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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-04-21 · 16 (21.4.1922) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
16 (21.4.1922)
Date
1922-04-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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&rsuci«t>i «In-emu, ©rgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. V reK dm» M» GesidÜfKsteo» r/«r«drlrch W. UfOt Me omigllevee Oer Stnlnlginu Ist 6er Ve-ua<preK Im SIttt,Nev<beIln»«e Inbegriffen. 5Ui^elgrnpret«: Die s»/,em drei«, -MMmelerzelle VM. 1UM T«nIllenm»Lelgea2irr. 1... Del Wlesterholung Srmastlgung Di» ^Jüdisch-liberale Leitungerscheint Zeven Freitag und mit zwei monat- Nchen Beilagen, der wisfenschastNchen Äettschrist ^Liberales Judentum- und den . „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-Nberaler Zugendvereln^. Redaktion: »erNn VS, SNauerstr.« tDerelnßmmg für toa (ibetnle Lubentwn ». D.) Jernruf: «ml 3tumnn iS» «SeschüftSstesle u. AnzeigenanniHmer^pkeAlouH Neue Srauvenstr. 7, Duchoruckerel UH. Schastku <D.m.bUdu Fernruf: OlmtORtng 451 un& 4600. «amtliche ÄaMunoen, piostscherkkonto DreSlou 5» der Fa. Lh. Sehatzkg V.M.VUP. Nr. 16 21. April 1922 2. Jahrgang Die Krisis im liberalen Judentum. Bon Rabbiner Dr. Lewkowitz. Berlin. Wer das Leben in den jüdischen Gemeinden Deutschlands objektiv betrachtet, kann sich über eine Tatsache nicht täuschen: Bon allen bestehenden Parteien bietet unsere liberale daS traurigste und trübste Bild. Kämpfe und Schwierigkeiten ideeller und materieller Art kennen auch Orthodoxie und Zionismus, aber alle Differenz der Meinungen innerhalb der Partei und alle äußer«! Widerstände werden durch die lebendige Kraft der Ueberzeugung überwunden. Gegenüber dieser gespannten Energie, dem Haß und der Begeisterung, mit dem Orthodoxe und Zionisten ihrem Ideal dienen, fällt die Gleichgültigkeit und Passivität unserer Liberalen um so stärker auf. Und dabei verlangt gerade die gegenwärtige Lage des Liberalismus die stärkste Anspannung des Willens. Während die Zionisten durch ihre geschickte und zielbewußte Propaganda wett über den Kreis der Parteigenoffen hinaus für das große Palästina- Werk Interesse wecken und der idealen Sehnsucht unserer Jugend einen Inhalt geben, während die Orthodoxie durch den Zuzug Gleichgesinnter eine beträchtliche Stärkung erfährt, verliert unsere liberale Partei von einem Tag zum anderen an Einfluß und Bedeutung. Weit verhängnisvoller aber, als diese parteipolitische Krisis, ist die innere, religiöse Krisis, in der sich der Liberalismus befindet. Wir lehnen die nationale Auffassung des Judentums ab. IM sein bedeutet für uns nicht die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke, sondern das Bekenntnis zum Glauben unserer Väter. Wo aber gibt eS denn innerhalb unserer Partei ein religiöses Leben? Das erschreckend rasche Schwinden der kultischen Frömmigkeit wäre noch nicht das Schlimmste, man hat ja in unseren Kreisen die Bedeutung der religiösen Formen immer unterschätzt und geglaubt. liberal sein heißt die spezifisch religiösen Pflichten ignorieren. Weit bedenklicher aber ist es. daß auch das sittliche Leben seinen Zusammenhang mit dem Judentum verliert, soweit überhaupt die wirtschaftlichen und politischen Interessen für ideales, sittliches Fehlen Raum lassen. Wenn wir uns nicht selbst täuschen wollen, müssen wir zugeben, daß das gesamte Berufsleben, das familiäre und das geistige Leben unserer Liberalen in keiner bewußten inneren Beziehung zum Judentum mehr siebt. Sie treiben Politik, erfüllen ihre berufliche Pflicht, fühlen sich mit ihrer Familie innig verbunden, aber das alles bat mit ihrem Judentum — wenigstens für ihr Bewußtsein — nichts zu tun. Eine religiöse Partei aber, in der kein religiöses Leben mehr vorhanden ist. weder zeremonielle noch sittliche Frömmigkeit zu finden ist. muß notwendig zu Grunde gehen, sie hat den Sinn ihres Daseins verloren. Me ist eine Renaissance des religiösen Lebens möglich? Das ist also die Schicksalsfrage, die unsere Partei zu lösen hat. Man hat bisher auf zwei verschrienen Wegen versucht, die offenkundigen Schäden des religiösen Lebens zu beseitigen. Weil die überlieferten Lehren des Judentums mit den wiffenschastlichen Anschauungen der Gegenwart in Widerspruch stehen, und die religiösen Ge- ' setze infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse nicht erfüllbar sind, hat man eine Neugestaltung des Judentums, eine Anpassung an die geistigen und materiellen Bedingungen des modernen Lebens vovgenommen. Weil der überlieferte Gottesdienst nicht geeignet war, die Gemeinde veligiös zu ergreifen, war man bestrebt, ihn eindrucksvoll und erhebend zu gestalten. Beide Wege aber haben nicht zum Ziele geführt. Die religwnswissenschaftlichen Schriften wurden nicht gelesen, die den LebenSbedingnngen der Gegenwart angepaßten Gesetze blieben unbeachtet und die Gotteshäuser leer. Ein doppelter Irrtum ist damit feftgestellt. Man hat ein Interesse für theoretische Fragen und gesetzliche Formulierungen vorausgesetzt. daS in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. und ein AndachtSbedürfmS angenommen, das in solcher Stärke gleichfalls nicht besteht. ES hätte also nicht den geringsten Sinn, das Judentum noch mehr zu «formieren. Jeder noch so moderne Gottesdienst setzt Menschen voraus, denen Gebet feekischeS Bedürfnis ist. und eben daran fehlt eS heute. Gin« Erleichterung der nligiöfen Pflichten aber wird denen niemals weit genug gehen, die überhaupt nicht den Willen zur religiösen Pflichterfüllung haben. Wenn die bisherigen Versuche einer Renaissance deS Judentums vergeblich waren, weil man ins Leere griff, so müssen wir fetzt lernen, mit den Tatsachen zu rechnen. ES handelt sich jetzt darum, daS jüdflche Gefühl auS feiner Lethargie zu wecken. unfe«n Parteigenossen ihr Judentum wieder zum Bewußtsein zu bvingen. Für kultische Frömmigkest und für die Beobachtung der religiösen Bräuche werden sie nicht leicht zu gewinnen sein, aber ihr berufliches, familiäres und geistiges Leben braucht nicht ohne Zusammenhang mit dem Judentum zu bleiben. Gleichviel. ob sie in politischer Arbeit stehen, in wirtschaftlichem oder geistigem Beruf ihre Pflicht tun, sie müssen wieder fühlen, daß sie mit alledem ein Gebot deS Judentums erfüllen. die Verwirklichung einer jüdischen DebenSanschauung erstreben. Ein solches praktisches Judentum, daS sich seiner Eigenart bewußt ist. scheint mir jetzt die gegebene Form des liberalen Judentums zu sein. Darüber hinaus aber gilt es. das sittliche Empfinden zu kräftigen, die verhängnisvolle Vorherrschaft der wirtschaftlichen und politischen Interessen zu beseitigen und der ideellen Sehnsucht der Jugend ein großes Ziel zu weisen. Der Materialismus der Gegenwart kann nur durch den Enthusiasmus einer sittlichen Lebensanschauung überwunden werden, durch einen Idealismus, der besonnen genug ist, auf die Gesetze der Wirklichkeit Rücksicht zu nehmen und dennoch Größe und Kraft besitzt, Aufgaben stellt, die Begeisterung und Ehrfurcht wecken. Jüdischen Idealismus zu verkünden scheint mir die wesentliche Ausgabe des Liberalismus zu sein. Anstatt über belanglose Gknzelheiten der rituellen oder kultischen Frömmigkeit zu streiten, müssen wir vom Standpunkt des Judentums aus das moderne Leben in seinen mannigfachen und neuen Formen betrachten und die bestimmten sittlichen Forderungen stellen, dve sich für uns ergeben. Für eine «ine und große jüdisch-sittliche Lebensanschauung werden wir auch unsere Jugend leicht gewinnen. Das rein Negative eines Kampfes gegen Orthodoxie und Zionismus bietet ih«m idealen Sehnen keine Nahrung. Für den großen Gedanken eines jüdisch-sittlichen Idealismus aber wird unfe« Jugend nicht weniger empfinden, als für die Aufgabe. das jüdisch-nationale Leben wieder aufznbauen. Wenn es gelingt, das jüdische Empfinden in unseren Reihen zu neuem Leben zu erwecken, den Zusammenhang zwischen unserem Leber, und unse«m Judentum wicderherzustellen, wenn es gelingt, eine jüdische Lebensanschauung zu verbreiten und einen Idealismus jüdischer Prägung zu schaffen, dann tott'b auch das religiöse Gefühl wieder erstarken. Realismus ist ja ohne Ehrfurcht, selbstlose Hingebung und gläubiges Vertrauen gar nicht möglich. Aus einem erstarkten religiösen Gefühl heraus aber wird dann von selbst das Bedürfnis nach einer religiösen Formenwelt entstehen. DaS liberale Judentum wird dann nicht nur praktisches Judentum ohne Reflexion und Theorie und ohne religiöse Symbole und kultische Frömmigkeit bleiben, sondern eine Neuschöpfung des Judentums, seiner Lehren und Gesetze aus dem Geist der Gegenwart heraus erstreben. Dann erst wird ein likerales Judentum vorhanden sein. _ Amschau. Trotz allgemeiner Feiertagsstimmung und endlich ev wachtem Frühling lagert der Druck von Genua schwer über der Welt und wird in Deutschland besonders empfunden. Gerade weil man sich so wenig von dieser Konferenz versprechen darf, wollen die Mißstimmung und ih« Begleiterscheinungen in der wirtschaftlichen und innenpolitischen Lage nicht weichen. Auch im zionistischen Lager ist man schon vorher enttäuscht, dtznn es scheint festzustehen, daß die Ratifizierung des Palästinamandates wieder verschoben worden ist und kaum zu den Beratungsgegenständen der Machtevertreter dort gehören wird. Diese neuerliche Vertagung wird auch in den Kreisen der Zionisten als ernster Schlag angesehen, und. wmn man im gleichen Atemzuge versichert, nicht die geringste Furcht bezüglich der endgültigen Ratifizierung zu hegen, so scheint gerade hiermit die Besorgnis erwiesen, und auch nicht unbegründet zu fern. Die Oesfentlichkeit interessiert ja nun. zu wissen, was denn eigentlich ein Mandat bedeutet. Diese Erfindung deS Völkerbundes soll solchen Ländern zugute kommen, die sich nicht in daS Kolonialshstem der herrschenden Nationen bringen lassen, weil ihre bisherige Entwickelung schon das demnachstige Erwachen eigener Nationalität auszeigt. Darum soll eine Großmacht in diesen Fällen die Vormundschaft übernehmen und unter Aufsicht aller solange die Regierungsgewalt üben, bis der eigene Staat geboren ist. Der Vatikan, der ja in Genua gewiß nicht einflußlos ist, hat Herrn Dr. Weizmann schon dargetan, daß er für eine Borzugstellung des Zionismus in Palästina nicht zu haben fein werde. Zunächst wurde der Präsident der zionistischen Weltorganisation — wobei man bitten darf, das Wort etwazu mildern und auf die Silbe „Welt" zu verzichten — nicht vom Papste empfangen. Das ist vielleicht eine befände« Höflichkeit deS neuen Oberhauptes der katholischen Ehristenheft, daS es seinem Staatssekretär überließe die notwendigen Unerfrenlichkeiten zu sagen. Also man ist nicht gegen die jüdische Heimstätte, aber gegen die Bevorzugung der Juden im heiligen Lande, Wie mag wohl ein ganz anderer Machtfaktor. Herr Trotzki, über diese Fragen denken? Ern Iudenfreund ist er ja schon lange nicht und in Petersburg hat er fetzt — aus unbekannten Motiven — die Synagogen schließen lassen. Obwohl also die Iudenheit mit diesem Mann« jede Gemeinschaft ablehnt, wird in Haus Doorn, wo immer noch mehr falsche als wahre Informationen eingehen urck leider für recht gehalten werden, Trotzki und die IMnheit fast identifiziert: Der bolschewistische Führer habe kürzlich den neuen ..Orden des Antichristen" verliehen — also berichtet die antisemitische Staatsbüvgerzeitung aus einem Gespräche des ehemaligen Kaisers mit einem deutschen Geistlichen. Aber selbst in Ländern und von Regierungen, die schon mit den neuen Tatsachen zu «chnen haben, geschieht den Juden gleiches bitteres Unrecht. In Ungarn entsetzt man systematisch die jüdischen Beamten und sogar die Hochschullehrer, und in Polen ist die Lage unserer Glaubensgenossen äußerst widerspruchsvoll. Auf zehn Hiobsposten kommt etwa eine rosige Nachricht,, und man wird den Verdacht nicht los, daß beispielsweise die angebliche rituelle Festversorgung der jüdischen Soldaten oder die Cwtisierung jüdischer Schulen nur Manöver sind. Erfreulich ist es aber wirklich, daß der jetzige bayerische Ministerpräsident. Graf Lerchenfeld, und nicht zum ersten Male, in großangelegter Landtagsrede für den Schutz aller, wie er betonte, also auch der jüdischen StaatSl'irger. sich eingesetzt hat. Es ist an der Zeit, daß in Bayern, dem einst so friedlichen und den Juden Gerechtinfcit schenkenden Staate, Vernunft und Ordnung die Oberhand gewinnen und behalten. Im preußischen Abgeordnetenhaus blüht noch der Antisemitismus frivoler Zwischenrufe. Das hat wieder der Unabhängige Oskar Cohn erfahren müssen, dessen Standpunkt unb Methode wir durchaus mißbilligen. Aber selbst der reine Arier und Volksparteiler Buchhorn muß sich in der „Täglichen Rundschau", die zu Ripplers Zeiten auch von Juden Wegen ihres vornehmen Tones vielfach gelesen wurde, als „Mansche!" traktieren lassen, und zwar deshalb, weiler den Kultusminister Dr. Boelitz wegen der doch wahrlich berechtigten Maßregelung der Lichterfelder Primaner verteidigt hat. Das Ressort dieses Ministers, auf das ja seit einiger Zeit die BehaMung der Angelegenheiten der jüdischen Religionsgesellschaft übergegangen ist. scheint der Förderung unserer lebenswichtigen Fragen nicht ersprießlich zu sein. Bon der Gesamtorganisation hört man schon lange nichts mehr, es sei denn, daß Schwierigkeiten bestehen. Aber wer macht sie? Das sei hier gefragt. Die separatistische Orthodoxie bestreitet jede Schuld, und es wäre auch wirklich unverzeihlich, wenn irgendwer im Kreise der Gemeinden es wagen sollte, hier störend zu wirken. Die Differenzen zwischen der torat«uen Agudda und dem gleichgesinnten, aber zionistischen Misrachi, de» jetzt zwanzig Jahre besteht, sind nach wie vor stark. Man ist mit dieser Fraktion unzufrieden, weil sie die „Majestät des Gesetzes" durch ihre Zusammenarbeit mit Freigerichteten preisgebe. Das ist so sonderbar, wie die Methode des bisher geachteten Berliner Schlittschnhklubs. der jetzt dazu übergeht. Aufnahmegesuche jüdischer Eissportler abzulehnen. Sollte wirllich nur deutschvölkische Gesinnung aus gefrorene Wasserflächen paffen und unter Juden die religiöse Toleranz ein Aechtungsgrund sein? Gewiß kann Duldsamkeit auch zur Schwäche führen und ist nicht gegen jeden angebracht. DaS hat auch Herr Kapp empfinden müssen, denn nach neuestem Bericht bequemt er sich dazu, vor dem Reichsgericht bedingungslos erscheinen zu wollen. Auf den Verlauf dieses Prozeffes, wenn es wirllich dazu kommt, können auch wir deutschen Inden recht gespannt sein. _ HäroL. Nach den Berichten deS „Times^-Korresponderiterr. Philipp Graves, der Jerusalemer Korrespondent der „Times", veröffentlicht auf Anregung Lord Northcliffs im Anschluß an dessen Besuch Palästinas eine sehr wichtige Artikelserie, über die hier berichtet werden möge. Graves geht davon aus, daß die Balfour-Deklaration sich mit Englands Versprechen gegenüber dem König von Hedjas nicht vereinigen läßt. Die zionistische Politik Großbritanniens habe die nationalistsche arabische Bewegung entflammt, wie die bekannten Pogrome zeigen. Durch die Einsetzung von Sir Herbert Samuel zum Oberkommissar wurden zwar in vielen Fällen die getrübten Beziehungen zwilchen Arabern und Juden gebessert. Da aber daS Palästinamandat vom Völkerbund noch nicht bestätigt ist, seht die arabische Opposition ermutig ihre Agitation fort. Die Verstärkung der jüdischen Einwanderung wird von ihr als Druck empfunden und liefert den Arabern die ökonomi* Iugendvereins-Anzeige VT* letzte Seite.

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