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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-12-02 · 50 (2.12.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
50 (2.12.1921)
Date
1921-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der Rerchttimd iwischer Kremtfowst-» hlett am 22. November in Berlin seine Hauptversammlung ab unter der Leitung des BundeSvorsitzenden Kameraden Dr. Loewenstein. Die über daS ganze Reich verteilten, zu Landesverbänden zusammengeschloffenen 71 Ortsgruppen mit'etwa 10 000 Mitgliedern waren größtenteils durch Abordnungen vertreten. Vor Beginn der Verhandlungen wurde der 12 000 im Weltkriege gefallenen und der im Laufe des Geschäftsjahres an den folgen ihrer Verletzungen verschiedenen Kameraden gedacht, zu deren Ehrung sich die Versammlung von den Plätzen erhob. Die Bundesleitung erstattete sodann ihren Geschäftsbericht, der Beweis ablegte für die Hingebung, mit welcher sie auch in diesem Jahre wieder für die Ziele des Bundes bearbeitet hat. Hierauf hielten die Vertreter der Landesverbände Bayern, Schlesien und Nordost-Deutschland Referate über den Stand der antisemitischen Bewegung im Bereich ihrer Landesverbände.. Die Vertreter der eimelnen Ortsgruppen berichteten über ihre Arbeit im letzten Geschäftsjahre und tauschten ihre Erfahrungen untereinander aus. In den anschließenden Beratungen wurden die Richtlinien für die Arbeiten des neuen Jahres in großen Zügen festgelegt. E. MsinW WOnkiM auf dem Wege nach einet neuen Heimat. D«r Hilfsverein der Deutschen Juden, der bei dem Hilfswerk für die ukrainischen Juden seine organisatorische und pekuniäre Mithilfe leiht, nimmt auch an der Waisenfürsorge m verschiedener Form tätigsten Anteil. Was in seinen Kräften steht, bietet er auf, damit der Durchzug ukrainischer Waisenkind«, die in Sammeltransporten über Deutschland einer neuen Heimat zugesührt werden, möglichst schnell und behaglich vonstaiten geht. Im Sommer dieses Jahres hat der Hilssoerein Transporte ukrainischer Waisenkinder, die nach Canada und Ar gentinien bestimmt waren, bei ihrer Ankunft an der deutschen Grenze durch seine Beamtenain Empfang nehmen und bis zur Westgrenze geleiten lassen. Bei der Durchführung von Transporten über Berlin sorgt für die Unterbringung und Verpflegung der Kinder der dem HilfAoerein angegliederte Bahnhofsdienst, dem besondere Räume am Schlesischen Bahnhof zur Verfügung stehen. Vor kurzem ist ein Transport von 90 Kindern über Berlin gekommen. Es gehen jetzt monatlich unter Führung der Gesellschaft „H i a s" von Warschau über Danzig und Bremen regelmäßig mehrere Kindertransporte nach der neuen Welt. lieber den Transport, der am 15. November Bremen verließ, geht uns der folgende Bericht zu: „Ein Transport jüdischer Pogromwaisenkinder (im ganzen 5 8) kam Dienstag, den 15. November mit dem Lloyddampfer „Möve" in Bremen an, um gleich am selben Tage mit dem großen Schnelldampfer „Amerika" die Weiterreise nach Amerika anzutreten. Ein Kulturmensch kann sich kaum vorstellen, was das Wort „Pogromwaisen" bedeutet, Vater und Mutter erschlagen, Bruder und Schwester ermordet. Viele dieser unglücklichen Ueberreste blühender Familien sind noch scheu, verängstigt, noch heute vom Gespenst des Pogroms verfolgt. Es ist ein mühseliger, dornenvoller Weg, den di« Kleinen hinter sich haben. Welch ein Glück, daß mitfühlende Menschenherzen sich dieser armen Geschöpfe liebevoll annchrnen. So groß das Elend, so reich die Hilfe. Der Transport wurde durch den Vertreter des Hilfsvereins in Bremen,. Herrn Rabbiner Dr. R o s e n a k, empfangen und ' weiter geleitet. In dankenswerter Weise stellten sich die Damen des Schwesternbundes der Kaiser-Friedrich-Loge zur Verfügung. Vom Norddeutschen Lloyd war der Leiter der Zwischendeckabteilung mit seiner Frau anwesend, die sich gleichfalls in rührender Weise um die Kinder bemühten. Die Ueberfahrt von Danzig nach Bremen haben die Kinder gut überstanden. Die Seeluft hat ihren Appetit angeregt, eS war eine Freude zu sehen, wie sie sich die dargereichten Leckerbissen schmecken ließen. Bet der Anhunft wurden sie in den geräumigen Llovhallen mit Schokolade und Kuchen, Tee und Gebäck bewirtet. Vom Damenkomitee hat jedes Kind eine Tüte mii Obst und Gebäck empfangen. Auch Spielsarben wurden den Kleinen gereicht. Der amerikanische Arzt nahm eine gründliche Untersuchung vor. Bis aus einzelne wenige wurden alle als gesund befunden. Unter den Klängen der Schisfsmuük bestiegen sie den Dampfer „Arne, rika". A'it herzlichen Dankesworien verabschiedeten sie * indem sie den Rabbiner baten, sie zu segnen. Gott segne und behüte Euch! Aus vielen Kehlen kam das Wort und schallte hinüber zu jenen, die, wie zu hoffen stcht, einer besseren menschettswürdigen Zukunft entgegen ge Yen." Außer den Damen und Herren des Hilfsverein- und Logenkomitees, das sich der Kinder annahm, gebührt dem Norddeutschen Lloyd und seinen Vertreiem für die besondere Fürsorge, die den Kindern aus der Seefahrt und im Hasen zuteil wurde, wärmster Dank. $8Mf4e Nu»Sart8erurra *tt* SaSset-RMmk! I« ftottm* wurde dieser Tag« ei« vertrag über die »ung der jüdischen Auswanderung aus Gowjet-Nußland je» der litauischen Regierung und den Vertreter« des Vollzugsausschusses der jüdische« WetthilsSkonserenz in New Nork, Paris, Moskau und Berlin (Dr. Klee) abgeschlossen. Rach diesem Vertrag gewährt die litauische Regierung» die durch den Minist« deS Inneren und den Minister für Mische Angelegenheiten vertreten war, den Sowjet-Emigranten ungehinderte Einreise und stellt alle Einrichtungen, Wohngelegenbeit. sanitäre Hilfe und Verpflegung zur Bersügüng, um eme geregelte Durckwanderung zu ermögliche«. Die Aus» Wanderung über Litauen wird im nächsten Frühjahr beginnen können. Aus öer Presse. Brief aus Palästina. Das „Israelitische Wochenblatt für die Schwch" bringt einen Bericht seines Korrespondenten über die letzten Unruhen in Jerusalem, der die gespannten Verhältnisse in Palästina scharf beleuchtet. Wir geben die sehr interessante Darstellung in folgendem wieder: „Wiederum ist. durch die Schuld oder Fahrlässigkeit der Regierung. und ohne jeden besonderen Grund, jüdisches Blut, geflossen. diesmal 'n der Landeshauptstadt, in Jerusalem. DieEreignisie haben uns jetzt zwar n'cht in den Weise überrascht, wie etwa die vorangehenden Pogrome in Jerusalem und Jaffa, aber immerhin kann man sich deS bitteren Gefühls nicht erwehren, daß unsere Reg'eruna hier eigentlich nichts lernen will, und daß es jedem hergelaufenen Barfüßler möglich ist. wenn es ihm beliebt, jüdische Passanten niederzuslblaaen. ohne dafür sebr genau zur Ber. antwortung gczooen zu werden. Noch ist d'e Druckerschwärze auf den Seiten des Berichtes der amtlichen llntersuchnngskommission über d'e Ereignisse in Jaffa, der soeben veröffentlicht wurde, nicht getrocknet, noch sind die Gräber der Märtyrer von Jossa rückt mit den richtigen Inschriften versehen worden, und schon fließt frjsckes jüdisches Blut, schon fallen wieder jüdische Ermordete auf den Straßen, und der Verantwortliche für Ordnung und Sicherheit tveiß nichts Besseres der Welt mitzuteilen, als daß ..eine Rotte turbulenter Araber" ssoaar d"r amtliche Bericht findet diese Bezeichnung notwendig) sich zu Exzessen hinre^ßen ließ, die leider das Leben von mehreren Personen gekostet haben. Es ist daher der hebräischen Presse in diesem Lande nicht zu verargen, wenn sie mit einer herzerfrischenden Offenheit die Reg'eruna und besonders den berüchtigten Gouvemeur Storrs d'rekt anklagt und diesen Mann, unter desien Regime bereits zwei Pogrome. stattgefunden haben, und der jetzt am blutiaen Tage des 2. November, von den arabischen Mördern auf den Armen gehoben ipurbe, auffordert, seinen Platz zu räumen, da er ein Schandfleck Wir die Ehre Großbritanniens sei. Cs ist auch nicht zu varwundem, wenn dieselbe Presse die Regierung, unter deren Zepter solche Er, eignisse geduldet werden der strafbaren Schwäche und des mangelnden Willens zeiht, weil sie die elementarsten Forderungen persönlicher Sicherheit, die in einem modernen Staatswesen über«. Haupt denkbar sind, zu erfüllen und das Leben emer Bevölkerung, die ruhig und ohne Unterbruch für das Aufblühen des Landes arbeitet, gehörig schützen nicht imstande ist. ES müssen schon Laute mit Nerven von Stahl diejenigen sein. b!e sich zum dritten Male imrrt anderthalb Jahren einem Gemetzel aus^esetzt sehen, wenn sie dabei nicht in Berzweissuna geraten. Dabe'> ist der ganze Verlauf dieser jünasten Tragödie ein derartig grotesker, daß man sich fast schämt, die Einzelheiten zu berichten: Die Zentrali-q'erung in Jerusalem, wo Militär. Kanonen. Aeroplane, Schutzleute, neue Gendarmerie. Panzerautomob'le und indische Reiterei vorhanden Ist. konnte die "Indische Bevölkerung nicht rechtzeitig und nickt gehörig aeaen d'e Wut einiger Dutzend arabischer Burschen schützen, die sich an diesem, von einiaen blutrünstigen Agitatoren zum „Trauertag" ob der Balfourdellaration proklamierten 8. November, damit belustigten — denn sie haben sich in der Tat belustigt — einige Juden niederzustechen! Diese wenigen „turbulenten Araber", welche unter den Augen d:r Polizei (die. wie üblich, keinen Befehl zum Schießen hatte und auch keinerlei Massen trug), mit Stöcken und Messern und Handgranaten hantieren durften, brachten es indessen fertig, vier Juden totzuschlai-en und an die 39 zu verwunden, darunter 13 schwer, ohne daß die diversen Kategorien von Schutztruppen rechtzeitig einaeschritten wären. D'e Augenzeugen beklagen sich allgemein über die schreckliche Juteresselosigkeit von seiten des Herrn Gouverneurs, der es nicht fertig bringen konnte, seinem eigenen Befehle, daß Ruhe und Ordnung am 3. November gewahrt uiib die Läden offen gehalten werden sollten. Gebär zu verschaffen, der eS aber nicht duldete, daß die jüdischen Kaufleute am darauffolaenden Tage die Geschäfte zum Zeichen der Trauer ob der gefallenen Opfer schlossen. Es ist doch mehr alz merkwürdig: Im ganzen Lande, sogar in den entlegensten Kolonien, konnten sie OrtSgouvirneure und Kommandanten die Ruhe sichern, und ausgerechnet in Jerusalem, unter den Augen des OberkommissarS. durften Mordbubelk unter Rufen wie „Palästina ist unser Land urid die Juden sind unsere Hunde". „Die Regierung ist einir Schw . . . ei", Juden niedcrmetzeln. und die Abwehrmaßnahmen waren so schwach, daß von der Rotte von Marodeuren im ganzen e'n Toter und ein paar Verwundete sielen, zum Teil unter den Stockschlägen der sich wehrenden, angegriffenen Juden selber. ' E'nmal kann jemand fehlen, ein zweites Mal schwach sein, ober daß es möglich war. an dem Tage der Deklaration Balfours, die den Juden in Palästina eine nationale Heimstätte sichert und d'e Mithilfe Errglands dazu verspricht, zum dritten Mal jüdisches Blut in der: Straßen Jerusalems zu vergießen, das muß als ei« sehr bedenksiches Symptom gedeutet werden. Als das Symptom Am an andauernder Schwäche lKdenden Reglerrma, Re Sni «Wem Schmeicheleien und Koseworte sagt, während diese «nschva» 1 gegen die Sicherheit ihrer Mitmenschen brüten; die nicht imstande! W. mit der nötigen Energie aeaen alle diejeniaeN aufMtreten, dis mH Willen oder aus Nachlässigkeit schuld sind an dem vergossenen jüdischen Blut.. Als das Zeichen einer Politik, die nicht einmal in der Loge ist. die unter den Türkerr herrschenden Zustände, wobei doch wenigstens keine Pogrome möglich waren, zu gewährleisten, sondern mit schönen Reden und edlen Gesten eine Bevölkerung regieren will, die durch Agitatoren zu Halbwilden herangehetzt wurde.'. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet die Jeschiwa „Torat Hayim". eine Stätte, wo die heilige Thora von bleichen, wütfremden Jünglingen in voller Inbrunst studiert wird, mußte der Schauplatz dieser grausigen Katastrophe werden; dort platzte die von d-n arabischen Buben geworfene Bombe, dort wurde de» Schamasch mit Messerstichen ermordet — die rohe Wut dieser Asiaten, die sich schon für politische Ideen reif glauben und in diesem Glauben vor der schwachen Regierung ermuntert werden, hat keine geeignete« Stelle gefunden, um sich gegen die unschuldigen Opfer zu ergießen! Di« Folgen dieses neuen Attentates gegen die Sicherheit uns das Leben der jüdischen Bevölkerung Palästinas sind noch nicht abzusehen. Nur eines spürt man sofort, wenn man nur auf die Straße hinausaeht und einige der neu angekommenen Einwanderer sieht und spricht. Sie folgern, mit der dem einfachen Monns eigenen Logik, daß es eigentlich nicht lohne, von Ungarn. Bolschewikirußland oder Rumänien hierherzukommen. uw zweimal m einem Jahre Pogrome zu erleben; diesen Spaß habe man in der Ukraine zum Beispiel viel billiger. . . . Und wiederum schleicht sich Entmutigung auch bei den mutigsten Pionieren ein und flüstert ihnen traurige Gedanken zu. Wiederum erhebt sich vor uns allen die Geist- und Arbeitsfreudigkeit lähmende Frage: Was soll ans unS und unseren Hoffmmgen werden? Wie soll es weiter gehen in diesem Lande unserer Zukunft, wo jeder Schritt nach vorwärts mit rotem Blute befleckt und von Leichen unsere Brüder gehemmt wikd? Diese trübe Stimmung schwebt heute über dem ganzen Land«« Sie wird erhöht durch den Umstand, daß die Hoffnungen, mit denen man in vielen Kreisen dem Kongreß und seinen Folgen entqegengeschen hatte, leider enttäuscht worden sind. Das große Budget, dqs unsere Finanzmänner errechnet und dem Kongreß vorgelegt haben, ist ein toter Buchstabe geblieben, und schon im ersten Monat noch dem Karlsbader Kongreß fehlt es an Geld, um den Lehrern ihre Monatsgehälter zu bezahlen und an Kr d'iten. die zahlreichen Arbeitslosen auch nur vorübergehend zu beschäftigen. Die Zionistische Kommission in Jerusalem hat es sogar kategorisch ablehnen müssen, an dem Hilfswerk für die Vogromgeschädioten von Jaffa teilzunehmen, deren Lage eine schreckliche ist. Sie können mit ihren Famil'en nicht auch zur Wiyterszeit in den Zelten verbleiben, und so muß man für sie wenigstens Holzbaracken schnell errichten, damit nicht die Seuchen, die sie bereits heimsuchen, sie gänzlich vernichten. Noch nie war das Kapitalbedürsisis im Lande größer» und nie hatte man weniger Aussicht, yus. den öffentlichen Geldern die nötigen Mittel zu beschaffen, die man für die Stärkung unserer ökonomischen Positionen im Lande so notwendig braucht. Und so ist es begreiflich, wenn Presse und Bevölkerung durch den Schlag von Jerusalem nur noch mehr an die Mänoel und Nöte der Zeit gemahnt werden, weil die ständige Bedrohung von Leben und Ehre» der sie ausgesetzt sind, sie auch für die übrigen Schwierigkeiten der Lage empfindlich macht." Die Juden auf deut ostafrlkanischeu Kriegsschauplatz. Der „Schild", das neu erschienene Organ des Reichst bunhes jüdischer Frontsoldaten, veröffentlicht folgende intern essante Notiz: Unser Mitglied. Kanterad Theodor Freudenberger aus Eberbach (Baden) übersandte uns eine genaue namentliche Liste von 12 ihm bekannten Juden, welche wie er vor dem Kriege in Ostafrika ansässig waren und bei Kriegsausbruch sogleich in die dortige Schutztruppe unter General v. Lettvw-Vorbeck eintraten. Bon diesen zwölf jüdffchett Soldaten haben neun in der vordersten Linie und drei in der Etappe Dienst getan. Gefallen sind vier, verwundet wurden drei. Außerdem war noch ein Jude, der schon von dem Kriege als Gouvernemenksbeamter dort tätig war, auch während des Krieges in dieser Stellung. Kamerrch Freudenberger hält es für möglich, daß noch mehr Juden, die ihnl als solche nicht bekannt waren, mitgekämpft haben« Jedenfalls aber aenügt schon diese Aufstellung umzu Be* weisen, daß wir Juden auch nt dem kleinen Häuflein, daS in Ostafrika so lange Zeit sich tapfer gehalten hat, unseren Mann gestanden habett. Die „Vossische Zeitung" veröffentlicht unter der lieber-* schrift „Brunner und christlich-deutsche Sittlichkeit" folgende Zuschrift: ' / Berlin, 17. November. An die Redaktion der Vossischen Zeitung^. Herr Professor Brunner hebt in seiner Erllärungg. welche die „Bossische Zeilung" am 17. d. Mts. im Abendblatt veröffentlicht, hervor, daß er. „im Gegensatz zu sämtlichen Sachverständigen, «titt seinem Cid ein ehrliches, wohlbegründetes Bekenntnis zu christliche deutscher Sitte und Sittlichkeit" abgelegt habe. Sollte ich als Jüdin überempfindlich sein, wenn ich annehme, daß Herr Professor B. der „christlich-deutschen Sitte und Sittlichkeit" die „jüdisch-undeutsche Unsitte und Unsittlichkeit" gegenüherstellt? Während einer Verhandlung sagte Herr Professor B. einmal, daß er Melancholische Zahrt. Tagebuchaufzeichnungen von einer Reise nach Prag im Sommer 1921. Bon Dr. Ludwig Davidsohn. (Fortsetzung.) [4] Langsam schlendern wir durch die Kaprova ulice uüd da! —, über niedrige Mauern herüberwehend, grünt und träumt die vielleicht größte jüdische Ähenswürdigkeit Europas, der weltberühmte, ururalte Prager Iudenfriedhof. Noch nie in meinem Leben hat mich die unbeschreibliche, schwermütige Poesie jüdischer Historie so überwältigt. wie hier! Cr ist nicht einmal sehr groß, der Gottesacker, der in tiefsinniger Begriffsumkehrung „Beth-Ehajim" (d. h. Haus des Lebens) genannt wurde. Einstmals lag er im Herzen des ehemaligen Ghettos; die spitzgiebligen. winkligen Häuserreihen aber schloffen sich schnell um die Stätte, auf der seine fleißigen und klugen Bewohner iWce letzte Ruhe fanden; vergrößert durfte er jedoch nicht werden, und einen anderen Friedhof zu errichten, ward nicht erlaubt. So wurde, wenn man Leichen begrub, auf die früheren Gräber neue Erde heraufgeschüttet und frische Hügel auf den alten errichtet. Auf diese Weise ist der Friedhof immer höher und höher geworden, und die Tausende von bemoosten Leichensteinen, jetzt von wuchernden Schlingpflanzen, blühendem Hollunder und wildem Gestrüpp umwachsen, stehen in dichtester Enge beisammen. Welch malerisches Bild! — Die verwitterten Epitaphien im bunten Durcheinander und zum Teil schon halb eingesunken, zwischen denen überall knorrige Fliederbänme, wilde Levkojen und Gräser emporschießen! — Aber'die Vögel in den Zweigen zwitschern noch fo munter wie einst, und das Geräusch der betriebsamen Stadt, die leise, ewige Melodie des Lebens, die dem Rauschen einer Muschel vergleichbar — traumhaft herüberballt. schweigt nie. . . . Die untergehende Abendsonne wirft ihren letzten goldigen Schimmer auf diese Spuren vergangener jüdischer Geschlechter, di«, — wie wir nur Arbeit und Gram kennend, — lange, lange vor unS einst in demselben Lichte wandelten. Der greise, jüdische Friedhofsdiener, mit seinem schneeweißen Haar und Patriarchenbart selber wie eine Gestalt aus einer chassidischen Legende auSsehend, führt uns umher und erzählt in seiner leisen, eintönigen Weise von dem märchenhaften Garten hier. Seit Joseph II. Zeiten wird der Friedhof nicht mehr benutzt: namhafte Gelehrte haben neuerdings alle no lesbaren Inschriften, mehr denn 9000 an der Zahl, entziffert und kopiert; die älteste stammt aus dem Jahre 4856 jüdischer, d. i. 596 bürgerlicher Zeitrechnung; also auf anderthalb Jahrtausende blicken wir herab! — Der jüngste der Grabsteine wurde im Jahre 5547 jüdischer (1787 christlicher) Zeitrechnung gesetzt. Auf den meisten Steinen ist das Zeichen des Stammes eingemeißett. (Mi Hände: das des Stammes Aaron, ein Krug: daS des Stammes Levi, eine Weintraube: das des Stamme- Israel). (Fortsetzung folgt.) Lesser Urn-MssellW in Mn. Eine umfangreiche, zusammenfassende Ausstellung der Werke 5e| deutschen jüdischen Malers Lesser Ury im Berliner Sezessions-Saal, die zu Ehren seines sechzigsten Geburtstages veranstaltet wurde, zeigte einen Teil der gewaltigen Lebensarbeit dieses genialen Mannes, der heute'nächst Liebermann zu den größten und anerkanntesten deutsche« Malern gehört. — Schwer und dornenvoll war der Lebensweg dieses Künstlers; während seiner wichtigsten Entwickelungsjahre von seinen Zeitgenossen. leider auch vor: seinen nächsten Angehörigen gehemmt und mißverstanden, hat er es wahrlich nicht leicht gehabt, sich durchzusehen, und der tiefe Ernst, ia die Bitterkeit seines Wesens ist aus diesen trüben Zeiten seines Trdenwallens zu erklären. Die Ausstellung zeigte malerisch außerordentlich schöne Arbeiten Urys. in denen eine reiche. Farbmaterie mit großem Können gemeistert ist. In seiner Reifezeit wird dem Meister die Farbe immer mehr Eigenwert, die Interpretation farbiger Himmelserscheinungen das bevorzugte Thema seiner Kunst. Graue, abendliche Regens stimmungen auf nassen, von Gaslaternen schwach erleuchteten Straßen, Interieurs voll melancholischer, müder Reize, mit wundervoller 9t« limft der Lichtreflexe kann er schildern, wie kaum ein «Werk» l«r Maler. SeeknauswWend und herzergreifend wird der Künstler aber dann, wenn er jüdische Themen anpackt: den vor Gram auf einsamer Felsenhöhe unter unendlichem Sternenhimmel zusammenaebrochenen Jeremias wird wohl kein Beschauer jemals in seinem Leben vergessen! — Auch das kleine M'nagogenbild mit dem.weißleuchtenden Thoraschrein und den andächtigeir Betem atmet rührend« religiös Jnbrimst. — , Meister wie Lesser Ury sind unser Stolz; fle machen ig Hruffcht lünd dem Judentum, und in der Welt dem Deutschtum Eyre„ Hoffentlich ist dem großen Maler noch ein langes Lehen voll Schaffenskraft und Erfolg beschieden! Dr, —hn. Fnteric V handlui 7 heutig«

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