Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 12 (24.3.1922)
- Date
- 1922-03-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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V-p-fr.!• ”JT? bis rum ttnfe« U9 Krieges Dienst -MM. Eugen Landau fühlt fich als Siebzigjähriger noch jung, uNd kein Gedanken würde Om absurder erscheinen als der, sich zu entlasten und sich Ruhe zu gönnen. An seinem 70. Geburtstage sind ihm auS den Kreisen der Industrie, der Dankwelt, der Kunst und Literatur zahllos« Glückwünsche zugegangen. Am wärmsten werden ihn aber wohl die Wünsche der gleichsaLS Zahllosen berühren, denen er in seinem Lebm geholfen hat. Denn dies ist eine ganze besondere Seite seiner Persönlichkeit: er ist immer bereit, für andere mit zu sorgen, und durch einen ganz im stillen geleisteten Beistand oder durch persönliche Bemühungen denjenigen, die sich an ihn wenden oder für die man sich an ihn wendet, über die Schwierigkeiten des Lebens hinwegzuhelfen. Und das alles gckchicln bei ihm ganz ohne Pose, ganz ohne Anspruch aus Aner kmnung, mit einer lebensfrohen, liebenswürdig' philosophischen Selbstverständlichkett. Ein wahrer Menschenfreund. Dr. Albert Levy tz, Die Nachricht vom jähen Hinscheiden Dr. Ä. t h e r t L e v y s wird die weilen Kreise unserer Stadt, denen das edle, uneigennützige Wirten dieses ausgezeichneten Mannes seit Jahrzehnten vertraut war, und darüber hinaus alle, denen in Deutschland die Ausgaben der Wohlfahrtspflege und sozialen Fürsorge am Herzen liegen, mit tiefer, aufrichtiger Trauer erfüllen. Wir verlieren in ihm einen der treuesten Bekenner der Weltanschauung und Lebensführung, die die Forderung^: menschlicher Hilfsbereitschaft und Brüderlichkeit als höchstes Gebot achten. Die Zahl derer, vie seiner vielfältigen Tätigkeit im Dienste der Allgemeinheit, den von ihn: geschasfenen und geleiteten Institutionen und seiner persön Uchen Güte Rat, Förderung, Rettung verdanken, ist unübersehbar. Albert Levp, ein Kölner von Geburt, der im nächsten Dezember, sein 60. Lebensjahr vollendet hätte, widme«« sich K* ^l,mri!r?cn Studien. Doch schon bald, nachdem er ^s8 n Berlin mit einer Dissertation über das »Kriegsrecht im Mittelalter" promoviert hatte, wandte er sich völlig und mit Hingabe sozialen Problemen zu. Mit den Begründern lmd Fahre?« der ethischen Bewegung vom Beginn der neunziger Jahre, mii Wilhelm Förster, Jeannette Schwerin, Bieber und Hugo Rheinhold verband ihn innige Freund^ schast; ihre Gedanken, die über die Zerklüftung des modernen Lebens in Staat und Gesellschaft das Ethos menschlichen Gemeingefüchls setzen wollten, wurden dev Leitstern seiner künftigen, ungemein fruchtbaren Arbeit. Er übernahm 50t M ,?JL?ahrcn die Geschäftsführung der Auskunstsstelle der Gesellschaft snr ethische Kultur", die er alsbald mit bedeutendem organisatorischen Geschick in die „Zentralstelle für private Fürsorge" umwandelte. Bestrebungen, die damals an mannigfachen Stellen auftauchten und sich zu zersplittern drohten, fahre er mit kräftiger Hand zusammen. So ward er ein hervorragender Kenner des gesamten Wohlsaihrtswesens; die Achtung und Liebe, die er sich durch seine unermüdliche, vorbildliche Arbeit erworben, kam besonders in der gehaltvollen Festschrift zum Ausdruck, die ihm zum firnsundzwanzigjährigen Jubiläum der „Zentralstelle" 1918 dar gebracht wurde. Sein ganzes Wirken war getragen von dem ernsten Gefühl einer tiefbegrissenen, sozialen Verpflichtung. Darum schwanden vor seiner reinen Persönlichkeit, wie die konfessionellen, so auch die politischen Gegensäüe. Auch die sozialistischen Parteien, die sonst Wohlfahrtsanstalten, die aus dem Bürgertum hcrvorgehm, kritisch geaenüberzustehen pflegen, brachten Albert Lew Berirauen und hohe Schätzung entgegen. Als vor zwei Jahr.-n die Neuwahlen dev Berliner Bürgerdeputtecten ftattfanden. tvitrde er von den Melirheits-- sozialisten, wie den Unabhängigen, wie den Demokraten des Stadtparlaments gleichermaßen als Fachmann für dieArmen- We- Slistungsdeputcrtlon und ändere Ehrenämter ähnlicher Art, die er schon vorher lanae bekleidet batte, wieder nufigcficllt. In den Zeiten der Zerrissenheit und des entielseltcn Egoismus, die der Krieg und die Jahre nach seiner Beendigung heraufbeschworen staben, leuchtete das Bild dieses Selbstlosen, der in rastloser, aufopfernder Anspannung aller Kräfte ethische Ucberzeugnngen Tag für Tag im höchsten Sinne praktisch betätigte, wie eine Mastnuna. Sein Andenken wie iern Lehenswerk werden unvergessen bleiben. M. O. Die Notlage der jüdischen Kultusbeamten beschäftigte kürzlich Den Verband der Shnagogengemeinden Ostpreußens, der unter Leitung seines Vorsitzenden, Sanitätsrat Dr. Rosenkranz-Insterburg, tagte. Neber die Notlage der ostpreußischen jüdischen Beamtenschaft sprachen die 'Herren Prediger Mannhcin,-Ostc:ode und Arzt Dr. Posnci-Fnfl'rbürg. Die Versammlung erklärte sich fast einstimmig für eine Besoldung der jüdischen Lehrer und Kultnsbeamten in Aimähenma an che staatlichen Besoldungssätze für Volksschnllehier. In Streitfällen!pkl das Schicdsgcricht des Synagogenverbandes das Gehalt des Beamten nach der Leistungsfähigkeit der Gemeinde bestimmen. Die Generalversammlung nahm auch einen neuen Normalvertrag für die Beamten der Synagogengemeinden on. Zettvngsscha« und verschiedenes. Da» Amerikanisch-Jüdische Hilsswerk in Wie«. (New-Bork. — I. E. B. Dienst.) Mit Rücksicht aus di« noch immer herrschende Not unter der jüdischen Bevölkerung Wiens, wurde in der jüngsten Sitzung des Joint Dtsttibmioir Comrnittees ein Betrag von 100 000 Dollar für die Fortführung des Hilfswerkes in Oesterreich für das laufende Jahr assi gniert. Da der Joint in Oesterreich mit der momentanen Hilfe nichts mehr zu tun hat, wird dieser Betrag der American Relief Administration überwiesrn werden, die ihn einem besonderen jüdischen Komitee in Wien einhändigen. Edenso tvurden für die Erstattung der jüdischen Volksküchen in Podskarpatskaiev-Rus 760 Dollar monatlich mit JahreAdauev bewilligt. Ferner sollen aus Karpathe-Riusiland 800 jüdische Waisenkinder adoptiert werden. Die soziale Arbeit der jüdischen Frauen. Die Hauptversammlung der Ortsgruippe Breslau des Jüdischen Frauenbundes fand am 27. Februar im Saal des RHcäscntantenkollegiums des Gemeindehauses statt und war feyr zahlreich besucht. Die Vorsitzende, Frau Beate Guttm a n n , gab einen kurzen Bericht Wer die allgemeine Tätigkeit der Ortsgruppe, wobei sie aus die bevorstehende Tagung des erweiterten Hauptvorstmtdes des Bundes in Breslau und auf dü, geplante Gründung eines schlesischen Provinzial Verbandes hrnwies. Frau Oll endo rss sprach über die Beratungsstelle, die materielle und seelische Not zu lindern sucht, ein Bindemittel zwischen den jüdischen Frauen aller Bevölkerungsschichten bildet mW die jungen unter ihnen in die soziale Arbeit cinsührt, also einen guten Nachwuchs heranziedt. Sehr erfolgreich wirkt die offene Kinderfürsorge unter Leitung der Frau B o g s l st e i n. Sie nimmt sich der unehelichen, der sittlich gefährdeten und der schwächlichen Kinder an. Es ist ihr gelungen, eine größere Anzahl von Kindern auch aus dem Mittelstände in Heil- und Erholungsstätten umerzubringcit und in einem eigenen Landheime in Goldbach bei Reinerz 84 Kinder selbst zu verpflegen, wobei die auch sonst außerordentlich dienstletstcnde Jugendsürsorgerin Lucie C o. h n besonders hilfreich war. Kinder in vorschulpfltchtigem Alter finden im Kleinkinderheim Aufnahme, das nach dem Bericht von Frau Johanna Cohn jetzt 15 Kinder beherbergt. Tie Zahl der Schützlinge hat sich vermindert infolge zahlreicher Adoptionen. Leider lassen die Finanzen viel zu wünschen übrig. Ferner wurde von Frau G r e t« B i a l Bericht erstattet über den segensreich« Tätigkeit ausübenden Mädchenklnb und über das geplante Erholungsheim, das in erster Reiste erwerbstätigen Frauen des Mittelstandes eine Somrucrerbolung ermöglichen soll. Biele Mühe mackst die rituelle Quäkerspeisung, deren Aussicht Frau L a N d s b e r g führt. Im übrigen wurde über den Spendenfonds und die Kasserrverbältnisse berichtet und eine Aendcrung der Satzungen vorgenommen. Die daraus folgende Vorstandswabl ergab die Wiederwahl der Damen Beate Guttmann, Paula Ollendorff, Hedrvig Malachowski, Paula Freund, Hedwig Engel, Martha Braß, Clara Schottländer, Grete Bial, Johanna Cohn, Emmu Dogelstein, Regina Reißer. Rosa Urbach, Regina Danziger, und die Neuwahl der Damen Hulda Sänger, Anna Simonsohn, Martba Meyerstein, Eäcilie Landsbrrg nnd Liesbctb Kassierer. Berliner Mittelstanvskungebung. Ausschreitungen am K u r s ü r st e n d a m in. Das Mittelstands-. kartell, das in Berlin etwa 200 000 Mitglieder zählt, veranstaltete am Sonntag nachmittag im Lustgarten eine gewaltige Kundgebung gegen die steuerliche Erdrückung des vrücknng des Mittelstandes. Au>§ allen Stadtteilen zogen Zebntaüsende mit Tafeln und Plakaten herbei nnd Redner , großer Oogantsatioüen und. Innungen spmchen wo» ver-: schiedenen Plätzen ztt der zahlreich versammelten Menge, indem sie die Verwaltung in Reich, Staat und Kommunen klittstertcn. In einer einstimmig angenommenen Entschließung tvurde der Schutz des selbständigen Mittelstandes in Handwerk, Handel und Gewerbe gefordcri und Front gemacht gegen die neuerliche Belastung durch abermalige Erhöhung der Gewerbesteuern. * „ * ♦ Zum Schluß Der Kundgebung kam es zu einen, Zwischenfall. Aus der Museumstreppe erschien ein Trupp junger Leute, die eine schwarz-wcifr-rote Fahne mit sich führten. Während ein Teil der Demonstranten die alten Fahnen mit lamcrn Beifall begrüßte, gab der andere Teil seinem Mißvergnügen durch Johlen und Pfeifen lebhaften Ausdruck. Schließlich gelang es den Ordnern, die jungen Leute unter ch'nweis darauf, daß cS sich hier um keine politische Kund .ntt,g handle, nun Abzug zu bewegen. Unter dem Gesang des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles" marschierten sic ab. Im Lause des Nachmittags zog dann eine etwa 500lopiigc Meng" mit einer schwarz-weiß-roten Fahne vom Wittenberg-Platz nach dem Kursürstendamm zu. Die Demonstranten johlten und trieben allerlei Unfug und belästigten und schlugen Vorübergehende, so daß ein einzelner Pope« der Schutzpolizei gegen fl« machtlos war. Es wurde schltetzltch Verstärkung herveigerusen. Als ein UnteAvachtnuäfter ans einem Fahrrad der Meng§ «ntaeaerckam, wurde er sofort mit Beschimpfungen empfangen. Aus seine Aufforderung, auseinandevzugehen, drangen mehrere der Burschen aus ihn ein, worauf er seine Pistole zog. Htercms zerstreut« sich die Menge. ES gelange ihm, den HaupträdelSsührer seltzunehmen und zur Wache zu bringen. Auf dem Wege dahin wurde er von zahlreichen Personen begleitet, die dann auch die Mommsenwache belagerten. Schließlich wurde die Situation so drohend, daß der Wachthabende telephonisch Verstärkungen herbeirief. Ehe dies« aber etntrafen, ging die Monge wieder nach dem Kursürstendamm ab, den sie wiedenim mit einer schwarz-weiß-roten Fahne entlang zog. Ein Lastauto mit 20 Beamten wurde der Menge nachgeschickt, und ein Be* amter, der als erster vom Wagen sprang, versuchte, den Fahnenträger sestzunehmen. Dieser riß das Tuch von d«r Stange und eMfloh. Als der Beamte ihm nacheilte, wurde ihm ein Bein gestellt, fodaß er zu Boden Mrzie. Im selben Arvgenblick siel die - Aä-nge mit dem Ruf«: Haut Hut üb« ihn ber. Jetzt feuerte der Beamte mehrere Schreckschüsse in die Lust ab, worauf die Demonstranten von ihm ablteßen. Der flüchtende Fahnenträger war inzwischen von Passanten festgehalten worden und wurde zur Wache geführt, wo « als ein 20jähriger Friseur sestgestellt wurde. Außer ibm sind noch zehn Personen siftiert worden. Es wird gegen sie wegen Landfriedensbruches vongegangen werden. Die Demonstrationen trugen ausgesprochen antismuti. scherr Charakter, wie aus den Schmährufen, mit denen die Denwnsirauten zahlreiche Passanten überschütteten, zweifellos hervorgeht; auch;u Tätlichkeiten wurde in vielen Fallen üstergegangen. Am Kursürstendamm, Ecke Fasanenstraße, bei. spielsweise stürzten sich die Führer, die dem Zug« ein« schwarz-weiß-roto Fahne vorantrugen, mit dem Ruf« „-schlagt die Inden nieder!" auf eine Gruppe von Passanten. Es kam zn einer Prügelei. Schutzpolizei brachte die Schläger auseiw ander. Aus der Polizeiwache stellte sich heraus, daß di« Gruppe der Herren an der Fasanensiraße dem katholischen Glauben angehörige Serben und Rumänen waren, die ahnungslos dem Zug zngesehcn hatten, ohne zu wissen, aus welchem Gnmd« Die Leute vorbeimarschierten Den letzten Anstoß zmn Einsäneittn der Schutzponz« gab der Umstand, daß die schreienden Demonstranten mehrere Straßenbahnen, Droschken rrnd Autoomnibufie anzuhaltsn. ver. suchten, um ctU’cfrtc Fahrgäste aus dem Innern der Gefährts heranszicholen. Die Untersuchung wegen der Ausschreitungen am tursurftendamm. (Berlin. - I. C. B. Dienst.) Die Unter, uchnng betreffend die nationalistischen Ausschreitungen am kursürstendamm vom letzten Sonntag, während welcher be^ anntltch mehrere Passanten jüdischen Aussehens belästigt und um Teil auch geschlagen wurden, Hai bereits interessante Ew le'bnisse gebracht. Laut diesen Ergebnisien sotten die Aus^ chreitumgen hauptsächlich drrrch den „Verband national g«- Breslau. Purimfest des jüdisch-liberalen Jugendvereins zu BreSlau am 18. März. Ein hübsches Fest veranstaltet« der Breslauer Jli am letzten Sonnabend im Saale der „Ge,eil. schast der Freunde". Tie zahlreichen Besucher der VeranM. ttmg tanzten gar fleißig, und die künstlerischen Darbietungen einiger Jli-Mttglieder war«» nicht übel. Der zunge Pianrst Kurt N e l l h a u s spielte vortrefflich, Paderewski) und Schunlarm. Frl. Taubenschlag geigte sehr nett, Frau Dr. i 1 ii (1 in a n 1t sang wundervoll und die Damen Dessauer, Fuch's und Wittenberg führten "tos® reizend« Mozart-Singspiel „Das alte Lied" auf; dabei kamen sie zwar nicht über sMpathischen Dilettantismus hmaus, aber . .ut desint vireS... . ....... Dann wurde wieder getanzt, gelungen, gekaffeetafelt, trnz es war riesig aemüilich nnd die vielm Jlimitgliedrr und Gäst« dürften den schönen Abend noch lange in angenehmer Erimrerung behalten'. * „ , Als tleims Andrnkerl konnte jeder Teilnehmer das schwungvolle Lied des Herrn Justizrat Berger-Königshütt«, das aus der Rückseite des Programms abgedruckt war und launige Anspielungen auf den hiesigen Jli enthielt, schwarz auf weiß mit nach Hanse nehmen, während die hübschen Toaste (auf die Herren von Frl. Leschziner und auf di« Damen von Herrn Alfred Berger) lediglich in der Erinnerung aufbewahtt werden mußten. Der Leiterin der Geselliakeits. tommission, Frl. Leschziner, und dem Präsidium der Tafel, Herrn Religionslcbrer Dr. Da.yidsohu, gebübrt allseittger Dank für das Gelingen des Festes. D. Der Deutschjüdische Wanderbund Kameraden vev> anstaltete am 22. März er. im großen Saal der Lefsing- Loge einen Elternabend, über Deu wir in nächster Rucktmer berichten werden. schießung des Kaisers Maximilian endete, begann, iubnv aas hochgemute eyrgeizige inngc Herzoaspaar dir uaiscr lrone anncchm, die ihm so verhängnisvoll werde,r sollte. König Max I. von Bayern, der eine Tafelrunde deutscher Dichter in München um sich geschar, l?atte, starb, nnd sein jugendlicher Sobn folgte ilnic als König Ludwig .11.. „er dereinst ebenfalls auf so tragische Weise enden sollte, uns i.r Nizza starv der russische Großfürst Thronfolger wo iw trauerte mit der schönen Dagmar von Dänemark, die o später, da sie sich als so acge Deutsch, und Fudenseiodin a wies, fast daßte'. Damals hörte ich oft von Schultze-Del'riZcr und Genossenschaften sprechen, und das Vereinswescn blüln-.' iiberall; Handwerker-, Vorschuß- und andere Vereine tvurden aller Orten gegründet; auch in meiner Heimat erstanden solche, und mein Vater gehörte lange Jahre dem Vorstand des Vorschuftvcreins in Lissa an. Ich hatte damals eben die weitgehendsten nnd vielseitigsten Interessen. Vrn der Frankfurter Messe war mein Vater nwbrmals zu kurzem Besuche nach Berlin gekommen, auch die Mutter weilte vierzehn Tage in den', gastlichen .Hause der Verwandt«: und die Freude des Wiedersehens war groß, von großem Trcnnungsschmerz konnte beiderseits nicht die Rede sein, meine Eltern wußten mich in treuer Obhut und Fürsorge geborgen und ick, berichtete treulich alles, ivas ich er lebte und was mich bewegte. Die Monate Juli und August durste ich mit der Tarne und den kleinen Vettern in dem lieblichen Badeorte Käsen an der Saale, die „Berliner Kinderstube" genannt, binbringen. Schon die Reise war in dem hellen Sommcrsonnenschein sehr genußreich; in dem durch seine Erinnerungen an Luther mir sehr interesscmien Wittenberg wurde am Bahnhof ans der Durchreise wacker von dem berühmten Apfelkuchen*» geschmaust; Die Berge, die anmutige Gegend wirkten ungemein freundlich auf mich schon bei der Einfahrt nnd dieses gesegnete Fleckchen deutscher Erde ist mir stets eine teure Erinnenmg geblieben. Wir richteten un? unter sehr bescheidenen Wohnung?- und Verpflegungsverhältnisien recht gemütlich ein. fanden gute Hausgenossen in der Berliner Familie Solf. einem liebenswürdigen Ehepaar mit mehreren Kindern, machten auch sonst einige^ angenehme Bekanntschaften, lebten jedoch der Kur, der Natur nnd fühlten uns ungemein wobl. Herr Solf, ich besitze noch seine Photographie, neckte mich *) Ich habe später in verschiedenen Lebensstadien mick daran erlabt. . :r viel; ich nabe später in Berlin die prächtigen Menschen mir meinen kleinen Vettern oft 'bejucht, sie batten das^ bekannte große Teppichgeschüst C. L. Schwerotmann, Eharlottenstraße, Ecke Friedrichsttaße; ihr Soihn ist der in unseren Tagen zu io hoher Bedeutung gelangte Aolonialpolitiker Hennann Solr, das ...Hennännchen" von damals. Ich durste ilcißig in der kleinen Saale baden, ging regelmäßig zur Kurmusiö, in, „Kuchengarten" gab es schöne Konzerte nnd im Kursaal durfre ich üben; besonders schön waren die „Renurons", ivo ich Niemals fehlte und auch ganz gern tanzte. Hier erfuhr ich das erste und einzig« Mal in meinem Leben .AtltiscmttiSmns". Eilt Referendar aus Berlin hatte mich sehr ausgezeichnet, oft .zum Tanz anfgesovvert, seine Mutter ivar ungemein gütig gegen mich, da sagte ich einmal in der Unterhaltung: ..Wir' Juden", ick weiß nicht mehr bei welcher Veranlassung. Von vieicm Augenblick ivurde ich für ihn und seine Mutter Lust; er grüßte nicht mehr und schnitt mich vollständig. Ich habe ihm keine Trän« nachyeweinil Schöne große Spaziergänge nach dem ..Göttersitz" nnd d«n Fttmmelreich" haben wir gemacht: „An der Saale; hellem Strande, Stehe» Burgen stolz nnd kühn" *- .zr oster« Ausflüge nach der Kudelsbnkg und Saaleck. der berühmten Erziehungsanstalt Schnlpsorta und wir fuhren auch -inn Kirschfest nach Naumburg, der Stadt, an die sich Erinnerungen an die Hussttten knüpften, hatte ich doch in der Schule eine diesbezügliche Jugendschrift gelesen! Was ich jedoch sehr schmerzlich empfand und lange nicht verwinden konnte, dabei kein« Empfindlichkeit zeigen durfte, war, daß, als der Onkel zum Besuch kam, er mit der Tante nach Weimar fuhr und ich bei den Kindern bleiben mußte! Ich hätte damals viel darum gegeben, die geweihte Stätte betreten zu dürfen. Es hat nicht sollen sein! Erst 1866 erfüllte mir mein Mann diesen sehnlichen Herzenswunsch. In den letzten Tagen unseres Kösencr Aufenthalts erregte uns das Duett Lassalles mit dem walachischen Bojaren Rakowitza, das den Tod des begeisterten Volksfreundcs zur Folge hatte, mächttg. In jenen Frühlinge und Sommer war die Muctenlaube" in Berlin verboten Und erschien unter verändertem Titel. Jnr Spätsommer nach unserer Heimkehr tu di« gewohnten Vechältnisse hieß es nun um so fleißiger sein. An »en hohen Festtagen durste ich die Tante tmch der Synagoge in der Großen Hambnrgerstraße begleiten, dort hielt Dk. Apolant die Festpredigtm, die mich schr erbauten. Der „Neujahrsempfang" bei den „alten Rosensteins" am erste» Festtage ist mir noch in erhebender Erinnenmg. Mein Gchurtstag brachte mir Bücher, die ich mir gewünscht hatte. Rodenbergs Gedickte, „Von der Kinderstube bis zmn eigenen Herd" von Elise Polko, ..Dichtergmßc" von Elise Polko und „Gedanken- Harmonie ans Goethe und Schiller". Bon jener Zeit an war ich eine begeisterte Verehrerin der schon damals und noch durch mehrere Jahrzehnte« gefeierten und beliebten, fchwärmerisch-poesieretchen, sentimentalen Schristftetterin, deren unzäh. ltge Novellenbände ich eine lange Reihe von Jcchren stets sehr gern las, die „Binsikaltschen Märche-i", „Fausiina Haße", „Sabbathfeier" sind mir besonders wert gewesen. In ihrem letzten LebensMrzchnt verband mich ein lebhafter Brief« Wechsel mit ihr; ich besprach ihre, Werke — sie blieb bis zum Ende rastlos schöpferisch tätig — an verschiedenen Orten, ihr Bild trägt die Widmung: „Mit warmem Gruß! Die Märchenprinzessin!" Frankfurt a. M. 1895. Was ich mir bis zur Stunde nicht vergeben kann, ist^ daß ich damals aus übeegrioßer Bescheidenheit und Zurückhaltung verabsäumte, mich dem jungen Roden'bergfchen Ehepaare 'als Verwandte vorzustellen. Aus eimr Reif« nach Italien war in Triest eine reine hohe Lieb« erblüht; dev junge deutsche, schon damals viihmlichst bekannte Dichter hatte das Herz einer hochbegabten Patri ziert achter Juftina Schiff — die Musik hatte das Paar wohl nicht zuletzt zusammengeführt, Frau Jnstina, eine treffliche Pianistin, hat in Berlin oft mit Joachim, der M den Freunden des Hauses zählte, musiziert — erblüht mtt» im Juni 1868 hatten sie den LebenAbund geschloffen. Ich hckbe mich törichterweise durch diese Unterlassungssünde sicherlich vieler guten Stunden beraubt. Ich batte schon daheim Julius Rodenbergs Roma» „Die Sttaßensängerin von London" gelesen, als Redakteur des „Bazav" war er mir bekannt und vertraut, ich bewahrt« mir allezeit sine große Vorliebe für den feinsinnigen gemütvollen Dichter und Schriftsteller in allen Phasen seines und meines Leben-, ich schätzte ihn gleichermaßen als Herausgebe« des „Salon" wie als Begründer der „Deutsche« Rundschau", las sehr gem seine verschiedenen Reiseschildemngen und namentlich fesselte mich sein Roman „Die Grandidiers*), den Otto v. Leixurr in seiner Literaturgeschichte das beste Erzeugnis, das die große Z«tt 1870/71 zeitigte, genannt hat, in hohem Maße. (Fortsetzung folgt.) *) 1912 habe ich die Rouauslaae in der „Wiener Mode* und der „Allg. Zig. d. JdtmS.* besprochen.