Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 10 (10.3.1922)
- Date
- 1922-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisch-liberale Zeitung Die jüdisch-liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Vost oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich Mk. 6.— Einzelnummer 60 Pf. Lodlungen aufpostscheSkonto Breslau 4336 7,Aüvlfch. Nvrrale Lettung, Kassenverwaltung, LDager, Breslau i ■i i miimmn immn mnmmrr B Geschäftsstelle: Breslau 3 | Neue Sraupenflraße 7,1. Anaadmrfchlufür »erlchtr: Montoa mlttaa Sprechstunden der Schrlftleltung: Montag bis Freitag 12—1 vorm, ln der Geschäftsstelle. Annohmeschlust für Anzeigen: Dienstag früh Die 3*/> cm breite Millimeierzeile kostet 1 Mk., Aamlllenonzeigen?oVf. BelWiederbolungSrmä»lguvglt.Lar» Nr. 10 Breslau, den 10. März 1922 2. Jahrgang fHSSsmsaaRMSSHSRqi I Zur Beachtung! | [ mt für Me i| I Nedaktion & 11 i Cer .^adlfch-liberalen Lettuog" be- M I stimmten Einsendungen vonManuftripten, m 1 Berichten usw., sowie LeitungS-Lleber- M I Weisungen sind künftig an folgende Adresse li i der Redaktion zu richten: fj | Berlin w 8, Nauerstr. LL A { (Vereinigung für öa« liberale Judentum). H Errungen - Wirrungen. Von Hermann B c ck e r, Berlin. (Schluß) Eine neue Wirrung brachten uns die letzten Tage. Professor Weizmann, der Präsident des Weltbundes der Zionisten, hielt es für nötig, dem Vorstande und den Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Berlin in einer gemeinsamen Sitzung einen offiziellen Besuch zu machen. Es müßte Professor Weidmann doch besannt sein, daß der Vorstand sowohl als auch die Repräsentanten in ihrer Mehrzahl, einschließlich des ersten Vorsitzenden des Gemeindevorstandes und des ersten Vorsitzenden der Repräsentantenversammlnng der liberalen Richtung angehören. Ebenso waren die Herren des Hauses ühßr die Persönlichkeit ihres Gastes und über die Ziäe des Zionismus völlig mt Klaren. Sollte der Besuch des Herrn Professor Weizmann. der sich auf einer Propaganda-Reise befand, nur ein unverbindlicher Höflichkeitsbesuch sein, dann ist die Frage berechtigt: Hat Professor Weizmann bei seiner anstrengenden Werbetätigkeit noch Zeit zu einem bloßen Höflichkeitsbesuch gefunden, und wird er noch Zeit zu Höflichkeitsbesuchen bei den Vorständen der übrigen. Gro^ Gemeinden finden? Galt die Ehrung des Berliner Gemeindevorslandes aber nur der Person, dem ausländischen Gelehrten, und nicht der von ihm vertretenen Sache, ebenso wie der große Empsan.q, den ein anderes, hoch angesehenes Mitglied der Berliner Gemeinde, der äußerst selten weder seine „jüdische Seele" noch sein „jüdisches Herz" entdeckt, veranstaltete, weshalb wird anderen ausländischen und deutschen Gelehrten jüdischen Glaubens, die auf religiös-liberalem Standpunkt stehen, und deren Namen die gesamte Kulturwelt mit Hochachtung nennt, nicht gleichfalls von Zeit nt Zeit eine solche Ehrun.q von seinen Glaubensgenossen bereitet? Oder überragt die Stellung Weizmanns als Gelehrter in Wirklichkeit alle anderen? Für uns Staubgeborene ist und bleibt also in sedem stalle der Empfana ein Raffel. Daß ober diese Ehrung ein vortreffliches Propagandamittel für die zionistische Bewegung sein muß, das haben die ideellen Urheber sehr richtig erkannt und die bevorstehenden Gemeindewahlen in Berlin werden davon Zeugnis oblegen. Ebenso klug erdacht war der Empfang Weizmanns beim Reichspräsidenten. Es K+ auch hier nicht klar, was der Aufbau des heiligen Landes, der im Grunde genommen, den Engländern, den Mandatsinhabern Palästinas, die Kolonisierung ihres Mandatslandes auf frernde Kasten ermöglicht, mit dem Präsidenten der deutschen Republik zu tun hat. Es wäre auch interessant, zu erfahren, ob Professor Weizmann offiziell durch deutsche Zionisten, als Vertreter zweier Vaterländer, oder nur durch die Vereinigung der Zionisten in Deuffchland. als Vertreter eines Vaterlandes, bei dem Reichspräsidenten eingeführt worden ist. Die liberale Partei hat hier wieder einmal einen Beweis ihres demokratischen Doktrinarismus geliefert, ohne die Folien ihres Verhaltens zu bedenken. Glaubt etwa irgend ein liberaler Jude, daß eine zionistische Gemeindevertretung dem Führer einer internationalen Vereinigung liberaler Juden, und sei er ein noch so großer Gelehrter, einen so feierlichen Enrpsang bereiten würde, wie ihn Weizmann erfahren hat, oder daß iraend ein hervorragender Zionist in seinem Hanse diesem liberalen Führer zu Ehren einen Festabend veranstalten wird? Aber unsere liberale Gemeindevertretung. wie die anderer Großstädte, fürchtet in den Verdacht undemokratischer Gesinnung zu kommen, wenn sie nicht möglichst den Forderungen der Zionisten und der Orthodoxie entgegenkommt, so daß eine liberale Forderung nach der anderen dett Gegnern zu Liebe unerfüllt bleibt und langsam aber sicher die Gememdestuben unter die Herrschaft der Illiberalen kommen. Im übrigen ist es bemerkenswert, daß der Reichspressedienst, der üblichen Gewohnheit entgegen, bis heute noch keine Notiz über den Empfang Professor Weizmanns bei dem Reichspräsidenten gebracht hat, in welcher in kurzen Worten, wie bei anderen Empfängen, das Wesentlichste aus der stattgehabten Unterredung mitgeteilt wird. Ob die zionistische Presse diesem Mangel inzwischen abgeholfen hat. ist uns allerdings unbekannt. In diesem Zusammenhänge dürfen auch drei andere Irrungen im liberalen Lager nicht unerwähnt bleiben. Es ist bereits oben bemerkt worden, daß eine Anzahl liberaler Rabbiner für die jüdische Volksschule eintritt. >In der Hauptversammlung der Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, im Januar d. I., ist ihre Stellungnahme auch offiziell zum Ausdruck gekommen, indem sie bei der diesbezüglichen Abstimmung für die Bekenntnisschule ihre Stimmen abgaben und ausdrücklich ihre Namensnennung im Protokoll verlangten. Dabei gehörten zwei von i'htten zu den Hauptrednern der Hauptversammlung und ernteten jubelnden Beifall für ihre formvollendeten, begeisterten und begeisternden Vorträge zum Preise des liberalen Judentums!-Aber noch schärfer tritt ein bekannter liberaler Rabbiner für die jüdische Volksschule ein. Er droht in einem Artikel in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" klar und offen dem jüdischen Lehrerstande mit der Entziehung der moralischen Unterstützung seitens der liberalen Rabbiner, falls er sich einfallen läßt, für die Gemeinschafts- (Simultan-)Schule einzutreten! — Es erübrigt sich wohl jede Bemerkung zn dieser Irrung und Wirrung! — Und die zweite Wirrung seitens der liberalen Rabbiner ist noch unverständlicher. Auf denr deuffch-israelitischen Gemeindetage im Januar des vorigen Jahves, der die Satzungen der Gesamtorganisation beriet, unterstützten die Rabbiner aller Richtungen, also buch die liberalen, den Antrag des Lehrerverbandes, 5% des Gemeindeetats für die Gehaltsverbesserung der Lehrer und Kultusbeamten zu verwenden. Dieser Antrag wurde bekanntlich von der Majorität abgelehnt und dafür nur VA % bewilligt. Vor wenigen Wochen aber beschloß der Rheinisch-Westfälische Gemeindetag, für den Kerenhajossod 5% des Gemeindeetats zu bewilligen. An diesem Beschluffe wirkten liberale Rabbiner und Lehrer als Delegierte mit. Nirgends aber, soweit das Auge schaut, fand sich ein liberaler Rabbiner und Lehrer, der gegen diese stiefmütterliche Behandlung der Lehrer, im Gegensätze zu der Ablehnung des Lehrerverbandstages, ans dem deutsch-israelitischen Gemeindetage energisch Protest erhoben hätte! — — I st ein solches Gebühren vielleicht auch ein Merkmal der ne u entdeckten jüdischen Kultur oder gar der neuentdeckten jüdischen Seele? — Ein liberaler Lehrer, der fiir die jüdische Volksschule eintritt, wurde gefragt, wie er seinen Liberalismus mit seiner Stellungnahme zur Bekenntnisschule tot Einklang bringen kann? Seine Antwort laßt die dritte gewaltige Irrung und Wirrung im liberalen Lager erkennen. Denn er sprach nur das aus, was die wenigen Liberalen, die gleich ihm für die Bekenntnisschule eintroten, zur Begründung ihrer sonderbaren Stellungnahme stets anliPftün JipMn zil Bmlau. Montag, den 13. März 1922, abends 8x/4 Uhr. tm Saale der Gesellschaft »Eintracht*, Lauentzienstraße 12 (Eingang NNr Anger) Vortrag des Herrn Rabbbiner Dr. Sänger: m Wrvlch Hilft tm pmlmftfl. Anschließend geselliges Beisammensein. Frennde und Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. Sonnabend, den 18. März 1922, abends 7 Uhr. im großen Saale der »Gesellschaft der Freunde", Neue Graupenstraße 3/4: P u r i m » § e st. Eintrittskarten für Mitglieder nur gegen Vorlegung der Sondereinladung Mk. 9,— einschließlich Steuer» für Gäste, durch Mitglieder eingeführt, Mk. 17,70 einschließ» Steuer. Kartenverkauf ab 7. Marz in der Buchhandlung 8. Brandete, Karlstraße 20 und in der Zigarrenhandlimg Koenigsberger, Kaiser Wllhelmstraße 18. - ■ . führen. Er meinte: Politischer Liberalismus und religiöser Liberalismus sind verschiedene Erkenntnisse, sie fallen also nicht immer zusammen. Eine Begründung für seine, gelinde bezeichnet „sophistische" Ansicht gab er nicht, ebenso wenig wie seine Gesinnungsgenossen sie geben können. Es könnte also jemand nach der Ansicht dieser Pseudoliberalen sogar Komnntnist im politischen mtfc Orthodoxer im religiösen Leben sein. Es wird jedem, der das behauptet, schwer fein, uns ein solches Monstrum vorzuführen. Denn der Liberalismus erkennt di« biologische Entwickelung im Kulturleben der Menschheit genau so wie im animalischen Leben an. Wer aber die Religion — und das tun ja auch die Liberalen — als einen wichtigen Bestandteil der Menschheitskultur anerkennt, der muß auch das Gesetz der Entwickelung auf religiösem' Gebiete gellen lassen. Oder soll der religiöse Liberalismus nur in der Abschaffung religiöser Gebräuche, in der Reform des äußeren Gottesdienstes bestehen, das allgenreine Ziel der Menschheit aber, d. i. die Einheit der Gotteserkenntnis, zu dem nur in einer Gemeinschasts- (Simnltan-)Schule der erste Grund gelegt wird, nicht anstreben? — Das i st vielleicht die verhängnisvoll st e Irrung und Wirrung im liberalen Lager sowohl, wie indem Lager der Gegner, die das Judentum der Gegenwart ct u seinen Wendepunkt führ t. Nur der Vollständigkeit wegen will ich noch auf die letzte Irrung und Wirrung am Wendepunkt des deutschen Judentums Hinweisen, die allerdings — und wir können sagen „glückliä)erweise" — nicht von sonderlichem Einflüsse auf die Zukunft des Judentums sein wird, es ist die Bewegung, die den Namen „National-deutsches Judentum" führt, lieber diese Bewegung ist aber von allen religiösen und völkischen Richtungen im Judentum, ja selbst von der Seite, an die sich das national-deutsche Iudentunr anbiedern will, so gründlich der Stab gebrochen worden, daß wir an dieser Stelle darauf verzichten konney, uns mit ihm abzusinden. Aber diese Bewegung ist vielleicht der schlagendste Beweis flir die ungemein große Wirrung im Judentum der Gegenwart. V. Wenn wir nach Mitteln suchen, um diese Gegensätze zu überwinden, oder sie wenigstens zu mildern, damit die Schicksalswende das deutsche Judentum nicht zum Untergänge, sondern zu neuer Blüte führe, dann werden wir kerne anderen finden, als die bereits an anderen Stellen und von rlnseren Besten so vielfach enrpfohlcnen Einzelvorschläge. Wir können daher von ihrer Aufrählung hier Abstand nehmen und zugleich auf Grund der oben bezeichneten Irrungen und Wirrungen gewisse Richtlinien für unsere Arbeit zur Erhaltung des derrffchen liberalen und staatsbürgerlich gerichteten Judentums ausstellen: Ä. Außenpolitik (Einordnung in die deuffche Volksgemeinschaft). I. Teilnahme an der deutschen geistigen Kultur und ihrer Förderung: a) durch die Bekämpfung der Bekenntnisschule. b) durch die Forderung simultaner mittlerer und höherer Lehranstalten bis zur Universität für Schüler und Lehrer. e) durch Mtarbeit an Volkshochschulen und anderen volkstümlichen Bildungsveranstaltungen für alle Volksgenossen, ohne Unterschied des Bekennt iffes, durch geldliche Unterstützung und Lehrtätigkeit geeigneter Lehrer und Gelehrter aus unseren Reihen, desgleichen Unterstützung van Volksbüchereien. II. Rege Mitarbeit an dem wirtschaftlichen Aufbau unseres Vaterlandes: a) durch Förderung des Handwerkes und der Land« Wirtschaft unter unseren Glaubensgenoffen. b) durch intensive Teilnahme von Handel und Industrie, soweit diese Berufe von unseren Glaubensgenossen geübt werden, an den Wiederausbauarbeiten, 0.) durch Unterstützung auch derjenigen interkoirfessionellen. gemeinnützigen Anstalten, welche die Wiederherstellung und die Mitarbeit aller Kräfte für die Volkswirtschaft bezwecken, die bisher dazu nicht befähigt gewesen sind. NI. Bekenntnis zur demokratischen Republik: a) durch verfassungstreue Diensttätigkeit aller im Schul-, Bevwaltungs- und Staatsdienste stehenden deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. I)) durch rege Teilnahme im politisch-liberalen Sinne an den Wahlen für den Reichstag und die einzelnen La nde sversam mlungc n.