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Jüdisch-liberale Zeitung · 1922-01-27 · 4 (27.1.1922) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
2 (1922)
Issue
4 (27.1.1922)
Date
1922-01-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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MWW MWWW«»WWWl»?WWWWWWWW>WWWWWWM»«»WWWMWWWWWWWWWWW>WW ivahrend des Krieges die glänzendsten Proben Heimatliebe gegeben. Der Referent ging dann dazu über, die Einwirkungen des jüdischen und deutschen Geistes aufeinander durch die Anteilnahme jüdischer Philosophen. Nationalökonomen, Juristen. Physiker. Chemiker. Musiker. Vertreter aller Richtungen des Geisteslebens an der Fortentwickelung der deutschen Kultur zu erklären, wobei er mit der ticstvirkenden Bedeutung des Hauptwerkes der jüdischen Literatur, der Bibel, auf die deutsche Geistesentwickelung begann. Das Problem selbst ist durch die Allgemeinheit und Unbestimmtheit der Begriffe ..deutscher Geist und jüdischer Geist", die als solche sicher irgendwie existieren, äußerst erschwert. Man kann auf die Frage nach dem Wesen dieser beiden Geistesrichtungen keine präzise und allgemein befriedigende Antwort geben. Wenn vielfach von einem notwendigen Gegensatz zwischen den beiden Geistesrichtungen gesprochen werde, so könne der Referent einen solchen nicht anerkennen. Diese Auffassung von dem Gegensatz beruht auf dem Irrtum, daß s-ede Kultur nur der Ausdruck ihrer rassemäftiaen Gegebenheiten sei. Kultur aber war stets nur das Zusammenflieften von Gegensätzen. Kultur ist niemals etwas durchaus Einheitliches, sondern sie setzt sich aus den verschiedenartigsten Komvoneuten zusammen, sie ist Harmonie in der Vielheit. Man erkennt dies schon daran, daft in allen Kulturen — der Referent vertvies hier auf Plato. Dante. Shakespeare und Goethe — die prüften Geister ihre Rasse „transzendieren": nur bei den Franzosen findet sich eine Ausnahme; alle groften Franzosen sind Franzosen im typischen Sinne. Wie gefährlich es ist, nur die rassemäßigen Merkmale als düs Entscheidende zu betrachten, und an der vorübergehenden Erscheinungsform zu haften, erklärte Profesior Goldstein an dem Beispiel, wie etwa ein Grieche ü la Chamberlain zur Reit des Perikles über die Germanen geurteilt hätte. Gefährlich wird der konstruierte Gegensatz vor allem, tvenn er in die Politik getragen wird. Hier wird regelmässig von den Gegnern das „subalterne" Judentum als das wirkliche hingestellt und die Vertreter dieses subalternen Geistes als die indischen Juden. So entsteht das, was Professor Goldstern treffend den ..abstrakten" Antisemitismus nennt. Parallel mit der Minderbewertung des Judentums geht eine Emporwertung dessen, was von dieser Gristesrichtung aus als Deutschtum bezeichnet wird. Man geht dann so weit, daß alle sogenannten undeutschen Handlungen auf den Einfluß dieses subalternen Judentums zurückgesührt werden. Diese Unehrlichkeit, die ans politischem Gebiet grassiert, geißelte Professor Goldstern als die sittliche Krankheit der Gegenwart. Es sei gewiß zuzugeben, daft im Judentum bedenkliche Züge vorhanden seien, aber gerade diese stehen in direktem Gegensatz zu dem wirklich jüdischen Geist. Man darf diese Dinge schon deshalb nicht dem Judentum selbst zur Last legen, weil, wie Professor Goldstein treffend bemerkte, ein Diele üblen Eigenschaften und im wesentlichen aus den historischen Erlebnissen der Juden bis in die allerletzte Vergangenheit und die Gegenwart hinein zu erklären und .war unter nickt geringer Mitwirkung und nicht geringer Misichuld der Christen. Dies trifft in ganz besonderem Maße auf die Ostjuden zu, die aus historischen Gründen die üblen Seiten in viel höherem Maße aufweiscn als die deutschen Inden. Die deutschen Juden trifft keine Schuld daran.. daß diese unglückseligen Menschen, die in den unglaublichsten Verhältnissen gelebt haben — Professor Goldstein erinnerte daran, daß russische Jüdinnen, die studieren wollten, eine Prostitniertenkarte nehmen mußten — durch Me Katastrophe des Weltkrieges aufgescheucht worden sind. Die deutlchcu Juden haben sie nicht gerufen, sondern Ludendorff war der Erste, der sie importierte, um billige Munillonsarbeiler zu bekommen. Und gerade die deutscyen Juden empfinden die schlimmen Seiten der Ostsuden besonders und verurteilen die Auswüchse viel mehr, als ima christlichen Mitbürger. weil sie sich ihrer Glaubensgenossen. auz die diese Vorwürfe zu treffen, schämen. Uwer den Mängeln der deutschen Juden gilt als der hervorstechendste die religiöse Gesinnungslosigkeit, die den Glauben wechselt wie ein Hemd. Aber auch hierfür gibt es manche EnARWgimM. ffit W« CrfchMrMg der Beamtenlaufbcchn und die Zurücksetzung im Militärdienst, wofür Professor Goldstein auS seinem eigenen Leben ein markantes Beispiel anführte. Die Erkenntnis der Fehler der deutschen Juden bedeutet gleichzeitig den Willen bei ihnen, an der Abstellung dieser Mängel nritzuwirken. Aber dies ist nur möglich, wenn sie dabei die Unterstützung ihrer nichtjüdsichen Mitbürger finden. Gerade ans diesem Gebiet machen sich die verderblichen Folgen des Antisemitismus bemerkbar. In diesem Sinne sei tatsächlich die Iudensrage eine Antisemitenfrage. Die sittlichen Fehler deS Antisemitismus beruhen in der bequemen Schlußfolgerung nach einigen Schlagworten und in der Verhetzung und Vergiftung der breiten Volksmassen. Die Entgiftung des Kampfes ist eine Aufgabe ebensogut innerwie außenpolitischer Natur. Professor Goldstein erwähnte, daft ihm bei seinem Wirken im Auslande für daS Deutschtum immer entgegengehalten worden sei, daft die pazifistischen und demokratischen Ansichten ja nur von deutschen Juden verbreitet würden, die von den Deutschen nicht ernst genommen würden, wie ihre Gegner täglich behaupteten. Man müsse auch bedenken, daft in zahlreichen Kabinetten des Auslandes Männer jüdischen Bekenntnisses säßen, und daft in diesen durch die giftige Kamvfeswüse der deutschen Antisemiten natürlich keine Sympathien für Deutschland erweckt werden können. Eine Bekämpfung deS Antisemitismus wirke daher im Innern unfc im Aeufteren für den Wiederaufbau Deutschlands. Zugleich aber werde dadurch die mciterialiftiscl)? Irrlehre. daß der Mensch nur ein Exemplar seiner Rasse sei. bekämpft, eine Irrlehre, die zu den verderblichsten Abwegen unseres Volkes führen müßte. Den Worten Professor Goldsterns folgte reicher Beifall. Aus eine Aussprache wurde verzichtet, da wohl nach der Ansicht aller Erschienenen das Problem durch den Referenten restlos geklärt war. Der Vorsitzende verlas zum j Schluß noch einige Briefe einiger geladener Persönlichkeiten, wie des Staatssekretärs Brugger, der erklärte, daft die Frage in der heutigen Zeit für die Einigkeit und Ge- ] schlossenheit des deutschen Volkes von großer Bedeutung | fei. Exzellenz Wallraf, der kürzlich in einer deutscknatioitafeu Versammlung über die gleiche Frage gesprochen hatte und der vom Zentralverein mit der Anfrage geladen war. ob er die Gerechtigkeit, mit der er in seinem früheren Amt in Köln gegenüber den Bürgern aller Konfessionen verfahren sei. auch für sein weiteres Wirken gelten lassen wolle, hatte erwidert, daß er die Gesinnung, die ihn in Köln beseelt habe, auch für sein jetziges und künftiges Wirken als Leitstern betrachten werde. Danrit hat also auch wohl Herr Wallras zu verstehen gegeben, daft er die „völkischen Forderungen" seiner Partei nicht in allen Punkten billigt. o Ws öem Reich, Weben des Rabbiner» dr. Nobel. Unmittelbar vor Schluß der Redaktion erhalten wir die Nachricht vom Tode des Rabbiners Dr. Nobel in Frankfurt a. M. Nobel, der erst vor wenigen Monaten das 50. Lebensjahr vollendet hat, war als Nachfolger von l Marcus Horovitz der konservative Gemeinderabbiner in 5 Frankfurt. Er war ein tiefgründiger Gelehrter auf dem J Gebiete talnrudischer und rabbinischer Wissenschaft, ein ■ Mann von feinster und umfaffcnbfter klassischer und mo-! derner Bildung, ein philosophisch gründlich durchgebildeter i Denker und ein zündender Redner. Diese Vorzüge im j Verein mit der Vornehmheit seines Charakters und seiner Herzensgute haben ihm das überragende Ansehen verschafft, dessen er sich erfreute. Er war der überzeugte Verfechter der Einheit der Gemeinden Mtd des deutschen Judentums (segewüber allen Absonderungsbestrcbungen extrem orthodoxer Kreise. Seit Professor Guttmanns Tode war er der Vorsitzende des Allgemeinen deutschen Rabbrnerverbandes. Alle Parteien baden ihm gleiche Verehrung entgegenaebrächt. Sein Tod wird von allen als ein schwerer Verlust für das deutsche Judentum empfunden. ' Berlin. Äsnta-s-BorlesunM. Die Hochschule für die Wisse ns chaftdes Judentums veranstaltet. wie seit 50 Jahren, auch in diesem Winter einen Zyklus von sechs Montags-Borlesungen. Es werden sprechen: 6. Februar: Rabbiner Dr. Max Wiener, Stettin: Jüdisches Gefühl und dogmatischer Glauben. 13.. Februar: Frau Dr. Rahe! Wischnitzer. London: Miniaturmalerei in hebräischen Handschriften (mit Lichtbildern). 27. Februar: Professor Dr. David Koigen, St. Petersburg: Religion und Ethos im Dasein des Einzelnen. 13. März: Landgerichts-- rat Friedrich Caro: Bon den ewigen Elementen des Rechts. 27. März: Professor Dr. Gotthold Weil: Orientalisches im dänischen Sprachschatz. Görlitz. In der „Arbeitsgemeinjckwft jüdischer Kor» porationen" las Herz G r o ft b o r t h vom „Jüdischen Künstlertheater" in Berlin ostjüdische Dichter. Vas zu-; nächst als Wagnis erscheint: einer deutschen, des Jiddisch! völlig unkundigen Hörerschaft jene Dichter in der Ursprache vorzutragen, wurde zu dem großen künstlerischen Erlebnis des Abends. Keine Uebersetzung (und sei sie noch so glänzend) vermag die Schönheiten eines Originals voll zu erschöpfen; um wieviel weniger bei diesen ostjüdischen Dichtungen, deren StimmungSgehalt so innig mit der Ursprache verknüpft ist! Freilich bedarf cs eines Interpreten von der immensen Charakterisier,nmskunst eines Groftbarth, um dem Hörer Verständnis und Schönheiten dieser Werke voll zu erschließen. Was er bot. war mehr als „Kunst". war schauspielerische Urkraft, die sich mit Gewalt in die Seelen elnhämmert. Die Mystik und Ekstase des 1. Aktes des Perez'fchcn Dramas „Tie goldene Kette" könnte nie ein westeuropäischer Künstler einem Publikum bieten. Bei Groftbarth war das Stück der Höhepunkt des Abends. Ergriffenheit und Weihe lag über den Hörern, eine einzige unerhörte Steigerung von den ersten Worten ab bis zu dem Hohenlied am Schlüsse, der sortrift und erschütterte. Dann minutenlanges atemloses Schweigen: kann es eine schönere Form des Beifalls geben? Einem Künstler dieses Formats bereitet die ostjüdische Novellistik keine Schwierigkeit; mit wenig Strichen weift er Menschen des ostjüdischen Alltags lebendig vor das Auge des Hörers zu stellen: So in Perez' köstlicher Humoreske vom „Schabbesqoi". aus der alle Spn'ib.tcufelcken einer lachenden Philosophie hervorkichern (und die lachenden Antlitzes manch' bittere Wahrheit sagt): so in Nadirs übermütigen Grotesken. Trotz aller Heiterkeitsstürme: Groftbarth ist kein Komiker: er ist auch hier glänzendster Menschendarsteller: eine kleine Modulation der Stimme, eine knappe Geste und ein ganzes Menschenscbicksgl stellt vor uns. Ein ganzem Künstler, von dem die vBcfr noch reden wird! Leipzig. Die „Unabhängige Sozialdemokratie" uud Religionszugehörigkeit. Aus dem Parteitag der „Unabhängigen Sozialdemokratie" beschäftigte man sich am letzten VerhandlnngStage mit der Frage der Zugehörigkeit zu einet . KirchengeMinnschüft. Der sächsische Minister des InnetzU, Lipinski, erstattete den Bericht der Organisationskoinmission und wandte sich dabei gegen einen Antrag Berlin- Brandenburg, daft als Kandidaten zn den Gemeinde-, Kreis- und Provinzialvertretungen für Landtag und Reichstag nur solche Personen vorgeschlagen wrrden dürfen, die keiner Kirchengemeinschaft angehören. „Wir sind eine Partei und keine Sekte", betonte Livinski, „jeder Christ, der > konsequent sein will, müßte ja eigentlich nach unserer lieberzeugurig zum Sozialismus kommen. Aber das Glaubensbekenntnis darf kein Hindernis für die Mitgliedschaft in unserer Partei biföcn. Falls ein Bezirksverband in dieser Frage anders entscheiden würde, so würde er sich damit in Widerspruch zu unserem Organisatiorisstatui setzen." In der Anssprache erklärte ein Delegierter, nach seinem Dafürhalten müßte sich einmal ein Parteitag mit der ganzen Frage der Religionsangehörigkeit gründlich beschäftigen^ Die Erfolge in der Kirchenauslrittsagitation, die die Massen von der alten Gesellschaft loslösen sollen, sind ganz minimal: die Partei verlange keinen äußerlichen Austritt aus der Kirchenaemeindc. sondern die innerliche Freimachung. Der Antrag Bert:n-Bra''-v^---> '"mcke dann auch abqelehnt. IMW—UJMKMWUaW—i—p BSMB Diicherbefprechuagen. Hemmte tzli-ldschm-dt. st b v Lebe n und ihr Schaffen. Largestellr von Joseph uc Siebe und Dr. Johannes Prüfer. Oberstuölendirektor. Mit 2 Bildern. Akademische Verlaesgeselljchaft in. h. H. m Leipzig. 1922. Henriette G o l d s ch m i d t ist im Leben wie nach ihrem Heimgänge v.clnefcicrt und nach vollem Verdienst gewürdigt worden und^hat nun auch ihre Biograpi?en gefunden. Fraglos ist' Henriette Gold schrmdt reicht nur die bedeutendste Frau der deutschen Frauenbewegung gewesen, sondern auch die bedeutendste Frau, die das Juden, tum aer zweiten Hälfte üe-Z 19. Jahrhunderts heworgebracht hat und Ire war eine Jtberolo. Jüdin! Der Lebens- und Werdegang der'arrs- 1 ± t- . "L.*. ™n uno «tfiwi, m oas Lenken, Wrrren und Lchasten der Pionierin der deutschen Jrauenbeweauna. »er zzungeriu Kiedrich Döbels, gewährt. „Vom Kindergarten aur Hoailchnle jur grauen" hat die edle Verklärte chr letztes Werkcken genannt: sie hatte es nermen müssen: ..Bon der Elementarschule der llemen dcutjch-polniichen Ltadt bis zur Gründung der Hochschule für '^ueu nii e ner der bedeutendstenKMturstädte Deutschlands". Henriette Goldjchm dt hat Auszeichnungen hinterlassen, doch diese sind nur lückenaus cknen wie aus Erinnerungen, aus geführten Gesprochen ultd Lrzaylteut har Fraulein Josephine Siebe, eine junge Freundin dtt grofi-n Loten in der Schilderung von deren Leben und Entwtllclung cm rührendes Denkmal der Liebe, Verehrung und Dankbarkett errichtet. , .Henriette Golvschmiots Leben und Enttmckclung leitete in ihr Lchanen hinüber, und diesem ist Dr. Johannes Prüfer in schönster Wene gerecht gewoiden. Was sie für Leipzig, die Stadt die ihr langer als sechzig Jahre die Heimat wurde, gkleistct hat. wird ihr für alle Zeiten unvergessen bleiben, als Begründerin des Vereins für .Familien- und Vollserziehung und seiner Anstalten, „vom Kindergarten bis m Hochschule für Frauen", wird ihr Andenken unvergänglich im Segen fortleben. Bis ans Ende ihrer Tage hat Henriette Goldsch'.nidi stets den Gedanken zum Ausdruck gebracht: „Die Arbeit ist die Grundlage unserer Kultur, die Arbeit ist daher Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts, alle Hindernisie müssen beseitigt werden, die dem im Wege stehen." Die Frau, die vor einem halben Jahrhundert wiederholt fragte: ..Wir haben wohl Väter der Stadt, wo sind die Mütter?", die für „Rechte imb Pflichten der Frauen in Gemeinde und Staat" kämpfte und das wundervolle Wort geprägt hat: „Der Erz'ehungsbrmf ist der Kiilturberuf der Frau", wurde vorbildlich für ihre zeitgenössischen Mitschwestem nicht nur. sondern für kommende Generationen. Ob auch die Kröminq ihres Lebens- Werkes. bi? Hochschule für Frauen, am 1. Oktober 1621 mit ihren gesamten Anstalten in den Besitz der Stadt Leivzig übergegangen ultd zu einem sozia!--vädagoüischen Frauenseminar umacwandelt worden 'st. was Henriette Goldschmidt erkannt und erstrebt, als ihr Erbe lebt es fort, nur in zeitgemäßerer Gestalt, lebt und wirkt fort, zum Segen des Volkes durch ibr Geschlecht! Möge dieses Frauenbrich bester Giite Eingang und Verbreitung in den jüdischen sfamilien finden! Breslau, Januar 1622. Regina Neisser. Zum füufziqsteu Geburtstag des frankfurter Rabbiners Dr. 91, A. Nobel war im Verlag I. Kcnrfftnann, Frankfurt a. M., «ine Festschrift erschienen, die ein« Reihe wertvoller Aufsätze allgemein philosophischen nwd anderen Inhalts vereinigt. Reben einem Beitrag von Martin Bub«r ^Drei Predigten" finden sich u. a. aus dem Nachlaß Hermann CobenS „Briefe über Gottfried Keller-, ferner rin Aufsatz von Eduard Strauß Über »Mystik, freie, Geist und Offenbarung" und eine bemerkenswerte Giuldie ,Platon nnd die Tragödie" von Ernst Simon. Die Inden in der Kartkatur. Es ist daS Verdienst von E d u a r d Fuchs, die Karikatur als Quelle kuliurhtstortscher Forschung erkannt und benutzt zu haben. In früheren Werken hat er die Frau tu der Karikatur, die Karikatur der europäischen Völker und de- Weltkrieges dargesiellt und ist dabei zu wertvollen, geschtchtlichan Einblicken gelangt. DaS vorliegende Merk, wie auch d'e übrigen fttten- und kulturgeschichtlichen Bände von Eduard Fuchs bei Albert Lanflen in München erschienen, ist eine rein historische Arbeit, die keinerlei Tendenz versolat^! Sie will levialich .die Gesetze aufdecken, die auch in der Ge« c-enwart bei d.w Emstehung der Judenkarikatnren wirksam sind." FnchZ geht von den WirtschastZgeschicktlichen Ersckei.^ nungen au§ und schildert die Rolle deS ^ndentums bei der historisch notwendig bedingten Entstehung der großen Kaut« talirn. Da aber unsere Kultur auf d:r Geldw'rtschaft auf-- gebaut ist. bat daö Judentum an der GeNaltunn des u« rellen Lebens einen bedeutenden Anteil. Die Unkenntnis dieser weltgeschichtlich notwendigen Fufammenbäuge ist die letzte, gvheime Ursache des Judenhasies. der nur scheinbar ein Rassenhaß, in Nirklickkrit der Haß der Unwissenheit und der Konkln-renzfurcht ist. Von den ersten uns bekannten Karikaturen des 15. Jahrhunderts, die als Skulpturen an kirchlichen und profanen Bauten austrrten. bis zur arabischen und literarischen Karikatur der Neuzeit verfolgt FuckiS die Geschickte deS Antisemitismus. Denn eine solche Geschickte ist dieses Werk. Sein Text bealeitet nur als Erläutemna das viel wichtigere, in außeo^rdenllicher Rei^w^ltiMt gesammelte Pildermaterial. Vielleicht bat der Verfasser soäar des Guten zuviel getan, mn mit der Reproduktion der Witzblattillustrationen die Oberflächlichkeit und Seichtheit der sch«n Karikatur darzutun. Karikaturen von bohem Niveau findet man fast nur bet den englischen Zeichnern und Kupfer, siechem des 18. Jahrhunderts lDhomas Rowlandson, CruikS-- han«, Woodward, Hogarth «. a.). Eckter Humor mildert hier di« Gehässigkeit, die sich in dem modemen Plcchatstil deS 29. Jahrhunderts skrupellos austobt. Wicwohl der Ver« fasser nur kulturhistorische, nicht aufllärerisch« Absichten der» folgt, ist sein Werk dennoch ungewollt gleichzeitig «in wich, tiger Beitrag zur Geschichte der menschlichen Dummheit. v. *. >

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