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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-03-10 · 10 (10.3.1922) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
10 (10.3.1922)
Date
1922-03-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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o) tiurch furchtlose Bkckömchftmq aller- AkMr 8er demokratischen Republik in Wort und Schrift, unter Anwendung aller gesetzlichen Mittel. die noch immer den alten Klassen-, Obrigkeit-- und christlichen Staat erstreben. B. Innere Politik (Erhaltung und Ausbreitung , des liberalen Judentums). I. Kür die Gegenwart: a) Schaffung von volkstümlich geschriebenen Propagandaschriften über Wesen und Bedeutung des liberalen Judentums, b) Abfassung einer kurzen, objektiven Darstellung der Zwecke und Ziele aller anderen religiösen und völkischen Richtungen im deutschen Judentum, v) Gemeinverständliche Vorträge von Wanderrednern in jüdischen Vereinen über „Forderungen deliberalen Judentums". ' d) Gründung von Vereinen zur Förderung des liberalen Judentums an allen Groß- und Mittelgemeinden und ihre Organisation in ProvinMl- und Landesverbänden, ' e) Begründung einer jiidisch-libevalen Zeitung für das deutsche Judentum urch deren möglichste Verbreitung (Ist inzwischen geschehen), k) Einrichtung einer jüdisch-liberalen Pressenntrale, welche nicht nur mit den mchtjüdischen politischen Tageszeitungen, sondern auch mit den Reichs- und Landesbehörden, mit den Selbstverwaltungskörpern der Städte, Berufsvereine und ihren gewerkschaftlichen Organisationen in ständiger Verbindung bleiben mutz. g) Unermüdliche Propaganda für liberale Wahlen in den Gemeindevertretungen, Aemeindevorständen, sowie von Rabbinern, Lehrern und KultuSbeamten der liberalen Richtung, b) Einschränkung von Aufwand und Luxusausgaben in der gesamten Lebensführung (Innere Mission). II. Für die Zukunft: a) Förderung bestehender und Begründung neuer jüdisch-liberaler Iugendvereme für dve Schüler höherer Lehranstalten, Universitäten. Angestellte, Gehilfen, Gesellen und Lehrlinge in allen Berufen, d) Erweiterung des Religions- und des hebräischen Unterrichts über den Lehrplan der öffentlichen Schulen hinaus in Gemeinde-Religionsschulen, v) Erweiterung und Vermehrung der IuqendgotteSdienste mit religiösen Ansprachen, d) Religiöse Festveranstaltungen für die berufstätige Jugend (männliche und weibliche), die an den allgemeinen Freitag-Abend-, Sonnabenduick Festgottesdiensten nicht teilnehmen kann. „Mit unserer Jugend und mit unseren Alten", so mahnte uns einst der grosse Prophet, als es galt, die Erkenntnis von dem einen und einzigen Gotte gegen eine Wlt von Feinden mit allen dom Judentum zu. Gebote stehenden Kräften zu bewahren. So mahnt er auch das liberale Judentum der Gegenwart an feine Pflicht, das deutsche Judentum an seinem Wendepunkt durch alle Irrungen und Wirrungen im Inneren und Aeußeren sicher hindurchzufiihren zu neuem Leben und zu neuer Blüte! Rabbiner Sr. Leo Vaeck. Von Erdmann Graose r.*) ttt dem alten Teil der Lützowstraße, der mit so manaus noch dem Berlin der achtzig« Jahre angehört, kommt heute, in der Frühe des Sonnabends, auch noch das charakteristisch« Treiben dieses Morgens voll zur Geltung — ttte einst. Eine erhöhte Geschäftigkeit herrscht —- Hausflure werben gesäubert, Fenster geputzt, Einkäufe besorgt — alles gilt der Vorsorge für den Sonntag.. . *) Mit Dank gegen den Herrn Verfasser, der in d« „Boss. Ztg." eine interessante Reihe von Aussätzen über Berlin« Kanzelredner veröffentlicht, bringen wir diesen Artikel. tarn tm dieser besonders rege» Wecktag-Rmmung komme ich, als Wb fcoS tot* Ziegelgebäutze der Synagoge bottwuit, mm tn Feierlichkeit des Sabbats. Der HavpWtteStzierrst hat «den begonnen, und das alte Ehepaar, dar mit mir zugleich eingetvettn ist, trennt sich eilia in der Vorhalle. Sie — da- Mütterchen — steigt zum Chor hin« auf, wo di« Frauen sitzen, er geht vor mir her und wird so mein Führer in dem unbekannten Haus. Jubelnder Lobgesang eines vorzüglich geschulten Chores und brausende, Orgeltöne dringen aus der Höhe wie aus ein« anderen Welt hernieder. Der große Räum liegt in sanftem Dämmerlicht — vorn jedoch herrscht strahlende Helle van dm Kerzen vielarmiger Kandelaber aus dem Altar — dahinter leuchtet der rote Vorhang, der den Schrein für die Thora verbirgt, etwas höher darüber befindet sich die weiße Kanzel, und hoch oben schimmert das matte Silber der Orgel« pfeifen. Ich bin hierhergekonimen, um einen der besten jüdischen Kan-elredner Berlins, den Rabbiner Dr. Leo Daeck, sprechen zu hören, werde aber vorher noch Zeuge der Konfirmation zweier etwa zwölf bis dreizehn Jahre alter Junge«. Ein Gebet von schöner Einfachheit ist zuerst verlesen Word««, in dem für die Vaterstadt, für eines jpden Haus und für die Gemeinschaft Gottes Segen erfleht wurde, dann — nach den Aufnahmezeremonien — erfolgt eine Ansprache an dt« Knaben, denen das Josephswott: „Gott hat mich hierhergestellt.. zum Geleit durch das an Versuchungen und Schicksalsschlägen so reiche Leben mttgegeben Wird. Orgelklang, Chorgesang, der rote Vorhang wird sortgezogen, die Thora, vor der die Knaben das Gelöbnis der Treu« abgelegt, in dm Schrein znrückgetragcn. Diese ganze feierliche Handlung muß von den beiden jungen Gemütern als das bisher stärkste Erlebnis ihres Daseins empfunden werden, kann nie, so alt sie auch werden, ihrem Gedächtnis ent« schwinden. SBemt aber doch etwas verblassen sollte, weil er sie ja verwirrt haben könnte, sich plötzlich — angesichts der ganze« Gemeind« — in den Mittelpunkt einer so überwältigenden Feier gestellt zu fühlen, wenn also wirklich etwas verblassen könnte, so dürste eins doch in unverminderter Frische itt ihrer Seel« foEngen bis ins Greisenalter: die Stimm« dieses Mannes, der ihnen den Lebensspruch kündete. Run tönt fte von der Kanzel, wendet sich an unS, nennt u«S: „Mein« andächtigen Zuhörer!" Wie vorhin beim Gebet, dann bet der Ansprache, jetzt bei der Predigt, bin ich aufS höchste überrascht von dieser Kultur d«S Sprechens. Jedes Wott bekommt feine voll« Klangschönheit, wird neu geprägt, hat gleichsam noch den Prägeglanz. Man hat Dr. Bveck einen „fabelhaft guten Sprecher* genannt» aber dieses Urteil charakterisiert nur ganz äußerlich seine Dortrasweise, die Kunst seines Redens, wettet noch nicht die Qualität feiner Predigten. Kurz — weil er sehr schnell spricht —, klar und schlicht bauen sie sich auf, das kritische Utteil d«S Zuhörers kann jedem Gedanke» fotgm, wird immer zustimmen müssen und das Endemebnis Dann stets eine gehobene, froh-zuversichtliche Lebensauffassung sein. Er beginnt, in-dem er auf das verweist, was man das launische Spiel mit dem Dasein der Menschen nennen könnte, dieses scheinbar launisch« Spiel. Ter eine habe Glück, der andere Unglück, der eine genieße sein Leben in Freuden, ein anderer finde vor Sorgen und Kümmernissen nicht einmal Vergessen im Schlaf. Einer sei mit allen Gaben des Geistes und Körpers ausgeitattet, der andere — unbegabt und schwach — unfähig zum Existenzkampf. Einer habe Erfolg, der andere nur Mißgeschick und Fehlschläge... „Warum? Warum?" fragt er nach dieser Auszählung, die den Glücklichen, Erfolgreichen, Begabten plötzlich in bängliche- Stutzen versetzt, den Armen, Unbegabten und Schwachen aber mit Änklagemut erfüllt hat. Nun — er wird die Antwort finden, aber nicht gleich mit einem „Deshalb". „Aus der Thora" — sagt er — „haben wir vorhin, das Wort JoschrhS vernommen: ,Gott hat mich hierher gestellt!'" Me oft sei im Judentum ^iese Antwort gegeben wöMN, diese starrsinnige und eigensinnig« Antwort, aber wir Juden seien ja, wie man uns nicht mit Unrecht genannt habe, auch „die Eigensinnigen des Optimismus". Ohne diese Eigenschaft, den Besitz der ZUlunftshoffnung, wäre unser Volk längst zugrunde gegangen. Ein altes Wort eines unserer Weisen hat — zum Trost im Unglück — uns die Auffassung gelehrt: „Auch daS ist zum Guten!" Und «in frommes Lied kleidet diese Uebgrlegung in di« Worte: „Was Gott tut, das ist wohlgetan. .Doch — wenn nun wirkliches Seelenleid, unfaßbar schwere Unglücksschläge einen Menschen iräsen und sein Hers vor Schmerz zu brechen meinte — fei es dann auch noch wohlgetan? Da könne man füglich zweifeln, auch ein frommes Gemüt werde da Wohl irre werden. Nun, dann trete die Aufgabe an den Hetmgesuchten heran, zu begreifen, was das Leben und wie es wirklich sei. Im Schweiße unseres Angesichts müßten wir uns dieses Leben verdienen, und wer unverzagt in der Arbeit des Lebens stehe, der werde begriffen haben, was uns in diesem Leben zum Guten dien«. Nicht nur das Glück, sondern auch die Sorgen besäßen eine ungeheure Triebkraft, freilich nicht unnütze Sorgen. Auch mit den Sorgen muss« man sparsam sein, ein spöttisches Wort habe ja gesagt: „«S komme immer anders, als man denkt!" Wenn wir vorsotgien, würden wir uns viele unnütze Sorgen sparen können. j geht tzieMelodie •*> mkd wie eilte schlicht« Voll-- ltedmelodte hat das alles aettimaen — ins Süß-Schmerz. liche über: Ja — aber das große Leid und die Sorgen der Bezweiflung? Gewiß, gewiß — da schein« «S, als ob eines Menschen Wott versagen müsse. Doch — führten nicht solch« Sorgen ins Innere oes Herzens? Möchten wir uns wirklich ein Leben wünschen, ohne jemals solche Sorgen empfunden zu haben, die zur Vertiefung der Seele notwendig wären? Zwei Menschen, die nicht umeinander in solchen Sorgen gebangt — was wüßten sie von der wundervollen Seelenverbindung, die da nach tiefem Leid geschmiedet wor. den ist? Ach. die Kalten, die Gleichgültigen, die Oberflächlichen, die Seelenlosen, die, die gleichsam gegen alles gefeit seien, sie müßten sich geradezu derartige Sorgen wünschen, um die Vertiefung ihrer Seele zu erleben, die zur Vollendung des Menschentums gehör«. Nun ändett sich der Klang der Stimme, wird feigrlichgetragen: Was zu uns komme im Gange der Tag« — wir wüßten es nicht. Wir leben unter Menschen, die wir nicht kennen. Aber uns.kennten wir — wie wir beschaffen seien, dar wüßten wir, wir selbst seien unsere Zukunst. Den Weg, den uns Gott schickte, den müßten wir gehen — Gott wisse, was in jedem von uns an Güte, Wahrheit und Gerechtig« keil lebe — und danach werde er uns beutteilen. Di« Zeit sei furchtbar schwer für jeden einzelnen von uns, aber uns«, Erbe der Optimismus, verleihe uns den Glauben an die gute Zukunft, an di« Führung GotteS. Jeder habe seine Sorgen — gewiß — aber ein jüdisches Wott sage: „Keiner sei vor seinem Tode unglücklich zu nennen" — im Gegensatz zu dem Wort deS alten Weisen: „Keiner sei vor seinem Tode glücklich zu preisen." Und keiner von uns entrinn« jener Stunde, die unserem Leben ein Ende mache — audieser Erwägung heraus sei das Leben zu wetten... Mit einem Gebet, das di« Ergebenheit in de» Tod, aber auch di« Unsterblichkeit des Geistes bekundet, schließt die Predigt... Sorgfältig Nehmen die Andächtigen dm Gebetmaniel, zumeist ein weißes, handbreites Tuch, von den Schultern und verpacken ihn in Seidenbeutel. Dann tteten wir, aus einer anderen Welt kommend, auf die Straße hinaus, wo die Sonnabend-Geschäftigkeit jetzt ihren Höhepunkt erreicht hat. hilft für Mim uni» Sir inirrnsilMir KMens in Ml An der internationalen Konferenz für die Rußlandshilfe (Oberkommifsariat des Herrn Professor Fritjof Nansen), welche am 25. bis 26. Januar d. I. in Genf stattgefnnden hatte, beteiligten sich Bettreter des Papstes und fast aller europäischen Regierungen (Schweden, Jugo-Slawien, Tschccho-Slowakei, Rumänien, Bulgarien, Norwegen. Deutschland, Holland, Belgien, Dänemark, Schweb. sowie Delegierte des Völkerbundes, des Roten Kreuzes aus verschiedenen Ländern (unter anderem auch aus Rußland und Ukraina, Amerika, Italien, Polen. Argentinien. Spanien u. a. m.). Von den bedeutendsten europäischen und amerikanischen Organisationen waren vertreten: b:e Quäkerorganisation, „Near East Relief", Internationale Union für Kinderhilfe: die. Arbeitervereinigungeu für die Rußlandshilfe (internationale Föderation der Arbeitersyndikaien, internationale kooperative Bereinigung, das sozialistische Komitee „Fra Russta" u. a.). Bon den jüdischen Organisationen war das Exekutüv-Komitee der jüdischen Welthilfskonserenz durch Herrn Zewi Aberson vertreten. Das Cxekutiv-Kpmitee der jüdischen Welthilfskonferenz bat der Konferenz des Oberkommissariats ein Memorandum überreicht, worin darauf hingewiesen wurde, daß trotzdem die Juden der ganzen Welt und besonders die jüdischen Arbeiter an dem Hilfswerk für Rußland mit bedeutenden Mitteln sich beteiligen, die russischen Juden, welche nicht nur vom,Hunger, sondern auch gn den.schrecklichen Folgen der- Pogrome zu leiden haben, säst gar nicht von dem Hllstwerk des Oberkommissariais genießen. Diese abnorme Erscheinung erkläre sich uichi aus Gründen mangelnden Wohlwollens gegenüber der leidenden jüdischen Bevölkerung, sondern ist einfach darauf zurückzuführen, daß die ganze internationale Hilfsaktion fast ausschließlich in der Wolgagegend konzeniriett ist. die leidenden iüdischen Massen befinden sich dagegen nicht an der Wolga, sondern hauptsächlich in der Ukraina. Das Exekutiv-Komitee der jüdischen Welt« hilfskonserrenz ist der Meinung, daß die Hilfe für Ukraina und besonders für die Juden derselben als eine der wichtigen Aktionen in das Arbeitsproqramm des Internationalen Komitees ausgenommen werden müßte. Bezugnehmend auf das Memorandum des Cxkutiv-Komitees der jüdischen Wclthilfskonferenz hat der Vertreter des Oberkommissars, Herr Edmund Frick. die Annahme der Ulramahilfe in den Tätigkeitskreis des Internationalen Komitees Vovgeschlagen. Die Konferenz hat diesen Antrag angenommen. In einer entsprechenden Resolution werden alle in der Konferenz beteiligten Organisationen um Angabe des Ausmaßes und der Fornr ihnr Beteiligung am ukrainischen Hilfswerk bis zum 1. März höslichst ersucht. Die obenerwähnte Resolution wird in jüdischen Kreisen als ein großer Erfolg für die jüdische Hilfsaktion in der Ukraina betrachtet._ Lüge -es Frühlings. Novelle von Ludwig Davids ohn. (4. Fortsetzung.) Waller ging hinaus, während Hans die Schwester rief und mit deren Hilfe der regle S Daliegendett einen neuen verband umlegte. Seit jener Zeit was Walter noch bleicher geworden. Ein dunkler Schatten lag auf ihm. Er konnte jetzt stundenlang vor einem aufgeschilagenen Buch dasttzen und bewegungslos vor sich hinstarren; wenn HanS fein«» Freunde gegenüber nicht mit freundlicher Bestimmtheit aufgetteten wäre und darauf gchalten hätte, daß er sich wenigstenmehrere Stunden am Tage beschäftigte, so hätte er nur tatenlos geträumt. Denn er litt an einer liefen, dumpfen Traurigkeit, di« ihm jede Luft zur Arbeit nahm. So verrann di« Zeit. — Bon Westen wehte der Sturm, trieb hohe Wellen gegen da- Land, überschwemmte den Strand, zerriß die Dünenwege und entwurzelte uralte Bäume, als wären sie Kinderfpiel- «nd entwurzelte uralte Bäume, als wären sie Kinlderfpielzmg. Die knorrigen, zähen Kiefern, vre am rvaivranve wvchse«, streckten ihre Zweige nach Süden, als wollten sie vo, dem ungebärdigen Gesellen flieshen. — Der Mai brachte noch viel Wind und Regen. Erst um die Mitte des Monats legten die Obstlbäume ihren weißen Lenzschmuck an und überall grünt« und blühte «S. Die Linden und Kastanien hatten zatte, grüne Mätter und wenn am Tage das Sonnenlicht oder nachts der Scheinwerfer der Levchttuans ihre Strahlen durch die Zweige warfen, konnte man sehen, wie leuchtend und hell die Farben der Blätter Dann kamen warme Tage, an denen die Sonne beinahe brannte. Walter lag am Strande im heißen Sand und blickte auf das weite, wett« Meer hinaus oder sah träumend iw den tiefblauen Himmel, über den langsam leichte, weiße WSlkchen zogen — wie vage, zerfließende Träume. Ost lag der Hottzont tm Dunst verschwommen, die See starr und bleiern, doch in der zweiten Mathälste kamen die ttaven, seligen Frühlingstage, an deren Nachmittag das Meer spiegelblank war und im Sonnenschein bis zum Horizont wie flüssiges Silber erglänzte. Die Fenster des Krankenhauses standen fast alle weit offen. IM Gatten blühten Flieder und Faulbaum und die Wiesen waren mit strahlend gelben Butterblumen wie Übersät, — als hätte ein wunderlicher Verschwender blinkende Goldstücke über den Rasen gestreut. Dt« Schwalben waren längst wieder nach Wollahn gekommen. und tn d«c Luft lag ununterbrochen das Singen der Vögel. Walter begleitete Hans auf seinen Patienienbesuchen, arbeitet« mit ihm und führte die Krankenbücher der Klinik. Oft machte er weit« Streiszüg« ins Land. — Eine frli« same Veränderung war mit ihm vorgegangen. — Er war immer ein stiller und scheuer Mensch gewesen, aber doch nie so verschlossen und in sich gekehrt. wi« jetzt. Überall, — wo er auch war, — sah er vor sich das Gesicht jener rätselhaften Unbekannten; immerfort mußte er an sie und ihren seltsamen Liebreiz denken, und ihr süßes, trauriges Kindergestcht spielte in sein« Träume hinein. Sie war immer nur kurze Zeit, meistens nur am Vormittag, bei Bewußtsein. Dann lag st« sttll, mit halbgeschlossenen Augen da, den Blick auf das Meer gerichtet, und nur beim Kommen der Dampfer wandte sie den Kopf zur Seite. — Wenn dann die Sonne lief am Horizont stand und rotglühend wie ein gewaltiges, ttesiges Auge der Gottheit über das Meer strahlt«. verschlimmette sich ihr Zustand, und sie begann wirre und zusammenhanglose Reden zu führen. Manchmal stteg das Fieber so. hoch, daß der Arzt das Schlimmste befürchtete. Stundenlang konnte dann Walter an ihrem Bett sitzen, ihr Umschläge machen und wachen. In letzt« Zeit war st« stark abaemagert. Ihre Wangen waren eingefallen, die Hände durchsichtig zart und ihr« ganze Gestalt noch schlanker und ätherischer geworden. — Aber ihre ungewShnuche Schönheit halte darunter nicht gelitten. Ihr Gestcht mit den dunkler: Augen war nur noch durch, geisttgt«, noch «rgreisenid-schwermütiger. Täglich brachte Walter einen Strauß von allerlei Blumen aus dem Gatten und stellte ihn in ihr Zimmer. Wenn sie ihn bemerkt«, lächelte sie nur müde und scck ihn dank« oar an. Der Mai neigte sich seinem Ende zu und das schöne Wetter hielt jetzt tagelang an. Der Himmel war wolkenlos und die See dunkelblau. Die Luft war so klar, daß man die Segel der fernsten Fischerboote erkennen konnte: von den großen, dreimastigen Kuttern, die nach Wollahn kamen, konnte man zuerst nur ihre Mastspitzen sehen, bis dann allmählich das ganze Schiss austauchte. Unaehindett schien die Sonne und goß ihre warmen Lichtflutm über den leuchtend-weißen Sand de? Strandes, der unter den Tritten der Fußgänger leis« knirschte. Die ersten Badegäste kamen nach Wollahn. Am Seesteg lagen eine Menge Boote für die Fremden bereit, die weißen und braunen Segel gleißten im durchsichtigen Sonnenglast auf, und alles flimmerte, glitzerte und strahlte, die Wellen der See, das Grün der Parkanlagen, die Hellen Bezüge der Sirandködbe, die bunten Fähnchen der Kinder, die im Sande spielten und Burgen bauten. * # * Ein sonniger, lachender Tag war wieder angebrochen. Es war noch fttih Vormittag. Im Grase glänzten dir Tautropfen. Walter saß auf dem Balkon seines Zimmers und sah auf die endlose, blauende Weite der See. Vom Meere her wehte ein sanfter Wind, dir am Strande sich brechenden niedttgen Wellen rauschten leise, und in den Zweigen der Bäume zwitscherten die Vögel. — Es war alles so fttsch ... so klar... Walter batte den Kopf zurückgelegt, und während ei träumend zusah, wie eine große. Helle Wolke, die langsam in der blauen Luft dahinzog, sich allmählich auflöste und in Nichts zerfloß«, gewabtte er, daß er wieder an jene Fremd« dachte, die fiebernd über seinem Zimmer lag. Ueberall dachte er an sie, wo er stand und ging sah er ihr Antlitz, und er wttßie, daß er sie Nebte, wie er noch nie in seinem Leben jemand geliebt batte. Und der brennende, sehnsüchtige Wunsch stteg tn ihm auf. daß es seinem Freunde gelingen möge, die Kvcmke zu retten. (Fortsetzung folgt.)

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