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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-03-10 · 10 (10.3.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
10 (10.3.1922)
Date
1922-03-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Mus -em Reich. Direftvr Albert Silberbera-AUem. Au feinem Lkjahrtgen AmtSfubiläum. Am 15. März feiert die Israelitische Gartenbauschule Ahlem das fünfu-ndMinzigjährrge Amtsjubiläum ihres Leiters. Direktor Albert Silberberg. Es ist dies nicht nur em Ferertag für das Institut selbst, sondern das gesamte deutsche Judentum wird sich einig sein in der dankbaren Anerkennung dessen, was dieser Mann in einem Vierteljahrhundert hingebungsvoller Arbeit für das Gedeihen und die Ehre des deutschen Judentums geleistet hat. Ahlem, dieses in seiner Art einzigartige Institut für jüdische Bodenkultur und jüdisches Handwerk, von Alexander Moritz Simon ins Leben gerufen, ist im wesentlichen sein Werk, das er, allen Widerständen zum Trotz, auf eine imponierende Höhe gebracht hat. Ueberall in der Welt (Südamerika, Palästina, Bereinigte Staaten, Spanien) leben ehemalige Schüler dieses Mannes, die durch ihre eigenen Leistungen Zeugnis oblegen von der Tüchtigkeit, zu der sie in Ahlem ausgebildet, und von dem Geist, in dem sie erzogen wurden. Bon überall her werden an seinem Ehrentage die Glückwünsche seiner „Ehemaligen" zu ihm gelangen, die ihrer Dankbarkeit auch in einer „Albert Älberberg-Stistung" Ausdruck gegeben haben, deren Ertrag den Zielen zugute kommen soll, denen Direktor Silber b erg die Arbeit seines Lebens gewidmet hat. . Das deutsche Judentum, das auf Albert Silberberg stolz sein darf, wird ihn am besten dadurch ehren können, daß es dem Werke, das er geschaffen hat, in großzügigster Weise die Mittel zum Ausbau und zur Weiterexistenz zur Verfügung stellt. Es wird damit nicht nur den Mann ehren, sondern sich selbst den besten Dienst erweisen. Nürnberg. Der „Liberale Gemeindeverein Nürnberg" hielt am 16. Februar eine öffentliche Versammlung ab. in welcher der in der Jugendbewegung sehr tätige Referendar Dr. Ludwig Frank einen Bortrag hielt über das Thema: „Liberalismus und die Zukunft der deutschen Juden." Der Redner ging in schöner und fesselnder Sprache auf das Wesen des jüdischen Liberalismus. wie er sein soll und wie er vielfach nicht ist, in ernster Weise ein. Wenn auch manches, was er ausführte. erfreulicherweise auf die hiesigen Verhältnisse nicht zutrifft, so ist es zweifellos sehr beachtenswert, wenn unsere Jugend dem Liberalismus denselben Ernst und den festen Willen zur Betätigung an den Tag legen, wie dies die Iugeiw auf der anderen Seite bei den Orthodoxen und den Zionisten tut. Der Redner ging vom Theilhaber'schen Buch „Der Untergang der deutschen Juden" aus, in welchem zahlenmäßig nachgewiesen wird, daß durch die zahlreichen Mischehen und Austritte in jüdischen Kreisen, sehr trübe Ausblicke für die Zukunft der deutschen Juden gegeben sefen. > Die.. U.psache ist auf den Rationalismus des 19. Jahrhunderts zurrickzuführen. In dem Augenblicke, wo die deutschen Juden sich die Emanzipation erkämpft hatten, emanzipierten sie sich in vieler Hinsicht auch vom jüdischen Leben. Am Anfang des 20. Jahrhunderts kann von einem religiösen Leben bei der Mehrheit der deutschen Juden leider nicht mehr die Rede sein. Der Hauptgrund dafür ist der Indifferentisnms, der besonders vor dem .Kriege in Erscheinung getreten ist und der sich in zahlreichen Austritten und Mischehen gezeigt hat. Wir miissen uns ernsthaft mit der Frage beschäftigen, warum man dem Liberalismus zum Vorwurf macht, daß in seinen Reihen sich sehr viele „Auch-Iuden" und „Noch-Iuden" befinden. Bei näherer Betrachtung finden wir im liberalen Judentum zweierlei Tendenzen. Der eine Teil, den man als „jungliberal" bezeichnen könnte, strebt mit aufrichtiger Gesinnung und ernstem Willen nach einer Erneuerung des Judentums und betrachtet die potittsche Beimischung als einen unerfreulichen Ballast. Der andere Teil sucht dagegen seine Aufgabe in der Politischen Betätigung und in der Bekämpfung aller derjenigen, die angeblich nicht so kKetak ItoST rGstzert HaMtt ekner (etifatn Mmürischast cmzugehöven, zu dienen, die anderen erblicken in der Bezeichnung „Abeval" nur Me Eigenschaft, daß man nicht zionistisch oder orthodox ist und sich keinerlei Unbequemlichkeiten auserlegen braucht, sondern möglichst ungeniert durchs Leben gehen kann. Liberalismus ist die freiheitliche Weiteventwickelung $tr Erhaltung des Judentums. Die meisten aber verstehen darunter schrankenlose Freiheit und Beschränkung aus ein Minimum vom Jüdischen, wie den Monotheismus und die reine Sittenlehre. Dr. Freudenthal hat in der Zeitschrift „Liberales Judentum" mit Recht darauf hingewiesen, daß wir eine religiöse Gemeinschaft ftttd und daß wir allzuviel geneigt sind, alles Jüdische nach politischen Gesichtspunkten zu betrachten und zu behandeln. Wenn der Liberalismus, wie es seine Aufgabe ist, die religiöse Gesinnung vertieft und von Toleranz allen Richtungen gegenüber erfüllt ist. so wird er aufbauend und fördernd wirken zum Heile des deutschen Judentums. Der Borsitzende, Herr Iusttzrat Dr. Erlanger, gab dann die Namen der für die am 12. März stattfindende Gemeindewahl vorgeschlagenen Damen und Herren bekannt. Gemäß einer freundschaftlichen Verständigung unter den verschiedenen Parteien, erhielten die Liberalen 20 Sitze, Orthodoxe, Zionisten und sogenannte Mittelpavtei zusammen 10 Sitze. Dieses Abkommen hat die erfreuliche Folge, daß ein Wahlkampf mit feinen unangenehmen Begleiterscheinungen ganz vermieden wird. Die deutschen Juden im Weltkrieg. Eine Statistik. Unter dem Titel „Die deutschen Inden als Soldaten im Kriege 1914/18" ist eine statistische Arbeit von Dr. Jacob Sega!! im Philo-Verlag (Berlin SW. 68) erschienen. Aus Grund tabellarischen Materials kommt «v zu folgenden Ergebnissen: 1. Zirka 100000 deutsche Juden haben am Feldzüge teil» genommen, d. h. die jüdische Bevölkerung in Deutschland hat restlos den auf sie entfallenden Anteil an Kriegsteilnehmern gestellt (etwa 16 Prozent). 2. Zirka 80 000 jüdische Kriegsteilnehmer sind an der Front gewesen, d. h. vier Fünftel aller jüdischen Feldzngsteilnehmer, und zwar nahezu gleichmäßig in allen Provinzen und Staaten, haben vor dem Feinde gestanden. 3. Zirka 12 000 jüdische Kriegsteilnehmer haben die Heimat nicht wiedergesehen, d. h. die deutschen Inden haben Blutopfer gebracht, die nach Lag« der Dinge durchaus entsprechend sind. 4. Zirka SB 000 sind kriegsdekoriert, 23 000 befördert worden, darunter mehr als 2000 zu Ossi zieren. D. h. dst jüdischen Kriegsteilnehmer haben an den Erfolgen kriegerischer Leistungen in einer dem Durchschnitt mindestens entsprechenden Weise teilgenommen. Inzwischen sind die unter 4 genannten Ziffern schon mieden erheblich gewachsen. D. R. Eine Aufgabe für den Oberreichsanwalt. Ankläger Ludendorff. Die soeben erscheinende Nummer 4 der Zeitschrift „Der Schild", des Organs des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, druckt an ihrer Spitze unter der Überschrift „In eigener Sache" die folgende Erklärung ab: „Am 16. Dezember 1921 haben wir an gleicher Stelle Herrn General Ludendorff die Unrichtigkeit der von. ihm in seinem. Buche „Kriegführung und Politik" gegen die deutschen ' Juden im allgemeinen und uns jüdische Frontsoldaten im besonderen erhobenen Vorwürfe vorgehalten und nachgewiesen. Trotzdem hat Herr General Ludendorff es bis heute nicht für nötig gehalten, auch nur ein Wort der Richtigstellung in die Oeffentlichkeit zu bringen. Wir stellen daher fest, daß Herr General Ludendorff die Wahrheit kennt und sie nicht sagt, und geflissentlich die Ehre anderer Menschen mit Füßen tritt. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten." Hierzu bemerkt das „B. T.": Wir meinen, auch der -Herr Oberreichsanwalt hätte Veranlassung, sich mit dieser Sache zu beschäftigen. Auf Seite 81 der genannten Schrift, die tut grotesken Einfällen reich ist, sagt General Ludendorff unter anderem: „Mit Frankreich und England Hand in Hand arbeitete die Oberleitung des jüdischen Volkes. Vielleicht führte sie beide. Sie sah den kommenden Weltkrieg als das Mittel an. ihre polisischen und wirtschaftlichen Ziele durchzusetzen. . .. Dazu brauchte das jüdische Volk die Niederlage Deutschlands. Teile dieses jüdischen Volkes standen innerhalb unserer Grenzen." Das ist die Beschuldigung des Landesverrates, den das Reichsstrafgesetzbuch nrit schwerer Zuchthausstrafe bedroht, und für dessen Aburteilung das Reichsgericht zuständig ist. Deshalb sollte der Oberreichsanwalt, dem Ludendorff als Zeuge keine unbekannte Erscheinung ist, den General vorladen und über die Tatsachen vernehmen, auf die er, sicherlich nach sorgfältiger P'-üsnng, so schwerwiegende Anklagen stützt. Kann der Zeuge beweisen, was der m, dann muß 9ßm «< SaNdEmätn, ft Hand rn Hand mit England und Frankeich an der Mederwerfuns Deutschlands arbeiteten, mit der vollen Schärfe de» Gesetzes tw* gegangen werden. Hat Llldendorff jene Behauptungen aber ohne Beweismaterial aufgestellt, dann gebührt ihm an der Seite Mwardts. des „Rektors aller Deutschen", etit Ehrenplatz. Schweidnitz. Am 8. Januar hatten sich die Mit. gliedev des liberalen Vereins im kleinen Saale des Volk». gattenS vollzählig versammelt, auch ein« Anzahl Damen und Herten aus Reichenbach, M unserer Ortsgruppe gehörig. Der zweite Vorsitzende, Herr Hirsch, Reichenbach, eröffnet« mit begrüßenden Motten die Versammlung, in der auch der Ge. samtvorstand endgültig gewählt wurde. Sodann hielt Herr Lehrer Robert H r r s ch f a l d, Bettin, einen Ltchtbildervor« .trag über das Thenia: Altbiblische Ausgvabungen. An ihnen wies er nach, daß die Funde vielfach die geschichtlichen Ereignisse bestätigten und ergänzten. Reicher Beifall wurde dem Redner für feine interessanten Ausführungen. Sonntag, den 8. Marz, versammelten sich die Mitglieder zu einer Versammlung. Herr Curt Brienitzer, Breslau, hatte den Vortrog' übernommen und behandelte das Thema: Die geistige Lwiainzipation der deutschen Jichen von MpfeS Mendelssohn bis auf den heutigen Tag. Der gehaltvolle Vortrag, dem lautlos gelauscht wurde, und der einen nachhaltigen Eindruck hinterließ, entfesselte stürmischen Beifall. Eine lchhafte Diskussion setzte ein, an der sich die Herren Dt. Hille«, Meldiaer Brock. JMizrai Landsberg, sowie Prediger Carlsberg, Neichenbach, beteiligten. F. B. Feitungsschau unö verschieüenes. Berlin. Der verein zur Pflege hebräischer Gesänge veranstaltete unter der Führung seines bewährten und erfahrenen Leiters Albert Kellermann ein wohlgelungenes Konzert. Solisten von Rang, wie Benno Ziegler von der Baatroper, Frieda Wolf vom Deutsche« Opernhaus, die Geigerin Jbolyka Gyarfas stellten ihre 'Kunst in den Dienst der Sache. Denr wohlgeschulten Chor fiel die Hauptaufgabe zu. DaS Programm enthielt zum großen Teil Bearbeitungen älterer Shnogogalmelodien von Kellermann und anderen Spezialisten. Es gab darunter Stücke vorr seltsamer und eigenartiger Schönheit, wie der Psalm des Salomone Rosst, jenes um 1600 am Mantuaner Hofe berühmten jüdischen Musikers. Stimmungsvoll und wirksam auch der von Kellermann gesetzte 29. Psalm für Sopransolo und Frauenchor. Bon dem Bukarester Kantor Kohen-Lingru bearbeitete sepherdische Gesänge prägen das Orientalische mit größerer Bewußtheit und glücklicher auS als manche der anderen Fällungen, die durch eine zu große Annäherung an das uns Gewohnte in der Harmonik das charakteristische Wesen dieser vielfach auf orientalischen Skalen beruhenden Meisen verwischen, anstatt H zu betonen. Neue Ausgrabungen in Palästina. In der Pariser Akademie der Inschriften trug das Mitglied des Rates für die Altertümer in Jerusalem, Nahum Slousch, einen Bericht vor über die neuesten archäologischen Arbeiten, die von französischer Seite in Palästina vorgcnommen worden sind. Die im Jahre 1920/21 zu Tiberias ausgeführten Grabungen brachten die berühtme Synagoge von Hamatha ans Licht, die in jüdischen imb christlichen Chroniken seit dem zweiten Jahrhundert erwähnt wird. Der Bau erinnert in seiner Anlage an den Tempel von Jerusalem. Zahlreiche Gegenstände des alten isralitischen Kultus wurden dabei entdeckt, darunter Mosaiken mit ihren metrischen Figuren. Marmorsäulen und Marmortafeln mit heiligen Zeichen. Die Arbeiten, die um das Heiligtum herum fortgesetzt wurden, haben zur Entdeckung einer indischen Gräberstadt mit Grabinschriften in griechischer. Sprache geführt. Paliistinasorgeu. Auf die Schwierigkeiten, die sich in Palästina aus der überstürzten Durchführung des zionistischen Programms ergeben. das im Widerspruch zu den Wünschen der.übergroßen Mehrheit der mohammedanischen, christlichen und selbst eines Teils der altansäsftgen jüdischen Bevölkerung steht, weist Lord Northcliffe hin, der von seiner Weltreise zurückgekehrt und auf dem Heimweg;n Aegypten und Palästina sich von den dortigen Zuständen ein Bild gemacht hat. Er verhehlt nicht, daß er „tief enttäuscht" ist; er hat Palästina in einem dem Bürgerkrieg ähnlichen Zustande gesunden, der zur ständigen Ueberwachung aller Straßen mit Aeroplanen und Panzerwagen nötigt, und es ist nur ein Symptom, daß man kürzlich in Bienenstöcken versteckt eine große Zahl von Revolvern gefunden hat. die von den extremen Zionisten eingeschmuggelt worden seien. Englische und amerikanische Missionare äußern sich, wie die überwältigende Mehrheit aller Christen und Mohammedaner, deren es in Palästina 700 000 gegen 70000 Juden gibt, höchst ungünstig über die anspruchsvolle Art der Zionisten, die das ganze Land regieren wollen. Insbesondere wird das Auftreten der „Haluzün" getadelt, wie man die ans den Ghettos von Mittel- und Osteuropa Eingewcmderten nennt. Northcliffe fordert alle gemäßigten Zionisten der Welt auf, ihren Einfluß zur Geltung zu bringen, um diese Elemente in ihre Schranken znrückz,«weisen. Ein Kamps um die Tschrchisierung der jüdischen Gemeind» Prags. Das Prager jüdische sagenumwobene Rathaus ist bisher in eebM'lkrlnlillMW einer alten fran. 13. Fortsetzung. - Ein Ereignis von höchster Bedeutung bildete für mich der Me Besuch des Museums, wo mich die Kaulbachschen Fresken ganz besonders entzückten. Dann nicht minder der erste und einzige Besuch des Kgl. Opernhauses, wo ich die Lucca, damals der vergötterte Liebling von ganz Berlin tm Zenith ihres Könnens, in einer ihrer Glanzrollen .Margarete" hötte. Der Gonnod'sche -Faust" war damals die Zugoper. Ich sehe noch dieses Gretchen am Spinnrad, ich höre die „Schmuckarie" und das Gretchen im Kerker steht vor mir'. Und dazwischen sehe ich das Ballett; der Eindruck jenes Abends war unbeschreiblich! Meine Studien nahmen ihren Fortgang und ich durfte auch nach Herzenslust lefew. Es war eine überaus reich« Bibliothek im Hause vorhanden, meine Liebe und Berohrung für Goethe wurde geweckt, ohne die für Schiller zu beeinträchtigen, Börne war der Lieblingsschriftsteller des Onkels, die Tante schwärmte für Wilhelm von Humboldt und seine Gattin Karoline; sie besaß ein kleines Buch „Lichtstrahlen ans Wilhelm von Humboldts Briefen an eine Freundin", das sie mir später schenkte. Mit diesem überttug sie ihre Teilnahme für die Familie von Humboldt auf mich und ein Ausflug nach Tegel im Frühltnae bestärkte und befestigte sie in mir, ahnungslos, daß ich dereinst der letzten Enkelin Wilhelm von Humboldts, der Toch. ter seiner LiMingstachter Gabriele von Bülow, Frau Consttrnze von Heinz so nahe treten sollte! Hatte daheim neben den Büchern der Journallesezirkel tzne Quelle der Belehrung und Unterhaltung geboten, hier urde die „Gartenlaube" und „Ueber Land und Meer" geheltett, und in der berühmten Nicolaischen Buchhandlung Urarden Bücher getauscht. Ich las und verschlang damals neben Berchvld Auerbachs „Schwarzwälder Dorfgeschichten", „Problematische Naturen" von Spielhagen und „Europäisches Sklaveuleben" von Hackländ». Bei großer Vorliebe meiner Verwandten für das feinere Lustspiel waren wir zuweilen im Kgl. Schauspielhaus«, dott sah ich in der Folg» in wüsterhaster Darstellung „Der geheime Agent" von Hack- Kuder. „Die Marquise vov Billette" von Cdattotte Btrch- Pfeiffer, in der die greise Schauspielerin noch selber anftrat, u. a. m. Im Friedrich.Mlhelmstädtischen Theater ge fiel mir „Feenhände" von Sektbe in gleichermaßein trefflicher Uebcrsetzung wie Darstellung ungemein und im Walln«ttheater bewunderte ich das Dreigesttrn der Komik Helmerding, Reusche und Anna Schramm. Die Politik nahm einen bedeutenden Raum im Geistesleben des Hauses ein/ ES war um die Wende 1863/64, die Konflikts zeit; die von A. Bernstein*) redigierte „Volkszeitung" wurde neben dm „Taute Voß" gelesen, der Onkel war ein eiftiger Politiker und wenn Herren zum Besuche kamen, ging es oft ganz besonders stürmisch her. Es war eine pplitisch ungemein bewegte Zeit. Der Thronwechsel in Dänemark zu Ende dez Jahres 1863 hatte den Krieg Preußens und Oesterreichs um Schleswig-Holstein' mit diesem Staate zu Anfang des neuen Jahres entfacht. Die Namen Bismarck, Lasker, Birchow, Waldeck, Twesten, Gneist tönten oft au mein Ohr. Im Februar war Doktor Moritz Veit, der freisinnige, Stadtverordnete und Abgeordnete seinem Freunde Dr. Michael Sachs in die Ewigkeit gefolgt. Tief evgttffen war mein Onkel von beiden Beerdigungen beimgekehrt, doch auch echobett und begeistert von den wunderbaren Trauerreden des Breslauer Rabbiners Dr. Manuel Joel, der sich die Herzen der großen erlesenen Traueriversammlung in so hohem Maße erobert, daß der Vorstand der Berliner Gemeinde alle Hebel in Bewegung setzte, ihn dieser zu gewinnen. Der damÄige Oberbürgermeister hatte dem ersten Böttcher, Stadtvat Meyer Magnus, auf die Schulter geklopft und gesagt: „Den gottbegnadeten Redner lassen Sie nicht Wied« oeimwÄttszieLan, ohne ihn sich gesichert zu haben." Dr. Manuel Ivel hat allen Verlockungen nicht Gehör gegeben und ist seiner Breslauer Gemeinde treu geblieben bis zu seinem Ende, was noch heute unvergessen in deren dankbaren Erinnerung sottlebt. Meine Verwandten hielten Vorträge für ei« außerordentlich wettvolles vtldungSmitte! und unablässig bemüht sich sottzubilden, besuchten fie jeden Winter die Vortrüge des „Wissenschaftlichen Vereins", dem die Prinzessin August«, nunmehrige Königin, laut seiner Begründung, ihren Schutz gewährt hatte und der diesen bi« zu •) Verfasser von .Vöaele btt Maaatd* und „Mendel Gtbbo-" ihrem Heimgänge genoß. Tieft Vorträge fanden Sonnabend statt und versammelten in dem großen schönen Saale der Singakademie die geistige Elite Berlins: alles, was einen Namen hatte, fand sich dort ein, Proftssoreu, Künstler, Gelehtte, Kanfleute, Frauen, hohe Militärs, an der Spitze das KöNigSpaar, die Königin stets von ihrer alten treuen Hofdams, Gräfin Adelaide von Haake, begleitet, Prinzessin Karl, die Schwester der Königin, und das Kronpttnzenpaar. In jenem Winter wurde ich nur einmal, als der Onkel verreist war, mitgenommen und hötte einen bochinteressanten Vottrüg Wer den Mal« ASmus Carstens; sicherlich hat mich diese erlesene Versammlung nicht minder interessiert als der Dortrag und namerttlich drängte ich mich beim Ausgang« an der Treppe heran, um die königliche Familie recht genau sehen zu können» waS mir auch gelang. — In irnem Winter und auch später ging ich fast jeden Sonntag mit meinen Freundinnen' in die Reform, der deutsche GotteSdrenst mutete mich sche sympathisch an; dort erlebte ich zu Ostern eine Mädchenkonfirmation, die mir einen tiefen Eindruck hinterließ. Der Ktteg in Schleswig nahm seinen Fottgang. nach der Eroberung der „Düppeler Schanzen" spielte ich dm DüPPÄer Schanzen-Marsch, ich hatte*) „Wilhelm Tell" mit Hendttchs in der Titelrolle mittlerweile gesehen und einen unvergeßlichen' Eindmck durch dieses Hobelted der Freiheit empfanden und am 24. April 1864 anläßlich d«S 300jÄhrtgen Geburtstages des großen Briten William Shakespeare sah Ich im Kgl. Schauspielhause „Julius Cäsar". Noch heute sehe ich das in allen seinen Rängen bis auf den letztcn Platz dicht gefAlte Haus deutlich vor mir, sehr di« Bühne mit der von einem goldenen Lorbeerkvanz gekrönten Büste drS unsterblichen Dichters, höre hinter der Bühne — die Musik war für gewöhnlich aus dem Schauspielhause derbannt — Beethovens Ouvertüre zu „Cottolan". Und dann folgte die großartige Aufführung! Roch heute sehe ich di« römischen Senatoren in ihren weißen, scharlachmnsäumten Togen vor mir, Noch heute höre ich „Und Brutus ist ein ehrenwerter Manul- (Fortsetzung folgt.) *) Im VMoriatheattt.

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