. Es wird Dr auch noch aut gehen im Leben, mein Kind. Pleib gesund, gellebteS Ginchen, und tröste Dich! Deine Muttm^" —_ ... freilich ebenso wie die Liberale Fraktion kn der Repräsentanz für derlei Absichten nicht zu haben. Mer nur gemach! J«r Herbst sind Repräsentantenwahlen. ES winkt die Hoffnung einer orthodox.zionistischen Mehrheit in der Repräsentanz. Diese Mehrheit braucht ja nicht mehr Rücksicht zu nehmen qus die Wünsche der Umwohnenden. Die Juden NW.'S werden eines TageS feststellen, daß st« zwangsweise zu Orthodoxen ernannt sind. Wenn dt« Orgel fällt, fällt den Rabbiner nach. Herrlichen Zeiten gehen wir entgegen! Liberale Juden Berlins! Laßt Euch von diesen Plänen nicht überraschen! Achtet darauf, was im Gemeindeleden vorgeht! Schützt Euren bisherigen liberalen Gottesdienst und denkt bet den kommenden Wahlen an dt« Orgel in de, Levetzowstraße. Eriticaster. Unsere Bewegung. Nachrichten der Vereinigung für das liberale Indent nm. Frankfurt a. O. Am 4. April sprach Rechtsanwall. N e h a b tm Jugendbund über „Liberales Judentum". De« Vortragende berührte zunächst die Stellung des liberalen Judentums zu den anderen Richtungen. Die Ablehnung des Nationaljudentums begründete «r mit den weltgeschichtlichen Leistungen der Juden auf dem Gebiete der Religion, denen politisch» Großtaten nicht an die Seite zu stellen seien. Auch sei das jüdisch« Ideal nicht völkische Beschränktheit und Eng« Herzigkeit, sondern Völkcpoersöhnmrg und Menschentum. MS religiöse Richtung verbinde die Liberalen eine gemeinsame Grund anschauung mit den Orthodoxen. Diese seien daher von Liberalen nicht zu bekämpfen, soweit sie ihrer Lelre gemäß leben. Zu bekämpfen sei aber ihr Anspruch, allein daS wahre Judentum zu vertreten, zu bekämpfen fei die In« toleranz, die jede andere religiöse Auffassung und Anschauung als unjüdisch« schmäht. Dies wurde naher ausgesührt und gezeigt, daß der religiöse Liberalismus historisch berechtigt, zur Erhaltung des Judentums notwendig und allein in der Lage sei, die Weltanschauung der meisten modernen Jude« mit der religiösen Betätigung und dem Leben in Einklang zu bringen. Eindringlich wurde daraus hingewiesen, daß daS liberale Judentum nicht mit Gleichgültigkeit und Jndifferentismus verwechselt werden dürfe, wi» tS so häusig geschehe. ES wurde ferner an der Hand der Richtlinien und des Gemeindeprogramms nachgewiesen, daß die Liberalen dieMaforisternng religiöser Minderheiten ablskmen und daß sie zwar das Recht fteier Betätigung der Religion in der von ihnen für richtig erkannten Form für sich verlangen, daß st« ab« auch jeder anderen Richtung ihr volles Recht zu gleicher Betätigung zugestehen und es als Pflicht der Gemeirwen bettachten» für di« erforderlichen Einrichtungen Sorge zu tragen. Der Vortragende schloß mit der Aufforderung an die Jugend, all» Richtungen des Judentums zu prüfen und kennen zu lemen und sich nur der einen Partei semzuhalten. der Partei der Gleichgültigen. — Eine angeregte AuSsvrache, an der sich Damen und Herren beteiligten, schloß sich an den Vortrag an. Freiburg i. Breisgau. Am Samstag, de»r 8. d. M., hatte die hiesige Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum ihre Mitglieder, sowie alle Gemeindeangehörigen zu einem Vortrag eingeladen. Herr Oberkantor Liltenthal, hier, berichtete der stattlichen Versammlung über das Dbema „Pessachsitten". In glanzendem Vortrag er. zählte der Referent die Geschichte des Festes und von seiner Feier, von der Entstehung und Bedeutung der einzelnen Zeremonie« und von den mannigsachm Gewohnheiten, die da und dort sich hekansgebildet haben. Dankbar lauschte die Versammlung den Ausführungen und belohnte den Redner durch reichen, von Herzen kommendm Beifall. Nürnberg. In der Geschichte der Nümberg« Gemeindeverwaltung hat ein neuer Zeitabschnitt begönnert. Nachdem die alte Gemeindeverwaltung vollständig zurückgetreten ist, war am 12. März Termin zur Neuwahl unter Berücksichtigung der neuen Verhältnisse. Durch den Proporz gelangten alle Parteien zum Zrrge; die Frauenwelt kam durch zwei hervorragende Vertreterinnen, zu ihrem Recht. Zwischen den Parteien fand eine'friedltch-fchiedlicke Verständigung statt über die Verteilung der Sitze, wodurch ein Wahlkampf mit seinen häßlichen Nebenerscheinungen vermieden wurde. Von 90 Gemeindevertteter erhielten die Liberalen 20 Sitze, die übrigen Parteien (Orthodoxe, Zionisten und Mittelpartei) zusammen 10 Sitze. Es war eine anerkcnnrnswerte Tat dcr alten Gemeindeverwaltung, daß sie das Verhältnis zwischen dcr Hauptgemeind« und dem orthodoren Shnagogenverein „Adas Jtsroel" in friedlicher Weise zu einer Verständigung brachte im Gegensatz zu manchen Anschauungen in beiden Lagern', welch« eine Selbständigkeit der Orthodoxie unter Loslösung von der Hauptgemeinde gem gesehen hätten. Dir liberale Gemeindevertretung hat alle Wünsche des Vereins „Adas Jisrvel" nahezu restlos erfüllt, wodurch die EinbeitSgemeinde wie bisber erbalten ble'bt. Der Verein Darunter stand noch: „Die silbernen Leuchter gehören Dir und der Becher. Sie sind doch von meiner seligen Mutter^ und Herr Lippmann wird alles verwahren." Auf diesem Friedhof hatte einst alles den Anfang genommen, und die Zeidlersche war eine durchaus verschwiegene Patronin der Liebelei gewesen, wenn die schöne Reginlind Romuald dort trauliche Gespräche hielten und oft ausgedehnte Unterhaltungen führten. Darin glich die Hüterin der Gräber den Toten, deren Toleranz seststeht und daher rührt, daß sie doch das Leben auS anderer Perspektive betrachten. Aber eines Tages kroch geschwätziges Gerücht über den Marktplatz, und alle wußten weit mehr, als je geschehen war. Die Tochter des Kantors Tugendreich solle abends im Pfarrgarten und Sonntags in der Kirche gewesen sein. Regina sei ein scheinheiliges Mädchen und aus der Art geschlagen. — Nur als geheimnisvolle Sensation und im Flüstertöne lief zuerst die Mär durch die Gemeinde, aber als Tugendreichs sich nicht wehrten und Regina nicht mehr gesehen wurde, da rankte sich üppiger Klatsch um die so harmlose Begebenheit, nnd im ganzen Kreise beherrschte der „Fall" die Läden und die Ecken, von denen man bei eifriger Unterhaltung nicht loskommt. 'In den guten Stuben und zur Tasse Kaffee, allüberall wurde er kunstgerecht serviert. „Ein junges Mädchen soll sein wie Seide", so blähten sich die stolzen Sittenwächterinnen, die freilich schon lange!n den Dezennien der Unantastbarkeit standen. „Cs ist doch etwas Menschliches", dachten die Männer, aber wche, wenn sie es gesagt hätten! Regina blieb verschwunden. Das vereinsanrte Mem« paar würde, nur durch kurze Wochen getrennt, zu Grabs een; man hörte und wußte nichts von ihr und dem das ohne weiteres, aber verfrüht Fräulein Tugend« reich beigelegt wurde.